Jonathan Scheiner Texte & Musik

11Apr/14Off

Auf dem Klavier kann ich nix – Der Geiger Michael Barenboim

 

Interview mit Michael Barenboim (li.) über musikalische Erblasten und politische Mauern in den Köpfen

 

 

Wie oft werden Sie gefragt, warum Sie als Sohn von Daniel Barenboim und Elena Bashkirova ausgerechnet Geige spielen?

Eigentlich immer. Auf diese Frage habe ich schon eine vorgefertigte Antwort. Damit muss ich leben, so wie ich auch mit dem Namenszusatz „Sohn von Daniel Barenboim“ leben muss.

Haben Sie nie den Aufstand geprobt?

Ich habe mit der Geige angefangen, als wir nach Berlin gezogen sind, als ich sieben Jahre alt war. Doch nach der Schule habe ich für zwei Jahre Philosophie in meiner Geburtsstadt Paris studiert.

Und warum haben Sie wieder hingeschmissen?

Ich dachte, ich studiere das mal, aber dann musste ich mich auf eine Sache festlegen. Geige zu spielen ist einfach zu schwer. Man muss so viel üben. Auf der Hochschule hatte ich dann auch noch das Pflichtfach Klavier, aber ich kann auf diesem Instrument noch immer nix.

Wieviel üben Sie täglich?

Ich bin, glaube ich, im Mittelfeld, was das Üben angeht. Weil ich eher ein Spätstarter bin, auch durch mein Studium. Ich muss sehr viel investieren. Ich mache das sehr gerne, aber oft sind es vier bis sechs Stunden täglich.

...neben Ihrer Arbeit als Konzertmeister des WEDO, dem West Eastern Divan Orchestra?

Die Arbeit für das Orchester und die Auftritte als Solist und mit meinem Erlenbusch-Quartett wechseln sich ab. Da bleibt schon genügend Zeit.

Warum ist Ihnen das WEDO so wichtig?

Ich glaube, dass im Mittleren Osten in den letzten Dekaden sehr viel falsch gemacht wurde. Es ist zu einer Situation gekommen, in der es beiden Seiten an Verständnis und Kenntnis voneinander fehlt. Brutale Ignoranz führt dazu, dass die Menschen aufeinander losgehen. Das alternative Denkmodel des WEDO besteht darin, dass die Menschen, egal woher sie stammen, einander zuhören. Durch das Zuhören lernt man, sein eigenes Denken und seine eigene Geschichte differenzierter zu betrachten.

Welche Rolle spielt der politische Konflikt beim Musizieren?

In der Probe sollte man sich auf die Musik konzentrieren. Es geht ja nicht darum, dass man ständig über die politische Situation, die Siedlungspolitik und die unheimliche Mauer redet. Darüber reden wir zwar, aber nicht ständig.

Inwiefern unterliegt das Schwankungen?

Das Orchester gibt es seit 1999 und ungefähr seit 2003 gibt es einen Kern an Musikern, der immer wieder kommt. Irgendwann weiß man einfach, was diese Leute denken. Ich muss die Argumente nicht jedes Mal wieder hören – ich kenne sie ja schon. Interessant ist vielmehr die Transformation der Neuankömmlinge. Sie kommen ins WEDO mit vorgefertigten Meinungen, denn die Propaganda in dieser Region ist unfassbar einflussreich. Mit diesem vorgefertigten Informationen kommen sie bei uns an, aber dann merken sie bald, dass das kompletter Blödsinn ist.

Welche Rolle spielt die Herkunft der Musiker?

Unsere Musiker, egal ob sie Juden oder Araber sind, haben alle eine klassische Ausbildung. Und wenn sie Klassische Musik spielen, dann kannst du nicht hören, woher diese Musiker kommen. Ich jedenfalls kann das nicht hören. Einem arabischen Musiker wie dem Cellisten Nassib Ahmadieh, mit dem ich viel zusammengearbeitet habe, ist seine Herkunft nicht anzumerken, weil er seine musikalische Ausbildung hierzulande erhalten hat.

Also alles eine Frage des Repertoires?

