Jonathan Scheiner Texte & Musik

23Apr/20Off

Absurde Abstandsregeln

Spaß zu dritt trotz Epedemie: Flexibel sein ist oberste Maxime

In Zeiten der Corona-Krise blühen die absurdesten Ideen, um den Mindestabstand von 1,50 Meter einzuhalten. Besonders auffällig ist das beim traditionellen Hatha-Yoga, einer althergebrachten Form dieses indischen Dehnsports, der auch gerne von westlichen Frauen am Strand von Goa praktiziert wird. Ordnungs- und Hygienehüter sind derweil besorgt, weil vor allem bei ungeübten Yoga-Schülerinnen die Infektionszahlen emporschnellen. Aber wie sagte schon Hypochondrus, der alte Römer: „Mens sana in corpore sano“. Nur in einen kranken Geist springt das Bazillus über.  

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16Okt/19Off

Wo Spott keine Grenzen kennt – Frauenpower im Iran

Heimsieg für die Frauen: Weibliche Hooligans erobern das letzte Männerreservat und lachen sich über ihre Nationalmannschaft schlapp

 

Das hatten sich die iranischen Sittenwächter anders vorgestellt: Erstmals hatten sie Frauen erlaubt, ein Fussballspiel live im Stadion zu besuchen - was zunächst ganz gut funktionierte, denn beim Spiel Iran-Nordkorea kam es weder zu duckmäuserischen Beifallsbekundungen noch zu ekstatischem Wedeln mit Kopftuch oder BH. Aber dann fiel das pöbelnde Weibsvolk doch noch aus der Rolle, weil sie die männlichen Kicker mit gebrauchten Binden bewarfen, wenn diese nach einem Foul am Boden liegen blieben – was ja gerne mal passiert unter wehleidigen Fussballern. Einige Dribbler wurden sogar mit gebrauchten Tampons mittels einer Zwille beschossen, was das Fass zum Überlaufen brachte. Der Nordkoreanische Botschafter hat umgehend Protest gegen das Spiel eingelegt, das im übrigen eine öde Nullnummer war. Und der Iranische Fussballverband hat künftig die Mitnahme von „feministischen Wurfgegenständen“ ins Stadion verboten. Der guten Laune der Besucherinnen hat das allerdings keinen Abbruch getan. 

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18Sep/19Off

Pin-up Pixelfehler – Die Kehrseite des schönen Scheins

Cellulose in geschmolzenen Eisbergen: Scarlett Johansson bestaunt die Meeresverschmutzung

Selten nur gelingt uns Irdischen ein Blick hinter die Kulissen, schwierig genug in der Welt der Schönen und Reichen, in der Traumfabrik Hollywood. Auf Umwegen gelingt dennoch ab und zu ein Blick dahinter: J. Ralph, ein amerikanischer Musiker und Komponist, hat die Musik zum Dokumentarfilm "Chasing Ice" geschrieben, in dem es um das rapide Verschwinden von Eis auf unserem Planeten geht. Für den Film entstand auch der Song "Before My Time". In der Hauptrolle der Ausnahmegeiger Joshua Bell und die Schauspielerin Scarlett Johansson - im Nebenberuf übrigens Sängerin. Ihre Stimme verrät, was ihr Leinwand-Image kaschiert. Hier menschelts ganz irdisch, hier ist die Frau verwundbar und zerbrechlich. Und das nicht ganz zufällig, wie J. Ralph im Interview verrät: "I wanted to create something that would distill all these images of the film. Every song I write I want the artist to discover in the studio. I don’t want a performance, I want a discovery. I’m looking for that shift between vulnerability and trepidation; I want to discover confidence, to discover the moment." Davon wünschte man sich mehr. Statt wieder einen Film vielleicht mal eine CD voller Zerbrechlichkeit und irdischen Kehrseiten der schönen Medaille.

