Jonathan Scheiner Texte & Musik

16Jun/14Off

Oran Etkin oder wie der ghanaische Rhythmus seinen Weg in die indonesische Musik gefunden hat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf den ersten Blick scheint Oran Etkin ein ganz typischer Vertreter der Goldenen Generation israelischer Musiker zu sein, die derzeit für viel frischen Wind in der internationalen Jazzszene sorgt. Doch auf den zweiten Blick unterscheidet sich der Klarinettist und Saxophonist sehr deutlich von seinen Landsleuten. Schon sein Debütalbum „Kelenia“ von 2009 hat Etkin nicht mit Israelis, sondern mit afrikanischen Musikern eingespielt. Und auch sein aktuelles Album „Gathering Light“ wurzelt nicht so sehr in Oran Etkins Geburtsland Israel, sondern in seinem Wohnort New York.
Auf „Gathering Light“ wird Oran Etkins Tourtrio mit dem Bassisten Ben Allison und dem Schlagzeuger Nasheet Waits durch zwei weitere Jazzmusiker ergänzt: durch den Posaunen-Veteranen Curtis Fowlkes und durch den westafrikanischen Gitarristen Lionel Loueke. Zu dieser polyglotten Ansammlung von Musikern passt auch das musikalische Programm der 12 Songs: Da gibt es feines improvisatorisches Zusammenspiel auf der Basis von Blues, Folk- oder Popsongs. Auffällig ist vor allem, dass bei den 12 Songs Musik aus allen Teilen der Welt nutzbar gemacht wird. Doch dabei handelt es sich keineswegs um eine musikalische Einbahnstraße, wie am Beispiel des Songs „Gambang Suling“ deutlich wird:
"And in the next time I came to Indonesia they invited me to play there with the musicians with their traditional bamboo instruments . So I got to learn some of their songs and I tought them some of my music...that kind of inspired me to think of the rhythms and the melodies and the scales that they have in Indonesia. On the album there is one indonesian song, „Gambang Suling“, where I take this indonesian melodie and I kind of reinterprete it in my own way. And then I was just in Ghana few weeks ago and theay told me that actually that songs is, they insisted that it is a ghanaian song. So I guess somehow the rhythm of Ghana stuck it’s way somehow into indonesian music."
"Und beim nächsten Mal, als ich nach Indonesien kam, wurde ich dazu eingeladen, mit diesen Musikern und ihren Bambusinstrumenten zu spielen. So lernte ich etwas über ihre Lieder und ich brachte ihnen ein wenig von meiner Musik bei. Das hat mich inspiriert, über die Rhythmen, Melodien und Tonleitern nachzudenken, die es dort gibt. Auf meinem Album gibt es den Song „Gambang Suling“, auf dem ich eine indonesische Melodie nehme und sie auf meine ureigene Art reinterpretiere. Ein paar Wochen später war ich dann in Ghana und die Leute dort insistierten, dass es sich dabei um einen ghanaischen Song handelt. Ich schätze mal, dass der ghanaische Rhythmus irgendwie seinen Weg in die indonesische Musik gefunden hat."
Oran Etkin ist als Vierjähriger nach Boston gezogen. Mit Fünf hat er mit dem Klavier angefangen, mit Acht mit der Geige, mit Neun mit dem Saxophon und mit 13 schließlich mit der Klarinette. Zu seinen Lehrern zählen George Garzone, Dave Liebman und Dave Krakauer, aber vor allem Yusef Lateef, den Etkin als wichtigste Inspirationsquelle nennt.
"First of all he is such a  wonderful soul and person, such a gentle and open person. He taught me a lot about the Blues, about the importance of the Blues throughout everything and about openess to other cultures. He was one of the first people to incorporate other traditions into jazz, whether african stuff or asian stuff into his music, you know he is one of the first jazz musicians to bring that into music. Getting the chance to study with him changed my perspective on music and on sound."
