Jonathan Scheiner Texte & Musik

15Feb/13Off

Joey Baron, DeutschlandRadio Kultur – Tonart, 26.2.2013

Der Schlagzeuger Joey Baron ist längst nicht mehr nur ein Sideman von John Zorn. Aus dessen Windschatten ist der 1955 geborene Amerikaner längst herausgetreten, wenngleich er noch immer als einer der wichtigsten Vertreter der New Yorker Downtown Avantgarde und im speziellen der Radical Jewish Culture gilt. Inzwischen reihen sich die Großen des Jazz, mit denen Joey Baron auftritt, wie auf einer Perlenschnur auf. Und jetzt spielt der lachende Tausendsassa auch noch Zeitgenössische Musik, vor allem mit der Perkussionistin Robyn Schulkowsky.

Musik 1:

„WRU“ from John Zorn: Syp vs. Spy. Electra Nonesuch 1989, 00:00-00:35

Autor 1:

Das waren noch Zeiten, als Joey Baron an der Seite von John Zorn Kompositionen von Ornette Coleman „gedroschen“ hat. Ein  Vierteljahrhundert ist das nun her. Zwischen dem zauseligen Heißsporn von damals und dem fast schon brav assistierenden Glatzkopf von heute liegen ein paar gravierende Gesinnungswandel. Über die Jahre hat sich der 1955 geborene Amerikaner zu einem der führenden Jazzschlagzeuger entwickelt.

Musik 2:

„Bit of Water“ from Joey Baron: We’ll soon find out. Intuition 1999, 00:50-01:50

Autor 2:

Barons Liste an CD’s unter eigenem Namen ist relativ kurz. Doch als Sideman taucht der Schlagzeuger aus Richmond/Virginia auf mehr als einhundert Alben auf. Regelmäßig spielt er mit Bill Frisell, Marc Johnson oder John Abercrombie. Und seit ein paar Jahren vermehrt auch mit Jazz-Ikonen: Ron Carter - wie eben gehört - , oder Buster Williams und Steve Kuhn, mit denen Baron zuletzt im Berliner A-Trane aufgetreten ist. Wegen dieser Ikonen kam Joey Baron überhaupt erst zum Jazz. Der Schlagzeuger sagt, er wolle die Zeit nutzen, so lange Altväter wie Buster Williams ihr Wissen noch weitergeben können.

O-Ton 1:
Playing with Buster was really a blast.
Right from the first note we looked at each other and we understood, ok, we dont have to worry about anything. This is goin to feel good. It was the first time playing with him and I was so happy. We had a great fun.....
I spent my whole life playing this music, hoping to play with people that have that quality of walking and feeling and when you get to do it it makes all the years it makes it worth going through when you get to play with somebody like that.

Sprecher 1:
Mit Buster zu spielen war der Wahnsinn. Schon ab der ersten Note haben wir uns angesehen und verstanden: Ok, wir müssen uns wegen nichts sorgen, es wird großartig werden. Es war das erste Mal, dass ich mit ihm aufgetreten bin. Wir hatten so viel Spaß. Ich habe mein ganzes Leben diese Musik gemacht, in der Hoffnung auf Leute, die eine solche Qualität haben. Und wenn es dann passiert, dass du mit so jemandem spielst, dann weißt du, wofür du dich all die Jahre geplagt hast.

Autor 3:

Doch berühmt wurde Joey Baron nicht an der Seite dieser Jazz-Ikonen, sondern vor allem durch seine Kollaboration mit John Zorn. Als Teil der New Yorker Downtown Avantgarde hat Joey Baron Geschichte geschrieben. Als Zorn dann seine Jüdischkeit in den Vordergrund rückte, war es Joey Baron, der in dessen wegweisendem Masada-Quartett trommelte. Mit Zorn hat der Schlagzeuger ab 1985 satte 50 Alben eingespielt. Darunter etliche Meilensteine der sogenannten Radical Jewish Culture. Zum Ettikett „jüdisch“ hat Joey Baron allerdings ein zwiespältiges Verhältnis.