Wir spielen Beethoven und Wagner, Schönberg und Bártok. Man hat ja zuerst einmal die Pflicht, die Stücke so zu spielen, wie sie gespielt werden sollen. Es geht hier nicht darum, eine west-östliche Färbung in diese Stücke hineinzutragen. Selbst wenn ein Kollege ein Jazzgeiger ist, dann erwarte ich von ihm, dass er beim WEDO eine klassische Spielweise an den Tag legt. Die Musik ist das Wichtigste. Der Interpret ist dazu da, die Musik ins Leben zu rufen und nicht, um die Musik für seine eigene Sache zu missbrauchen.

Trotzdem ist das WEDO ein politischer Botschafter...

2005 haben wir ein Konzert in Ramallah gespielt. Das war deshalb so erstaunlich, weil es für einen Großteil des Orchesters illegal war, dorthin zu reisen. Man darf als israelischer Bürger nicht in die besetzten Gebiete reisen – vermutlich sollen sie nicht sehen, was da los ist. Und als syrischer oder libanesischer Bürger darf man ohnehin nicht nach Israel rein.

Keine guten Voraussetzungen für dieses Orchester...

Man muss sich mal vorstellen, dass die Entfernung von Jerusalem nach Ramallah ungefähr zehn Kilometer ist. Man könnte sich also einfach treffen, doch diese Mauer ist nicht nur aus Beton, sondern sie ist vor allem im Kopf. Vor diesem Hintergrund ist ein Projekt wie das WEDO umso wertvoller.

Wird es weitere Konzerte geben?

Dass wir in Ramallah überhaupt spielen konnten, war schon sehr überraschend. Allein die Reiselogistik hat drei Tage gedauert. All das hat eine ganz besondere Atmosphäre kreiert. Einmalig schon deshalb, weil ich eine Wiederholung im Moment sehr skeptisch sehe.

Welche Rolle spielt ihre Jüdischkeit im WEDO?

Mein Verhältnis zum Judentum spiegelt sich überhaupt nicht im WEDO. Das Orchester ist ein nichtreligiöses Ganzes. Da können ganz unterschiedliche Religionen zusammen existieren, ohne sich in die Quere zu kommen, weil wir keine religiöse Agenda haben. Wir haben Bürger aus Israel, Syrien, Libanon, Jordanien, Ägypten und aus den besetzten Gebieten, also aus Palästina. Wir haben auch Türken und Iraner und Spanier. Von all diesen Musikern aus arabischen Ländern sind manche Christen und manche sind Muslime. Das interessiert höchstens dann, wenn jemand Ramadan feiert, dann muss man ihm logistisch helfen. Die religiöse Zugehörigkeit schafft überhaupt keinen Mehrwert für das Orchester.

Inwiefern würden Sie sich überhaupt als jüdisch bezeichnen?

Ich habe diese Frage immer als bizarr empfunden. Einen Christen würde man das nie fragen. Bei Juden macht man das und das verstehe ich nicht. Ich glaube, Religion und Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe sollte man nicht durcheinanderbringen. Da ich mit praktizierender Religion nichts zu tun habe, kann ich mir nicht anmaßen, mich mich als vollständiger Jude zu bezeichnen. In meinem täglichen Leben spielt Judentum kaum eine Rolle.

Wie kommt es, dass Sie beim diesjährigen Intonations-Festival jeden Abend auftreten?

Letztes Jahr habe ich wenig gespielt, dieses Jahr umso mehr. Das macht mir sehr viel Spass. Man bekommt dort nicht immer nur die gleichen kanonisierten Stücke geboten.

Und wie ist es, mit der eigenen Mutter aufzutreten?

Eine Probe ist eine Probe, da wird über nichts anderes als Musik gesprochen. Als Musiker hat man sich bei den Proben professionell zu verhalten. Die Hierarchie ergibt sich durch die Musik und nicht durch das Verhältnis der Menschen zueinander. Das gilt selbst, wenn ein Star wie Andras Schiff mitspielt, mit dem wir das Brahms-Klavierquintett aufführen.

Freuen Sie sich auf die Stars?

Ich freue mich auf Schiff ebenso wie auf Radu Lupu. Ich freue mich auf alle, die dort hinkommen, das sind alles super Musiker. Und sie spielen super Stücke.

