Jonathan Scheiner Texte & Musik

9Mai/11Off

Watcha Clan, taz, 7./8.Mai 2011 (Musikbeilage)

 

 

Babylonische Stimmung

- Die Watcha Clan-Sängerin Sista K alias Karine Hallakoun -

Mag sein, es liegt am Zwielicht, das die gelben Vorhänge im morgendlichen Zimmer verbreiten. Mag sein, es liegt an der wursteligen Art, wie sie ihre Locken mit der Sonnenbrille nach oben gesteckt hat. Aber diese Frau, die nach jedem Satz an ihrem Kräutertee schlürft, ist kein Tausendschönchen. Zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt. Denn abends, wenn Sista K auf der Bühne steht, dann ist das ganz anders. Da tanzt die Frontfrau des Watcha Clan wie ein wilder Derwisch, benutzt schon mal ein Megaphon zum Singen und hat ihr Gesicht mit goldenen Ornamenten verziert. Auf dem Kopf trägt sie einen bunten Turban und ein paar ihrer widerspenstigen Locken hat sie mit Rasta-Bändern umwickelt. Ein wahrer Hingucker!

Hinter dem Namen Sista K verbirgt sich der französisch-deutsche Vorname Karine und der arabische Nachname Hallakoun. Der Vorname verweist auf ihre litauisch-aschkenasische Familie mütterlicherseits, der Nachname hingegen auf ihren Vater, einen sefardischen Berber aus Algerien. „Mein Bruder wurde in Israel geboren. Und ich, ich bin die einzige Französin in der Familie und ich bin aus Marseille“, sagt die Sängerin stolz.

Karine Hallakoun verrät, dass sie ihre Identität erst vor rund zehn Jahren angefangen hat zu hinterfragen. „Ich wurde im Norden von Marseille geboren, wo es viele Araber und Muslime gibt. Ich fühlte mich dort weder jüdisch noch arabisch. Mir war das egal“. Doch dann hat eine Reise in das Geburtsland ihres Vaters, nach Algerien, alles verändert: „Mein Vater ist Berber. Viele Berber sind jüdisch, denn vor der arabischen Invasion im Norden Afrikas gab es dort viele Juden und Berber. Also gab es auch eine große Vermischung zwischen ihnen.“ Doch nicht nur ihr jüdisch-berberisches Erbe hat die Sängerin damals entdeckt. „Meine Familie kommt wirklich aus Afrika. Mein Großvater war fast schwarz und so war es auch für viele ein großer Schock, als sie im Unabhängigkeitskrieg zu Franzosen erklärt wurden – weil sie hatten keine Beziehung zu Frankreich.“

Doch seit der Konflikt zwischen Israel und Palästina eskaliert ist, hat sich das tolerante Miteinander selbst in der Vielvölker-Metropole Marseille verändert. Die Leute unterscheiden jetzt zwischen Schwarzen und Weißen, zwischen Arabern und Juden, sagt Sista K. Ganz im Gegensatz zu der Sängerin selbst. Sie singt auf Jiddisch genauso wie auf Arabisch. Und sie singt auf Englisch, Spanisch und Französisch und zuweilen sogar auf Hebräisch. Aber egal was sie singt – es ist immer politisch gemeint. In den Songs geht es um Grenzen, um die Grenzen zwischen Arm und Reich, zwischen Afrika und Europa, zwischen den USA und Mexiko.

Ihre vielschichtigen Wurzeln haben Karine Hallakoun geprägt und so erstaunt es nicht, dass in ihrer Musik Aromen und Elemente aus aller Herrern Länder zu entdecken sind. Dazu passt, dass auf dem aktuellen Album „Radio Babel“ eine geradezu babylonische Sprach- und Völkervielfalt beschworen wird. Diese Vielfalt spiegelt sich nicht nur in der Art der Musik, sondern auch in der Zusammensetzung der vier Bandmitglieder aus dem Meltingpot Marseille. Neben dem Electronic-Frickler Suprem Clem und dem Kontrabassisten Matt Labesse spielt Nassim Kouti die Gitarre und das afrikanische Saiteninstrument Gumbri - ein hochkomplexes Gemisch von akustischer und elektronischer Musik.

Die Franzosen mischen Drum ‚n’ Bass und arabische Musik, Hiphop und jiddische Gassenhauer wild durcheinander. Sogar Gegensätzliches hat in ein und demselben Song Platz. So wird die Musik zum Spaghetti-Western „Once Upon a Time in the West“ kurzerhand zu „Il etait un fois dans L’est“ (Es war einmal im Osten) umfunktioniert, indem der ost-jüdische Klassiker „Shejn vi di levone“ recycelt wird. Die Schtetl-Nummer „Tschiribim“ wird dagegen zur Bauchtanz-Hiphop-Orgie und Ofra Hazas Ohrwurm „Im Nin’Alu“ zur poppigen Dancefloor-Version.

Das mag nach einer Kakophonie beim Karneval der Kulturen klingen, ist aber großartig gemacht. Kein Wunder, dass sich das Album inzwischen auf Rang 3 der Weltmusikcharts befindet. Und um Weltmusik im wahrsten Sinne des Wortes handelt es sich bei „Radio Babel“ in der Tat. Von Drum ‚n’ Bass und Hip Hop ist da genauso die Rede wie von Chabi und Gnawa. Dazu spielen Gastmusiker aus aller Herren Länder. Neben dem englischen Klarinettisten Merlin Shephard spielt der Altvater des Piano Oriental, Maurice El Medioni. Neben dem Banjo von Maurice Lo Cicero taucht die Geige von Pee Wee auf, neben dem Ud von Mehdi Haddab die Flamenco-Gitarre von Alexandre Morier. Und mit Fanfare Ciocarlia spielt gleich noch eine ganze Balkanbrass-Band mit. Ein geradezu babylonisches Miteinander der Stimmen. Das ist nicht Multikulti-Klamauk. Das ist die reine Lust auf die Polyphonie dieser Welt.

 

Info: Watcha Clan: Radio Babel. Piranha 2011/Indigo

http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=sp&dig=2011%2F05%2F07%2Fa0074&cHash=3d36c8a4b9055b68aafc3fc9dc2b1ee3

 

 

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