Jonathan Scheiner Texte & Musik

27Feb/14Off

Die Rückkehr des Falafel-Jazz. Warum Israels Musiker in ihre Heimat zurückkehren

Strand, Sonne und frisches Obst – das sind drei der Dinge, die der Jazzpianistin Anat Fort an diesem Nachmittag im Cafe Noah spontan einfallen, wenn sie an den Grund ihrer Rückkehr nach Israel denkt. Mit etwas Verzögerung schiebt sie noch den Cappuccino in ihrem Lieblingscafe an der Ecke zwischen HaHashmona'im und Achad Ha'Am hinterher. Nach Tel Aviv ist Anat Fort vor ein paar Jahren zurückgekehrt. Auf ihrer Homepage sieht man die 1970 in Neve Monosson geborene Musikerin denn auch nicht umringt von schwitzenden Musikern in einem verqualmten Jazzkeller, sondern wie sie über den Shuk Ha’Carmel streift. „Es spielt für mich als Musikerin keine so große Rolle, wo ich lebe, auch wenn die Jazzszene Israels mit der in New York überhaupt nicht zu vergleichen ist“. Ist Anat Forts Rückkehr nach Israel nur ein verbrämter Karriereknick? Keineswegs! Ihre Heimkehr folgt einem Trend, der  sich seit ein paar Jahren abzeichnet. Den Anfang hatte der Bassist Avishai Cohen gemacht. Der berühmteste Jazzer Israels, exklusiv beim renommierten Blue Note-Label unter Vertrag, steht am Anfang einer ganzen Reihe von Musikern, die draußen in der Fremde Karriere gemacht haben, die aber nun wieder in ihrem Geburtsland leben.

Am selben Abend spielt Anat Fort ein Konzert in der Tel Aviv Oper, bei dem sie die Songs von Shalom Hanoch interpretiert, und zwar an der Seite dieser israelischen Pop-Ikone. Für jeden Musiker aus Israel wäre ein solches Konzert eine Art Ritterschlag. Das gilt natürlich auch für Anat Fort. Verständlich also, dass die Pause im Café Noah heute etwas kürzer ausfällt. Wobei Anat Fort kein Newcomer in der Musikszene ist. Sie ist es durchaus gewöhnt, mit Stars aufzutreten, während ihrer Studienzeit etwa mit dem Pianisten Paul Bley und danach mit dem Schlagzeuger Paul Motian, der auch ihrem Debütalbum „A Long Story“ mitgespielt hat. Seither zählt die Pianistin zur führenden Riege der Jazz-Pianistinnen. Umso erstaunlicher, dass sich Anat Fort nach einem solchen Karrierebeginn entschieden hat, New York den Rücken zu kehren.

Anat Fort ist kein Einzelfall. Während es unter Klassischen Musikern aus Israel geradezu zum guten Ton zählt, in der Klassikmetropole Berlin zu ziehen, kehren viele Jazz-Musiker nach dem Karrierestart in ihre Heimat zurück. Dabei hatte es jahrzehntelang nur eine einzig kluge Entscheidung im Leben eines Jazzmusikers gegeben: nichts wie weg aus Israel, wo man die Kindheit und Militärzeit verbrachte, Richtung Berklee College of Music in Boston, um sich schließlich in der Welthauptstadt des Jazz, in New York, zu etablieren. Denn dort treffen sie alle aufeinander, die Großen des Jazz, die Arrivierten genauso wie die Newcomer. Dort sind nicht nur etliche Labels, dort sind auch weltberühmte Clubs mit klangvollen Namen wie Village Vanguard, Birdland oder Blue Note und auch intimere Locations wie Smalls oder das Cornelia St. Cafe.