13Sep/19Off

Klarinette bittet zum Tänzchen – Anat Cohen beim NDR

Atemberaubende Choro-Experditionen: Anat Cohen mit dem Trio Brasileiro um Dudu Maia, Douglas Lora und Alexandre Lora (vr)

Während ihr Bruder, der Trompeter Avishai Cohen, ein grandioses Jazz-Album nach dem nächsten für ECM Records aufnimmt, geht Anat Cohen ganz eigene Wege. Nicht etwa, dass sie sich für Jazz nicht mehr interessierte. Doch wie sie die Symbiose ihrer Jazz-Herkunft mit dem Brasilianischen Choro, einem Vorläufer des Samba, vorantreibt, ist schon einzigartig. Nun konnte man diese musikalische Wahlverwandschaft endlich auch mal hierzulande bestaunen, als Anat Cohen mit dem Trio Brasileiro im Rolf Liebermann-Saal beim NDR auftrat - und dort für Beifallsstürme sorgte. Ach, diese Spielfreude, als würde Pele über das Spielfeld dribbeln. Ach, diese Leichtigkeit, als würde das Girl From Ipanema vorbeischweben. Große Kunst sieht immer so leicht aus.

 

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3Sep/19Off

War was gewesen? Schwarzweiß-Denken in Schwarz-Rot-Gold

Als der Kanake noch Würde besaß

30 Prozent Rassisten in einem Land, wo Sachsenhausen liegt. Oder waren es doch nur 28 Prozent dort, wo Ravensbrück liegt? Und wo liegen eigentlich Buchenwald und Dora-Mittelbau? Hier wählt heutzutage jeder Dritte eine rassistische Partei, die AfD. ”Die Wende wird vollendet“, meint das Pegida-Pack. Jammernde Ost-Kanaken. Das ist der Endsieg des Schwachsinns. 

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18Aug/19Off

#Hihi Too – was so ein rechter Haken alles bewirkt

 

Hau den Lukas: Die fünf Box-Amazonen wissen wo der Hammer hängt

#MeToo? Für Svenja, Silke, Birte, Babsi und Fatima (von links nach rechts mit Pferdeschwanz) ist das überhaupt kein Thema mehr. Mit Lukas S., ihrem grapschenden Trainer, haben die Boxluder kurzen Prozess gemacht. Erst alle Fünfe auf die Glocke und dann immer kräftig mit der Rechten auf die Leber. Alle gemeinsam - alle gleichzeitig. Das macht Freude und sichtbar gute Laune. Und dem verbeulten Manne war's eine Lehre. Sein Traineramt hat er an den Nagel gehängt und gegen einen ungefährlichen Job eingetauscht: als Nachtdienstleiter im Tierasyl. 
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14Aug/19Off

Pocken-Painting: Immer diese Ausländer

Im Dschungel der Überfremdung: Die drei Damen vom Waorami-Grill beim Pocken-Painting

Zwei indigene Frauen vom Stamme der Apanatchi dokumentieren ihre Angst vor Überfremdung, indem sie sich Punkte auf ihren Körper malen - in Anspielung auf Windpocken, eine von den europäischen Eroberern einst eingeschleppte Seuche, die schon die Vorfahren der stolzen Indios hinweggerafft hat. Es ist doch immer das gleiche mit den nicht anpassungswilligen Ausländern: Sie tun nur so als ob. Aber wenn man genau hinsieht, haben sie ihre Unkultur noch nicht abgelegt. Wofür nur all die Rohre, wo sich's doch auf kühlem Metall so schlecht sitzt? Und wer zum Teufel braucht schon eine Armbanduhr mitten im Dschungel? So wird das doch nie was mit der Integration!

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10Feb/19Off

Feingefühl in den Fingerspritzen – Yonathan Avishais freudige Dreisamkeit

...weniger ist mehr: Auf seinem neuen Trio-Album "Joys and Solitudes" präzisiert der Pianist Yonathan Avishai seine Vorstellung von virtuoser Reduktion. Das alles wirkt überaus tiefenentspannt, doch steckt da ganz viel Feingefühl in den Fingerspritzen. 

Freuden beim Spielen & Freuden beim Hören: Joys and Solitudes von Yonathan Avishai

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24Sep/18Off

Am Arsch der Welt – Ksenija Sidorova spannt aus

 

Abhängen: Die virtuose Akkordion-Spielerin Ksenija Sidorova

 

 

 

 

Alle reden nur von ihrem hinreißenden Akkordeonspiel. Dabei hat Ksenija Sidorova weit mehr zu bieten. Die Modefotografie hat sie längst entdeckt. Und so erstaunt auch nicht ihr aktuelles Konterfei auf Instagram, geschossen im lieblichen Kroatien. Selbst dort war die Kamera nicht weit. Kein Wunder bei einer Frau, die scheinbar an keinem Spiegel vorbeikommt, ohne ein Selfie zu posten. Zwischen ein paar Takten Musik: Immer schon lächeln, bitte! 

