Jonathan Scheiner Texte & Musik

8Mrz/13Off

Alles kann zu jeder Zeit passieren – Steve Kuhn zum 75. Geburtstag


 

Was für eine kuriose Geschichte: Eine jüdische Jazzikone, die noch nie im Leben in Israel war, feiert ausgerechnet den 75. Geburtstag in Tel Aviv - mit einem großen Konzert am Opernhaus. Der Pianist Steve Kuhn, am 24.3. 1938 in Brooklyn geboren, tritt bei seinem Antrittskonzert mit seinem Jazztrio und einem israelischen Streicherensemble auf. Gespielt werden nicht etwa Kompositionen des Jubilars. Die Songs stammen vom israelischen Schlagerkomponisten Sascha Argov. Klingt fast so, als habe Kuhn im Alter seine Jüdischkeit entdeckt. Doch so ist es nicht. Steve Kuhn, dessen Familie schon Anfang des 20. Jahrhunderts aus Ungarn in die USA einwandert ist, hat mit Judentum nichts am Hut: „Über meine Jüdischkeit gibt es nichts zu erzählen. Ich bin überhaupt nicht religiös, hatte niemals eine Barmizwa. Ich bin zwar jüdisch, aber ich fühle mich mehr zu meinen ungarischen Wurzeln hingezogen“. Doch auch dazu hat Kuhn nur eine lose Bindung. Auch in Budapest war er noch nie!

Das ist umso erstaunlicher, wenn man sich die lange Karriere des Pianisten ansieht, die weltweite Tourneen ebenso einschließt wie Dutzende von Alben, die in den USA und in Europa produziert wurden. Kuhn zählt zu den ganz Großen seines Fachs, selbst wenn er bei der Nennung der berühmtesten Jazzpianisten niemals an erster Stelle auftaucht. Der Mann, der schon als Fünfjähriger über die harte „Russische Schule“ zum Klavier kam, hat schon sehr früh mit all den Berühmtheiten des Genres gespielt, mit Ornette Coleman, Bill Evans oder Kenny Dorham. Aber spätestens seit Steve Kuhn Teil des Quartetts um den epochalen Saxophonisten John Coltrane wurde, entwickelte er sich selbst zum Star.

Das spiegelt sich vor allem in der Liste seiner Alben unter eigenem Namen, denn Kuhns Karriere ist nicht die eines „Sideman“, sondern die eines Bandleaders. Vor allem das Aufeinandertreffen mit dem Produzenten Manfred Eicher und seinem Münchner Label ECM hat einen entscheidenden Karriere-Impuls gegeben. Kuhn war gerade aus Stockholm zurückgekehrt. Dorthin war er ein paar Jahre vorher gezogen, der Liebe wegen zu der schwedischen Sängerin und Schauspielerin Monica Zetterlund. Die erste einer langen Serie von CDs aus dem Hause ECM entstand dann 1974, das zweite sehr spontan kurz darauf in Oslo, weil zufällig nach dem Album-Mix das Studio am nächsten Tag noch frei war. Es folgte eine lange schweißgebadete Nacht, erzählt Steve Kuhn, in der er sein Hirn marterte, was er denn überhaupt spielen solle, denn er war überhaupt nicht vorbereitet. Am Ende wurde alles gut: Ein paar Eigenkompositionen, ein paar Standards und ein paar Improvisationen. Dazu eine gute Führung durch den Produzenten, wie sich Kuhn erinnert, und einen Klavierstimmer, der sage und schreibe während der gesamten Aufnahme anwesend war. Eine solche „Aufmerksamkeit“ war Kuhn bislang noch nie zuteil geworden.

Diesen beiden „Debüt“-Alben sollten viele weitere folgen, zumeist im Trio eingespielt. In dieser Formation offenbart sich Kuhns Verständnis von Musik am besten: „Für mich geht es beim Trio um Konversation, um die Gleichberechtigung aller Mitspieler. Für mich ist der musikalische Dialog sehr wichtig. Es geht nicht darum, dass ich als Pianist vom Bassisten und vom Schlagzeuger nur begleitet werde. Es geht darum, die Musik offen zu lassen. Alles kann zu jeder Zeit passieren.“ Vor diesem Hintergrund erstaunt nicht, dass die die große Klasse von Steve Kuhns Musik in der Virtuosität seiner Mitspieler spiegelt. Der Pianist arbeitet nur mit wenigen Musikern zusammen, mit diesen aber über Jahrzehnte, wie mit dem Bassisten Ron Carter oder den Schlagzeugern Billy Drummond und Al Foster. Und auch mit Buster Williams oder Joey Baron spielt Steve Kuhn seit Jahrzehnten zusammen. Es klingt wie ein Treppenwitz, dass die beiden erstmals im Januar im Berliner A-Trane gemeinsam auf der Bühne standen.