Die Liste der israelischen Musiker, die es im Jazz-Mekka zu Ruhm und Ehren gebracht haben, ist lang: Der Gitarrist Gilad Hekselman, der Bassist Omer Avital oder der Schlagzeuger Ziv Ravitz – sie alle zählen zur Heerschar an Musikern, die Jazz Made in Israel nicht nur salonfähig gemacht haben, sondern die das Genre um wichtige Facetten erweitert haben. Was gemeinhin mit dem Ettikett „Falafel-Jazz“ versehen wird, ist bei genauerem Hinsehen eine Fruchtbarmachung jener Klänge, die die Musiker seit ihren Kindertagen umgeben haben: Neben religiöser jüdischer Musik und arabischen Melodien sind es vor allem israelische Schlager von Arik Einstein, Sascha Argov oder Shalom Hanoch, die von allen Befragten als Einfluss genannt werden. Für Israelis sind diese Songschreiber ähnlich wichtig wie Miles Davis oder die Beatles – ihre Lieder kann jeder mitsingen, und zwar auswendig.

Man kann sich also vorstellen, warum Anat Fort den Nachmittagscappuccino heute mit ein wenig Lampenfieber trinkt. Dabei war das Kennenlernen mit Shalom Hanoch im Vorfeld des Konzerts ganz anders als erwartet: „Ein gemeinsamer Freund aus der israelischen Musikindustrie hat bei ihm angerufen und den Kontakt hergestellt. Irgend etwas muss ihn interessiert haben. Also bin ich losgezogen, um ihn zu treffen und er war sehr nett und offenherzig. Er sagte, wir machen, was immer du willst. Und ich fragte: Tatsächlich, willst du wirklich, dass ich alle Entscheidungen selber treffe? Und er sagte: Ja! Ich werde einfach vorbeikommen und tun, was immer du willst.“ Das klingt nach einem musikalischen Spaziergang auf der großen Opernbühne und tatsächlich lief das Konzert denn auch wie geschmiert, inklusive Jazz-Passagen, bei der das Publikum die Texte lauthals mitsang, gekrönt von minutenlangen Standing Ovations.

Doch dieses Konzert war eine Ausnahme. Israel ist kein Hotspot für Jazz, auch wenn viele Musiker wieder dort leben. Das liegt an der fehlenden Tradition, an fehlenden Auftrittsmöglichkeiten und der Unmöglichkeit, dort als Jazzmusiker finanziell zu überleben. Ein Aspekt, der auch für viele deutsche Städte gilt, für Düsseldorf, wohin es den Pianisten Omer Klein wegen der Liebe verschlagen hat, oder auch für Berlin, wo man jüdische Jazzmusiker mit der Lupe suchen muss. Das bestätigt auch Joey Baron, einer der berühmtesten Jazz-Schlagzeuger. Er lebt zwar an der Spree, aber nicht wegen der eher bescheidenen Jazzszene, sondern um seine Lebensgefährtin, die Perkussionistin Robin Schulkowsky, zu besuchen, wenn es sein knüppelvoller Tourplan gerade mal zuläßt. Andere Superstars wie der Bassist Greg Cohen leben nur deshalb in der deutschen Jazz-Provinzhauptstadt, weil sie am Jazzinstitut der Berliner Universität der Künste ein festes Einkommen gefunden haben. Ein für Jazzer nicht gerade häufig eintretender Glücksfall. Erst recht nicht, wenn man sich unter den Israel-Rückkehrern umhört. Wer in Israel als Jazzmusiker lebt, der ist zwingend darauf angewiesen, die meiste Zeit in der Fremde zu arbeiten. Und das meint vor allem: viel zu reisen.

Glücklicherweise liegt Deutschland auf der Reiseroute. Auch für den Saxophonisten Eli Degibri, der an der Seite des Trompeters Avishai Cohen Mitte Januar als Solist der WDR Big Band auftrat. Ein Aufeinandertreffen zweier Israelis, bei dem nicht nur die Wesensverwandtschaft der beiden Musiker deutlich wurde, sondern auch die Frage beantwortet wurde, warum „Jazz aus Israel“ längst als Gütesiegel gehandelt wird.

