Jonathan Scheiner Texte & Musik

12Mrz/14Off

Ex Oriente. Das neue Album vom Bassisten Omer Avital

Der Bassist Omer Avital gilt als einer der einflussreichsten israelischen Jazzer. Eine Entwicklung, die sich spätestens seit 1994 abzeichnete, als er an der Seite von Peter Bernstein und Brad Mehldau im New Yorker Jazzclub Smalls debütierte. Omer Avital hat seither schon ein Dutzend eigener CDs herausgebracht, bei der er den Jazz seiner Wahlheimat New York mit musikalischen Einflüssen seines Geburtslandes Israel mischte. In seinen Kompostitionen wird neben israelischen Schlagern vor allem die Musik seiner marokkanisch-jemenitischen Vorfahren hörbar. Nun kommt Omer Avitals neues Album auf den Markt. Es trägt den Titel „New Song“ und erscheint bei Plus Loin Music.
‚Falafel-Jazz’ ist ein Begriff, mit dem man israelische Musiker unmittelbar auf die Palme bringt. Kein ernstzunehmender Jazzer würde seine Musik mit diesem Ettikett versehen, nicht einmal dann, wenn er tatsächlich die Musik des Mittleren Ostens mit Jazz mischt. Das tut auf den ersten Blick auch der Bassist Omer Avital. Aber es lohnt sich, genauer darauf zu achten, welche Zutaten er verwendet. Da geht es nicht einfach um einen arabischen Klangteppich, auf dem ein wenig improvisiert wird. Da geht es vielmehr um die Fruchtbarmachung nordafrikanisch-arabischer Musik, die ebenso transparent bleibt wie israelische Popmusik oder Jazz aus Avitals Wahlheimat New York.
Diese musikalische Mischung hat sich auch im Titel von Omer Avitals letztjähriger CD „Suite of the East“ gespiegelt. Seine neue CD trägt dagegen den ganz simplen Namen „New Song“. Das ist etwas irritierend, denn hier deutet nichts auf etwas Neues oder gar Avantgardistisches hin, weder auf Ost noch West. Und selbst bei Avitals Personal handelt es sich um alte Mitstreiter. Der Bassist hat einmal mehr seinen Dauerbegleiter Avishai Cohen an der Trompete, den Pianisten Yonathan Avishai und der Schlagzeuger Daniel Freedman um sich geschart. Ein seit Jahren bestehendes Quartett also, das nun noch durch den Saxophonisten Joel Frahm zum Quintett erweitert wurde - auch er ein langjähriger Mitstreiter. Diese fünf Alten Bekannten harmonieren in altbekannter Manier
Erst beim zweiten Blick fällt auf, dass die elf Song nicht israelische Namen tragen, sondern Titel, die die regionale Herkunft der Musik verraten: „Maroc“,„Yemen Suite“, „Bedouin Roots“ oder auch „Hafla“ und „Sabah El-Kheir“, was so viel heißt wie „Guten Morgen“!
My fathers family comes from Marocco, from Marrakesch and Rabat. My mothers side, they come from Yemen. I grew up in Israel in a mulit-national, multicultural environment. Those roots and those cultures are not only in the background but they are all part of my life and the echo.
Die Familie meines Vaters kommt aus Marokko, stammt aus Marakesch und Rabat, wo sie noch Abutbul hieß. Mütterlicherseits kommt die Familie aus dem Jemen. Ich wuchs in Israel in einer multinationalen und multikulturellen Gesellschaft auf. Diese Wurzeln und diese Kulturen bilden aber nicht nur meinen biografischen Hintergrund. Sie sind Teil meines Lebens, eine Art Echo.
Omer Avital geht es nicht so sehr um die Suche nach seiner familiären Herkunft. Vielmehr hat der Bassist schon früh damit angefangen, die Musik, die Israel umgibt, zu studieren. Er hat angefangen, das arabische Instrument par excellance, den Oud, zu spielen. So sind die arabischen Song-Titel auf „New Song“ eine Art Programm, und das nicht nur im musikalischen Sinne: Sie sind aus Sicht eines Israeli auch als politisches Statement zu verstehen. Die Initialzündung dafür war Omer Avitals Umzug nach New York.
So at some point I played Jazz and many different types of music and when I moved to New York City and as a young man I was searching for my identity, as you see everybody in New York knows knows where they come from and were they are going. Everybody is living together but everybody has it’s personal form of identity and i t made me think about myself coming from Israel and what does it mean to be Israeli and what does it mean coming from the Yemen and Marocco, so I started digging deeper into it and asking my parents, mostly buying records, buying tapes and cds and reading .... and the more I got into it as well as classical arabic music and north african music and I realized the connections to Jazz and other musics. It really helped being in New York, being away from Israel..
An einem bestimmten Punkt spielte ich Jazz und viele verschiedene Arten von Musik. Und als ich nach New York zog, fing ich an, nach meiner Identität zu suchen. Jeder in New York weiß, woher er kommt und jeder hat seine ur-persönliche Form der Identität. Deshalb habe ich intensiv damit begonnen, über mich als Israeli nachzudenken und was das eigentlich bedeutet, aus dem Jemen und Marokko zu kommen. Also habe ich tiefer gegraben und habe meine Eltern befragt, habe mir CD’s, Kassetten und Bücher gekauft. Und je mehr ich anfing, mich in arabische Musik und die Musik Nordafrikas zu vertiefen, je mehr habe ich die Verbindungen zum Jazz und anderer Musik realisiert. Dafür hat es sehr geholfen, in New York zu leben, fern von Israel.
Jazz „Made in Israel“ besitzt zuweilen die Neigung, allzu hübsch zu sein. Statt ruppiger Freejazz-Etüden besitzen viele Songs eine Nähe zu Ethno-Pop und israelischen Schlagern. Auch auf Omer Avitals „New Song“ gibt es einzelne Songs, die sehr gefällig und eingängig sind, angefangen von „Avishkes“, einer Hommage an den Trompeter Avishai Cohen, bis hin zu langsamen Stücken wie „Ballad for a Friend“. Dennoch ist „New Song“ ein großartiges Album! Man sollte nicht den Fehler machen, die elf Songs wegen ihrer Schönheit in den falschen Topf zu werfen. Der Grund für die Schönheit der Stücke liegt vielmehr in ihrem Aromareichtum und der großen Klasse der Musiker. Von ‚Falafel-Jazz’ kann jedenfalls keine Rede sein.


