Jonathan Scheiner Texte & Musik

25Nov/12Off

Omer Avital, DRadio Kultur-Tonart

Spätestens seit der Bassist Avishai Cohen bei Blue Note unter Vertrag genommen wurde, ist Jazz aus Israel in den Fokus der Jazzgemeinde geraten. Doch Cohen bildet nur die Speerspitze von einer ganzen Horde von erfolgreichen Jazzern aus Israel. Die meisten dieser hervorragend ausgebildeten Musiker haben den Umweg über New York genommen - auch Omer Avital. Kaum ein Album von und mit israelischen Musikern ist in jüngster Zeit ohne diesen 1971 geborenen Bassisten und Oud-Spieler erschienen. Und auch die Liste von Avitals eigenen Alben ist enorm angewachsen. Jede dieser Aufnahmen ist so verschiedenartig wie hörenswert.
Zuletzt wurde Omer Avitals Album „Suite of the East“ publiziert, von dem auch das eben gehörte Stück stammt. Es heißt „The Abutbuls“. Das arabische Wort „Abutbul“ heißt auf Hebräisch Avital. Ein symptomatischer Titel, hinter dem sich die Wurzeln des Musikers verstecken. Omer Avitals Familie stammt aus Marokko und dem Yemen, beides Orte, an denen sich die Musik der Sefarden, also der judenspanischen Bevölkerung, mit der umgebenden arabischen Musik vermischt hat. Das ist vor allem bei der Musik von Yemen Blues zu hören. Omer Avital hat die Band vor ein paar Jahren mit dem jemenitischen Sänger Ravid Kahalani gegründet.
Kein Wunder also, dass Omer Avital auf der Suche nach seinen Wurzeln irgendwann nicht nur den Oud für sich entdeckt hat. Sondern er hat 2002 an der Thelma Yellin High School in seiner Heimatstadt Givat Ayim nahe Tel Aviv angefangen zu studieren. Und zwar nicht nur klassische Komposition, sondern auch arabische Musiktheorie und traditionelle israelische Musik. So gibt es von Omer Avital neben jementisch-arabischer Musik auch CDs mit Piyutim, also religiösen jüdischen Liedern.
"well my grandparents they were all religious, they came from marocco and Yemen and they were all observant but not orthodox extremly so I had that experience. But my parents were not religious, were less into it because of the influence of the west and the ideal of a more socialistic country coming from eastern Europe. And the ideas of Zionisms were promoting the more liberal european type of life. So I got to see both sides but I personally didn’t grew up in a religious environment. But it was there. Our life were kind of mixed influenes...it was a quite interesting time growing up in Israel during the 70ies and 80ies."
"All meine Großeltern waren religiös. Sie kamen aus Marokko und dem Jemen Sie waren zwar gläubig, aber nicht extrem orthodox. So kannte ich diese Religiösität von zuhause. Wobei meine Eltern nicht religiös, sondern eher dem Westen und den Idealen des Zionismus zugewandt waren. Also kannte ich beide Seiten von zuhause. (Ich wuchs zwar nicht in einem religiösen Umfeld auf, aber es war trotzdem da.) Unsere Existenzen wurden sozusagen von gemischten Einflüssen geformt. Es war eine sehr interessante Zeit, in Israel während der Siebziger- und Achtzigerjahre aufzuwachsen."
Dabei übersieht man nur allzu leicht, dass Omer Avital nicht etwa Folk spielt, sondern in erster Linie ein Jazzmusiker ist. Er ist bereits mit vielen New Yorker Größen aufgetreten, mit Brad Mehldau, Roy Haynes, Kenny Garrett oder Joshua Redman. Auch mit vielen Jazzmusikern aus Israel tritt Omer Avital regelmäßig auf. Zum Beispiel mit dem Trompeter Avishai Cohen, mit dem er die Band Third World Love betreibt. Oder mit dem Pianisten Omer Klein. Und auch mit der Klarinettistin Anat Cohen, die das Label Anzic Records betreibt, auf dem auch Omer Avitals Alben erscheinen.
"So at some point I played Jazz and many different types of music and when I moved to New York City and as a young man I was searching for my identity, as you see everybody in New York knows knows where they come from and were they are going. Everybody is living together but everybody has it’s personal form of identity and i t made me think about myself coming from Israel and what does it mean to be Israeli and what does it mean coming from the Yemen and Marocco, so I started digging deeper into it and asking my parents, mostly buying records, buying tapes and cds and reading....and the more I got into it as well as classical arabic music and north african music and I realized the connections to Jazz and other music. ((((It really helped being in New York, being away from Israel...once I realized it it just became a part of me, it’s like a continuous developement))))"
"An einem bestimmten Punkt spielte ich Jazz und viele verschiedene Arten von Musik. Und als ich nach New York zog, fing ich an, meine Identität zu suchen. Jeder in New York weiß, woher er kommt und jeder hat seine persönliche Form der Identität. Deshalb habe ich sehr stark angefangen über mich als Israeli nachzudenken und was das bedeutet. Also habe ich angefangen, tiefer zu graben und meine Eltern zu befragen. Und je mehr ich anfing, mich in arabische Musik und die Musik Nordafrikas zu bewegen, je mehr habe ich die Verbindungen zum Jazz und anderer Musik realisiert."
Dass sich Omer Avital nicht ausschließlich im afroamerikanischen Jazzidiom bewegt, ist selbst auf jenen Platten zu hören, die beim Jazzlabel Smalls Record erschienen sind. Die jüngste von 2011 hat den Titel „Free Forever“, der an die Ikonen des Freejazz erinnert. Doch man sollte sich nicht täuschen lassen. „Free Forever“ meint nicht nur, dass dort ausgiebig improvisiert wird, sondern dass sich schon mal die eine oder andere arabische Phrase oder ein Piyut untermogelt. In der „freien Welt“ von Omer Avital ist das alles möglich.
Omer Avital_Scheiner–final
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12Nov/12Off