 

https://www.instagram.com/ksenijasidorova/

 

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24Sep/18Off

Bruder Grimm

Märchenstunde beim bösen Onkel: Der Präsident und seine Landeskinder

 

Großvater, warum hast du so lange Nägel? Beim Märchen mit dem Wolf und den acht Geißlein stirbt am Ende das grimmige Tier: Waidmannsdank!

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6Apr/18Off

Scheiner-Bock, natürlich gealtert

Alter Bock: Schon die Ahnen waren stolz auf ihre natürliche Reifung

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2Feb/18Off

#HeToo – Sicherheit oder Sexismus?

Abgehängt: "Hylas und die Nymphen" aus der Manchester Art Gallery

Nicht nur die Manchester Art Gallery platzt vor sexistischen Kunstwerken wie jenes mit dem Titel „Hylas und die Nymphen“, das kürzlich wegen moralisch-sittlicher Bedenken abgehängt wurde. Der arme Hylas, Unschuldsknabe aus dem fernen Lesbos, er kann am wenigsten dafür! Kein Platz im Wasser, um sich nach dem „Ringkampf“ mit seinem Herakles wieder ein wenig frisch zu machen: Alles voller glitschiger Seerosen und zudringlicher Nixen. Wer denkt da nicht gleich an #HeToo? Eine Initiative, die auf Betreiben der DLRG ins Leben gerufen wurde, weil kaum mehr Platz im Wasser war für Lebensrettungsmaßnahmen, seit scharenweise Hungerharken von Germany's Next Topmodel (GNTM) für's Baywatch-Shooting trainierten. Dabei gilt doch über wie unter Wasser: Sicherheit geht vor Sexismus!

Nixen oder LebensretterInnen: Der Streit zwischen der DLRG und GNTM geht in die nächste Runde

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18Sep/17Off

Attacke der Alpensegler

Gut, dass die Alpensegler, die allabendlich zu Hunderten in Korfu-Stadt einsegeln, ihren Ballast schon über dem Festland abgeladen haben....ein grandioses Spektakel bei Sonnenuntergang, am Meer, in der Taverne. Trotz Hitze – so läßt sich`s ganz gut aushalten!

Frappé? No, it's Iced Cappuccino....Costa fast garnix!

 

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22Jul/17Off

Ost-Juden in Wild West – Lucky Luke trifft Indianer mit Kippa

 