 

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10Mrz/14Off

HEIMLICHER DICHTER – Der Trompeter Paul Brody vertont Lyrik von Rose Ausländer

Photo von ELENA GRAUPE

 

Als Trompeter haben sie mit den wichtigsten Klezmer-Avantgardisten wie Frank London oder John Zorn gearbeitet. Wie kommen Sie auf nun auf die Gedichte von Rose Ausländer?

Vor Jahren habe ich für einen Liederabend am Deutschen Theater Berlin mehrere Gedichte von Rose Ausländer vertont. Ihre Verse haben mich tief berührt. Sie waren einfach, hatten viel Phantasie und einen schrägen Humor. Doch am wichtigsten: Sie haben die Frage nach Heimat und Identität gestellt. Ein Großteil jüdischen Denkens dreht sich genau um diese beiden Begriffe.

Warum haben Sie sich für die deutschsprachige Version der Gedichte  entschieden?

Nach 20 Jahren in Deutschland wollte ich ein Album mit deutschen Texten produzieren. Parallel dazu war ich auf Tour mit dem deutschen Popsänger und Rapper Clueso, habe mit Meret Beckers Zirkusband und am Wiener Burgtheater mit Jelena Kuljic gearbeitet. Ihre Stimmen waren ständig in meinem Ohr und es hat mich fasziniert, dass sie völlig unterschiedlich sind. Ich konnte mir kaum vorstellen, die drei Stimmen auf nur einer CD zu vereinen. Das gelang mir erst durch die Rolle der Trompete, die von einer Stimme zur nächsten hinüberleitet.