Eli Degibri und Avishai Cohen haben ihre musikalische Grundausbildung in Israel erhalten. Die beiden waren noch Knaben, als sie am Konservatorium in Jaffa und dann an der selben Junior High School anfingen zu musizieren. Mit 18 saßen sie nebeneinander im Flieger nach Boston, um am Berklee College of Music zu studieren. Erst dort trennten sich ihre Wege, wenngleich beide später nach New York gezogen sind, um dort, jeder für sich, Karriere zu machen. Eli Degibri hat mit der Jazz-Ikone Herbie Hancock gespielt und spätestens mit dem sinnträchtigen Album „Israeli Song“ 2010 den internationalen Durchbruch geschafft. Auf diesem Album hat der Saxophonist mit Ron Carter, Al Foster und Brad Mehldau gleich drei der weltweit  führenden Jazzer um sich geschart und mit ihnen zu einen ganz neuartigen Mischung zwischen us-amerikanischem Jazz und israelischen Anklängen gefunden. Doch Eli Degibri glaubt nicht daran, dass er ein Ausnahmeerscheinung ist: „Ich kann nicht erklären, warum Israelis dieses einzigartige und tiefe Verständnis von dieser Kunstform mit dem Namen „Jazz“ haben. Jazz ist wie eine Sprache, ist wie Deutsch oder Hebräisch. Und diese Sprache sprechen Israelis nun mal fließend.“

Das gilt auch für den Trompeter Avishai Cohen, der sich jedoch heftig gegen das Etikett „Israelischer Jazz“ wehrt: „Manche Leute fragen mich - ohne genau hinzuhören - nach den Einflüssen israelischer Musik auf meine Songs. Ich sage dann immer: Du musst schon genauer aufpassen! Du wirst merken, dass sie durchaus da sind, weil ich ja schließlich aus Israel komme, aber das nicht wichtiger als alles andere. Israelische Musik steht bei menen Kompositionen nicht mehr im Vordergrund als Led Zepplin, Frank Zappa oder die Beatles.“ Dennoch ist auch Avishai Cohen nach seiner New Yorker Zeit nach Israel zurückgekehrt. Dafür gibt es einen ganz simplen Grund: Seine Frau und seine beiden Kinder.

Für den vielbeschäftigten Trompeter bedeutet seine Rückkehr vor allem, seine Familie nur unregelmäßig zu sehen. Doch wenigsten trifft er in der Fremde zuweilen auf seine beiden Geschwister, auf die beiden Jazzmusiker Yuval und Anat Cohen, die nach wie vor in New York arbeiten und mit denen er das Trio „3 Cohens“ bildet. Selten genug spielen die drei Geschwister gemeinsam  in Israel. Häufiger kommt es vor, dass Avishai Cohen seine Geschwister rein zufällig irgendwo auf dem Globus trifft. Israel ist nun mal klein - und die Welt ein Dorf.

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/18498

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Ines Kaiser

veröffentlicht unter: Uncategorized Kommentare
13Feb/14Off

Unter Geiern. Yossi Leshem oder wie man eine Milliarde Dollar spart

Wenn Mauersegler über den Köpfen betender Juden schwirren oder ein Storch mit Namen Prinzessin in der Thermik Israels kreist, dann kann ein Mann nicht weit sein: Yossi Leshem. Der israelische Ornitologe gilt als Koyphäe in der Welt der Vögel. Männern wie ihm ist es zu verdanken, dass Israel weltweit als Hotspot sogenannter Birdspotter gilt. Zweimal jährlich passiert die gewaltige Menge von 500 Millionen Zugvögel das Heilige Land. Die meisten davon unbehelligt von Mensch und Flugzeug. Denn Dank Yossi Leshem haben die Kollisionen zwischen Flugzeug und Vogel rapide abgenommen. Hochrechnungen zufolge hat Yossi Leshems wegweisende Forschung dazu beigetragen, rund eine Milliarde Dollar einzusparen.