Worin besteht der Unterschied der Festivals von Jerusalem und Berlin?

Das Berliner Festival ist wie ein Schwesterfestival von Jerusalem. Es ist kürzer und es ist viel mehr an die Stadt Berlin gebunden, weil viel mehr Musiker aus Berlin dort spielen. Aber da das Festival in Jerusalem viel länger ist, kann man in der Programmatik viel mehr machen. Das längere Zusammenbleiben der Musiker erlaubt es, einander besser kennenzulernen.

Warum spielen Sie mit Vater und Mutter zusammen, doch nicht mit Ihrem Bruder David, einen Hiphop-Produzenten?

Das ist schwierig. Was er macht, ist mit dem, was ich mache, nicht kompatibel. Aber ich habe ihm schon mal auf einem Song mitgepielt, weil eine Live-Geige einfach besser klingt als eine elektronisch eingespielte. Es liegt nicht an einer Weigerung von uns beiden, sondern weil Klassik und Hiphop musikalisch nicht zusammenpassen.

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/19059

 

 

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4Apr/14Off

Israelische Stadtmusikanten

 

Bereits letztes Jahr haben israelische Musiker bei Deutschlands größter Jazzmesse, der Jazzahead in Bremen, für viel Furore gesorgt. Und obwohl dieses Jahr Dänemark Partnerland ist, treten erneut Israelis ins Rampenlicht. Drei der Musiker – Shai Maestro, Shauli Einav und Oran Etkin – haben sich längst in der ersten Liga der Jazzmusiker etabliert, weshalb es kein Paukenschlag ist, dass sie von der Jury der Jazzahead ausgewählt wurden. Erstaunlich dagegen ist der Auftritt der jungen Israelin Noam Vazana, einer Singer- and Songwriterin, die zugleich Piano und Posaune spielt. Alle Genannten haben eine dieser Tage erscheinende CD mit im Gepäck, auf denen einmal mehr deutlich wird, warum Jazz Made in Israel international als Gütesiegel gehandelt wird.

Der 1987 geborene Pianist Shai Maestro spielt Klavier, seit er fünf Jahre alt ist. Er gilt als typischer Vertreter jener viel diskutierten Goldenen Generation von israelischen Jazzern. Seit seiner Trennung vom Avishai Cohen-Trio, dem bekanntesten Jazzexport Israels, hat sich Shai Maestro auf erfolgreiche Solo-Pfade begeben. Sein eigenes Trio, bestehend aus dem Bassisten Jorge Roeder und dem Schlagzeuger Ziv Ravitz, hat mit „The Road to Ithaca“ bereits das zweite herausragende Album vorgelegt. Auch wenn sich bei den zehn neuen Songs zeigt, dass die Abnabelung vom Großmeister Avishai Cohen nicht restlos vollzogen ist, so wird doch auch deutlich, worin die Schönheit von Maestros Musik im Speziellen und der des israelischen Jazz im Allgemeinen besteht: Die Öffnung des Jazz für Songelemente des Pop wird mit größter Virtuosität betrieben, wobei die weite israelischen Musiklandschaft zwischen Piyut und Schlager fruchtbar gemacht wird.

Dieser Aromareichtum wird umso augenfälliger, wenn man einen eher klassisch agierenden Jazzmusiker wie Shauli Einav dagegenhält. Der 1982 in Israel geborene Saxophonist hat sich durch die us-amerikanische Jazzszene New Yorks hindurchgespielt und ist dabei mit einer Vielzahl von Jazz-Altmeistern aufgetreten, deren Handwerk er aufgesaugt hat. Seinen ureigenen Ton hatte Shauli Einav längst gefunden, als er vor zwei Jahren nach Paris übersiedelt ist. Sein neues Album heißt „The Truth About Me“. Shauli Einav hat darauf seine israelische Seite eher in den Hintergrund gerückt. Weder sind seine Bandmitglieder Landsmänner von ihm, noch haben seine Songs hebräische Namen.

