Jonathan Scheiner Texte & Musik

14Nov/11Off

Yemen Blues im DeutschlandRadio Kultur, 28.10.2011

Wilder Multikultimix

Die jüdisch-arabisch-afrikanische Musik von Yemen Blues

Jüdische Musik, die zugleich arabisch und afrikanisch klingt - für die Macher von Yemen Blues ist das kein Widerspruch. Mittlerweile ist ihr Debütalbum erschienen und die Band kommt im November für drei Konzerte nach Deutschland.

Wie jemenitische Musik klingt, das werden die wenigsten genau wissen. Hierzulande kennt man höchstens Ofra Haza, die mit "Im Nin'Alu" in den 80er-Jahren einen Welthit hatte. Dabei hat jementische Musik ganz unterschiedliche Facetten. Das zeigt auch die Musik der Band Yemen Blues. Da ist westafrikanischer Blues ebenso zu hören wie Musik aus der Sahara. Gnawi oder die Lieder der Tuareg kommen ebenso vor wie amerikanischer Funk oder Jazz.

Gegründet wurde die Band vor rund zwei Jahren von dem Jazzbassisten Omer Avital und dem charismatischen Sänger Ravid Kahalani. Beide Musiker haben jemenitische Wurzeln. Ihre Familien kamen in den 50er-Jahren aus der Nähe von Sanaa nach Israel. Omer Avital hat sich in der New Yorker Jazzszene einen Namen gemacht. Dort betreibt er ein Quintett, von dem schon zwei CDs erschienen sind.

Und der Sänger Ravid Kahalani sang schon als Kind in der Synagoge. Später hat er vor allem Blues und westafrikanischen Soul gemacht, bevor er die Band Yemen Blues startete:

"Der ganze Prozess begann vor zwei Jahren. Ich sagte Omer, dass ich zwei neue Songs geschrieben habe, lass uns etwas damit anstellen. Er lebte in New York und ich in Tel Aviv, also trafen wir uns nicht sehr oft. Aber wenn doch, dann haben wir zusammen gejammt. Am Anfang gab es nur Oud und Percussion und ein wenig Piano. Es war wie Magie. Irgendetwas passierte da. Ich fühlte, dass ich wirklich tief in die Musik eindrang, ohne dass ich darüber nachdachte, was ich tat."

Die Songs werden in jemenitischem Arabisch gesungen. Komponiert wurden sie allerdings in Englisch und Hebräisch. Ravid Kahalani hat für die korrekte Übersetzung die Hilfe seines Vaters in Anspruch nehmen müssen. In der Sprache seiner Ahnen zu singen sei für den Sänger deshalb so wichtig, weil er dadurch seinen Wurzeln näher komme.

Er sagt, dass die jementische Kultur alles andere als anerkannt wurde, als er ein Kind war. Daran habe sich auch heute nichts geändert. Der Mainstream in Israel sei nun mal die aschkenasisch-europäische Kultur:

"Es ist mir sehr wichtig zu erwähnen, dass es Teil der Arbeit bei Yemen Blues ist, dass wir alle gleichberechtigt sind. Nachdem ich Omer Avital angerufen hatte, riefen wir Itamar Droari, Roni Ivraim, Hilla Epstein, Hadar Noiberg und all die anderen Bandmitglieder an. Und dann saßen wir in einem Raum und kreierten die Musik gemeinsam. So war jeder Musiker Teil der Arrangements, der Songs und des Sounds."

So wirkt die Musik von Yemen Blues geradezu wie ein Spiegel der multikulturellen Gesellschaft Israels. Wie sich dieser Mix aus jüdischer, arabischer und afrikanischer Musik anhört, das kann man sich auch auf dem Debütalbum anhören. Es trägt den schlichten Titel "Yemen Blues".

Service:
Am 6.11.2011 spielt die Band Yemen Blues in Berlin, am 7.11. in Bremen und am 8.11. in Dresden.

 

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16Mrz/11Off

Gotan Project im DeutschlandRadio

Tango und seine jüdischen Wurzeln

Die argentinische Band "Gotan-Project"

DeutschlandRadio Kultur, 21.5.2010



Unter Tango stellen sich die meisten eng umschlungene Paare im erotischen Wiegeschritt vor. Doch seit das Gotan Project diese Musik mit elektronischen Beats gemischt hat, wird auch auf den Dancefloors der europäischen Clubs Tango getanzt.