Der ökonomische Nutzen, den die Israelische Luftwaffe oder die zivile Luftfahrt durch die Reduzierung von Vogelschlag hat, ist jedoch nur ein positiver Nebeneffekt von Yossi Leshems Einsatz für die Vogelwelt. Durch überzeugende wirtschaftliche Argumente kann Yossi Leshem den Vögeln in seiner Heimat Gehör verschaffen, und das in Zeiten, da ihr Lebensraum durch Zersiedelung und Umweltzerstörung akut in Gefahr ist. Selbst jenen Federviechern, die Israel als Knotenpunkt dreier Kontinente nur überfliegen, droht Gefahr. Denn noch immer hat sich nicht in allen Ländern dieser Erde  herumgesprochen, dass Vögel als kleiner Snack für Zwischendurch außer Mode gekommen sind. Das gilt vor allem für Israels Nachbarland Ägypten, wo Fangnetze, die sich mit einer Gesamtlänge von 700 Kilometern entlang der Küste erstrecken, für weltweite Empörung sorgen. Für Ornitologen wie Yossi Leshem – das nackte Grauen!

Doch selbst für leidgepüfte Ornitologen wie Yossi Leshem gibt es Erfolgsgeschichten. Die der Mauersegler zählt eindeutig dazu. Viele Plätze gibt es nicht auf der Welt, an denen sich ihr schrilles Gekreische mit dem Gemurmel betender Juden mischt. Die Klagemauer in Jerusalem ist so ein Ort. 88 Brutpaare dieser schwarzen schwalbenartigen Vögel nisten in den Fugen zwischen den Steinquadern - manche nur wenige Zentimeter über den Köpfen der Betenden. In den Morgen- und Abendstunden ist die Luft erfüllt vom schrillen Kreischen dieser nur 40 Gramm schweren Vögel. Es ist Enthusiasten wie Yossi Leshem zu verdanken, dass die Mauersegler alljährlich zu ihren Brutplätzen zurückkehren.

„Wir glauben, dass die Mauersegler die Kraft haben, die Menschen miteinander zu verbinden. Die Mauersegler in der Heiligen Stadt Jerusalem sind ein Symbol der Freiheit, ein Symbol der Liebe“. Das sagte Yossi Leshem bei der letztjährigen Willkommensfeier, die er und ein paar weitere mit Ferngläsern ausgestattete Vogelliebhaber zu Ehren der Wiederankömmlinge veranstaltet hat. Als Ehrengast war neben Repräsentanten verschiedener Welt-Religionen auch Jerusalems Bürgermeister Nir Barkat erschienen.

Bereits Mitte Februar kehren Mauersegler aus ihren afrikanischen Winterquartieren nach Israel zurück. Während hierzulande noch klirrende Kälte herrscht, machen Mauersegler für rund 100 Tage in Israel Halt, um ihre Eier auszubrüten. Viel braucht es dazu nicht: Ein paar Halme, die auf dem nackten Boden zusammengekratzt werden, um darauf die Eier abzulegen. Aber auch, wenn die Küken geschlüpft sind, geht es spartanisch zu. Die Jungen bleiben, bis auf die Zeit der Fütterung, sich selbst überlassen.

Erst wenn sie sich mit einem kühnen Sprung aus der Nesthöhle in die Lüfte erheben, geschieht Unglaubliches: Ab dann bleiben Mauersegler ganze drei Jahre lang in der Luft – und zwar pausenlos. Sie trinken beim Fliegen und sie schlafen beim Fliegen. Und sie paaren sich sogar beim Fliegen. Erst nach drei Jahren, wenn sie ihr eigene Bruthöhle beziehen, haben sie erstmals wieder Bodenkontakt. Was bis dahin geschieht – man weiß es nicht genau. Aber Yossi Leshem ist diesem Mysterium auf der Spur. Er hat Vögel mit Transpondern versehen, um herauszufinden, was der halbstarke Mauersegler so alles treibt!

