Jonathan Scheiner Texte & Musik

11Jun/13Off

Avital Meets Avital

Die Idee zur Zusammenarbeit war seinerzeit schon auf der Musikakademie in Givatayim entstanden. Wegen des gemeinsamen Nachnamens Avital waren die beiden Musiker aufeinander neugierig geworden, obwohl der eine Jazz und der andere Klassische Musik studierte. Doch erst seit letztem Jahr arbeiten der Mandolinespieler Avi Avital und der Bassist Omer Avital zusammen. Ihr Debüt haben sie seinerzeit beim Musikfest in Bremen gegeben. Im Mai sind sie im Rahmen des Israelfestivals in Jerusalem und Holon aufgetreten. Nun kommt ihr Projekt Avital Meets Avital zu den Jüdischen Kulturtagen in Berlin.

Auf den ersten Blick könnten die beiden Macher des Projekts Avital Meets Avital unterschiedlicher nicht sein: Der eine, ein Mandolinespieler, der zuletzt eine CD mit Musik von Johann Sebastian Bach veröffentlicht hat. Und der andere: Ein Jazzbassist, der zuweilen auch zum Oud greift, der arabischen Kurzhalslaute. Doch tatsächlich haben der Mandolinespieler Avi Avital und der Bassist Omer Avital viel mehr gemein als nur ihren Nachnamen. Die beiden stammen aus Israel. Kennengelernt haben sich die beiden in Jerusalem am Konservatorium. Ihr gemeinsamer Nachname hat sie einst aufeinander aufmerksam gemacht. Doch dann haben sie sich erst mal wieder aus den Augen verloren.

Avi Avital hat Klassische Musik in Padua studiert und ist anschließend nach Berlin gezogen. Ursprünglich deshalb, weil er die Partystimmung in der deutschen Hauptstadt so sexy fand, doch inzwischen hat er dort eine Heimat gefunden. Parallel dazu hat sich Avi Avital zu einem der führenden Mandolinespieler gemausert. Er hat einen prestigeträchtigen Plattenvertrag bei der altehrwürdigen Deutschen Grammophon ergattert und wurde zuletzt sogar für einem Grammy nominiert. Sowas hatte es für die Mandoline in der Klassik bislang noch nicht gegeben.

Doch ein Musiker, der sich ausschließlich der Klassischen Musik verschrieben hat, ist Avi Avital nicht. Vielmehr unternimmt der Mandolinespieler regelmäßig Ausflüge in andere Musikgattungen, spielt Klezmer mit Giora Feidman oder David Orlowsky. Und nun eben auch mit dem Jazz-Bassisten Omer Avital, der seinerseits eine schillernde Persönlichkeit ist. Es gibt eine Reihe wunderbarer Jazzplatten von dem in New York lebenden Israeli. Und es gibt Aufnahmen von ihm, bei denen er jemenitische Popmusik spielt oder Piyutim aus Marokko. Ein weiteres gemeinsames Interesse der beiden Musiker, verrät Avi Avital.

I was born in Ber-Sheva, Israel. My parents came from Marocco. They immigrated as a jewish family, sephardic jewish family from Morocco in the sixties. We were living in those buildings where all the doors were open and all the neighbors are like more than relatives...one of my friends actually played the mandolin and this is where I first met the mandolin. This led me then to decide to join the youth mandioline orchestra in my city. This is where I grew up musically. For me as a kid going with my father to the synagoge, hearing the maroccian melodies, the religious maroccian melodies and the cantor in the synagoge was kind of the cultural musical background...pretty much the first musical experience that I had. So I am sure it is somewhere in my genes these marrocian chants. Of course most of my life I have been playing classical music, was performing as a classical mandolin player...never quite investigated until now these moroccan seed that I have.

Ich wurde im israelischen Bersheva geboren. Meine Eltern wanderten in den Sechzigerjahren als sefardische Familie von Marokko nach Israel aus. Wir lebten in einem dieser Mehrfamilienhäuser, in dem die Türen der Mieter immer offen standen und wo die Nachbarn eher wie nahe Verwandte waren. Einer meiner Freunde spielte Mandoline und so habe ich dieses Instrument kennengelernt. Später habe ich beschlossen, mich beim Kinderjungendorchester meiner Heimatstadt anzumelden. Doch für mich als Kind bestand die erste musikalische Erfahrung darin, dass ich mit meinem Vater in die Synagoge gegangen bin und die marokkanischen Melodien gehört habe, die der Kantor gesungen hat. Ich bin mir sicher, dass sich irgendwo in meinen Genen diese marokkanischen Gesänge versteckt haben. Doch weil ich mein ganzes Leben lang Klassische Musik spielte, habe ich bis zu diesem Band-Projekt diese marokkanische „Saat“ nie wirklich gepflegt.

