Jonathan Scheiner Texte & Musik

12Mai/12Off

Familienbande – 3 Cohens

Bei Geschwistern, die gemeinsam Musik machen, sollte man nicht automatisch an bajuwarische Hausmusik denken, bei der Familienmitglieder in Trachten um die Wette das Biermösl blasen. Die Familie Cohen aus Israel jedenfalls bläst alles andere als Bierfassventile. Und auch zünftige Folklore liegt den drei Geschwistern fern. Sie spielen Jazz in alle seinen Facetten, wenngleich sich in den Kompositionen der 3 Cohens Klangfarben ihrer Heimat Israel spiegeln. Dort sind sie aufgewachsen und haben das Konservatorium in Jaffa besucht, bevor sie mit Umweg über das Bostoner Berklee College of Music schließlich in New York gelandet sind, von wo aus sie heute agieren.

Die 3 Cohens bestehen aus den drei Blasmusikern Anat Cohen (Saxophon und Klarinette), Avishai Cohen (Trompete) und Yuval Cohen (Sopransaxophon). “Zusammen zu spielen ist für uns so natürlich wie atmen”, sagt Anat. “Die Rolle als Bandleader wechselt ständig. Sie hängt von den jeweiligen Klängen und der momentanen Situation ab”. Das klingt nach blindem Verständnis und so erstaunt es nicht, dass die drei Geschwister, obwohl sie auch ihre jeweils eigenenen Projekte betreiben, gemeinsam auf CD erscheinen. Zuletzt ist ein Album erschienen, das bezeichnenderweise “Family” heißt.

“Family” wurde auf Anzic Records publiziert, ein Label, das wiederum hausgemacht ist. Der Name ist ein Zusammenzug von “An” (für Anat) und “zig” (der letzten Silbe von Music). Auf dem Label werden neben den Alben der Cohens auch ein paar der wichtigsten Vertreter der israelisch-amerikanischen “Musikverschwörung” publiziert, darunter der Bassist Omer Avital. Bei der Bassisten handelt es sich um einen in New York lebenden Israeli mit jemenitischen Wurzeln, der sich “gefühlt” auf fast allen neuen CD’s junger Israelis wiederfindet, angefangen von Yemen Blues bis hin zu Alon Yavnai, Omer Klein, Itai Kriss, Damiel Zamir, Hadar Noiberg…und natürlich auch auf den Solo-Alben den einzelnen Cohens. Umso erfreulicher, dass dieses musikalische Schwergewicht als Sahnehäubchen im Lineup der aktuellen Europa-Tour auftaucht. Am 22. Mai gastieren die Drillinge im Berliner A-Trane, das schon in familiärer Hinsicht gut besucht sein wird.

 

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3Mai/12Off

Mit Aug und Ohr auf die Bühne

Die Musiker beim Intonations-Festival im Jüdischen Museum in Berlin

 

 

Mit den Ohren sollen die Zuschauer auf die Bühne kommen, wenn es um Kammermusik geht. Das sagt die Leiterin des Jerusalem International Chamber Music Festival, das vom 24.4.-29.4.2012 im Jüdischen Museum in Berlin stattgefunden hat. Doch auch das Auge war dabei. Und es hat sich gelohnt für Aug und Ohr.

Viele junge Musiker aus Israel, die in Berlin leben, haben dort gespielt: Shirley Brill, Saleem Abboud Ashkar oder auch Matan Porat. Doch auch die anderen müssen erwähnt werden. Natürlich die Komponistin Betty Oliveiro oder die Geigerin Carolin Widmann und der Bassist Nabil Shehata.

 

 

Das alles ist nicht Teil meines DRadio-Beitrags (siehe unten), in dem es um Elena Bashkirova geht. Dafür eine kleine persönliche Verbeugung an dieser Stelle in Form von Bildern:

Das Jerusalem International Chamber Music Festival gilt als fester Bestandteil des kulturellen Lebens in Israel. Nun gastiert das Kammermusikfestival erstmals im Jüdischen Museum in Berlin. Die Pianistin Elena Bashkírova, Ehefrau von Daniel Barenboim, leitet das Festival.