Mauersegler sind nur eines der Steckenpferde von Yossi Leshem. Auch wenn es darum geht, dem Nationalvogel Israels, dem seltenen Wiedehopf, geeignete Brutmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen, dann ist der findige Ornithologe zur Stelle: Kurzerhand werden ausgediente Munitionskisten zu Brutkästen umfunktioniert. Selbst vor dem Fenster seines Büros an der Zoologischen Fakultät der Universität von Tel Aviv gibt es diese Kästen. Und es werden immer mehr.

Besonderes Augenmerk legt Yossi Leshem auf die Wiederansiedelung der Schleiereule, die in Israel selten geworden ist. Was zunächst ein wenig kauzig klingt, macht in wissenschaftlicher Hinsicht durchaus Sinn, denn Eulen und Turmfalken mindern den Einsatz von gesundheitsgefährdenden Pestiziden. 3000 Nistkästen hat Leshem mit anderen Vogel-Aktivisten schon gebaut. Die Mühe lohnt sich, denn jedes Brutpaar vertilgt 2000-6000 Nagetiere wie Ratten oder Mäuse pro Jahr. Das Projekt funktioniert derart gut, dass die Israelis inzwischen auch mit Jordaniern und Palästinensern zusammenarbeiten. Vor kurzem gab es sogar ein Schleiereulenpaar in Beit She’an an der Grenze zu Jordanien. „Das Männchen war ein Israeli und das Weibchen eine Jordanierin und sie hatten sieben Küken. Ein Spaßvogel von der Regierung hat uns gefragt: Was sind diese Küken denn nun: Moslems oder Juden? Den Vögeln ist das natürlich piepegal!“

Pestizide sind, neben der Vernichtung der Habitate, eine der schlimmsten Feinde des Artenreichtums in Israel. Durch den Einsatz des inzwischen verbotenen DDT sind etliche Spezies ausgestorben. Ihre Eierschalen waren dünn und brüchig geworden – beim Brüten wurden die Gelege zu Rührei. Ein Schicksal, das auch Israels inzwischen ausgestorbene Geier ereilt hat. Dabei genießt doch gerade der Bartgeier in Israel besonderes Ansehen, schließlich ist doch der Staatspräsident nach ihm benannt - das zumindest zwitschern sich Ornitologen zu. Yossi Leshems Version geht so: „Als Schimon Peres nach Palästina kam, wollte er die Negev-Wüste erkunden. Weil er aber dafür von den Briten offiziell keine Erlaubnis bekam, behauptete Peres, er wolle eine zoologische Expedition machen.“ Peres, der damals noch seinen polnischen Namen Perski trug, nahm also den Berliner Naturforscher Professor Heinrich Mendelssohn mit in die Wüste, um seine wahre Absicht zu tarnen. „Plötzlich kreiste ein Bartgeier mit einer Spannweite von drei Metern dicht über ihren Köpfen. Und der Professor schrie: Peres! Peres! Und da Peres ohnehin auf der Suche nach einem hebräischen Namen war, dachte er sich: ok, das wird mein Name sein!“

Selbst zu fliegen hat Yossi Leshem erst später gelernt, und zwar mit einem Motorgleiter. Eine recht praktische Erfindung, wenn man Schwärmen von Zugvögeln nachsetzt oder eine „Prinzessin“ begleitet. Auf diesen Namen wurde ein weiblicher Storch getauft, deren Vogelzug jährlich vom Dorf Loburg zwischen Berlin und Magdeburg via Israel in das Winterquartier in Südafrika führte. Und wieder zurück!

Mit seinem wendigen Flugvehikel hat Leshem tausende von Stunden unter Störchen und anderen Vögeln verbracht. Ein Kindheitstraum. Wobei er  ursprünglich Jet-Pilot werden wollte. Aber als der 1947 in Haifa geborene Zoologe in der Pubertät eine Brille bekam, platzten seine Piloten-Träume.

