Jonathan Scheiner Texte & Musik

1Aug/11Off

Nachruf auf Amy Winehouse

Sex & Drugs & Rock n’ Roll

 

- Die Sängerin Amy Winehouse hat einen standesgemäßen Abgang hingelegt -

 

 

Viele Nachrufe lagen wohl schon fertig in der Schublade. Man brauchte tatsächlich keinen hellseherischen Fähigkeiten, um den Tod der wohl besten Soulsängerinnen unserer Zeit vorherzusagen. Als Todeszeitpunkt von Amy Jade Winehouse, die am letzten Samstag in ihrer Wohnung im Londoner Stadtteil Camden leblos aufgefunden wurde, wird laut Polizei 15.54 Uhr Ortszeit angegeben. Doch der körperlicher Verfall hatte sich bereits seit längerem abgezeichnet. Ihre Mutter Janis diagnostizierte schon 2008: „Es ist mit ihr, als ob man einen Autounfall beobachtet“. Unfallursache: Bulimie, manische Depression und Lungenemphyseme infolge von überhöhtem Zigaretten- und Crackkonsum. Dazu jede Menge anderer Drogen, darunter „Smoothies“ wie Alkohol und Marihuana. Auch Vater Mitch Winehouse sprach wiederholt von einem „langsamen und schmerzhaften Sterben“. Dabei hatte gerade er alles versucht, um seiner Tochter zu helfen. Sogar einen Herzinfarkt hatte er vorgetäuscht, um ihr Mitgefühl zu wecken. Geholfen hat es nicht.

Man kann nur darüber spekulieren, was zwischen dem grandiosen Debütalbum „Frank“ von 2003 und dem dann noch besseren, stilbildenden „Back in Black“ von 2006 passiert ist. Auf den beiden Covern zwei ganz unterschiedliche Frauen. Die eine, drall, modisch und umgeben von glücklichen Bildern ihrer Familie. Und schon drei Jahre später eine ganz andere Frau, klapperdürr und übersät von Tätowierungen. Dazu trashige Klamotten und eine aufgetuffte Bienenkorb-Frisur. Doch bei allem und an erster Stelle: eine Wahnsinnsstimme, von der man nicht glauben mochte, dass sie einer weißen Sängerin gehöre. Das ist Stimme gewordener Sex!

Berühmt geworden ist die Song-Zeile „They tried to make me go to rehab I said no no no“, die eine ganze Generation mitsingen kann. Der Vers ist aus heutiger Sicht umso ergreifender, weil Amy Winehouse gegenüber Entziehungskuren offenkundig resistent war. Aus dem Privatleben gegriffen sind auch jene Verse, die man aus Gründen des Jugendschutzes besser gar nicht erst übersetzt: „Upstairs in bed with my ex boy,/ He’s in a place but I can’t get joy,/  Thinking on you in the final throes,/ This is when my buzzers goes.“ Wer schon immer wissen wollte, was junge Jüdinnen beim Sex denken – bei Amy Winehouse gibt es Verkehrshinweise zuhauf.

Die Karriere von Amy Winehouse ist schnell erzählt. Sie kommt am 14. September 1983 als Tochter des Taxifahrers Mitch und der Apothekerin Janis Winehouse in London zur Welt. Ihre Großmutter Cynthia, die um die Ecke wohnt, feiert mit der Familie den Schabbat. Sie pflegt nicht nur die jüdische Tradition, sondern bringt auch den Jazz in Form des Tenorsaxophonisten Ronnie Scott mit nach Hause. Dort wird auch Frank Sinatra, Dinah Washington und Ella Fitzgerald gehört. „Ich habe schon mit 11 angefangen, Ella zu hören. Ich liebe sie“, sagt Amy über ihr Idol. Mit Zwölf versucht sich Amy Winehouse an der „Sylvia Young Theatre School“, von der sie aber bald wieder fliegt. Der Erfolg kommt mit 16 Jahren, als sie vom Soul-Singer Tyler James entdeckt wird.  Ab dann geht es rasend schnell. Schon vier Jahre später hat ihr Debüt „Frank“ Platinstatus erlangt. Noch besser verkauft sich das Nachfolge-Album „Back in Black“. Doch ab dann ist kompositorische Funkstille, sieht man einmal ab vom Hit „Valerie“, der aus der Feder von Amys Produzenten Mark Ronson stammt.