Die Pianistin, die dort eine Romanze vom Komponisten Joseph Hellmersberger spielt, das ist die Tochter des weltberühmten Pianisten Dimitri Bashkírov. Sie war verheiratet in erster Ehe mit dem Geiger Gidon Kremer und ist es in zweiter Ehe mit Daniel Barenboim. Doch nicht deshalb kennt man Elena Bashkírova. Man kennt die renommierte Pianistin, weil sie seit nunmehr 15 Jahren das Jerusalem International Chamber Music Festival leitet.

Das jährliche Kammermusikfestival ist eine feste Institution in Israel. Vom 24. bis 29. April gastiert das Festival nun erstmals im Jüdischen Museum in Berlin. Das klingt verheißungsvoll, denn selbst in der Klassikmetropole Berlin ist ein mehrtägiges Kammermusik-Festival einmalig. Verheißungsvoll liest sich auch die Liste an Weltstars, die dort auftreten werden: Hélène Grimaud, Carolin Widmannn oder Guy Braunstein. Sie alle kommen gerne. Und dabei gibt es - wie schon zu Anfangszeiten - keine Gage.

"Die Leute kommen immer noch ohne Gage, Gottseidank. Ganz berühmte Leute. Wir können das nur so machen. Und die Leute kommen dort nicht, um zu verdienen. Insgesamt ist die Kammermusik kein Feld, wo man sehr viel Geld verdient. Es ist kein subventioniertes Festival. Dafür, dass es gibt keine Gagen, dafür gibt es eine gute Qualität von Leben und vor allem eine gute Qualität von Musik. Die Musiker kommen wegen der Qualität des Musizierens, wegen der interessanten Programme und natürlich auch, weil sie andere Musiker dort treffen. Und an erster Stelle wegen des absolut fantastischen Publikums. Das gibt's nirgendwo."

Ob das Berliner Publikum ähnlich begeistert sein wird wie jenes in Jerusalem - darauf darf man gespannt sein. Anbiedernd ist das Programm jedenfalls nicht, zumal an jedem der sechs Abende Arnold Schönberg zu hören sein wird. Doch dazu gibt es eine Vielzahl von überraschenden Kombinationen.

Zum Beispiel mit den Romantikern Franz Schubert und Robert Schumann oder auch den eher zeitgenössischen Komponisten Hanns Eisler und Dimitri Schostakowitsch. Und zudem wird jungen Komponisten ein Forum geboten, darunter Betty Oliveiro und Matan Porat. Der junge Pianist lebt wie viele andere israelische Musiker derzeit in Berlin. Für das Festival hat er ein Auftragswerk geschrieben.

"Matan ist von Anfang an in Jerusalem dabei. Da war er 19 oder 20, als er das erste Mal bei uns spielte. Er hat sehr viele Stücke bei uns gemacht. Auch klassische Stücke. Er spielt wunderbar Klavier. Wir haben gedacht, dass wir in diesem Festival immer ein neues Werk präsentieren. Ein Auftragswerk. Seit 2004 machen wir das jedes Jahr. Dadurch haben wir schon eine ziemlich große Bibliothek an neuen Werken.

Für mich ist beim Festival das wichtigste, eine Mischung aus jungen und reifen Musikern zu kriegen. Es ist nicht nur, dass ich junge Musiker kommandieren möchte...das Wichtigste ist, die besten Leute zu kriegen."

Diese Mischung hat sich über die Jahre zu einem Exportschlager entwickelt, denn das Festival findet nicht nur jährlich in Jerusalem statt, sondern es hat auch schon in ein paar anderen Städten dieser Welt gastiert - in Paris, Wien, London oder auch New York. Dort überall traf Kammermusik - selbst wenn sie sperrig klang - auf ein neugieriges Publikum. Oder auch, wie die Baskírova sagt, auf ein Publikum, das mit seinen Ohren auf die Bühne kommen muss. *Angesichts ihres Spiels scheint das aber eine ganz leichte Übung zu sein.

Quelle: DRadio Kultur vom 20.4.2012

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/ausderjuedischenwelt/1735416/

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2Mai/12Off

Matan Porat-Interview

Der israelische Komponist Matan Porat über sein Auftragswerk für das Intonations-Festival, der deutschen Ausgabe des Jerusalem International Chamber Music Festival. Die sechstägige Konzertserie findet zwischen vom 24.4.-29.4. erstmals im Jüdischen Museum in Berlin statt, Matan Porats neuer Wahlheimat.