Auch die Familie von Omer Avitals Vater stammt aus Marocco. Die sefardische Musik und auch die Gebete von dort seien Teil seiner Kindheit gewesen, auch wenn er nicht religiös aufgewachsen ist. Als er später zum Studium nach New York ging, hat er angefangen, nach seinen Wurzeln zu suchen. Auch Omer Avital hat Karriere gemacht. Der Bassist und Oud-Spieler ist nicht nur enorm fleißig im Publizieren von CD’s unter eigenem und fremdem Namen, sondern er ist über die Jahre zu einem der innovativsten israelischen Musiker in New York geworden.

Everybody is living together but everybody has it’s personal form of identity and it made me think about myself coming from Israel and what does it mean to be Israeli and what does it mean coming from the Yemen and Morocco, so I started digging deeper into it and asking my parents, mostly buying records, buying tapes and cds and reading. And the more I got into it as well as classical arabic music and north african music and I realized the connections to Jazz and other musics. It really helped being in New York, being away from Israel...

In New York leben alle irgendwie an einem Ort zusammen, aber jeder hat seine ureigene Form der Identität. Das hat dazu geführt, dass auch ich irgendwann anfing, über mich nachzudenken und was es bedeutet, aus Israel zu kommen und ein Israeli zu sein, dessen Familie aus dem Jemen und aus Marokko stammt. Also habe ich nachgeforscht und habe meine Eltern ausgefragt, habe Platten und Kassetten, CD’s und Bücher gekauft. Und je mehr ich mich in die klassische arabische Musik und die Musik aus Nordafrika vertiefte, erkannte ich die Verbindungen zum Jazz und anderer Musik. Für die Entwicklung meiner Musik hat es mir wirklich sehr geholfen, in New York zu leben, fern von Israel.

Der Bandname Avital Meets Avital klingt nach einem simplen Aufeinandertreffen von zwei Musikern. Tatsächlich aber handelt es sich um ein Gipfeltreffen der besonderen Art. Denn der Mandolinespieler und der Bassist werden von zwei weiteren Ausnahmemusikern begleitet. Der eine, der Perkussionist Itamar Doari, ist der einzige Musiker der Band, der momantan in Israel lebt. Der andere lebt seit ein paar Jahren in Düsseldorf und ist bei den Jüdischen Kulturtagen bestens bekannt, weil er dort schon im letzten Jahr gefeiert wurde: der Pianist Omer Klein. Von ihm stammt auch das folgende Stück. Es trägt den einfachen Titel „España“, doch es steckt viel mehr darin, als nur spanische Musik....

 

 

 

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5Jun/13Off

Anat Fort trifft auf Shalom Hanoch, DRadio Tonart


Die Pianistin Anat Fort ist kürzlich nach Israel zurückgekehrt, nachdem sie in New York studiert und ein Jahrzehnt mit Musikern wie Paul Motian oder Ed Schuller weltweit aufgetreten ist. Spätestens seit ihrem Album „A Long Story“ von 2007 ist sie auf den großen Jazzbühnen der Welt unterwegs. Doch der Musik ihrer Heimat ist sie bis heute treu geblieben. Nun hat sie die Musik der israelischen Rock-Ikone Shalom Hanoch am Opernhaus von Tel Aviv aufgeführt.

Die Pianistin Anat Fort ist eine der wenigen Musikerinnen aus Israel beim Münchner Jazzlabel ECM. Der Kontakt kam seinerzeit durch Paul Motian zustande. Der jüngst verstorbene Schlagzeuger spielte an der Seite des Bassisten Ed Schuller und dem Klarinettisten Perry Robinson auf Anat Forts Album „A Long Story“ von 2007. Für die Pianistin, die zu dieser Zeit noch in New York lebte, war auf dieser zweiten CD unter eigenem Namen ein Traum wahr geworden: an der Seite dieser Jazzlegenden beim berühmten Jazzlabel aus München zu veröffentlichen. Für die 1970 in einem Vorort von Tel Aviv geborene Musikerin fühlte sich das ein bißchen an wie: Anat in Wonderland.

Die Mithilfe von Paul Motian und Ed Schuller war gut für die Publicity, doch unverzichtbar waren die beiden Jazzlegenden nicht für ihre Musik - was schon Anat Forts nächstes ECM-Album „And If“ von 2010 deutlich machte. Es war zwar „nur“ mit dem Arbeits-Trio um den Bassisten Gary Wang und dem Schlagzeuger Roland Schneider eingespielt. Doch weniger schön waren diese zehn Song deshalb nicht. Das gilt in besonderem Maße für die beiden Stücke mit dem Titel „Paul Motian“, die zu einer Art Hommage zu Lebzeiten des Schlagzeugers wurden. Die Pianistin hat über die Jahre ihre eigene Sprache entwickelt, eine Mischung aus Jazz und Folksongs, bereichert durch allerlei Aromen aus ihrer Heimat Israel.

