Jonathan Scheiner Texte & Musik

25Jun/14Off

Nikki Yanofskys verheißungsvolles Funkeln

 

Man kann Nikki Yanofsky nicht gerade vorwerfen, dass sie zu den Kinderstars gehört, die sich schon früh verheizen lassen. Die Sängerin, 1994 in Montreal in eine „engmaschige jüdische Familie“ hineingeboren, geht kaum auf Tour und ins Alte Europa kommt die Kanadierin ohnehin recht selten. Hierzulande muss man sich also entweder mit den Petitessen begnügen, die auf Youtube kursieren, oder man greift auf ihr eben erschienenes Album „Little Secret“ zurück. Das allerdings sollte man unbedingt tun, denn diese Frau, so jung sie auch ist, hat Klasse!
Die 12 Songs markieren eine Abkehr von ihrem Sound, den sie mit ihrem Debütalbum „Ella...Of Thee I Swing“ (2008) und dem Nachfolgealbum “Nikki”  (2010) als Jazzsängerin etabliert hatte. Jetzt macht sie auf Pop. Statt Ella Fitzgerald rücken nun Vorbilder wie Amy Winehouse und Ray Charles in den Vordergrund. Auffällig ist das beim Broadway-Standard “Jeepers Creepers”, den schon die Jazz-Legende Louis Armstrong einst sang, und bei dem nun das Idol von Band zu einem grandiosen Gesangs-Duett gebeten wird. Den Spagat zwischen anspruchsvoller Musik und hohen Verlaufszahlen – den schafft Nikki Yanofsky locker.
Ohnehin scheint Nikki Yanofskys Karriere ein Spaziergang zu sein. Das bestätigt auch eine Aussage von einem der Großen der Branche, dem Produzenten Quincy Jones: „Nikki hat es! Was es auch immer sein mag. Es ist, als ob die Hand Gottes etwas länger auf ihrer Schulter verweilt hat. Sie hat den Instinkt und die technischen Voraussetzungen. Sie hat schlicht das Gefühl für den Soul“. Das ist, kurz gefasst, ein Ritterschlag von einem, der schon Michael Jackson produziert hat und der nun auch den Songs von Nikki Yanofsky seinen Stempel aufgedrückt hat. Spätestens beim Hit „Something New“ ist das unüberhörbar und es spiegelt sich auch in den Verkaufszahlen. Bleibt zu hoffen, dass uns dieses verheißungsvolle Funkeln zwischen kindlicher Unbekümmertheit und professionellem Starkult noch eine Weile erhalten bleibt.

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25Jun/14Off

Arkadisches Trüffelschwein – Leon Botstein verkörpert die frische amerikanische Klassikszene

