Jonathan Scheiner Texte & Musik

4Okt/13Off

Nazi-Noten und Kaffeehausmusik – Uri Caine über Wagner, Verdi und Gershwin

Was gibt es aus jüdischer Sicht in den Jubiläumsjahren von Verdi und Wagner überhaupt zu sagen?

Für mich sind die beiden zwei ganz unterschiedliche Typen von Komponisten. Nicht nur die Persönlichkeiten sind sehr unterschiedlich, sondern auch ihre Musik. Ich habe schon als Teeager die Klaviernoten von Wagners “Tristan und Isolde” in die Finger bekommen. Und ich dachte mir damals, wow, was sind das denn für herrliche Klänge? So fing alles an. Und weil ich als Musiker von der Musikgeschichte lerne, habe ich auch viel von Richard Wagner gelernt.

Wann haben Sie Wagners Schattenseite kennengelernt?

Je mehr ich über Wagner las, über seine Geschichte und seine Aufsätze wie “Das Judentum in der Musik”, bemerkte ich, dass ist eine völlig andere Sache als seine Musik. Diese Musik ist wirklich unglaublich. Also kann ich nicht einfach dasitzen und mir denken: Diese Noten sind Nazi-Noten.

Warum haben Sie auf Ihrer Wagner-Platte gerade die Ouvertüren zu den großen Opern ausgewählt?

Mein Label hatte die Idee eines Kaffeehaus-Ensembles, wie es schon zu Zeiten existierte, als Wagner in Venedig lebte. Eines von dieser Kaffehäusern auf der Piazza San Marco, das es heute noch gibt, heißt Gran Café Quadri. Wagner hat seine eigene Musik damals in diesem Café gehört, gespielt von einem Kaffehaus-Orchester. Heutzutage spielen diese Orchester einfach alles, von Freddie Mercury bis Pucchini, aber die Instrumentierung ist seither stets die gleiche geblieben: vier Streicher, ein Akkordionspieler und ein Pianist.

Weshalb kam es dann nicht zur Zusammenarbeit?

Als ich diesem Orchester meine Arrangements vorlegte, wollten sie das nicht spielen. Nicht, weil ich auf all den Wagner-Bombast verzichtet hatte, sondern weil meine Arrangements auf mehr als zwei Notenblättern verteilt waren und sie waren es einfach nicht gewohnt, beim Spielen umzublättern. Also habe ich Freunde aus New York eingeladen, dort zu spielen.

Warum haben Sie ausgerechnet jüdische Musiker ausgesucht?

Mark Feldman, Joyce Hammann und Erik Friedlander sind jüdisch, Drew Gress und Dominic Cortese sind es nicht. Aber ich bin mir schon bewusst, dass es diese Kontroverse unter Juden gibt, ob man Wagner überhaupt spielen sollte oder nicht, gerade in Israel. Wobei wir von zwei verschiedenen Sachen reden: Oft sind geniale Musiker schreckliche Menschen. Gut also, dass es die Diskussion um Wagner gibt. Aber gut auch, dass es seine Musik gibt.

Wobei die Meistersinger von Nürnberg auch in Auschwitz gespielt wurden ….

Für meine Mitmusiker hat das nicht so eine große Rolle gespielt. Da geht jeder auf seine persönliche Weise mit der Geschichte um. Natürlich wurde ich gefragt, wie ich die Musik dieses üblen Menschen spielen könne. Doch ich widerspreche. Auch wenn Wagners Musik in Auschwitz gespielt wurde, so hat Wagner doch Auschwitz nicht errichtet.

Doch inwiefern war er auch Teil einer antisemitischen Kulturgeschichte?

Wagner wurde nicht als Antisemit geboren. Als junger Mann ging er nach Paris und verehrte den damals sehr erfolgreichen Komponisten Giacomo Meyerbeer, einen Juden, der ursprünglich aus Berlin kam. Vielleicht gründet Wagners Antisemitismus aus dem Frust, nicht ebenso erfolgreich gewesen zu sein. Also fing er an, dieselben antisemitischen Klischees zu bedienen wie seine Zeitgenossen. Die Juden seien heimatlose Parasiten und können deshalb keine eigenständige Kunst entwickeln und derlei Quatsch.

Nicht gerade ein Grund, sich in Wagner zu verlieben….

Ich bin in Philadelphia groß geworden, in einem Haushalt, in dem Hebräisch gesprochen wurde. In meiner Umgebung gab es viele Juden, Menschen mit Nummern auf dem Arm, die überhaupt kein Deutsch hören wollten und erst recht nicht Wagner. Das hat sich ein wenig geändert, als ich als Teenager nach Israel auf eine Jeschiwa ging. Die meisten Menschen dort hatten ganz andere Probleme als Wagner, wenngleich er dort bis heute nicht gespielt wird.

Probleme, die man mit Verdi ohnehin nicht hat. Wann haben sie den Italiener  für sich entdeckt?

Entdeckt habe ich ihn, weil ich Verdi-Sänger am Klavier begleitet habe. Spätestens als ich seine letzten Opern “Otello” und “Falstaff” gehört habe, war ich von ihm begeistert. Als ich dann mit dem R&B-Sänger Bunny Sigler aus Philadelphia zusammenarbeitete, entstand die Idee, zu “Otello” ein Stück zu machen.

Wäre aus jüdischer Sicht nicht Verdis Nabucco mit dem berühmten Chor der Hebräer viel spannender gewesen?

Bei Verdi geht es definitiv nicht um Jüdischkeit, auch nicht beim Lied “Va, pensiero…“ aus Nabucco. Das Lied ist vielmehr eine Art inoffizielle Nationalhymne Italiens. Meine Otello-Komposition habe ich 2003 bei der Biennale in Venedig uraufgeführt. Es geht darin um patologisch-krankhafte Eifersucht, die den Fachnamen “Othello-Syndrom” trägt.

Aber wenigstens ist Ihre aktuelle CD jüdisch. Da spielen Sie George Gershwin….

Mit George Gershwin bin ich groß geworden. Genauso wie die anderen Broadway-Komponisten der Tin Pan Alley. Und die meisten von ihnen waren  - anderes als Verdi und Wagner - nun mal jüdisch. Ihre Musik ist ein Teil von mir.


 

 

 

 

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