Doch definitiv jeder dieser Musiker hat schon im Birdland in New York gespielt. Im Mekka des Jazz zelebriert Steve Kuhn jährlich ein Festival zu Ehren von John Coltrane. Dort schließt sich ein Kreis, wenn zwei Jazzikonen sich die Hände reichen: auf Augenhöhe.

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/15538

 

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3Mrz/13Off

Trommeln nach Noten – Robyn Schulkowsky & Joey Baron bei der Maerzmusik

 

 

Robyn Schulkowsky und Joey Baron über ihre Liebe zu Perkussionsinstrumenten und ein Werk, das der  amerikanische Klassiker Christian Wolff eigens für die beiden Musiker komponiert hat. Das Stück wird bei der Maerzmusik im Haus der Berliner Festspiele am 15.3.2013 uraufgeführt.

Wie kommen zwei so unterschiedliche Perkussionisten dazu, gemeinsam Musik nach Noten zu spielen?

Joey Baron: Das machen wir schon sehr lange. Ich habe Robyn vor 12 Jahren bei einem Konzert in Potsdam kennengelernt, zu dem sie mich engagiert hatte. Für mich als Jazzschlagzeuger war das eine komplett neue Erfahrung. Ich war seinerzeit noch Teil von John Zorns Masada-Projekt und habe sogenannte Radical Jewish Culture gespielt. Als Jazzschlagzeuger in New York bist du es gewohnt, sehr intensiv für ein paar Stunden zu proben und anschließend wieder nach Hause zu gehen. Aber dort in Potsdam haben die Musiker ein paar Takte gespielt und haben dann erst mal eine Kaffepäuschen gemacht. Das hat mich anfangs amüsiert. Dabei hatte ich überhaupt noch nicht kapiert, worum es bei dieser Art von Musik geht. Nach einer Weile lief es mir dann eiskalt über den Buckel. ‚Holy Shit’, dachte ich mir, es geht ja gar nicht um die Noten, sondern um das Gesamtbild. Es geht um das Zuhören.

 

Wie kam es zur gemeinsamen Uraufführung von Christian Wolffs Werk?

Robyn Schulkowsky: Ich spiele die Musik von Christian Wolff schon sehr lange. Er ist der letzte Lebende der sogenannten „New York Four“, jener revolutionären Gruppe um John Cage, Morton Feldman und David Tudor. Wir haben schon ein paar Platten zusammen gemacht. Die Zusammenarbeit enstand über John Cage, als ich 1990/1991 in der Neuen Pinakothek in München eine Konzertreihe und eine Ausstellung zu Cage gemacht habe. Dann bin ich nach Berlin gezogen und Wolff hat glücklicherweise damit angefangen, viel für Schlagzeug zu komponieren. Später hat er auch speziell für mich Stücke geschrieben. Und natürlich bietet es sich dann an, dass ich mit Joey Baron, der auch im richtigen Leben mein Partner ist, Wolffs Stücke spiele. Gerade eben ist bei New World Records eine CD erschienen, auf der - neben uns beiden - die Grammy-Preisträgerin Kim Kashkashian Duos von Christian Wolff spielt.

 

Welchen gemeinsamen Nenner gibt es denn zwischen ihnen beiden, einem Jazz-Schlagzeuger und einer klassisch ausgebildeten Perkussionistin?

Joey Baron: Ich habe Christian Wolff vor ein paar Jahren durch Robyn kennengelernt und dann ein paar Projekte gemacht. Seine Musik zu spielen ist sehr schwer für mich als Jazzer, weil ich diese Art von Disziplin nicht gewöhnt bin. Aber jedesmal, wenn ich diese Musik spiele, dann habe ich den Eindruck, etwas unglaublich Wertvolles getan zu haben. Das hat großen Einfluss auf alles, was ich sonst so spiele. Wolff ist ein wunderbarer Komponist. Und seine Musik ist eine große Herausforderung. Wenn ich diese bestehe, dann ist es für mich eine herrliche Erfahrung. Und es ist ebenfalls eine wunderbare Erfahrung, mit einer so erfahrenen Musikerin wie Robyn aufzutreten. Ein bisschen wie im Falle meiner Kollaboration mit der Jazzikone Ron Carter – als spiele man mit einem Giganten. Im Falle von Christian Wolffs Musik ist Robyn dieser Gigant!

Was schätzen Sie an Christian Wolff?

Robyn Schulkowsky: Seine Stücke sind nicht im klassischen Sinne tonal geschrieben. Die völlig altmodische Idee von Harmonik, die sprengen wir sowieso jedes Mal. Sprengen - das ist sozusagen unserer Spezialgebiet. Wir lassen uns auch nicht in ein künstlich erzwungenes Zwölftonsystem zwängen. Unserer Klänge können alles, auch was zwischen den Tönen, darunter und darüber liegt. Das alles kann Perkussion im Gegensatz etwa zum Klavier! Es kommt mir total befremdlich vor, wenn die Leute heutzutage mit mir über Harmonik in der Neuen Musik reden möchten.