Daniel Barenboim zum 70. Geburtstag

Wohltemperiertes Phänomen

Daniel Barenboim ist auch mit 70 streitbar wie eh und je – doch musikalisch umstitten ist er nicht

Dieser Mann ist nicht nur einer der besten Pianisten, sondern auch einer der renommiertesten Dirigenten weltweit. Und weil er ein politisch überaus engagierter Mann ist, so besitzt er neben seiner israelischen, spanischen und argentinischen Staatsbürgerschaft ehrenhalber auch noch die palästinensische. Seine Diskografie ist ebenso ellenlang wie die Liste an Preisen, die er im Laufe seines Lebens verliehen bekam. Und das Beste an ihm: Mit 70 Jahren ist der Generaldirektor der Staatsoper Berlin ungebrochen vital. Am 15. November feiert er seinen Geburtstag – natürlich mit viel Musik.

Schwer, dieses so pralle Musikerleben in knappe Worte zu fassen: Die Familie der Barenboims (dem jiddischen Wort für Birnbaum) floh 1904 aus Russland nach Buenos Aires, wo er 1942 als Kind von zwei Musikpädagogen geboren wurde. Sein internationales Solistendebüt als Pianist war 1952, mit Zehn! Schon zwei Jahre später schwärmt selbst der große Wilhelm Furtwängler von dem Wunderknaben: „Daniel Barenboim ist ein Phänomen“. Weitere zwei Jahre später ist der Pianist schon in Frankreich, um bei Nadia Boulanger Kontrapunkt und Komposition zu studieren. Aus etwa der selben Zeit stammen die ersten Schallplattenaufnahmen. Ein x-beliebiger Griff in die Plattenkiste mit herausragenden Einspielungen: Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ (2004), Brahms „Sonaten für Cello und Piano“ (mit Jacqueline Du Pré 1968) oder Mozarts „Violin-Sonaten KV 301“ (mit Itzhak Perlman 1984).