O-Ton 2:
Masada still goes on but it is very rare now.
I am involved with Zorn...you know it is a long term relationship but I do a lot of other thing that have nothing to do with John.
I dont know what jewish music is. It is a question just like: What is black music. I believe in people. I dont believe in religion I dont believe in a god...and the goodness that is inherently in every living being. Putting a label like jewish music or black music... basically if you are a musician your job is to make music. Not so much the titles.
Jewish is just that what I was born it’s a culture and it’s a religion. I mean there is so many beautiful things about the culture, the way you view life. ....... The religious aspect I decided to stop. I dont agree in religion.
It is classic in any religion you see people in church or in synagoge one day of the year. But as soon as the holiday is over they go back beeing an asshole ((((Hahahaha)))

Sprecher 2:
Masada gibt es immer noch, aber die Auftritte sind selten geworden. Ich arbeite immer noch mit Zorn. Es ist eine Verbindung, die über Jahre anhält, aber ich habe eine Menge anderer Dinge zu tun. Dabei weiß ich nicht einmal, was Jüdische Musik ist. Es ist eine Frage wie: Was ist Schwarze Musik? Ich glaube viel mehr an Menschen, nicht an Religion. Ich glaube nicht an einen Gott. Göttlichkeit steckt viel eher in jedem Wesen. Ein Ettikett zu verwenden wie Jüdische Musik oder Schwarze Musik ist doch – ich meine, wenn du Musiker bist, dann ist es deine wichtigste Aufgabe, gute Musik zu machen und nicht so sehr auf die Ettiketten zu achten.
Jüdisch ist, wie ich geboren wurde. Es ist eine Kultur und eine Religion. Es gibt so viele schöne Dinge an dieser Kultur, die Art und Weise, das Leben zu betrachten. Doch die religiösen Aspekte habe ich abgelegt. Ich bin nicht sehr religiös. Es ist doch geradezu klassisch in jeder Religion: Die Leute gehen einmal im Jahr  zur Kirche oder in die Synagoge. Aber sobald der Feiertag zuende ist, laufen sie wieder als Arschloch herum.

Autor 4:

Kaum bekannt ist, dass sich Joey Baron noch während er als Teil der Radical Jewish Culture agierte, sich ein weiteres Feld erschlossen hat: Die Zeitgenössische Musik. Das Ganze ging los, als er seine heutige Lebenspartnerin kennenlernte, die amerikanische Perkussionistin Robyn Schulkowsky. Was vor 12 Jahren bei einem Konzert in Potsdam begann, hat sich zu einer Langzeit-Arbeitsverbindung entwickelt: Zwei völlig verschiedene Musiker, innig vereint im Trommeln nach Noten.

Musik 3:
„VBB#4“ from Baron/Schulkowsky: Dinosaur Dances. 00:00-00:30

Autor 5:

Es gibt sogar schon CD’s von den beiden wie Dinosaur Dances, die es ausschließlich in der Downtown Music Gallery in New York zu kaufen gibt. Und auch Armadillo, soeben erschienen bei New World Records, ist in Deutschland schwer zu bekommen.
Diese unbekannte Seite des Joey Baron kann man sich auch live anhören, bei einem Konzert bei der Maerzmusik im Haus der Berliner Festspiele. Am 15. März wird das Duo Schulkowsky- Baron ein Werk des amerikanischen Komponisten Christian Wolff uraufführen.
Wem der alte Joey Baron dennoch lieber ist, der kann sich über die neue Scheibe von Eliane Elias und Marc Johnson freuen – mit einem Joey Baron in Bestform: Ein Schlagzeuger mit enormen Fähigkeiten und großem Einfühlungsvermögen - und zumeist’ mit einem strahlenden Lachen im Gesicht. Kein Wunder’ bei einem solchen Zusammenspiel.

Musik 4:

„One Thousand and One Nights“ from Eliane Elias: Swept Away. 00:00-8:18 (nach Bedarf stehen lassen für die Abmod.)

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