Raten Sie mal, an welchem Gesichtsorgan man Jidden erkennt? Richtig geraten. An der Nase! Jidden haben ein enormes Gerät, geradezu unanständig in Größe und Form, jedenfalls im 95. Band von Lucky Luke mit dem Titel „Das Gelobte Land“. Die Frage ist natürlich eine Fangfrage und zielt auf antisemitische Stereotypen: Juden haben lange Rübennasen, tragen püschelige Bärte und sie werden sentimental, wenn man ihnen Lieder wie die „Jiddische Mame“ vorspielt. Von diesen Stereotypen ist der neue Lucky Luke-Band gespickt voll. Und das ist gut so, denn der Band ist zum Totlachen.
Hier geht es gar nicht um Verunglimpfung. Die Personen, in Szene gesetzt vom belgischen Zeichner Achdé, bedienen zwar Klischees, aber sind am Ende doch nur charmante Comic-Figuren: Lucky Luke zieht schneller als sein Schatten, der Bankräuber trägt den Namen Madoff und der Familienvater heißt Moishe Stern, seines Zeichens „schnellster Schnejder estlich der Wejchsel“. Das ist zum Piepen, erst recht der kleine Jankel, ein Naseweis, der sich statt um die anstehende Bar Mizwa lieber um seine Zwille (Steinschleuder) kümmert. Mit ihr schießt er die Schurken kurzerhand aus ihren Boots.
Die Geschichte nimmt ihren Anfang mit dem Cowboy Jack Loser, der eigentlich Jakob Stern heißt. Seine jiddische Familie rückt an und will nach Montana ins Städtchen Chelm City. Lucky Luke soll sie dorthin bringen, inklusive einer höchst wertvollen Tora, die unversehrt bleiben muss. Das Problem: Nichts, was am Wegesrand kreucht und fleucht oder als Proviant dienen könnte, ist koscher. Und dann muss auch noch unbedingt der Schabbat gehalten werden, selbst wenn dem Treck blutrünstige Rothäute dicht auf den Fersen sind. Aber siehe da: Bei den Indianern handelt es sich um einen der verlorenen Stämme Israels.
„Das Gelobte Land“ läßt kein Klischee aus und ist doch ganz großartig gemacht, weil er den jüdischen Beitrag bei der Eroberung des Wilden Westens in den Focus rückt. Klar gibt es dort Fettnäpfchen, in die Achdé und sein Texter Jul treten, wie etwa der Sheriff, der einen „Stern“ trägt. Aber er trägt ihn, weil es tatsächlich jüdische Sheriffs gab, wie den, der zum Abschluss des Bandes abgebildet ist. Es handelt sich um Charles Moses Strauss, der als erster Jude zum Bürgermeister von Tuscon/Arizona ernannt wurde. Das war im Jahr 1883.
Sein Namensvetter hat die berühmten Jeans erfunden, jene damals noch robusten Hosen für Cowboys, gefertigt aus blauem Leinen aus dem französischen Nimes. Auch Lucky Luke soll so eine Hose als Abschiedsgeschenk bekommen, aber am Ende des Trecks passt er nicht mehr rein: Zu viel Gefilte Fisch!!

Lucky Luke Nr. 95: Das gelobte Land. Egmont Ehapa Media GmbH 2017, 48 S., 12.- €.

Mann in zu engen Schlag-Hosen: Lucky Luke als Herzensbrecher

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5Jun/17Off

Joints und Jogging – der Trompter Avishai Cohen im Silent Green

Der Trompeter Avishai Cohen, jüngst von Tel Aviv nach Goa umgezogen, und der Schlagzeuger Nasheet Waits in Joggingklamotte, weil das Gepäck auf dem Flughafen blieb, vor dem Konzert im Silent Green am 14.5.2017.

In der Musik von Avishai Cohen spiegelt sich die Vielfalt des Jazz aus New York wider – und nicht so sehr die Melodien seines Geburtslandes Israel. Deshalb wäre es auch verkehrt, den 1978 geborenen Trompeter als typischen Vertreter jener Goldenen Generation junger Israelis zu beschreiben, die derzeit für viel Furore in der internationalen Jazzszene sorgen.

Avishai Cohen hat am Berklee College of Music in Boston studiert und ist dann seinen beiden älteren Geschwistern Yuval und Anat Cohen nach New York hinterhergezogen. In der Folge hat der Trompeter nicht nur ein Dutzend Alben unter eigenem Namen veröffentlicht, sondern ist auch mit einer Vielzahl von Musikern aufgetreten. Darunter nicht nur israelische Popstars wie Shalom Hanoch oder Keren Ann, sondern auch Jazzmusiker wie Omer Avital, Jason Lindner oder Eli Degibri.

"Manche Leute fragen mich - ohne genau hinzuhören - nach den Einflüssen israelischer Musik auf meine Songs. Ich sage dann immer: Du musst schon genauer aufpassen! Dann wirst du merken, dass sie durchaus da sind, weil ich ja schließlich aus Israel komme, aber das ist nicht wichtiger als alles andere. Israelische Musik steht nicht mehr im Vordergrund als Led Zepplin, Frank Zappa oder die Beatles. Für mich bestand noch nie die Notwendigkeit zu sagen: Ich bin aus Israel! Ich verheimliche das zwar nicht, aber trotzdem kann ich meine Musik nicht als israelische Musik verkaufen".

Durch eine Studio-Aufnahme mit dem Saxophonisten Mark Turner ist Avishai Cohen in den Focus des Labels ECM Records und des Produzenten Manfred Eicher geraten, der Cohen zu den wichtigsten Vertretern unter den zeitgenössischen Jazztrompetern zählt. Letztes Jahr ist dann das Album „Into the Silence“ erscheinen, das Avishai Cohens Auseinandersetzung mit dem Tod seines Vaters spiegelt.