1967 debütierte Barenboim dann auch als Dirigent. Über den Umweg Paris (1975-1989), London (1967) und Chicago (1991-2006) kam der Musiker 1991 schließlich nach Berlin, wo er heute mit seiner zweiten Ehefrau, der Pianistin Elena Baschkirowa lebt und mit der er zwei Söhne hat (in erster Ehe war er mit der Ausnahme-Cellistin Jacquelin du Pré verheiratet).

In Berlin war der Musiker schon vorher regelmäßiger Gast, so auch, als er 1989 aus Anlass des Mauerfalls zwei Beethoven-Symphonien aufführte. 1996 ließ er dann auf der Riesenbaustelle am Potsdamer Platz Baukräne nach seinem Taktstock „tanzen“. Doch nicht nur seine Auftritte in Berlin waren ebenso medienwirksam wie großartig. In den Achtzigerjahren war er regelmäßiger Gast in Bayreuth, um „Tristan und Isolde“ und später den „Ring der Nibelungen“ aufzuführen. Dabei war sich Barenboim bewusst, dass Richard Wagner ein Antisemit war, doch er trennte den „Hassprediger“ vom Musiker Wagner: „Um es in aller Schärfe zu sagen, die Person Wagner ist absolut entsetzlich, ja verachtenswert und irgendwie schwer zu verinbaren mit der Musik, die er geschrieben hat. Der Klarheit halber muss man auch sagen, dass sich in den Opern selbst keine einzige jüdische Figur findet. Hier fällt nicht eine einzige antisemitische Bemerkung. In den zehn großen Opern Wagners gibt es keine Figur, die einem Shylock irgendwie gleichkäme“, schrieb Barenboim in seinem Buch „Parallelen und Paradoxien – Über Musik und Gesellschaft“ (2004).

2001 hoffte Barenboim auf die selbe Offenheit gegenüber Wagner seitens der israelischen Gesellschaft, denn bei einem Gastspiel spielte der Dirigent der Staatskapelle Berlin als Zugabe den Orchesterauszug aus „Tristan und Isolde“. Ein Eklat folgte. Der daraus resultierende Versuch einiger Knesset-Abgeordneter, Barenboim in Israel zur „persona non grata“ zu erklären, scheiterte jedoch kläglich. Denn schon 2004 wurde Barenboim in seinem Heimatland der renommierte Wolf-Preis verliehen. Der Musiker bedankte sich mit einer vollen Breitseite gegen konservative Knesset-Abgeordnete, indem er die jüdischen Siedlungen als „Krebsgeschwür“ bezeichnete: „In tiefer Sorge frage ich heute, ob die Besetzung und Kontrolle eines anderen Volkes mit Israels Unabhängigkeitserklärung in Einklang gebracht werden kann. Wie steht es um die Unabhängigkeit eines Volkes, wenn der Preis dafür ein Schlag gegen die fundamentalen Rechte eines anderen Volkes ist”? Die Retourkutsche ließ nicht lange auf sich warten. Barenboim, so der Vorwurf, missbrauche die Bühne des Parlaments, um Israel zu attackieren. Das Preisgeld von 50.000 Dollar hat der Maestro übrigens für die musikalische Erziehung von israelischen und palästinensischen Kindern gestiftet.

Barenboims Engagement für die palästinensische Sache hat nicht Publicity-Gründe, sondern ist einer tiefen Überzeugung geschuldet. 2008 schrieb er in der New York Times: “Ich bin sozusagen der lebende Beweis für die Tatsache, dass nur eine pragmatische Zwei-Staaten-Lösung (oder besser, so absurd das klingen mag, eine Föderation der drei Staaten Israel, Palästina und Jordanien) Frieden in diese Region bringen kann”. Das ist starker Tobak für Menschen dies und jenseits des anti-arabischen Schutzwalls: ein geradezu unfassbarer Gedanke, ein Tabu.

