Jonathan Scheiner Texte & Musik

31Jul/13Off

Hey Eisenwoman – die Gitarristin und Sängerin Tamar Eisenman

 

Wenn von Rock aus Israel die Rede ist, dann ist zumeist die boomende Szene Tel Avivs gemeint. Die wenigsten wissen, dass auch das als konservativ geltende Jerusalem einiges zu bieten hat. Von dort kommt nicht nur Asaf Avidan, der derzeit erfolgreichste Rockexport Israels, sondern auch die junge Gitarristin und Sängerin Tamar Eisenman. Doch während Avidan mit „One Day“ einen internationalen Number 1-Hit hatte, ist seine Weggefährtin Tamar Eisenman hierzulande noch weitgehend unbekannt. Dabei ist die ebenso kleine wie dynamische Anfangsdreißigerin hochbegabt.

 

Musik 1:

„Wall Plug”, (Song 1 from: Tamar Eisenman: Time For Creation. NMC United 2011)

Autor-Text 1:

Der Song klingt, als habe da jemand mehr als genau bei der Rocklegende Ani Di Franco hingehorcht. Die amerikanische Folkrock-Sängerin aus Buffallo hat auf ihren älteren Alben sehr virtuos Blech-Bläser um ihr Gitarrenspiel gestrickt, ohne dabei die politisch-feministische Stoßrichtung ihrer Songtexte aus den Augen zu verlieren. Die Ähnlichkeit ist tatsächlich kein Zufall. Der Song mit dem Titel „Wall Plug“ stammt von der israelischen Sängerin und Gitarristin Tamar Eisenman. Es gibt Bilder vom Karrierebeginn der 1980 in Israel geborenen Musikerin, auf denen sie ihrem amerikanischen Idol äußerlich auf’s Haar gleicht. Eine Tatsache, deren sich Tamar Eisenman keinesfalls schämt.

O-Ton 1:

She’s my favourite artist. I was travelling in Greece when I was 17 when this guy come up to me at the beach and said: Hey you look like Ani DiFranco. And I said who is Ani DiFranco? And when I came back to Israel I entered a record store and took out Ani DiFranco and that changed my life completly. Because I find this amazing guitarist writer singer that I could really relay to as a teenage. That was the beginning. And then I went to see a concert in Florence. I can say she is a huge influence on my writing and my guitar playing.

Sprecher 1:

Sie ist meine Lieblingskünstlerin. Ich war mit 17 gerade auf einer Reise durch Griechenland, als ein Typ auf mich zukam und sagte: Hey, du siehst aus wie Ani DiFranco! Und ich fragte: Wer ist Ani DiFranco? Als ich nach Israel zurückkam, ging ich erst mal in einen Plattenladen und habe mir ihre Scheiben angehört. Das hat mein Leben komplett verändert. Ich hatte diese erstaunliche Gitarristin, Komponistin und Sängerin entdeckt, mit der ich mich als Teenager gut identifizieren konnte. So hat alles angefangen. Und dann habe ich ein Konzert von ihr in Florenz gesehen. Ich kann sagen, dass sie einen enormen Einfluss auf meine Art zu Komponieren und mein Gitarrenspiel hat.

Autor-Text 2:

Trotz der musikalischer Nähe: Tamar Eisenmans nunmehr vier Alben als Plagiate von Ani DiFranco zu beschreiben, wäre nicht stimmig. Ebenso wichtig wie die Amerikanerin ist für Tamar Eisenman jene Musik, die sie schon als Sechsjährige gehört hat. Da hat sie für eine paar Jahre in San Francisco gelebt. Ihre ersten musikalischen Eindrücke waren ortstypisch: eine Mischung aus Dolly Parton, Gary Moore, Eric Clapton und Suzanne Vega. Erstaunlich genug, dass da nicht Kuschelrock oder – wie altvordere Machos das sagen – „Mädchen-Rock“ herausgekommen ist. Womit sie diese Attitüde meinen, wenn junge Sängerinnen sich eine Gitarre um den Hals schnallen - wegen des coolen Looks. Tamar Eisenman hat nichts davon. Sie beherrscht ihr Instrument großartig. Und sie spielt es – wie richtige Frauen – bei Bedarf laut und krachig. Diskriminiert fühle sie sich als Frau im Rockgeschäft jedenfalls nicht.

Musik 2:

„Hit Me“, Song 2 from Gymnasium. NMC United 2009

O-Ton 2:

There some people that see me walking down the street with that guitar on my back and they say: Hey whats that what are you doing? And if it was like a man who was doing that they wouldn’t ask that but that is something totally weired for me. There is no issue about it. There are tons of women singing, playing rocking they would play their guts out....It is really about your personality and about what you have to say...