Herr Porat, für das Intonations-Festival, jenes hochkarätig besetzte  Kammermusifestival im Jüdischen Museum in Berlin, haben Sie ein prestigeträchtiges Auftragswerk komponiert. Wie kam es dazu?

Der Autrag stammt von der Pianistin Elena Bashkirova, die das Festival seit numehr 15 Jahren in Jerusalem leitet. Die Zusammenarbeit zwischen Elena Bashkirova und mir dauert schon sehr lange an. Ich bin seit acht Jahren regelmäßiger Teilnehmer des Jerusalem Chamber Music Festival. Und ich habe schon zwei Auftragswerke für das Festival geschrieben, das letzte vor zwei Jahren. Dieses Jahr, da das Festival zum ersten Mal in Berlin stattfindet, bat mich Elena, ein neues Werk zu schreiben. Das war ein sehr einzigartiger Auftrag für mich, weil ich etwas versuchte, was ich mich normalerweise nicht traue.

Worum geht es bei Ihrer Komposition?

Das Stück, das ich schrieb, ist ein Requiem, das man mehr oder weniger auch als ein Musiktheaterstück begreifen kann. Es wurde notiert für fünf Spieler um ein Klavier, aber nur ein Spieler ist ein Pianist. Die ganze Zeit spielen zwei Menschen mit vier Händen und die drei anderen Musiker spielen sozusagen „mit“ dem Klavier. Mal dient es als Perkussionsinstrument, mal als Streichinstrument, das mit dem Bogen zum Klingen gebracht wird. Oder die Musiker singen und sprechen beim Spielen. Sie kreieren eine fremdartige Zeremonie, die von den Zuhörern als etwas sehr Rituelles und zugleich Fremdes angesehen wird. Elena Bashkirova hat eine wunderbare Auswahl an Musikern getroffen, zwei Blasinstrumente, einen Streicher, einen Sänger und mich.

Viele der Musiker des Festivals stammen aus Israel, aber sie leben wie Sie in Berlin. Warum ist die Stadt ein solcher Magnet geworden?

Nach dem Ende meines Studiums war Berlin die erste Wahl für mich, um als Musiker zu leben. Viele meiner Freunde leben hier, so wie der Mandoline-Spieler Avi Avital, der ein sehr enger Freund von mir ist. Die Verbindung ist kurioserweise nicht in Berlin, sondern auf einem Flughafen entstanden. Wir wussten, wer wir sind, weil wir unsere Gesichter erkannten. Innerhalb dieser sechs Stunden Flugverspätung sind wir sehr enge Freunde geworden.

Und wie kam es zum Kontakt mit der Festival-Leiterin Elena Bashkirova?

Oh, das ist schon lange her. Ich habe Elena kennengelernt, nachdem ich Maestro Daniel Barenboim, ihren Ehemann, kennengelernt hatte, für den ich gespielt habe. Kurz darauf hat er mich ihr empfohlen, dass sie mich zum Kammermusik-Festival einladen solle. Über die Jahre ist das Festival in Jerusalem für mich zu einer Art Heimat geworden, in die ich jedes Jahr im September zurückkehre. Es besteht aus eine Reihe von einzigartigen Musikern. Über die Jahre haben wir innerhalb der Musiker und auch zu den Zuhörern eine ganz beondere Beziehung entwickelt.

Die Bashkirova ist jüdisch, aber sie definiert sich primär nicht als Jüdin, sondern als Musikerin. Wie ist das bei Ihnen?

Meine Mutter ist irakischer und mein Vater russischer Abstammung, also bin ich aschkenasisch-sefardisch. Ich bin der einzige Musiker in meiner Familie. Schon in sehr jungen Jahren habe ich gesungen und auf dem Tisch gespielt mit kleinen Spielzeug-Instrumenten. Also haben meine Eltern entschieden, ich soll ein richtiges Instrument lernen. Und das erste Instrument, das ich in einem Laden gesehen habe, war ein Klavier. Ich war sofort darin verliebt. Da war ich erst sechs.

 

Jüdische Allgemeine, online vom 23.4.2012

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/12813

 

 

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2Mai/12Off

Interview mit Elena Bashkirova

Die Pianistin über ihr Intonations-Kammermusikfrestival im Jüdischen Museum in Berlin

 

 

 

Frau Bashkirova, warum lieben Sie Kammermusik?