"An erster Stelle war Yusef Lateef eine wunderbare Seele von einem Menschen, ein so sanftmütiger und offener Mensch. Er hat mir viel über die Wichtigkeit des Blues beigebracht und über die Offenheit gegenüber anderen Kulturen. Er war einer der ersten, die fremde Musiktraditionen für den Jazz vereinnahmt hat - sowohl aus Afrika als auch aus Asien. Er war der erste, der diese Sachen in den Jazz hineingetragen hat. Bei ihm zu studieren hat meine Perspektive auf Musik und Klang verändert."
Nur zwei Songs gibt es auf dem Album „Gathering Light“, die auf Oran Etkins Geburtsland Israel verweisen: Einerseits der jiddische Klassiker „Der Gasn Nign“ und andererseits der israelische Popsong „Shirim Ad Kan“, ein Hit von Nachum Heiman, den in Etkins Geburtsland jedermann kennt. In diesem todtraurigen Song geht es um einen Vater, der seinen geliebten Sohn verloren hat. „Shirim ad kan“ bedeutet: alle Lieder bis zum jetzigen Zeitpunkt.
"I was born in Israel and my parents were born there. I ended up moving to the US when I was four. So I grew up in Boston. We would go back every summer to Israel. And it was my parents that still speak Hebrew. It’s kind of an intersting growing up because in the house it was like Israel. Speaking Hebrew and going out to school it was America. So I think even in the beginning in terms of my identity who I was it was a mixed thing. I was really influences a lot by jazz from a young age on and on the same time a came home and my parents listened to israeli music, classical music and stuff like that. And later I got deep into klezmer music. The idea of all these different influences from all araound the world has been kind of something that’s been in my life and in my conciousness since I was a little kid. I wouldn’t think about that but now that I go back and reflect on it, that kind of set the tone for how I approach music to."
"Wie meine Eltern wurde auch ich in Israel geboren, doch ich wuchs in Boston auf. Jeden Sommer sind wir nach Israel zurückgekehrt. Es war schon sehr interessant bei uns zuhause, denn dort war Israel, es wurde Hebräisch gesprochen. Und in der Schule war dann Amerika. Wenn ich also an meine Identität denke, so war sie von Anfang eine gemischte Sache. Ich wurde schon früh vom Jazz geprägt und wenn ich dann nach Hause kam, dann haben meine Eltern israelische und klassische Musik gehört. Erst später bin ich dann tief in die Klezmerwelt eingedrungen. All die verschiedenen Musik-Einflüsse haben mein Bewusstsein schon von frühester Kindheit an geprägt. Wenn ich aus heutiger Sicht darüber nachdenke, hat dieses Umfeld die Art und Weise vorgegeben, wie ich Musik begreife."
Eine sehr bildliche Vorstellung von Oran Etkins weitem Musikkosmos liefert sein sehr erfolgreiches „Timbalooloo“-Projekt, eine Art musikalischer Früherziehungskurs, zu der Hollywood-Stars wie Harvey Keitel ihre Kinder anmelden. Oren Etkin erklärt auf der gleichnamigen CD mit ganz simplen Bildern, wie Musik funktioniert: Eine kleine Klarinette steht dabei im Mittelpunkt. Und was will eine kleine Klarinette, nachdem sie gerade aufgewacht ist? Natürlich tanzen!
Dem Charme dieses Musikers kann man sich auch als Erwachsener kaum entziehen. Gut zu hören an der Instrumental-Version des Songs „All I really want to do is dance“, erschienen auf der aktuellen CD „Gathering Light“. Dort kommt der Song ganz ohne Worte aus. Aber tanzbar ist er allemal.