Yossi Leshem hat dann doch noch mit der Fliegerei zu tun bekommen und zwar, als er promovierte. „Ich habe 1983 mit der Luftwaffe eine Forschungsarbeit organisiert, bei der die Anzahl an Greifvögeln im Herbst über Israel erfasst werden sollte. Wir haben herausgefunden, dass es sich um eine enorme Menge handelte, was bis dato noch gar nicht bekannt war.“ Durch Leshems Zusammenarbeit mit dem Militär war es möglich, geheime Logbücher einzusehen, in dem jeder einzelne Zusammenstoß mit einem Vogel zwischen 1972 und 1982 aufgelistet war: „Fünf Jets waren abgestürzt. Und ein Pilot wurde wegen eines Pelikans getötet. 35 Kollisionen hatte es mit Sachschaden von rund einer Million Dollar gegeben und viele von mehreren Hunderttausend aufgrund von Vogelschlag.“

Kein Wunder also, dass die Luftwaffe größtes Interesse an Yossi Leshems Forschung zeigte. Der Ornitologe fand heraus, dass 74 Prozent der Kollisionen durch Zugvögel verursacht wurden. Die meisten durch große Thermiksegler wie Greifvögel, Pelikane und Störche. Also zeigte der Wissenschaftler durch Radarmessungen, in welcher Höhe diese Vögel fliegen und welche Routen sie nehmen – worauf hin die Flugschneisen verändert und Vogelzug-Karten erstellt wurden. Mit der Konsequenz, dass die Militärjets zwischen Anfang März und Anfang Mai an bestimmten Arealen nicht mehr fliegen sollten: Man kann sich vorstellen, dass viele Piloten anfangs dachten, Yossi Leshem habe – wie man so schön sagt – einen Vogel. Doch nachdem im ersten Jahr die Kollisionen um satte 88 Prozent zurückgegangen waren, änderten selbst die Hardliner ihre Meinung. Seit 1984 ist der Vogelschlag um 76 Prozent zurückgegangen. Der israelische Staat konnte dadurch rund eine Milliarde Dollar einsparen.

Verständlicherweise genießt Yossi Leshem in seiner Heimat größtes Ansehen. Und nicht nur dort. Als geschicktem Lobbyisten in Sachen Naturschutz gelingt es ihm immer wieder, Politik und Industrie für seine Projekte zu begeistern. Selbst die Deutsche Lufthansa oder die deutschen Umweltminister Klaus Töpfer und später Angela Merkel hat Leshem schon ins Boot geholt. Da scheint es fast folgerichtig, dass der Professor aus Tel Aviv im Jahr 2012 mit dem renommierten Bruno H. Schubert-Wissenschaftspreis ausgezeichnet wurde. Ausgerechnet in Frankfurt. Von dort war auch Yossi Leshems Mutter einst geflohen. “1988 ist sie dorthin zurückgekehrt. Als sie die Rolltreppe herunterstieg, sah sie ein Orchester und einen Mann mit Blumen. Es war der Frankfurter Bürgermeister. Sie verstand nicht, was das sollte, bis der Mann sagte: “Frau Löffelholz” – ihr deutscher Name war nicht Leshem, sondern Löffelholz – “Frau Löffelholz, sie sind Gast Nummer 1000 von Frankfurt am Main”.

Die anschließende Festveranstaltung hat im Kaisersaal stattgefunden, an eben jenem Ort, an dem Yossi Leshem Jahre später auch den Schubert-Preis verliehen bekam. Doch mit Frankfurt verbindet Yossi Leshem noch viel mehr. Wieder einmal geht es dabei um Vögel. Genauer gesagt um Mauersegler: Diese Vögel nisten nicht nur in Frankfurt, wo bereits 1500 Brutkästen und Lockruf-Anlagen installiert wurden. Sondern sie brüten auch an der Geburtskirche in Bethlehem, der König Abdullah-Moschee im jordanischen Amman und natürlich auch an der Klagemauer in Jerusalem. Ein Friedensstifter par excellence!

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/18577




veröffentlicht unter: Uncategorized Kommentare