 

Der Name Gotan Project ist ein Wortspiel wie es ganz üblich ist für Argentinien. Umgedreht bedeutet Gotan nämlich nichts anderes als Tango. Die argentinische Nationalmusik wurde vor rund zehn Jahren von drei Männern mit elektronischer Musik und tanzbaren Beats vermischt. Dadurch wurde ein ganz neues Genre geschaffen: der Tango Eléctrico. Diese Musik hat sich bald wie ein Virus über die Tanzflächen in der nördlichen Hemisphäre verbreitet. Vor kurzem ist nun das dritte Album der Band erschienen. Es trägt den simplen Namen Tango 3.0.

Die drei Gründer des Gotan Projects stammen aus ganz unterschiedlichen Himmelsrichtungen. Philippe Cohen Solal lebt in Paris, Eduardo Makaroff in Buenos Aires und Christoph Müller kommt aus der Schweiz. Und doch haben die drei Männer gemeinsame Wurzeln, die sich nicht nur auf die Liebe zum Tango beschränken. Die sefardischen Vorfahren Cohen Solals haben im Mittelalter noch auf Mallorca gelebt und sind dann irgendwann in Frankreich gestrandet. Und Eduardo Makaroffs aschkenasische Großeltern stammen aus Kiew und Odessa. Sie waren wie viele andere jüdische Einwanderer vor Hunger und Pogromen nach Argentinien geflohen. Eduardo Makaroff erzählt, dass es einst sogar die zionistische Idee gab, Israel dort in der fernen Pampa zu gründen. Es habe viele "Gauchos judíos", also jüdische Gauchos, gegeben, die - wie die US-amerikanischen Cowboys - als Kuhhirten gelebt haben.

"

Argentinien ist ein Einwanderungsland. Viele Juden aus Osteuropa kamen hierher. Das moderne Argentinien ist das Resultat der italienischen, spanischen, europäischen und jüdischen Immigration. Die jüdische Gemeinde ist sehr bedeutend in Argentinien. Es ist die zweit- oder drittgrößte in der Welt, glaube ich. Der Tango ist sehr jüdisch, das Feeling von Tango ist dem des Klesmer und des jiddischen Liedes sehr ähnlich. In den Anfangszeiten wurde Tango noch mit der Klarinette gespielt und nicht wie heutzutage meist mit dem Bandoneon. Trotzdem gibt es manchmal auch heute noch die Klarinette im Tango. Und auch die Geige haben die osteuropäischen Juden mit in den Tango mitgebracht."

Einer der Studiomusiker auf dem Album ist tatsächlich ein direkter Nachfahre einer dieser Gauchos judíos, nämlich der Pianist Gustavo Beytelmann. Auch Beytelmann lebt in Paris, wohin viele argentinische Intellektuelle während der Militärdiktatur Perons geflohen waren. Dazu zählt auch der Schriftsteller Júlio Cortazar, dessen Roman "La Rayuela" Weltruhm genießt. "Rayuela", das ist eigentlich ein Kinderspiel, das auf deutsch "Himmel und Hölle" heißt oder auch Hickepeter.

 

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/ausderjuedischenwelt/1188145/

 

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28Feb/11Off

Serge Gainsbourg DeutschlandRadio Kultur

Vom Comic zum Film

"Serge Gainsbourg" - Regiepremiere von Zeichner Joann Sfar

(DeutschlandRadio Kultur - Aus der Jüdischen Welt, 15.10.2010)

Das diesjährige Hamburger Filmfest wurde mit dem Spielfilm "Gainsbourg - Der Mann der die Frauen liebte" eröffnet. Der Film über das turbulente Leben Gainsbourgs stammt von einem Mann, der als Filmemacher ein Neuling ist. Denn eigentlich ist der Mann für ganz andere Werke berühmt: Kinder kennen sein Comic "Der kleine Vampir", der im Kinderkanal sein Unwesen treibt. Und auch die Erwachsenen kennen den Regisseur eher als Zeichner von Comicbüchern wie "Die Katze des Rabbiners", "Klezmer" oder "Die kleine Welt des Golem". Sein Name: Joann Sfar.