Wegen der Möglichkeit des Dialogs, dieses ständigen Immer-Neu-Lernens, wenn man mit verschiedenen Leuten spielt. Dabei entdeckt man immer neue Facetten von Musik. Daraus entsteht diese unglaubliche Tiefe mancher Stücke, die nicht auf großen Effekten beruht, diese Intimität, die die Seele berührt. Das alles kreiert einen aufmerksamen Zuhörer. Man muss aufmerksam zuhören und kann nicht nur einfach so dasitzen wie bei einem großen Konzert. Bei der Kammermusik muss das Publikum mit seinen Ohren auf die Bühne kommen.

Das Jerusalem Chamber Music Festival, das Sie seit 1998 organisieren, müsste für Sie dann ein Traumjob sein.

Die Organisation ist kein Traumjob. Man braucht sehr viel Energie, Zeit und Ideen. Erst wenn es so läuft, wie man es sich vorstellt, dann ist es ein Traum, der Wirklichkeit wird.

Geld braucht man auch. Wie finanziert sich Ihr Festival?

Die Musiker bekommen keine Gage, gottseidank. Nicht einmal ganz berühmte Leute wie Hélène Grimaud oder mein Mann Daniel Barenboim. Wir können das nur so machen, denn es ist kein subventioniertes Festival. Kammermusik ist kein Feld, auf dem man sehr viel Geld verdient.

Mit was locken Sie die Stars stattdessen?

Einmal mit der Möglichkeit, in Jerusalem  zu proben und zu spielen, in dieser wunderschönen Stadt mit ihrem absolut einmaligen Licht, mit ihrer Geschichte, die in jedem Stein steckt. Das ist unglaublich anregend. Als Festivalort ist Jerusalem geradezu prädestiniert. An erster Stelle aber kommen die Musiker wegen des fantastischen Publikums. Die Menschen hier bereiten sich das ganze Jahr auf das Festival vor. Die Intensität, mit der sie zuhören, ist einmalig. Das gibt uns Musikern viel mehr als Geld.

Ist das der Grund, warum Sie das Festival seinerzeit in Jerusalem gemacht haben und nicht etwa in Tel Aviv?

In Tel Aviv gibt es schon so viele Sachen –mehrere Orchester, viele Konzerte und Theater. Jerusalem dagegen hat wenig und es wird immer weniger. Die Stadt blutet kulturell aus, weil die ganze Elite weggeht. Deswegen brauchen die Leute, die dort noch leben, ein Musikfestival viel dringender als woanders.

Wobei Sie nicht nur in Jerusalem auftreten. Ihr Festival gastiert auch in anderen Städten.

Ich kann nicht erwarten, dass die Leute nach Jerusalem kommen. Also hat das Festival damit begonnen, zu reisen, um sich ein wenig bekannter zu machen. Nach Paris gehen wir praktisch jedes zweite Jahr. Und wir machen alle zwei Jahre Wien. Auch in London und New York war das Festival schon ein paarmal, ebenso in  Luzern und beim Rheingau-Festival.

Jetzt kommen Sie nach Berlin. Vom 24. bis 29. April gastieren Sie im Jüdischen Museum. Was steht bei den sechs Konzertabenden dort im Vordergrund?

In Jerusalem haben wir das Publikum über 15 Jahre hinweg erzogen. Es ist gewöhnt an experimentelle, neue und, sagen wir, schwierige Werke. Das können wir auf Tournee nicht machen, weil wir nicht wissen, vor wem wir spielen. In Berlin haben wir deshalb ein eher buntes Programm. Wir spielen jeden Tag einen anderen Komponisten und nie wird die selbe Besetzung zwei Mal auf der Bühne stehen. Das heißt, es gibt eine Mischung aus bekannten Meisterwerken, und jeweils einer neueren Komposition – Matan Porat zum Beispiel oder Betty Olivero. Und es gibt einen roten Faden: An jedem der sechs Abende wird ein größeres kammermusikalisches Stück von Arnold Schönberg präsentiert.

Warum steht ausgerechnet Schönberg?