Ein ganz ähnliches Bild ergibt sich beim neuen Album „Gathering Light“ vom Bassklarinettisten Oran Etkin, sieht man einmal ab vom israelischen Song „Shirim Ad Kan“ und dem jiddischen Gassenhauer „Der Gasn Nign“. Auch Oran Etkins Mitmusiker haben mit Israel nichts am Hut: Der Schlagzeuger Nasheet Waits und der Bassist Ben Allison, mit denen der Klarinettist sein aktuelles Tour-Trio bildet, werden durch die Gastmusiker Lionel Loueke an der Gitarre und Curtis Fowlkes an der Posaune ergänzt. Während Etkins  hinreißende letzte CD „Kalemia“ noch stark von der Musik Malis beeinflusst war, so basieren die meisten neuen Songs auf Motiven, die auf Tourneen durch Fernost entstanden. Oran Etkin wird vom Jazzpapst der New York Times, Ben Ratcliff, zurecht als „exzellenter Improvisierer“ bezeichnet. Auch unter Jazz-Kollegen wird der Bassklarinettist hoch gehandelt. So erstaunt es nicht, dass Etkin sogar schon mit dem Rapper Wyclef Jean aufgetreten ist. Zu seinen Musikfrüherziehungskursen mit dem Namen „Timbalooloo“ pilgern  die Kinder von Hollywoodstars wie Naomi Watts und Harvey Keitel.

Oran Etkin zählt zu den renommiertesten israelischen Jazzmusikern, weil sich zu seinem Können eine enorme Neugier auf exotische Klänge gesellt. Dabei kam der Bassklarinettist erst mit 13 zu seinem Instrument, nachdem er sich mit Fünf am Klavier, mit Acht an der Geige und mit Neun am Saxophon versucht hatte. Als Vierzehnjähriger ging er erst nach Boston, dann nach Manhattan und später an die Rubin Academy of Music in Jerusalem, wo er neben arabischer Musik auch Jazz bei Koryphäen wie Yusef Lateef, Dave Liebman und David Krakauer studierte. Umso erfreulicher, dass gerade Oran Etkin für einen Auftritt bei der Jazzahead gewonnen werden konnte.

Das gilt auch für die Israelin Noam Vazana. Die Sängerin, Pianistin und Posaunistin hat die kürzeste Anreise, weil sie seit ein paar Jahren in Holland lebt. Die Musikerin stellt neben Shai Maestro, Shauli Einav und Oran Etkin eine Ausnahme dar, weil ihre Musik nicht so sehr dem Jazz, sondern vielmehr dem Pop zuzuordnen ist. Das machen auch die elf Songs ihres neuen Albums „Love Migration“ deutlich. „Ich wollte schon immer Sängerin werden. Schon als Zweijährige habe ich unter der Dusche gesungen. Mit Fünf habe ich mit dem Klavier angefangen und mit Zwölf mit der Posaune. Und als ich 21 war, habe ich dann auch offiziell Gesangsstunden genommen“. Dieses Multi-Tasking hält bis heute an, wenngleich die Posaune bei Noam Vazana zunehmend in den Hintergund gerückt ist.

Noam Vazana macht nicht nur Popsongs, sondern betreibt verschiedene Projekte, sei es ihre Kollaboration mit der indischen Sängerin Suchita Parte, mit der sie neben Bollywood-Stücken auch das Schabbatlied „Malachei Hascharet“ vertont hat. Oder sei es ihr Projekt „East Meets Best“ mit israelischen und palästinensischen Musikern, das am ehesten Noam Vazanas nicht ganz spannungsfreie Abstammung von einer israelischen Mutter und einem palästinensischen Vater refelektiert. Die Songs der noch nicht einmal dreißgjährigen Musikerin kommen sehr persönlich und unmittelbar daher. „Ich bin keine religiöse Person, aber ich glaube an die Existenz eines höheren Wesens, das mir meine Songtexte eingibt. Ich glaube, dass ich eine starke Message in mir trage, die ich mit meinen Mitmenschen teilen muss“. Noam Vazanas Auftauchen bei der Jazzahead mag angesichts ihrer poppigen Songs erstaunen. Doch als Teil der aufregenden Musikszene Israels fällt sie unter Bremer Stadtmusikanten keinesfalls aus dem Rahmen.

 

 

 

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