 

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14Nov/11Off

Yemen Blues im DeutschlandRadio Kultur, 28.10.2011

Wilder Multikultimix

Die jüdisch-arabisch-afrikanische Musik von Yemen Blues

Jüdische Musik, die zugleich arabisch und afrikanisch klingt - für die Macher von Yemen Blues ist das kein Widerspruch. Mittlerweile ist ihr Debütalbum erschienen und die Band kommt im November für drei Konzerte nach Deutschland.

Wie jemenitische Musik klingt, das werden die wenigsten genau wissen. Hierzulande kennt man höchstens Ofra Haza, die mit "Im Nin'Alu" in den 80er-Jahren einen Welthit hatte. Dabei hat jementische Musik ganz unterschiedliche Facetten. Das zeigt auch die Musik der Band Yemen Blues. Da ist westafrikanischer Blues ebenso zu hören wie Musik aus der Sahara. Gnawi oder die Lieder der Tuareg kommen ebenso vor wie amerikanischer Funk oder Jazz.

Gegründet wurde die Band vor rund zwei Jahren von dem Jazzbassisten Omer Avital und dem charismatischen Sänger Ravid Kahalani. Beide Musiker haben jemenitische Wurzeln. Ihre Familien kamen in den 50er-Jahren aus der Nähe von Sanaa nach Israel. Omer Avital hat sich in der New Yorker Jazzszene einen Namen gemacht. Dort betreibt er ein Quintett, von dem schon zwei CDs erschienen sind.

Und der Sänger Ravid Kahalani sang schon als Kind in der Synagoge. Später hat er vor allem Blues und westafrikanischen Soul gemacht, bevor er die Band Yemen Blues startete:

"Der ganze Prozess begann vor zwei Jahren. Ich sagte Omer, dass ich zwei neue Songs geschrieben habe, lass uns etwas damit anstellen. Er lebte in New York und ich in Tel Aviv, also trafen wir uns nicht sehr oft. Aber wenn doch, dann haben wir zusammen gejammt. Am Anfang gab es nur Oud und Percussion und ein wenig Piano. Es war wie Magie. Irgendetwas passierte da. Ich fühlte, dass ich wirklich tief in die Musik eindrang, ohne dass ich darüber nachdachte, was ich tat."

Die Songs werden in jemenitischem Arabisch gesungen. Komponiert wurden sie allerdings in Englisch und Hebräisch. Ravid Kahalani hat für die korrekte Übersetzung die Hilfe seines Vaters in Anspruch nehmen müssen. In der Sprache seiner Ahnen zu singen sei für den Sänger deshalb so wichtig, weil er dadurch seinen Wurzeln näher komme.

Er sagt, dass die jementische Kultur alles andere als anerkannt wurde, als er ein Kind war. Daran habe sich auch heute nichts geändert. Der Mainstream in Israel sei nun mal die aschkenasisch-europäische Kultur:

"Es ist mir sehr wichtig zu erwähnen, dass es Teil der Arbeit bei Yemen Blues ist, dass wir alle gleichberechtigt sind. Nachdem ich Omer Avital angerufen hatte, riefen wir Itamar Droari, Roni Ivraim, Hilla Epstein, Hadar Noiberg und all die anderen Bandmitglieder an. Und dann saßen wir in einem Raum und kreierten die Musik gemeinsam. So war jeder Musiker Teil der Arrangements, der Songs und des Sounds."

So wirkt die Musik von Yemen Blues geradezu wie ein Spiegel der multikulturellen Gesellschaft Israels. Wie sich dieser Mix aus jüdischer, arabischer und afrikanischer Musik anhört, das kann man sich auch auf dem Debütalbum anhören. Es trägt den schlichten Titel "Yemen Blues".

Service:
Am 6.11.2011 spielt die Band Yemen Blues in Berlin, am 7.11. in Bremen und am 8.11. in Dresden.

 

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/ausderjuedischenwelt/1590688/

 

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16Mrz/11Off

Gotan Project im DeutschlandRadio

Tango und seine jüdischen Wurzeln

Die argentinische Band "Gotan-Project"

DeutschlandRadio Kultur, 21.5.2010



Unter Tango stellen sich die meisten eng umschlungene Paare im erotischen Wiegeschritt vor. Doch seit das Gotan Project diese Musik mit elektronischen Beats gemischt hat, wird auch auf den Dancefloors der europäischen Clubs Tango getanzt.

 

Der Name Gotan Project ist ein Wortspiel wie es ganz üblich ist für Argentinien. Umgedreht bedeutet Gotan nämlich nichts anderes als Tango. Die argentinische Nationalmusik wurde vor rund zehn Jahren von drei Männern mit elektronischer Musik und tanzbaren Beats vermischt. Dadurch wurde ein ganz neues Genre geschaffen: der Tango Eléctrico. Diese Musik hat sich bald wie ein Virus über die Tanzflächen in der nördlichen Hemisphäre verbreitet. Vor kurzem ist nun das dritte Album der Band erschienen. Es trägt den simplen Namen Tango 3.0.