Schönberg ist eine Schlüsselfigur. Er hat so eine klare Aussage. Er passt zu quasi jedem anderem Komponisten, sogar zu den Russen, aber auch zu Brahms und Schubert. Und auch zu Hanns Eisler, der sein Schüler war und dessen »14 Arten den Regen zu beschreiben« wir aufführen werden. Das Stück hat Eisler in Amerika geschrieben, als er noch bei Schönberg studiert hat. Da ist in jeder Note der Schönberg-Einfluss spürbar.

Ist der Libeskind-Bau für Kammermusik eigentlich geeignet?

Ich habe dort schon zur Eröffnung des Glashofes gespielt. Ein bißchen über-akustisch ist der Raum, doch trotzdem klingt er gut. Man muss sich ein bißchen anpassen und der Raum muss voll werden. Auf jeden Fall sieht der Glashof schön aus. Und man ist draußen. So ein Raum zwischen 400 und 500 Zuhörern ist perfekt für Kammermusik.

Sie werden bei Ihrem Berlin-Auftritt auf viele israelische Landsleute stoßen.

Es gibt Hunderte von israelischen Musikern in Berlin. Berlin ist zu einem Mekka für israelische Musiker geworden. Früher war es New York. Jetzt ist es Berlin. Es ist wie ein Schneeball. Für das Jüdische Museum ist es natürlich praktisch, all diese jüdischen Musiker aus Berlin zu präsentieren. In Jerusalem versuche ich das Gegenteil zu machen. Dort versuche ich vor allem nichtjüdische Musiker hinzubringen, so dass man auch mal etwas anderes erleben kann.

 

Quelle: Jüdische Allgemeine vom 19.4.2012

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/12802

 

 

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2Mai/12Off

Eine Oase mitten in Berlin

Junge israelische Musiker beim Intonations-Kammermusikfestival

(Daniel Barenboim und Saleem Abboud Ashkar)

Elena Bashkirova bringt es auf den Punkt: “Zwischen 10000 und 12000 Israelis leben in Berlin. Und täglich werden es mehr. Rund die Hälfte davon sind Musiker – zumindest gefühlt”, erklärt die Chefin des “Intonations-Festivals” in ihrem herzerfrischend russischen Akzent.  “Was früher New York war, das ist heute Berlin – ein Magnet für klassische Musiker aus aller Welt. Und vor allem aus Israel”. Elena Bashkirovas sechstägiges Kammermusik-Festival findet noch bis Sonntag erstmals im Jüdischen Museum in Berlin statt. In Jerusalem, wo sie dieses Festival seit nunmehr 15 Jahren leitet, ist die Veranstaltung eine feste Institution des kulturellen Lebens geworden. Und so soll es auch in Berlin werden, denn die deutsche Hauptstadt, so reich sie auch an musikalischen Highlights ist, hat bislang noch kein Kammermusikfestival.

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Berliner Version des “Jerusalem International Chamber Music Festival” ein Erfolg wird. Dafür sorgt schon eine Reihe von Weltstars, die im Glashof des Liebeskind-Baus auftreten, darunter die Pianistin Hélène Grimaud oder der Pianist und Dirigent Daniel Barenboim, der zugleich Elena Bashkirovas Ehemann ist. Und um die renommierte, in Berlin lebende Klassik-Familie zu komplettieren, wird auch noch einer der beiden Barenboim-Söhne auftreten, der Geiger Michael Barenboim.

Neben den genannten ist das Festival gespickt mit jungen israelischen Klassikinterpreten, die in Berlin leben. Die erste Adresse in Berlin und vielleicht weltweit, um als klassischer Musiker zu arbeiten, sind die Berliner Philharmoniker. Dort sind nicht nur der Geiger Guy Braunstein oder der Bratschist Amichai Grosz angestellt, sondern auch der Fagott-Spieler Mor Biron. Deshalb scheint sich die Frage beinahe zu erübrigen, warum seine Wahl ausgerechnet auf Berlin fiel. Doch der Grund ist ein anderer: “Nach Berlin bin ich zum Studium gekommen. An der Hochschule für Musik Hanns Eisler habe ich bei Klaus Thunemann und Volker Tessmann studiert”. Doch noch während des Studiums hat Mor Biron die Stelle an der Akademie der Berliner Philharmoniker bekommen. “Eine reichere Studienzeit hätte ich mir nicht wünschen können”, sagt der Musiker.