Diesen israelischen Anklang - der ist bei vielen von Anat Forts Stücken zu hören und ist nicht ganz zufällig. Wie bei vielen israelischen Musikern sind die Lieder ihrer Heimat prägend. Da tauchen Namen von Songschreibern auf, die die wenigsten hierzulande kennen, Namen wie Arik Einstein, Sasha Argov oder Shalom Hanoch. Musiker, die in Israel eine ähnlich zentrale Rolle spielen wie Adriano Celentano in Italien oder besser noch: Serge Gainsbourg in Frankreich. Nationalhelden, die sich ihren Ruhm redlich verdient haben durch die Kombination von eingängigen Melodien und anspruchsvollen Songtexten. In ihrer Heimat kennt jeder ihre Lieder. Das gilt auch für Anat Fort. Sie sagt, die Musik von Shalom Hanoch fließe seit Kindertagen durch ihre Adern. Und so ist schon wieder eine Art Wunder geschehen, als Anat Fort vor kurzem die Musik von Shalom Hanoch auf der Bühne des Opernhauses von Tel Aviv zelebrierte.

A mutual friend of mine who is in the music industry in Israel called him and made the connection and Shalom immediately said yes. And my friend told me it was strange how he said yes because he never does stuff like that. So something must have interested him. So I think it was intriguing for him to try something like this. And then I went to meet him and he was very nice and warm and welcoming. And he said yes, we will do whatever you want. And I said, really? Do you want me to decide all the decisions?, And he said: yes! I will just show up and do whatever you want.

Ein gemeinsamer Freund aus der israelischen Musikindustrie hat bei ihm angerufen und den Kontakt hergestellt. Shalom hat sofort ja gesagt. Mein Freund erzählte mir, dass es eigenartig war, wie er „ja“ sagte, weil er normalerweise keine derartigen Projekte mache. Irgend etwas muss ihn also interessiert haben. Ich denke, es hat ihn neugierig gemacht, so etwas mal auszuprobieren. Also bin ich losgezogen, um ihn zu treffen und er war sehr nett und offenherzig. Er sagte, wir machen, was immer du willst. Und ich fragte: tatsächlich? Willst du wirklich, dass ich alle Entscheidungen selber treffe? Und er sagte: Ja! Ich werde einfach vorbeikommen und tun, was immer du willst.

Schon seltsam, wie sich das Konzert dann gestaltete: Ein paar seiner alten Hits, die Shalom Hanoch auf hebräisch sang, begleitet von Jazzmusikern. Und daneben einige Instrumentalstücke, bei denen die Zuhörer spontan die Texte sangen! Das mag wohl daran gelegen haben, dass die meisten Zuhörer wegen Shalom Hanoch ins voll besetzte Opernhaus gekommen waren - und nicht so sehr wegen dieser jungen Jazzpianistin. Dass der Abend nicht in kitschigen Wohlfühl-Jazz abdriftete, war unter diesen Voraussetzungen allerdings nur unter Mühen durchsetzbar.

This kind of thing it is kind of a stretch. It is not like, ok, come with your trio and play your music which is nice too and I have done it. But this is a big project. I have been working on it for a long time and it gives me the opportunity to meet Shalom and go completly out of my what you can call my comfort zone.  The context of this concert we are calling it like a jazz  arrangement for Shalom Hanochs music but this is not going to be a hard swinging night. It is not that kind of thing. It is my interpretation, which is: there is a lot of improvisation in it that is definitly my comfort zone....I always challenge myself to the unknown, to the stuff that is not something that i didn’t already did and worked on and prepared...so my comfort zone can be not so comfortable.

So ein Projekt braucht eine längere Zeit. Es geht nicht so einfach unter dem Motto: Ok, komm einfach mit deinem Trio vorbei und spiel deine Musik. Was ja durchaus nett ist und ich auch schon gemacht habe. Aber dieses hier war ein Groß-Projekt. Ich habe schon sehr lange daran gearbeitet. Es hat mir die Möglichkeit eröffnet, Shalom zu treffen und gänzlich jenen Bereich zu verlassen, den man als meine Wohlfühl-Zone bezeichnen kann. Den Kontext dieses Konzertes kann man zwar als „Jazz-Arrangements von Shalom Hanochs Musik“ bezeichnen, doch es sollte keine durchgängig swingende Nacht werden. Es ging vielmehr um meine persönliche Interpretation der Songs. Deshalb sollte es auch viele Improvisationen geben. Und das ist meine Wohlfühl-Zone: Ich fordere mich immer mit Neuem heraus, mit Sachen, die ich noch nicht gemacht oder bearbeitet habe. Meine Wohlfühl-Zone kann also auch ganz schön unkomfortabel sein.

Für das Konzert konnte Anat Fort neben ihrem Arbeitstrio um Gary Wang und Roland Schneider den Italiener Gianluigi Trovesi gewinnen. Den Klarinettisten und Saxofonisten hatte die Pianistin 2011 beim Jazzfest in Novara kennengelernt, und mit ihm dort im darauf folgenden Jahr ein Duokonzert zu geben. Seither spielen die beiden gemeinsam und es ist offensichtlich, dass die Israelin und der Italiener gut harmonieren. Eine Plattenaufnahme soll demnächst folgen, sagt Anat Fort. Aber mal sehen. Da müsse erst wieder ein Wunder geschehen.

 

Anat Fort Tonart

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