"Das Album entstand in einer bestimmten Periode meines Lebens, als ich gerade meinen Vater verloren hatte. Jedesmal, wenn ich damals am Klavier saß, entstand ein sehr spezielle Stimmung, ein sehr spezieller Sound. Und obwohl ich eine Menge an Kompostionen hatte, die nie von meinem Trio gespielt worden waren, habe ich beschlossen, mich auf die aktuellen Stücke zu fokussieren. Ich wollte, dass sich das Album gänzlich auf diese Zeit der Trauer konzentriert. Also habe ich mich für Kompositionen entschieden, die zwischen Dezember 2014 und Juni 2015 entstanden waren, teilweise noch eine halbe Stunde, bevor wir ins Studio gegangen sind".

"Alles war neu, als ich mit dem Album „Into the Silence“ anfing. Ich hatte keine Band und hatte noch keinen Sound gefunden. Ich hatte gerade erst mit meinem Triveni-Trio aufgehört zu spielen und wusste nur, dass ich etwas anderes machen will. Dazu kam, dass ich das erste Mal mit Manfred Eicher und ECM Records zusammenarbeitete. Also alles, auch der Kompositionsstil, war neu. Wir kamen ins Studio und keiner von uns hatte die Musik bislang gehört, es war der absolut erste Eindruck von dieser Musik".

Auch auf seinem neuen Album „Cross My Palm With Silver“ hat Avishai Cohen wieder zu einem unverwechselbaren Ton gefunden. Eine nicht ganz unbedeutende Rolle für den Sound des Albums spielen Cohens Mitstreiter. Mit dem Bassisten Barak Mori, dem Schlagzeuger Nasheet Waits und vor allem mit dem Pianisten Yonatan Avishai arbeitet Cohen bereits seit mehr als einem Jahrzehnt zusammen, zuletzt beim Triveni-Trio.

"Beim aktuellen Album „Cross My Palm With Silver“ war das ganz anders, weil die Band bereits miteinander aufgetreten war. Wir wussten, wie die Band agiert, auch wenn die Musik noch relativ neu war. Lediglich der Prozess des Komponierens war bei beiden Alben vergleichbar: Ich hatte zunächst nichts außer einem Studiotermin. Es war tatsächlich dieser Entstehungsprozess, etwas aus der absoluten Leere heraus zu erschaffen".

Cohens unverwechselbarer Ton spiegelt sich nicht zuletzt in den Songtiteln, die bei genauerem Hinsehen politisch gemeint sind. „Theme for Jimmy Green“ ist eine Referenz an den Saxophonisten Jimmy Green, der seine Tochter bei einem Amoklauf an einer amerikanischen Schule verlor. „340 Down“ bezieht sich auf die Menge an Flüchtlingen, die in nur einer einzigen Juni-Woche im Mittelmeer ertrunken sind. Und „Will I Die, Miss, Will I Die?“ reflektiert die verzweifelte Frage eines syrischen Mädchens nach einem Giftgasangriff.

"Da wir Musik ohne Worte spielen, ist es schwer zu sagen, worum es sich dabei dreht. Insofern helfen die Song-Titel ein wenig. Wobei alleine die Titelgebung keines der Probleme löst. Mit Titeln erzielt man doch höchstens ein wenig Aufmerksamkeit, wenn man etwa bei einem Interview darüber spricht. Ich bin davon überzeugt: Das ist nicht genug".

Klare Kante zeigt Avishai Cohen auch im Bezug auf die Politik seines Heimatlandes. „50 Years And Counting“ und „Shoot Me in the Leg“ sind zwar nur Song-Titel, in denen es um „Israels Besatzungspolitik“ oder um palästinensische „Selbstmordattentäter“ geht. Aber in Kombination mit derart schöner Musik verfehlen Avishai Cohens Song-Titel keinesfalls ihre Wirkung!