Doch auch die anderen jungen Israelis des “Intonations-Festivals”, die nicht bei einem der übrigen renommierten Orchestern oder Opern der Stadt fest angestellt sind, finden in Berlin scheinbar bessere Bedingungen als in ihrer Heimat vor. Dazu zählt auch der junge Pianist Saleem Abboud Ashkar. In Jerusalem, wo er aufgewachsen ist, hat seine Karriere vor zehn Jahren begonnen, in Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra. Der Auftritt war auch Abboud Ashkars “Entre Billet” zum Kammermusikfestival: “Damals war Jerusalem eine Stadt voller Kultur, doch das hat sich geändert. Inzwischen drängen sich dort eher religiös-politische Aspekte in den Vordergrund”, formuliert der Pianist in aller Vorsicht. Deshalb sei das Festival eine Art Oase, in die er jedes Jahr gerne zurückkehrt. Und dass das Festival nun ausgerechnet in Berlin stattfinde, jener Stadt, in der er mit seiner deutschen Frau und seinen beiden Töchtern lebt, das sei natürlich mehr als praktisch für ihn. Denn nach seinem Studium in London ist ihm eines klar geworden: “Meine musikalische Erziehung verlangt es, nach Deutschland, nach Berlin zu kommen. Denn Musik hat hierzulande noch eine andere Funktion als in Ländern wie Israel. Musik hat hier eine existentielle Funktion”.

Als praktisch würde auch Shirley Brill ihre Teilnahme beim Berliner Kammermusikfestival bezeichnen, denn die Klarinettistin hat es nicht weit ins jüdische Museum. Shirley Brill arbeitet und lebt in Berlin, gemeinsam mit ihrem Mann Jonathan Aner, mit dem sie das Duo Brillaner gegründet hat. Beide sind festangestellt an der Hochschule für Musik “Hanns Eisler” in Berlin-Mitte. Auch Brill kam über den Umweg des West-Eastern Divan Orchestra zum Kammermusikfestival in Jerusalem. Als die Klarinettistin das Orchester bei der Preisverleihung des Westfälischen Friedenspreises 2010 repräsentierte, wurde sie erstmals von Elena Bashkirova in Mozarts “Klarinetten-Quintett” (KV 581) gehört – und darauf hin engagiert. Obwohl Brill zwischenzeitlich in den USA studiert hatte, war ihre Entscheidung klar, nach Berlin zu ziehen. “Es gab verschiedene Optionen, aber ich dachte, Berlin sei die attraktivste. Ich hatte viele Freunde, die schon hier lebten. Und ich liebe die kreative Athmosphäre und das kulturelle Erbe dieser Stadt”.

Familiäre Bindungen spielen auch bei Ori Kam eine Rolle, denn seine Schwester, die Klarinettistin Sharon Kam, lebt mit ihrem Mann und den drei Kindern ebenfalls in Deutschland. Der Bratschist Ori Kam kam 2002 aus New York nach Berlin, weil er eine Anstellung bei den Philharmonikern hatte, doch Gründe für seine Wahl nennt er noch weitere: “Es gibt hier eine Menge an Kunstförderung, was Berlin in Kombination mit den extrem billigen Lebenshaltungskosten zu einem sehr aufregenden Ort für junge Künstler macht”.

Diesen Hype, der klassische Musiker aus aller Welt nach Berlin lockt, bringt der Mandolinespieler und Grammygewinner Avi Avital auf den Punkt: “Hier geht im Moment die geilste Party ab. Und davon wollte ich Teil sein”. Wie diese Party klingt, das kann man sich auch anhören. Das Festival im Jüdischen Museum geht noch bis Sonntag.