Die drei Gründer des Gotan Projects stammen aus ganz unterschiedlichen Himmelsrichtungen. Philippe Cohen Solal lebt in Paris, Eduardo Makaroff in Buenos Aires und Christoph Müller kommt aus der Schweiz. Und doch haben die drei Männer gemeinsame Wurzeln, die sich nicht nur auf die Liebe zum Tango beschränken. Die sefardischen Vorfahren Cohen Solals haben im Mittelalter noch auf Mallorca gelebt und sind dann irgendwann in Frankreich gestrandet. Und Eduardo Makaroffs aschkenasische Großeltern stammen aus Kiew und Odessa. Sie waren wie viele andere jüdische Einwanderer vor Hunger und Pogromen nach Argentinien geflohen. Eduardo Makaroff erzählt, dass es einst sogar die zionistische Idee gab, Israel dort in der fernen Pampa zu gründen. Es habe viele "Gauchos judíos", also jüdische Gauchos, gegeben, die - wie die US-amerikanischen Cowboys - als Kuhhirten gelebt haben.

"

Argentinien ist ein Einwanderungsland. Viele Juden aus Osteuropa kamen hierher. Das moderne Argentinien ist das Resultat der italienischen, spanischen, europäischen und jüdischen Immigration. Die jüdische Gemeinde ist sehr bedeutend in Argentinien. Es ist die zweit- oder drittgrößte in der Welt, glaube ich. Der Tango ist sehr jüdisch, das Feeling von Tango ist dem des Klesmer und des jiddischen Liedes sehr ähnlich. In den Anfangszeiten wurde Tango noch mit der Klarinette gespielt und nicht wie heutzutage meist mit dem Bandoneon. Trotzdem gibt es manchmal auch heute noch die Klarinette im Tango. Und auch die Geige haben die osteuropäischen Juden mit in den Tango mitgebracht."

Einer der Studiomusiker auf dem Album ist tatsächlich ein direkter Nachfahre einer dieser Gauchos judíos, nämlich der Pianist Gustavo Beytelmann. Auch Beytelmann lebt in Paris, wohin viele argentinische Intellektuelle während der Militärdiktatur Perons geflohen waren. Dazu zählt auch der Schriftsteller Júlio Cortazar, dessen Roman "La Rayuela" Weltruhm genießt. "Rayuela", das ist eigentlich ein Kinderspiel, das auf deutsch "Himmel und Hölle" heißt oder auch Hickepeter.

 

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/ausderjuedischenwelt/1188145/

 

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8Mrz/11Off

Ganef-Feature D-Radio

 

Manuskript Ganef

 

Autor: Jonathan Scheiner

Sprecher Text: Jonathan Scheiner

Länge: ca. 4 Minuten

Redaktion: DeutschlandRadio

Aus der jüdischen Welt, Mirjam Reusch-Helfrich

 

Anmod:

Ganef singt Lieder, die direkt aus dem Leben kommen und die mitten ins Herz treffen.

Seine Lieder handeln von einsamen Wölfen und habgierigen Frauen, von nächtlichen Überfällen, von Schurken und Gaunern.

Ganef kam einst aus der Ukraine nach Deutschland, wo er inzwischen heimisch geworden ist.

Der Barde singt auf deutsch, doch er denkt russisch – nur sein Glaube, der ist jüdisch geblieben.

 

Musik 1: Drache 00:08-00:32 (dann 5 sec abblenden)

 

Autor-Text 1:

Der Mann, der hier in holperigen Versen von den kleinen Katastrophen seines Alltags singt, das ist Ganef. Der Mann mit Gitarre kommt ursprünglich aus Odessa. Sein Markenzeichen: ein püschliger Schnauzbart, eine Fluppe zwischen den Lippen und eine tief ins Gesicht gezogene Schiebermütze. Dieses Image passt gut zu seinem Namen: Denn Ganef ist das jiddische Wort für Ganove.

 

 

Musik 2: An der Spree 00:42-00:54 (je kurz auf- und abblenden)

 

Autor-Text 2:

Ganef kam 1993 als sogenannter Kontingentflüchtling aus der Ukraine nach Berlin. Dort hat er schnell Anschluss gefunden an die boomende jüdische Musikszene. Und trotzdem ist er bald ins hessische Offenbach weitergezogen. Das klingt nach Exil und Verbannung, doch hat einen ganz simplen Hintergrund. Ganefs Frau, eine Israelin aus Haifa, besitzt dort in der hessischen Provinz ein Hotel.