Vielleicht ist eine der hervorstechendsten Eigenschaften von Barenboim, dass er nicht nur zum Tabubruch neigt, sondern die Hartnäckigkeit, mit der er seinen politischen (und musikalischen) Standpunkt vertritt. Mit dem palästinensichen Autor Edward Said hat ihn eine langjährige Freunschaft verbunden, die auf dem Glauben an die friedensstiftende Wirkung von Kunst fusste. Ihren geistreichen Worten haben die beiden Männer Taten folgen lassen, als sie 1999 das West-Eastern Divan Orchestra gründeten. Das Orchester setzt sich aus Musikern aus Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten genauso zusammen wie aus Ägyptern, Syrern oder Jordaniern. Im August 2005 spielte das Orchester sogar ein Konzert in Ramallah – für die meisten  Israelis so etwas wie der Vorhof der Hölle, der auf der Gefahrenskala auf selber Höhe rangiert wie “Hamastan“. Dort, im Gazastreifen, ist Barenboim dann im letzten Jahr aufgetreten, gemeinsam mit seinem Sohn Michael.

Barenboims Arbeit mit den jungen Musiker des West-Eastern Divan Orchestra ist beseelt von dem Gedanken, dass Musik eine Brücke baut zwischen verfeindeten Kulturen. Shirley Brill, eine junge israelische Klarinettistin des  Orchesters, hat es auf den Punkt gebracht: „ Barenboim ist ein Genie, aber auf der anderen Seite verlangt er sehr viel von uns. Denn normalerweise hatte ich gar keine Möglichkeit, Araber zu treffen und mit ihnen über die politische Situation zu sprechen. Es ist ihm wichtig, dass wir lernen, dass es keine militärische Lösung gibt.“

Es überrascht nicht, dass Barenboims politisches Engagement preisträchtig ist, zumal hierzulande, wo man sich schon mal gerne in die israelische Politik einmischt – stets wohlmeinend wohlgemerkt. So kommen neben Barenboims musikalischen Ehren (sämtliche  bedeutenden Musikpreise hat er ohnehin schon abgeräumt) vermehrt Auszeichnungen für seine „friedensstiftende“ Arbeit. Über jeden Zweifel erhaben sind seine Projekte wie die Young Academy Rostock zur Förderung musikalisch hochbegabter Kinder oder die Gründung eines Musikkindergartens in Berlin. Das ist ebenso preiswürdig wie die Gründung des West-Eastern Divan Orchestras, das ein Meilenstein in der Aussöhnung von Palästinensern und Israelis ist. Doch die Häufung von Preisen für „Toleranz“, „Menschenrechte“ oder „Humanität“ macht skeptisch, ob sich da nicht eine anti-israelische Position ein Ventil sucht, die eigentlich verkappter Antisemitismus ist. Unter dem Motto: Wenn sogar ein so hervorragender Jude wie Barenboim die Politik des Judenstaates kritisiere, dann sei die eigene Kritik doch wohlfeil. Die Frage drängt sich auf, ob nicht der eine oder andere Juror einem Kritiker wie Barenboim, der bei der Judenfrage, pardon Palästinafrage, kein Blatt vor den Mund nimmt, doppelt so gerne eine Auszeichnung wie etwa den Bruno-Kreisky-Preis oder den Internationalen Willy-Brandt-Preis überreicht? Doch welche hehren oder niederen Beweggründe auch immer unter den Preisstiftern bestehen – das letzte Wort hat der Jubilar: „Meine Erfahrung – auch im West-Östlichen Diwan Orchester – ist, dass gerade die junge Bevölkerung sowohl in Israel als auch in Palästina zunehmend nach Offenheit und Menschlichkeit strebt und die endlosen Verhandlungen und den politischen Stillstand satt hat“.

 

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/14452

 

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