Jüdische Allgemeine vom 26.4.2012

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/12835

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Guy Braunstein und Daniel Barenboim)

 

 

 

 

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2Mai/12Off

Geistesblitz

Nachruf auf Ivan Nagel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kennengelernt habe ich Ivan Nagel Anfang der Neunziger in einem stickigen heißen Raum, der zur Berliner Hochschule der Künste, der heutigen UDK, gehörte. In diesem fensterlosen Dachzimmer ging es Stund um Stund um nichts weiter als um ein einziges Bild: Den „Schwur der Horatier“ von Jacques-Louis David. An diesem einen Bild hat uns jungen Ahnungslosen Ivan Nagel mal eben die Kunstgeschichte der Aufklärung aufgeblättert, mal eben an ein paar Pinselstrichen die europäische Zeiten- und Geisteswende um 1784 hinter die Ohren geschrieben. Für mich als Greenhorn aus der schwäbischen Provinz, der an die Bildwelt des barocken Überschwangs gewöhnt war, hatten die drei abgebildeten Horatier in etwa den selben Verve wie Pinocchio beim Einschlafen. Da war nichts zu sehen, nichts zu erkennen, nichts zu deuten.

Zunächst, denn uns Blindlingen hat Ivan Nagel von einer Kippe zur nächsten die Augen geöffnet. In dieser Meisterschaft zählt Nagel zu einer Goldenen Generation von „Lehrern“ im gerade zuende gehenden West-Berlin, Männer von schier atemberaubendem Wissen und Verstand, Männer, die wie Peter Wapnewski an nur einer mittelhochdeutschen Verszeile mal eben das dunkle Mittelalter beleuchtet, wie Norbert Miller am ersten Satz eines Romans den Übergang von Romantik zu Empfindsamkeit diagnostiziert und wie Wolfgang Wolters an einer venezianischen Holzdecke die Wiedergeburt der Antike begreiflich gemacht hat. (Gibt’s sowas heute eigentlich noch?)

Ivan Nagels Erhellungen des Horatierschwurs haben mit Theater auf den ersten Blick nichts zu tun, also jenem Fach, in dem der 1931 geborene Kettenraucher die meiste Zeit seines Lebens beschäftigt war. Das Theater war Nagel jedoch nur das Haupt-Medium, in dem sich Kulturgeschichte spiegelte. Die Weite und Vielfalt seines Intellekts spiegelt sich auch in seinen Schriften. Man stelle sich vor: Dieser Mann erklärt uns anhand von Mozarts Zauberflöte die Welt, in der wir leben. Das mit vortrefflich zu bezeichnen, wäre eine glatte Untertreibung!

Und dabei ging es Nagel nie um spöde Zurschaustellung von Wissen oder eitle Klugscheißerei. Es ging um politische Haltung, es ging um Einmischung! Politik ist bei Ivan Nagel nicht getrennt von Wissenschaftlichkeit, von seinem Wissensdurst. Wer Lust hat auf einen streitbaren Menschen, der sich klug zu Wort meldet, der sich empört über verlogene (Kultur-) Politik, der solle Nagels „Falschwörterbuch“ oder seine „Streitschriften“ lesen. Da lehnt sich einer weit aus dem Fenster, aber einer, der sich das durch seinen Sachverstand auch wirklich leisten kann.

Persönlich habe ich Ivan Nagel wieder aus den Augen verloren, auch wenn sich die Wege zuweilen gekreuzt haben, im Theater, im Flieger, in Ausstellungen. Erst später habe ich „bemerkt“, dass Ivan Nagel Jude war. Das kam mir schlicht und ergreifend nie in den Sinn, weil es nicht im Vordergrund stand bei diesem Menschen. Dabei muss Judentum eine wichtige Rolle gespielt haben. Ivan Nagel konnte nur deshalb die Schoa überleben, weil er und seine Familie seinerzeit in Budapest untergetaucht waren. Ebenso wenig stand im Vordergrund, dass Ivan Nagel schwul war. Bei der Vorstellung, dass man hierzulande vor nicht allzu langer Zeit Menschen wie Ivan Nagel wegen dem Paragraphen 175 angeklagt hat, könnte ich „kotzen“ – auch wenn man diese „Schande“ höflicher als im Berliner Trottoirjargon ausdrücken könnte. Es heißt, Adorno habe seinerzeit verhindert, dass sein schwul-jüdischer Student als „unerwünschter Asylant“ aus Deutschland abgeschoben wird. Das klingt alles nach finstergrauer BRD, aber es hat geklappt. Ivan Nagel blieb im Land der Täter: um den Geist dieses Landes zu erhellen. Dieser Geistesblitz ist am Montag, den 9. April, im Alter von 80 Jahren gestorben.

 

Jüdische Allgemeine vom 19.4.2012

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/12773

 

 

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