 

O-Ton 1:

Mir ging es eigentlich ganz gut in Odessa. Ich habe nie meinem Vater sagen dürfen, was ich verdiene, weil der hatte damals zwei Jobs und hat wahrscheinlich ein Drittel von dem nach Hause gebracht, von dem was ich verdient habe. Das war mir einfach peinlich. Er hat hart gearbeitet. Ich hab damals Geschäfte gemacht, das waren keine krummen Geschäfte. Oder sagen wir so, nicht wirklich kriminelle Geschäfte, Kleinigkeiten und außerdem Karateunterricht betrieben. Davon konnte ich gut leben.

 

Autor-Text 3:

Seinen jiddischen Bühnen-Namen hat sich Ganef, der seinen richtigen Namen nur hinter vorgehaltener Hand verrät, nicht ganz zufällig ausgesucht. Jüdischkeit spielt zwar nicht in den Songs, dafür aber im Leben des Musikers eine entscheidende Rolle.

 

O-Ton 2:

Ich halte Schabbat jeden Tag ein und nicht nur am Freitag. Für mich bedeutet Schabbat nicht die ganzen Regeln zu befolgen, sondern das hat eine ganz andere Bedeutung für mich. Man sieht seine Taten an und analysiert das........Man nimmt sich Zeit, zu überlegen, sein Leben zu bewerten, man nimmt sich Zeit für seine Familie. Das bedeutet für mich Schabbat.

Ich geh auch ab und zu in die Synagoge. Ich bin ein tiefgläubiger Mensch, aber absolut antireligiös. Den Glauben kann man sich nicht aussuchen.

 

 

Autor-Text 4:

Seinen Glauben vielleicht nicht, aber ganz gewiss kann man sich seine musikalischen Vorbilder aussuchen. Den russischen Liedermacher Alexander Rozenbaum zum Beispiel oder Bob Dylan. Dessen Vorfahren stammen, sagt Ganef stolz, genauso wie er ursprünglich aus Odessa. Und auch mit einem anderen Schwergewicht der Pop-Musik hat Ganef zu tun: Mit Serge Gainsbourg alias Lucien Ginzburg. Der Großherzog von Hessen-Darmstadt, Ernst-Ludwig der III., habe vor rund 100 Jahren einen gewissen Horatius Ginzburg, einen Ahnen von Gainsbourg, in den Adelstand eines Barons versetzt. Und auch sein Großvater habe diesen für russische Juden überaus seltenen Titel damals verliehen bekommen. Aber vielleicht ist das mal wieder nur so eine Anekdote, wie sie gerne mal in den Songs von Ganef auftaucht.

 

Musik 3: Überfall, 00:15-00:30 fade out

 

Jonathan Scheiner, Eisenacherstr.  50, 10823 Berlin. T: 030-44048760 oder 030-2910791 (+AB). jonathan.scheiner@snafu.de

www.jonathan-scheiner.de.

Kto: 391363900; Blz: 100.700.00; Deutsche Bank, Berlin

 

 

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28Feb/11Off

Serge Gainsbourg DeutschlandRadio Kultur

Vom Comic zum Film

"Serge Gainsbourg" - Regiepremiere von Zeichner Joann Sfar

(DeutschlandRadio Kultur - Aus der Jüdischen Welt, 15.10.2010)

Das diesjährige Hamburger Filmfest wurde mit dem Spielfilm "Gainsbourg - Der Mann der die Frauen liebte" eröffnet. Der Film über das turbulente Leben Gainsbourgs stammt von einem Mann, der als Filmemacher ein Neuling ist. Denn eigentlich ist der Mann für ganz andere Werke berühmt: Kinder kennen sein Comic "Der kleine Vampir", der im Kinderkanal sein Unwesen treibt. Und auch die Erwachsenen kennen den Regisseur eher als Zeichner von Comicbüchern wie "Die Katze des Rabbiners", "Klezmer" oder "Die kleine Welt des Golem". Sein Name: Joann Sfar.

Der Regisseur ist wie Serge Gainsbourg Franzose und hat jüdische Wurzeln. Aber das ist nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen Joann Sfar und dem Enfant terrible der französischen Popmusik. Sfar ist mit den Hits seines Landsmannes groß geworden, schon als Kind hat er all seine Hits gesammelt. Natürlich auch die skandalträchtige Keuch- und Hechelhymne "Je t'aime ... moi non plus".