Auch privat ging es rapide bergab. 2008 kann Amy Winehouse ihre fünf Grammys nicht persönlich abholen, denn die USA verweigern ihr die Einreise. Schon ein Jahr vorher war sie mit ihrem Ehemann Blake Fielder-Civil in Norwegen wegen Marihuana-Besitzes festgenommen worden. Die Sängerin kam zwar frei, doch ihr Mann blieb sitzen. 2009 wurde die Ehe schließlich geschieden. Der Ex verabschiedete sich ganz im Stile eines Prahlhans: „Im Bett ist Amy noch besser als beim Singen“.

Über die Gründe von Amy Winehouse’ Absturz wird viel spekuliert. Die einen schieben ihn auf die gescheiterte Ehe, die anderen auf den übergroßen Erfolg. Sie begründen den Absturz mit „Sex & Drugs & Rock ‚n’ Roll“ und weisen auf eine großartige Ahnenreihe hin: Von Jimmy Hendrix und Janis Joplin bis Curt Cobain. Andere verweisen auf den Tod der geliebten jüdischen Großmutter im Jahr 2006, dabei hat sich Amy Winehouse nur sporadisch zu ihrer Jüdischkeit geäußert. Doch wenn sie das tat, bekam diese Soul-Diva ein ganz irdisches Gesicht: „In zehn Jahren werde ich für meinen Ehemann und unsere sieben Kinder sorgen“, erzählt sie ganz im Stile einer jiddischen Mamme. „Ich möchte an bestimmten Dingen festhalten, wenngleich nicht in religiöser Hinsicht, nur eben diese familiären Dinge. Denn am Ende des Tages, da bin ich ein jüdisches Mädchen“.

 

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/10915

 

 

veröffentlicht unter: Uncategorized, Zeitungen/Magazine Kommentare
5Jul/11Off

Interview mit Elliott Sharp

"Die Radical Jewish Culture ist reaktionär"

Elliott Sharp gilt als Mit-Begründer neuen jüdischen Selbstbewusstseins in der Musik. Doch inzwischen übt er harsche kritik an der Bewegung.

 

J.S.: Wie kamen Sie dazu, auf dem Sounds-No-Walls-Festival im Jüdischen Museum in Berlin aufzutreten. Sie gelten doch nicht gerade als jüdischer Vorzeige-Künstler?

 

E.S.: Die Idee kam vom Festival-Organisator Bert Noglik. Ich mochte seine Idee, mit einem Sprecher aufzutreten, zumal einem so berühmten wie Christian Brückner, den man in Deutschland als Stimme von Robert de Niro kennt.

 

J.S.: Was war das Jüdische daran?

 

E.S.: Es handelte sich um Vertonungen von Gedichten Erich Frieds und Paul Celans, von dem die Todesfuge stammt. Ich bin Jude, auch wenn ich mein Werk nicht als jüdisch charakterisieren würde. Und wenn ich mal als Jude in einer Band mitspiele, dann tue ich das gewissermaßen mit  einer kritischen Distanz zum „Jüdischsein“. Ich mag es nicht, wenn Dinge derart definiert werden. Nationalismus und Religion sind zwei der schlimmsten Dinge auf diesem Planeten. Die beiden sind mehr Tote verantwortlich als alles andere.

 

J.S.: Da ist es schwierig, wenn man als Teil der Radical Jewish Culture gilt?

 

E.S.: Für mich sind viele gegenwärtige Aspekte der Radical Jewish Culture sehr reaktionär, vor allem in den USA.

 

J.S.: Aber gerade werden Sie im Jüdischen Museum in Berlin als Gründungsvater  dieser Bewegung ausgestellt. Ist das ein Irrtum?

 

E.S.: Viele Leute in den USA machen angeblich radikale jüdische Kultur, aber was soll das denn eigentlich sein? Das ist doch höchstens in dem Maße radikal wie der Nationalsozialismus sozial war. Diese radikale jüdische Kultur ist doch vor allem radikal zionistisch und das ist für mich reaktionär, rassistisch und totalitär. Kein Wunder, dass ich in der Szene nicht mehr sonderlich beliebt bin.

 

J.S.: Woran zeigt sich das?

 

E.S.: Ich werde von der Szene gemobbt, wenn ich beispielsweise ein Stück über die Intifada mache. Das entspricht meiner Vorstelliung von ‚radikal’. In dem Sinne als selbst die Staatsgründer Israels wie Theodore Herzl radikal und utopisch gedacht haben. Nur hat sich die zionistische Agenda leider sehr schnell in eine rassistische verwandelt. Lesen Sie doch mal Weizman, Ben Gurion oder Golda Meir. Das ist für mich die Rechtfertigung für ethnische Säuberungen und klingt wie Josef Goebbels.

 

J.S.: Eine nicht besonders populäre Argumentation im jüdischen Millieu, oder?