Wie war das als Amerikaner, mit deutschen Texten zu arbeiten?

Nicht in der eigenen Sprache zu singen führt letztlich zu einer höheren Qualität der Musik. Es gibt ja nicht nur die Musikalität des Gedichtes, sondern auch die Musik der Töne und die Musikalität der Stimme. Zudem, wenn jemand eine Sprache in einem Akzent singt, dann implantiert er die Melodie und die Kultur seiner Heimat in die Gedichte.

Wieviel Paul Brody steckt in den Gedichten von Rose Ausländer?

Auf der CD gibt es das Gedicht „Mensch aus Versehen“. Es geht darin um einen Hund, der aus Versehen auf der Erde ist. Gott hat einen Fehler gemacht und diesen Hund in einen Menschenkörper gesteckt: So fühle ich mich oft, wenn ich deutsch spreche.

Ein Fremdsein als amerikanischer Jude in Deutschland?

In New York musste Rose Ausländer Geld als Sekretärin verdienen, sie musste viel tippen, und zwar „ tagein tagaus/ geruchloses Zeug“. Ich glaube, sie hat das Gedicht über ihr Leben geschrieben. Sie erzählt, wie es ist, als Fremder in einem fremden Land zu leben und das spiegelt genau mein Gefühl.

Wie haben Sie Deutsch gelernt?

Ich lerne immer noch deutsch. Als ich vor 20 Jahren nach Berlin kam, habe ich oft in einer Kneipe mit Namen Blues Cafe gejammt. Ich habe immer versucht, deutsch mit den Leuten zu sprechen, aber es gab so viele Afrikaner und Amerikaner dort. Auch von meiner Mutter habe ich deutsch nicht lernen können. Sie entkam als Dreizehnjährige aus Wien mit einem Kindertransport.

Und Sie, ein Amerikaner mit österreichischen Sprachwurzeln?

Mein Opa war Anwalt und Dichter. Er hat Gedichte im „Wiener Blatt“, der „Bühne“ und im Verlag von Karl Krauss publiziert. Ich habe mich sogar schon um einen österreichischen Pass bemüht, aber im Pass meiner Mutter steht dieses „W“. Ich bin also nach halachischem Recht Jude, aber Österreicher kann ich nicht werden, weil nach österreichischem Recht nur meine Mutter von dort stammt. Ist das nicht Sexismus, gedeckt von EU-Recht?

Aber Deutsch ist doch zumindest ihre Muttersprache?

Meine Mutter hat sich geweigert, deutsch mit uns zu sprechen, wie viele alte Flüchtlinge. Sie hat oft gesagt: Ach, frag mich das nicht, das ist langweilig, diese Geschichte.

Eine langweilige Geschichte oder eine typische Abwehrreaktion?

Interessant ist dieser Kreis: Meine Miutter ging wie Rose Ausländer nach Amerika, wo ich aufwuchs. Doch ich habe immer diese Sehnsucht nach der Vergangenheit in mir getragen, nicht nur nach europäischer Musik und europäischem Jazz. Ich hatte immer das Gefühl, dass mir etwas gehört, das ich nicht besitze und ich muss erst nach Europa gehen, um es wieder zu bekommen. Doch als ich in Deutschland lebte, entdeckte ich nicht nur meine europäischen Wurzeln, sondern auch, was das Amerikanische in mir ist. Nicht nur musikalische Details, sondern auch Teile meiner Mentalität, das Blues-Gefühl, mein Verständnis von Spontanität und natürlich der Humor.

Sind Sie heimisch geworden?

Tatsächlich bin ich ein Besucher an beiden Orten. Aber ich bin glücklich, so wie es ist. Und diese CD ist in hohem Maße ein Ausdruck davon.

Wie sieht das Musikalisch aus?

In vorangegangenen CDs habe ich Spannung erzeugt durch Rhythmus- und  Lautstärkewechsel, durch Dissonanzen und den Dialog zwischen traditionellen Klezmertönen und experimentellen jazzverwandten Elementen. Beim aktuellen Album „Hinter allen Worten“ wollte ich Spannung erzeugen durch Ruhe, durch offene Stellen, bei denen der Zuhörer erst abwarten muss, was geschieht.