Der Film erzählt Episoden aus dem Leben des Lucien Ginzburg, wie Serge Gainsbourg ursprünglich hieß. In knapp zwei Stunden reihen sich nicht nur all die wunderbaren Songs aneinander, sondern auch die schönsten Frauen der Zeit, mit denen Gainsbourg eine Liason dangereuse pflegte: Juliette Greco, Jane Birkin und natürlich auch Brigitte Bardot. Im Film wird die unsterbliche B.B. vom Supermodel Laetitia Casta gespielt, die die Leinwand förmlich zum Knistern bringt. Doch nicht nur wegen der Schauspieler ist der Film unbedingt sehenswert. Es ist vor allem die jüdische Seite Gainsbourgs, die mit größter Empfindsamkeit in Szene gesetzt wird. Dazu zählt auch die Episode, in der der junge Gainsbourg als Musiklehrer auf ein Orchester von Waisenkindern trifft, die die Schoa überlebt haben. Aus einzelnen fragilen Tönen entwickelt sich allmählich ein fröhliches Klesmerstück, zu dem Gainsbourg einen wilden Tanz aufführt. Eine Geschichte, die fast zu schön ist, um wahr zu sein.

"Die Geschichte ist wahr. Nach dem 2. Weltkrieg hat Serge Gainsbourg für zwei Jahre an einem Institut gearbeitet, wo all die Waisenkinder zusammenkamen, die den Genozid überlebt hatten. Er war ihr Musiklehrer und er war auch eine Art Clown für sie. Sein erstes Publikum als Musiker waren also elternlose jüdische Kinder. Ich glaube, es erzählt eine Menge darüber, wer Serge Gainsbourg war und warum er diese Sorte von altem Punk wurde, der immer besoffen war und der immer so versessen darauf war, dass ihn die Menschen lieben. Diese Episode erzählt auch eine Menge über seine Beziehung zu Musik und Unterhaltung. Er stammte aus einer Familie, die Klassische Musik und die Schönen Künste pflegte und er hat sich immer dafür geschämt, dass er nur ein Entertainer war."

Musik spielt nicht nur im Gainsbourg-Film eine tragende Rolle. Auch im Leben des Joann Sfar ist sie von zentraler Bedeutung. Das wird spätestens im Comic "Klezmer" deutlich. Die Geschichten spielen zwischen Lemberg und Odessa und sie handeln von den wilden Abenteuern von umhervagabundierenden Klesmermusikern. Joann Sfar führt dem Leser eine Welt vor Augen, die es heute nicht mehr gibt, die er aber noch aus den Erzählungen seines polnisch-ukrainischen Großvaters kennt. Der andere Teil von Joann Sfars Familie stammt hingegen aus dem Maghreb.

"Mein Vater ist ein Pianist. Er spielte Klavier in Algerien, um sein Studium zu finanzieren. Er spielte in Clubs, Bars und Bordellen. Meine Mutter dagegen war eine Pop-Sängerin. Ich wuchs in einer jüdischen Familie auf, die halb ukrainisch, halb algerisch war. Ich wuchs also auf mit zwei Arten von Musik. Ich habe sowohl Klesmer gehört als auch jüdisch-arabische Musik wie die von Maurice El Medioni, Lili Boniche oder Henry Comessias, der ein wunderbarer klassischer Sänger von populärer arabischer Musik ist. Ich fühle mich auch zeitgenössischem Klesmer nahe wie dem der Amsterdam Klezmer Band. Ich habe mit der Band beim Animationsfilm "Die Katze des Rabbiners" zusammengearbeitet."

Der Film "Die Katze des Rabbiners" soll im Frühjahr in die deutschen Kinos kommen. Bis dahin kann man sich mit dem gleichnamigen Comic im Avant-Verlag trösten, wo auch das übrige Werk von Joann Sfar erscheint. Und natürlich kann und soll man sich "Gainsbourg - Der Mann der die Frauen liebte" anschauen. Der Film läuft ab dem 14. Oktober in den Kinos.


http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/ausderjuedischenwelt/1296554/
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