 

E.S.: Das passiert öfters, wenn ich mich zum Zionismus in Israel äußere. Auf Webseiten wie Masada2000 werde ich sogar mit dem Tode bedroht. Die alternative Reaktion ist, dass ich als Israel-Kritiker als jüdischer Selbstahasser bezeichnet werde. Was für ein Unfug.

 

J.S.: Wie kann man mit so einer Haltung ein Freund John Zorns sein, dem Urvater der Radical Jewish Culture?


E.S.: Zorn ist wie mein Cousin. Wir sind uns sehr nahe in vielen Dingen, aber wenn es um Politik und speziell um Zionismus geht, sind wir völlig unterschiedlicher Meinung. Da kannst Du einfach nicht mit ihm reden. Zorn ist sehr geschickt beim Verpacken jüdischer Kultur, um seine Musik zu verkaufen. Damit macht er eine Menge Geld. Aber das ist sein Trip.

 

J.S.: Und wohin geht diese Reise?

 

E.S.: Die Radical Jewish Culture wurde in die Hand genommen von Leuten, die etwas vom Marketing verstehen und viele CD’s verkaufen wollen. Aber ich bezweifele, dass diese Musik wirklich radikal ist.

 

J.S.: Und ihre Reise?

 

E.S.: Ich versuche, radikal und politisch zu sein, aber ich will nicht belehren.

 

J.S.: Wann haben Sie sich denn von der jüdischen Szene abgewendet?

 

E.S.: Das ist schon lange her. Als amerikanischer Jude habe ich eine Gehirnwäsche hinter mir. Ich bin jahrelang dreimal die Woche in die Schul (Hebräisch-Schule) gegangen, aber ich war schon vor meiner Barmizwa Atheist. Sie versuchen, Dir eine bestimmte historische Sichtweise beizubringen, doch dabei handelt es sich um eine Vermischung. Es gibt drei Formen des Judaismus, einen politischen, einen religösen und einen kulturellen. Aber man sollte als schlauer Mensch nicht versuchen, diese drei durcheinander zu bringen.

 

J.S.: Kann man das im Hinblick auf die Geschichte so einfach trennen?

 

E.S.: Natürlich bin ich mir der Geschichte bewusst. Meine Eltern haben die Schoa überlebt. Nachdem ich aus Dachau zurückkam, wo ich 2007 ein Live-Konzert gespielt habe, hat mich meine Frau im Scherz gefragt: Na, wie war’s denn in Dachau? Klar habe ich da gezuckt.

 

J.S.: Klingt doch normal und nicht nach klassischem Second-Generation-Syndrom?

 

E.S.: Ich habe mir auch Auschwitz-Birkenau angesehen und das bringt einen innerlich förmlich um, wenn man sich das Ganze vor Augen führt. Und trotzdem muss man sich doch überlegen, wie die Geschichte heute aussieht und wer die Verbrechen heutzutage begeht. Was meinen denn die Leute, wenn sie sagen „Never Again“? Bezieht sich das nur auf Juden oder meint das jedermann? Mit dieser Leidens-Exklusivität wird doch eindeutig ein Eigeninteresse verfolgt.

 

J.S.: Sie meinen damit die israelische Politik?

 

E.S.: Als ich noch nicht angefangen hatte, nachzufragen, war ich noch ein großer Fan von Israel. Doch dann kam der Jom Kippur-Krieg 1973. Und ich bin zum Pazifisten und Fan von Edward Said geworden. Als augebildeter Mathematiker bin ich geschult darin, objektiv zu bleiben. An der Schul gab es viele Diskussionen, doch am Ende ging es doch nur eines: um Glauben. Das ist nichts für mich.

 

J.S.: Dabei sind sie jüdisch erzogen worden. Woher kommt ihre Familie?

 

E.S.: Die Familie meines Vaters kam schon 1905 aus der Nähe von Odessa in die USA. Die Familie meiner Mutter kam ebenfalls aus der Ukraine und sie war auch in Berlin in den Zwanzigerjahren. Im Krieg hatten sie sich in der Nähe von Nancy versteckt. Mein Großvater wurde erst nach Drancy und dann nach Auschwitz deportiert. Die anderen überlebten, weil sie von Bauern in Elsaß-Lothringen versteckt wurden. Nette Leute waren das. Aber es gibt ja überall auf der Welt nette Leute, die erst durch Regierungen dazu gebracht werden, einander umzubringen. Das gilt für Palästinenser und selbst für Israelis.

 

 

Das Gespräch fand am 23. Juni 2011 in Berlin statt.

Der Artikel erschien am 30.6.2011 in der Jüdischen Allgemeinen