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4Mai/17Off

Bim Bom – Jaques Morelenbaums “Cello Samba Trio“

Präzise schnurrt das Samba-Mobil: Der Cellist Jaques Morelenbaum

Jaques Morelenbaum hat als musikalischer Begleiter des Gitarristen Egberto Gismonti und des brasilianischen Sängers Caetano Veloso Musikgeschichte geschrieben. Auch als Produzent und Arrangeur von Superstars wie Gal Costa, Daniela Mercury oder Marisa Monte ist er aus der brasilianischen Musik nicht wegzudenken. Und nebenher spielt er hinreißende Alben ein – wie mit Myriam Alter – oder kommt mal eben auf ein Konzert in Europa vorbei, zum Beispiel am 3. Mai ins A-Trane in Berlin. Dort spielte er mit seinem "Cello Samba Trio" um Lula Galvao (Gitarre) und Rafael Barata (Schlagzeug). Drei gut gelaunte Männer bei der Arbeit: herzerwärmend, brillant, unfassbar virtuos und geschmeidig schwingend in Fingern und Hüfte.... Bim Bom!

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5Apr/17Off

Jerusalem in den höchsten Tönen

Himmlisches Jerusalem

 

Jerusalem, Al Quds, Yerushalayim – die Goldene Stadt hat viele Namen. Nicht nur mit Worten wird heftig um sie gestritten. Sie wird auch auf vielfältigste Weise besungen, und zwar in den höchsten Tönen: in Psalmen und Gedichten, in Rocksongs oder klassischen Liedern.

Shuly Nathans herzergreifendes “Yerushalayim shel zahav”, auf Deutsch „Jerusalem aus Gold“, ist zum Klassiker geworden, den in Israel jedes Kind kennt. Das Lied ist zu einer Art inoffiziellen Hymne von Jerusalem geworden – allerdings nur unter Juden.

Der Song ist kurz vor dem Sechtagekrieg entstanden. Die Soldaten intonierten ihn, als sie ihr höchstes Heiligtum, die Klagemauer, aus jordanischer Hand zurückeroberten. Und so spiegelt sich in diesem scheinbar so hübschen Song das ganze Drama, das sich alltäglich um die “Goldene Stadt” abspielt: Ursprünglich erdacht, um die jüdische Hoffnung auf Rückkehr nach 2000-jährigem Exil in Töne zu setzen, formuliert die dritte, nachträglich hinzugefügte Strophe einen unmissverständlichen Besitzanspruch: Jerusalem – das sei die Hauptstadt des jüdischen Volkes. Dieser musikalische Zionismus blieb auch in der Musikwelt nicht ohne Widerspruch, selbst in den eigenen Reihen.

Gilad Atzmon, von dem der Song “Al Quds” stammt, ist einer der wenigen Israelis weltweit, der in seiner Heimat Israel Einreiseverbot hat, weil er Anführer der Hamas - wie er selbst sagt - zum “informellen Pausentee” getroffen hat. Das ist nicht verwunderlich: Atzmon ist bekennender Antizionist. Wie die Hamas attackiert er die Politik Israels und lebt lieber – wie er sagt – im Exil in London. Seine Musik ist eine grandiose, wenngleich streitbare Mischung aus Jazz und politischem Statement. Statt Jerusalem verwendet er den arabischen Begriff Al Quds und seine Band heißt Orient House Ensemble – benannt nach dem Hauptquartier der PLO.

Leisere Töne schlägt Else Lasker-Schüler 1943 in ihrem Gedicht Jerusalem an – ein Text ohne politische Forderung, sondern vielmehr eine Liebeserklärung an die Stadt ihrer Träume:

 

Gott baute aus Seinem Rückgrat: Palästina

aus einem einzigen Knochen: Jerusalem.

Ich wandele wie durch Mausoleen –

Versteint ist unsere Heilige Stadt.

Es ruhen Steine in den Betten ihrer toten Seen

Statt Wasserseiden, die da spielten: kommen und vergehen.

Es starren Gründe hart den Wanderer an –

Und er versinkt in ihre starren Nächte.

Ich habe Angst, die ich nicht überwältigen kann.

Wenn du doch kämest .....

 

Die Stadt “Jerusalem”, die Else Lasker-Schüler schon in ihren frühesten Gedichten in den höchsten Tönen besungen hat, hat der wohl bedeutendsten deutschen Lyrikerin am Ende ihres Lebens kein Glück gebracht. Aus Deutschland zunächst in die Schweiz und schließlich nach Jerusalem geflohen, ist die Dichterin in der Stadt ihrer Sehnsucht gestorben – im Januar 1945, verarmt und ohne Hoffnung auf Rückkehr in ihre irdisch-reale Heimat Deutschland.