Wie haben sie die Verse in Töne gesetzt?

Während ich noch an diesem Projekt feilte, fragte mich das Jüdische Museum Berlin, ob ich Ihnen eine Installation machen könne mit Menschen, die ich zum Thema Heimat und Identität interviewt hatte. Ich transkribierte also ihre Sprachmelodien und komponierte Musik entlang der Melodien und Sprachstruktur. Für mich war die Musik des Sprechens, ihr Stotter-Stakkato und chaotisches Glucksen ebenso lebendig wie das, was erzählt wurde. Die spontane Äußerung einer Stimme, selbst wenn es nur Wortfetzen sind, enthüllt die Tiefen eines Individuums.

Wie kamen ihre drei Sänger ins Spiel?

Nach dem Museums-Projekt bat ich Clueso, Meret und Jelena, dass sie die Rose Ausländer-Gedichte lediglich rezitieren und nicht singen sollten. Statt mir eigene  Melodien auszudenken habe ich also ihre Sprachmelodie zum Komponieren verwendet.

Hätte man dann nicht gleich Songs ohne Worte komponieren können?

Diese Herangehensweise hat meine Arbeit stark verändert. Wenn ich nun improvisiere, dann versuche ich meinen Sprachklang auf der Trompete zu imitieren. Das schließt auch die Zwischentöne mit ein. Das ist schon erstaunlich, wenn man ein Instrument wie eine Stimme behandelt. Weil die gesprochene Stimme direkt in unser Nervensystem eindringt. Als improvisierender Musiker kann man an dieser Stelle eine Menge lernen. Gut kann man das auch bei Trompetern wie Chet Baker, Louis Armstrong oder Dizzy Gillespie beobachten, die zugleich hervorragende Sänger waren.

Sie haben auch eigene Texte beigesteuert...

Es gibt einen Song mit Titel „The Road“, der in Form und Gefühl von einem Ausländer-Gedicht inspiriert wurde. Und auch „I Wander“ ist aus meiner Hand. Dort heißt es „Zwischen dem Lied und dem gesprochenen Wort finden wir unsere Heimat...“. Es geht um Heimat und die Suche nach deinem Claim, nach Inspiration. Es geht nicht um ein Land oder einen Platz im physischen Sinne, sondern die Heimat des „Wandering Jew“, die Suche und die Sehnsucht - das ist mein Zuhause. Das hat für mich viel mit Jüdischsein zu tun. Das Lied ist einfach wie ein Kinderlied. Der Zwischenteil ist ohne Text wie ein Niggun.

Wieviel Klezmer steckt noch in dieser CD drin?

Da ich die Stimmen von Jelena, Clueso und Meret Becker integrieren wollte, wollte einen eher cinematischen Zugang herstellen. Ich verwende immer den Begriff „Indie-Jazz“. Das hat nichts mit Klezmer zu tun. Außer dass jüdische Ideen dahinterstecken.

Nicht nur Ihre Musik, der Klezmer ganz allgemein hat sich in den letzten zehn Jahren verändert. Warum?

Einer der wenigen ernstzunehmenden Musiker, der heute immer noch Klezmer spielt und sich beim Jiddish Summer in Weimar um diese Kultur kümmert, ist Alan Bern. Dort gibt es viele Dialoge zwischen jiddischer und anderer Kultur. Doch ich muss sagen, dass meine Musik viel eher mit der Idee von jüdischer Kultur zu tun hat. Musikalisch habe ich mehr mit jungen Indie-Bands, Bela Bartok und Filmmusik zu tun. Ich habe zwar viel vom Klezmer gelernt, aber meine Welt ist eher die der zeitgenössischen Musik. Ich sehe mich eher wie ein heimlicher Schriftsteller. Geschichten sind mir sehr wichtig, auch wenn ich offiziell kein Dichter bin.

 

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