Der Regisseur ist wie Serge Gainsbourg Franzose und hat jüdische Wurzeln. Aber das ist nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen Joann Sfar und dem Enfant terrible der französischen Popmusik. Sfar ist mit den Hits seines Landsmannes groß geworden, schon als Kind hat er all seine Hits gesammelt. Natürlich auch die skandalträchtige Keuch- und Hechelhymne "Je t'aime ... moi non plus".

Der Film erzählt Episoden aus dem Leben des Lucien Ginzburg, wie Serge Gainsbourg ursprünglich hieß. In knapp zwei Stunden reihen sich nicht nur all die wunderbaren Songs aneinander, sondern auch die schönsten Frauen der Zeit, mit denen Gainsbourg eine Liason dangereuse pflegte: Juliette Greco, Jane Birkin und natürlich auch Brigitte Bardot. Im Film wird die unsterbliche B.B. vom Supermodel Laetitia Casta gespielt, die die Leinwand förmlich zum Knistern bringt. Doch nicht nur wegen der Schauspieler ist der Film unbedingt sehenswert. Es ist vor allem die jüdische Seite Gainsbourgs, die mit größter Empfindsamkeit in Szene gesetzt wird. Dazu zählt auch die Episode, in der der junge Gainsbourg als Musiklehrer auf ein Orchester von Waisenkindern trifft, die die Schoa überlebt haben. Aus einzelnen fragilen Tönen entwickelt sich allmählich ein fröhliches Klesmerstück, zu dem Gainsbourg einen wilden Tanz aufführt. Eine Geschichte, die fast zu schön ist, um wahr zu sein.

"Die Geschichte ist wahr. Nach dem 2. Weltkrieg hat Serge Gainsbourg für zwei Jahre an einem Institut gearbeitet, wo all die Waisenkinder zusammenkamen, die den Genozid überlebt hatten. Er war ihr Musiklehrer und er war auch eine Art Clown für sie. Sein erstes Publikum als Musiker waren also elternlose jüdische Kinder. Ich glaube, es erzählt eine Menge darüber, wer Serge Gainsbourg war und warum er diese Sorte von altem Punk wurde, der immer besoffen war und der immer so versessen darauf war, dass ihn die Menschen lieben. Diese Episode erzählt auch eine Menge über seine Beziehung zu Musik und Unterhaltung. Er stammte aus einer Familie, die Klassische Musik und die Schönen Künste pflegte und er hat sich immer dafür geschämt, dass er nur ein Entertainer war."

Musik spielt nicht nur im Gainsbourg-Film eine tragende Rolle. Auch im Leben des Joann Sfar ist sie von zentraler Bedeutung. Das wird spätestens im Comic "Klezmer" deutlich. Die Geschichten spielen zwischen Lemberg und Odessa und sie handeln von den wilden Abenteuern von umhervagabundierenden Klesmermusikern. Joann Sfar führt dem Leser eine Welt vor Augen, die es heute nicht mehr gibt, die er aber noch aus den Erzählungen seines polnisch-ukrainischen Großvaters kennt. Der andere Teil von Joann Sfars Familie stammt hingegen aus dem Maghreb.

"Mein Vater ist ein Pianist. Er spielte Klavier in Algerien, um sein Studium zu finanzieren. Er spielte in Clubs, Bars und Bordellen. Meine Mutter dagegen war eine Pop-Sängerin. Ich wuchs in einer jüdischen Familie auf, die halb ukrainisch, halb algerisch war. Ich wuchs also auf mit zwei Arten von Musik. Ich habe sowohl Klesmer gehört als auch jüdisch-arabische Musik wie die von Maurice El Medioni, Lili Boniche oder Henry Comessias, der ein wunderbarer klassischer Sänger von populärer arabischer Musik ist. Ich fühle mich auch zeitgenössischem Klesmer nahe wie dem der Amsterdam Klezmer Band. Ich habe mit der Band beim Animationsfilm "Die Katze des Rabbiners" zusammengearbeitet."

Der Film "Die Katze des Rabbiners" soll im Frühjahr in die deutschen Kinos kommen. Bis dahin kann man sich mit dem gleichnamigen Comic im Avant-Verlag trösten, wo auch das übrige Werk von Joann Sfar erscheint. Und natürlich kann und soll man sich "Gainsbourg - Der Mann der die Frauen liebte" anschauen. Der Film läuft ab dem 14. Oktober in den Kinos.


http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/ausderjuedischenwelt/1296554/
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