Nicht nur in der Lyrik, sondern auch in der klassischen Musik spielt das irdische und das himmlische Jerusalem ein bedeutende Rolle – angefangen von Heinrich Schütz um 1600 bis hin zu Arvo Pärt am Ende des 20. Jahrhunderts. Beide Komponisten haben Psalm 137 vertont, in dem die Hoffung der Juden auf Rückkehr aus dem Exil nach Jerusalem formuliert ist. Arvo Pärts Stück heißt “An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten”, gesungen vom Hilliard Ensemble:

Dass auch der quasi zeitgleich entstandene Welthit “Rivers of Baylon” von Boney M auf Psalm 137 zurückgeht, dass dürfte wohl die wenigsten Disco-Besucher im Jahr 1978 interessiert haben. Von einem solchen Erfolg kann der Rapper Matisyahu nur träumen, auch wenn sein “Jerusalem” ebenfalls ein Ohrwurm geworden ist. Matisyahu ist ein „Chassid“, was so viel bedeutet wie ein „Frommer“. Seine Frömmigkeit trägt Matisyahu mittels Musik in die Welt. Der Sänger aus New York ist der lebende Beweis, dass sich die Sehnsucht nach Jerusalem bestens mit eingängigen Sounds verbinden läßt. Jerusalem, dazu gibt es mindestens so viele Hohelieder wie Klagelieder! Und das ist doch mal eine gute Nachricht über Jerusalem.

Irdisches Jerusalem: Else Lasker-Schüler im Exil

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27Feb/17Off

Freulein mit Goldhelm

 

Keep On Smiling: Die AktivistInnen von Frieden-Au e. V.                                       ©AC/DC

Die anitimperialistisch-antisexistische LehrerInnen-Initiative „Frieden-AU e.V.“ hat auf der diesjährigen Jahrestagung beschlossen, sich gegen die ausufernde Gewalt von SchülerInnen und Schülern zur Wehr zu setzen. Als Vorbild für die neue Ausstaffierung diente nicht etwa der Catsuit von Super-Woman, sondern ausgerechnet Rembrandts berühmtes Gemälde „Männlein mit Goldhelm“. Dessen Konterfei wurde auf Vorschlag von Schatzmeisterin Abigail (1. Reihe, unten rechts, noch mit altem Hammer- und Sichel-Emblem auf dem Helm) zum neuen Logo der Initiative auserkoren.

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25Jan/17Off

Die Kunst der Reduktion – der Pianist Yonathan Avishai

"Parade" heißt das großartige zweite Album der Band Modern Times um den Pianisten Yonathan Avishai

„I always felt comfortable playing less. In the beginning it wasn’t even a choice. It even came from my technical limits. I am not a very virtousic pianist. It’s hard for me playing fast“.

"Through the years and through the Modern Times-project I was using those limits as a tool and a quality. It’s a cliché, but when you have less elements than every element has more importance". 

"I didn’t study a lot, to be honest. But Arnie Lawrence was an important figure. He brought a lot of that authentic feel and tradition from New York to Israel. He was focussing on the spirit of the music and not so much the technics and on theory".

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23Jan/17Off

Von Eseln und Affenfischen – die Sängerin Tehila Nini Goldstein

Wie viele andere israelische Musiker ist die Sängerin Tehila Nini Goldstein vor ein paar Jahren nach Berlin gezogen. Nach Stationen in Tel Aviv und New York hat sie dort eine Familie gegründet und ihre Karriere in Schwung gebracht. Doch musikalisch ist die Sängerin an vielen Orten dieser Welt zuhause: Sie singt nicht nur jemenitische Lieder, sondern bewegt sich auch mühelos zwischen Barock-Oper und hebräischer Musik hin und her. 