 

Und was gefällt Ihnen an seiner Musik?

Joey Baron: Wenn du willst, dass Wolffs Musik gut klingt, dann musst du darauf Acht geben, was just in diesem Moment mit den Musikern passiert, mit denen du spielst. Das sollte man ohnehin tun, auch im Jazz. Doch speziell in Wolffs Musik musst du auf den Klang achten, auf die Klangqualität. Und beim Jazz haben die meisten Musiker eine Art Klang-Diarröh: Sie hören niemals auf zu spielen oder nehmen ihr Saxophon nicht eine einzige Sekunde aus dem Mund. Sie lassen einfach keine Stille zu. Und das ist es, was ich von Robyn und Christian gelernt habe - wie wichtig Stille in der Musik ist.

 

Welche Rolle spielt denn die Jüdischkeit in der Musik von Christian Wolff, Robyn Schulkowsky und Joey Baron?

Joey Baron: Jüdisch ist, wie ich geboren wurde. Es ist eine Kultur und eine Religion. Es gibt so viele schöne Dinge an dieser Kultur, die Art und Weise, das Leben zu betrachten. Doch die religiösen Aspekte habe ich abgelegt. Ich bin nicht sehr religiös. Es ist doch geradezu klassisch in jeder Religion: Die Leute gehen einmal im Jahr zur Kirche oder in die Synagoge. Aber sobald der Feiertag zuende ist, laufen sie wieder als Arschloch herum.

Robyn Schulkowsky: Meine Familie stammt aus Ost-Polen, Richtung Litauen. Mein Großvater kam als Sechszehnjähriger am Ende des 19. Jahrhunderts in die USA. Doch seine Jüdischkeit hat er genauso abgelegt wie seinen Pass, weshalb wir seinerzeit Probleme mit seiner Beerdigung hatten. Meine Mutter ist protestantisch, hat also mit Judentum nichts am Hut. Genauso wenig wie mit meiner Musik, die ihr völlig fremd ist.

 

Und was ist für Sie jüdische Musik?

Joey Baron: John Zorns Masada und die sogenannte Radical Jewish Culture gibt es immer noch, aber die Auftritte sind selten geworden. Ich arbeite immer noch mit Zorn. Es ist eine Verbindung, die über Jahre anhält, aber ich habe eine Menge anderer Dinge zu tun. Dabei weiß ich nicht einmal, was Jüdische Musik ist. Es ist eine Frage wie: Was ist Schwarze Musik? Ich glaube viel mehr an Menschen, nicht an Religion. Ich glaube nicht an einen Gott. Göttlichkeit steckt viel eher in jedem Wesen. Ein Ettikett zu verwenden wie Jüdische Musik oder Schwarze Musik ist doch – ich meine, wenn du Musiker bist, dann ist es deine wichtigste Aufgabe, gute Musik zu machen und nicht so sehr auf die Ettiketten zu achten.

Robyn Schulkowsky: Komische Frage, „was ist jüdische Musik?“, ähnlich wie „was ist weibliche Musik“? Warum sollten Frauen nicht Musik machen und warum nicht Schlagzeug spielen? Zugegeben gibt es wenige Frauen mit diesem Instrument, weshalb ich keine weiblichen Vorbilder habe. Doch ich habe einfach immer schon Schlagzeug gespielt, auch am Konservatorium, wo ich außerdem Oboe und Klavier gespielt habe. Das ‚musste’ ich spielen, aber Schlagzeug ‚wollte’ ich immer spielen. Es gab immer nur dieses eine Instrument und diese Klänge, die man aus diesen Instrumenten herausholt. Mehr kann ich eigentlich gar nicht sagen. Hat mich einfach immer fasziniert!

 

 

Robyn Schulkowsky wurde 1953 in Eureka/South Dakota geboren. Sie kam in den Achtzigerjahren nach Köln, das damals wegen Komponisten wie Karlheinz Stockhausen oder Mauricio Kagel einen vergleichbar hohen Rang in der Musikwelt genoss wie Berlin heute. Schulkowsky kam jedoch schon Anfang der Neunzigerjahre vor dem großen Hype an die Spree. Sie gilt als wichtigste Perkussionistin der Neuen Musik.

Joey Baron wurde 1955 in Richmond/Virginia geboren. Er ist wesentlicher Bestandteil der sogenannten Radical Jewish Culture, die Teil der New Yorker Downtown Avantgarde ist. Der Mann mit dem herzhaften Lachen beim Spielen taucht als Sideman auf mehr als 100 Alben auf. Er ist einer der wichtigsten Jazzschlagzeuger unserer Zeit.

 

 

Mit Robyn Schulkowsky und Joey Baron sprach Jonathan Scheiner, umgeben von hunderten von Perkussionsinstrumenten in einem Kreuzberger “Work-Space” in der Größe eines Ballettstudios.

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/15423



 

 

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