Sprecher-Text 2:

Natürlich gibt es Leute, die mich mit meiner Gitarre auf dem Rücken auf der Straße sehen und fragen: Hey, was macht die denn da? Und wenn es ein Mann wäre, der das gleiche tut, dann würden sie sich das nicht fragen, aber das ist unwichtig für mich. Ich habe keine Probleme damit. Denn es gibt tonnenweise Frauen, die singen, die spielen und sich dabei die Seele aus dem Leib rocken. Es hängt doch letztlich von deiner Persönlichkeit ab, und davon, was du zu sagen hast.

Autor-Text 3:

Tamar Eisenmans Großeltern konnten Mitte der Dreißigerjahre aus Gailingen fliehen, einer kleinen jüdischen Gemeinde am Hochrhein nahe dem Bodensee. Tamar wurde wie ihre Eltern in Israel geboren. Als die Musikerin nach ihrer Zeit in San Francisco nach Israel zurückkehrte, mischten sich auch musikalische Einflüsse ihrer Heimat unter. Prägend neben israelischen Pop-Ikonen wie Shalom Hanoch oder Arik Einstein ist vor allem ein Musiker, der hierzulande kaum bekannt ist: Danny Sanderson. Dessen Ex-Band „Kaveret“ ist in Israel in etwa so berühmt wie die Beatles. Mit Danny Sanderson spielt Tamar Eisenman seit nunmehr sechs Jahren zusammen. Doch genauso wichtig ist ein anderer Israeli, der sich im Gegensatz zu Sanderson auch in der CD-Produktion von Tamar Eisenman wiederfindet: Er heißt Asaf Avidan.

 

 

 

 

 

 

 

Musik 3:

„Hey Woman“, ,(Song  from: Tamar Eisenman: Gymnasium. NMC United 2009)

O-Ton 3:

Asaf Avidan and I are good friends from Jerusalem...It was nice sitting around and having a beer in Jerusalem and he just finished studying arts and he said I wanna do something more serious with my music. Can we do something together? And I said of course lets go for it. And we started working on his EP „Now that you are leaving“. And I was working on my EP, my first album I was releasing and he was starting doing his own music and we performed a little bit together in Jerusalem and Tel Aviv. And then I moved on to my other album and he was doing his other album. We played with each other and we sang with each other. We were part of the Jerusalem scene I guess.

Sprecher-Text 3:

Asaf Avidan und ich sind alte Freunde aus Jerusalem. Es war nett damals, gemeinsam abzuhängen und Bier zu trinken. Er war gerade fertig mit seinem Kunststudium und sagte, dass er ernsthafter an seiner Musik arbeiten wolle. Ob wir nicht etwas gemeinsam machen wollten? Und ich sagte, klar doch, lass uns was starten. Und so fingen wir an, an seiner EP „Now that you are leaving“ zu arbeiten. Ich arbeitete zu dieser Zeit gerade an meinem ersten Album, als er anfing, seine eigene Musik zu machen. Damals sind wir gemeinsam aufgetreten in Jerusalem und Tel Aviv. Und dann habe ich mein nächstes Album gemacht und auch er hat ein weiteres Album gemacht. Wir haben gemeinsam gespielt und wir haben gemeinsam gesungen. Wir beide waren Teil der Szene in Jerusalem.

Autor-Text 4:

So kommt es, dass Asaf Avidan nicht nur bei Tamar Eisenman mitspielt, sondern dass es auch Duette der beiden auf Asaf Avidans EP oder seinem Album „Reckoning“ von 2008 gibt. Die Zusammenarbeit der beiden Israelis ist allerdings seltener geworden, seit DJ Wankelmut den Asaf Avidan-Song „One Day“ zum Kassenschlager gemacht hat. Asaf Avidan wurde dadurch zu einer Art Superstar in seiner Heimat.

Musik 4:

“Wait For It“, (Song  from: Asaf Avidan-EP “Now that you’re leaving”. Telmavar Rec. 2006),

Autor-Text 5:

Die Zusammenarbeit Tamar Eisemans mit anderen Musikern der israelischen Szene scheint jedoch weiterzugehen. Sichtbar nicht nur an der Kollaboration mit dem Oud-Spieler Amos Hoffman, sondern auch mit dem Posaunisten und Bigband-Leader Avi Lebovich. Eines der schönsten Stücke Tamar Eisenmans stammt jedoch aus der Zusammenarbeit mit dem jungen Jazz-Saxofonisten Amit Friedman. Das Stück heißt „Sunrise“ und taucht nicht nur als launiges Youtube-Video auf, sondern auch auf der gleichnamigen Debüt-CD des Saxofonisten. Da zeigt sich die Rockröhre von ihrer handzahmen Seite, gleichsam als musikalisches Gegenstück des über die Maßen verehrten Jimmy Hendrix. So einen Seitensprung kann man sich leisten, wenn man noch kein Star ist. Wenn man noch keinem Image entsprechen muss. Aber sowas kann sich bekanntlich rasch ändern – sozusagen über Nacht.

Musik 5:

„Sunrise“, (Song 12 from Amit Friedman: Sunrise. Origin Records 2012.)

 

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