Für ihr Leben gern singt die Sopranistin Tehila Nini Goldstein Barockkomponisten wie Benedetto Ferrari oder Johann Hieronymus Kapsperger. Diese Leidenschaft ist auf ihrem neuen Album mit dem Titel „Monkeyfish“ unüberhörbar. Darauf finden sich nicht nur Barock-Komponisten, sondern auch Lyrik vom jemenitischen Rabbiner Schalom Schabazi aus dem 17. Jahrhundert. Eine erstaunliche Mischung, die für die israelische Sängerin mehr als typisch ist.
Tehila Nini Goldstein läßt sich in keine musikalische Schublade stecken. Zwar hat sie eine grundsolide klassische Gesangsausbildung in ihrer Heimatstadt Tel Aviv und in ihrer Geburtsstadt New York erhalten. Doch alleine damit kann man ein solch weitgefächertes musikalisches Interesse nicht erklären. Viel von dem, was heute in ihrem Gesang durchscheint, wurde Tehila Nini Goldstein sozusagen in die Wiege gelegt: 
"Meine Familie ist eine jüdische Familie. Auf der Seite meines Vaters ein Mix aus Litauen und Russland. Und die Familie meiner Mutter kommt aus dem Jemen. Während meine jemenitische Großmutter schon in Israel geboren wurde, zog mein Vater mit zweieinhalb Jahren dorthin. Und zwar mit seinem Vater, der 15 Waisenkinder aus dem Jemen mit ins Heilige Land brachte. Im Jahr 1927 war das. Mein Großvater hat die ganze Reise auf dem Rücken eines Esels gemacht. Übrigens besaß auch der Cousin meiner Mutter später eine Eselfarm". 
Kein Wunder also, dass nicht nur Esel, sondern auch verschiedenartige Musik im Elternhaus von Tehila Nini Goldstein eine große Rolle gespielt haben. Natürlich jemenitische Lieder, aber auch aschkenasische Musik. Diese Musik hat die Sängerin erst später für sich entdeckt. Und zwar in Form von Jakob Schönberg. Gemeinsam mit dem Pianisten Jascha Nemtsov hat die Sängerin das wegweisende Album „Another Schoenberg“ eingespielt. Von diesem im Jahr 1900 in Fürth geborenen, klassischen Komponisten gibt es ein paar wunderbare „hebräische Lieder“ – so auch das Chaluzlied „Gam hayom“. 
Der europäische Teil ihrer Familie, der in New York lebte, sei immer etwas weiter von ihr entfernt gewesen, sagt Tehila Nini Goldstein. Diese Distanziertheit erstreckte sich auch auf den Gottesdienst, den sie mal durch ihren anderen Großvater, ebenfalls ein Rabbiner, kennengelernt hatte. Ihr religiöses Herz, wenn man so will, schlägt eben jemenitisch. Und das gilt auch für die Musik. 
"So wuchs ich mit jemenitischer Musik auf. Ich rannte durch die Synagoge mit all den anderen jemenitischen Juden und hörte diese exotische Art zu singen. Das ist ein ganz andere Art, die Stimme zu einzusetzen. Mein jemenitischer Großvater war derjenige, der jeden Freitagabend gesungen hat. Meine Familie ist bis heute nicht religiös, aber es gab jede Menge Traditionen und ich kenne all die Segenssprüche auswendig, kenne all die Feiertagslieder. Ich würde sagen, dass ich zwar sehr traditionell bin – aber überhaupt nicht religiös. Ich bin eine schreckliche Jüdin, aber immerhin weiß ich, worauf es dabei ankommt". 
Die jemenitischen Lieder, die Tehila Nini-Goldstein heutzutage singt, die kennt sie schon seit ihrer Kindheit. Ihre Großmutter hat sie einst gesungen. Zum Beispiel „Yuma weh abba“, das auch auf dem aktuellen Album „Monkeyfish“ vertreten ist. Berühmt geworden ist das Lied durch die Sängerin Archinoam Nini, besser bekannt hierzulande als Noa – eine Cousine übrigens von Tehila Nini Goldstein. Doch während Noa seinerzeit das ganze Israel Philharmonic Orchestra an ihrer Seite hatte, singt Tehila mit nur zwei Begleitern an Trommel und Chitarrone. Aber für eine derart vielschichtige Sängerin ist das völlig ausreichend. 
Sferraina: Monkeyfish. Col Legno Music 2016/ helikon harmonia mundi. LC 07989.
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