Das erste, was an Leon Botstein auffällt, ist nicht sein äußeres Erscheinungsbild, das dem eines Akademikers entspricht, der es gewohnt ist, im Rampenlicht zu stehen: Schwarz umrandete Designer-Brille, dunkler Maßanzug mit Fliege und handgefertigte Budapester. Auch nicht seine Gestik, die den Musiker verrät, der seinen Worten mit lockeren Handbewegungen Flügel verleiht. Es ist vielmehr Leon Botsteins sonore Stimme, die so vielen Amerikanern zueigen ist. Eine beneidenswerte Stimme, der man stundenlang zuhören möchte, weil sie so frei von allen Zweifeln zu sein scheint. Kein leises Räuspern stört den Strom der Gedanken.
Dieser äußere Eindruck täuscht. Leon Botstein zählt fraglos zu den führenden Köpfen der us-amerikanischen Klassikszene. Aber frei von Zweifeln oder Brüchen ist er nicht, weder als Musikhistoriker mit Schwerpunkt „Musik aus Deutschland der Wende zum 20. Jahrhundert“. Noch als Dirigent, der noch die entlegensten Musik-Schätze zur Aufführung bringt. Und erst recht nicht als Privatperson, der als Kind von renommierten Wissenschaftlern die Emmigration in die Schweiz und schließlich die USA gelang. Dieser Mann ist wegen seiner Vielschichtigkeit schwer mit ein paar Worten zu fassen.
Am besten schaut man sich den Ort an, an dem Leon Botstein die meiste Zeit verbringt, Annandale-On-Hudson. Spätestens seit den Tagen der „Hudson River School“ für Landschaftsmalerei Mitte des 19. Jahrhunderts ist dieses Provinzstädtchen der amerikanischer Sehnsuchtsort schlechthin. Dort ist, nicht ganz zufällig, das Bard-College beheimatet, das zu Amerikas führenden Universitäten der Freien Künste zählt. Leon Botstein ist dort seit 1975 Präsident. An diesem Ort, von New York aus nur zwei Stunden den Hudson-River flussaufwärts, hat der Stararchitekt Frank O. Gehry ein dekonstruktivistisches Meisterwerk verwirklicht: Einen multifunktionalen Konzertsaal, der von den Studenten des Bard College bespielt wird.
In diesem us-amerikanischen Arkadien organisiert Leon Botstein seit 1990 das Bard Music Festival, bei dem jährlich ein anderer Komponist im Fokus steht. An Namen wie Wagner oder Schubert reihen sich Komponisten, die Botstein vielschichtiges Interesse spiegeln, darunter viele Neutöner des 20. Jahrhunderts wie Belá Bartók, Camille Saint-Saëns oder Aaron Copland. Mit einem derart ambitionierten Programm wäre in der Alten Welt kaum ein Klavierzimmer mit Hörern zu füllen. In den USA dagegen konnte Botstein eines der erfolgreichsten Klassikfestivals etablieren.
Dazu passen auch die Programme, die Leon Botstein als Chef des American Symphony Orchestra und Ehrendirigent des Jerusalem Symphony Orchestra anbietet. Gerade durch das Unerwartete tritt Botstein aus der Masse an Dirigenten heraus. Botstein folgt seiner Neugier. Schon immer hat er sich gefragt, warum jahraus, jahrein immer nur die selben Meister gespielt werden.
Diese Neugier war schon als Kind ausgeprägt. Botstein ist der Spross einer jüdisch-assimilierten, russisch-polnischen Familie. Der Ururgroßvater war noch Oberrabbiner von Moskau. Wie für alle großbürgerlich-jüdischen Familien gehörte es zum guten Ton, eine gediegene Musikausbildung zu besitzen. Dann kam der Krieg. „Ich war der Jüngste, als wir in die Schweiz emigrierten. Die deutsche Sprache war sehr schwierig. Ich stotterte. So wurde meine natürliche Sprache die Musik.“
Botstein, der heute übrigens tadellos deutsch spricht, träumte zunächst davon, Komponist zu werden. „Als Teenager habe ich mir riesige Symphonien ausgedacht: abscheulicher, sentimentaler Dreck!“ Und als auch das mit der Zwölftonkammermusik nicht recht gelingen wollte, gestand sich Botstein ein, dass er „als Komponist nichts zu sagen“ habe. Aber dafür drängte es ihn in eine andere Richtung: „Was mich wirklich interessierte, war das Studium von Partituren. Nicht nur Beethoven und Brahms. Vielmehr unbekannte Partituren, die ich in der öffentlichen Musik-Bibliothek in New York studierte: Von Zemlinksi, Schreker, Magnard - nicht das Übliche. Das war eine Leihbibliothek und ihre Werke waren quasi unberührt.“
Viele dieser Stücke stammten von jüdischen Flüchtlingen und sie waren in einer fernen Welt entstanden, von der in den Gesprächen innerhalb der Familie immer die Rede war. Eine untergegangene Welt, die die Phantasie des Kindes schon früh beflügelt hatte. „Mein Großmutter erzählte, dass sie als junge Dame Alexander Scrjabin im Bolschoi-Theater gehört hatte. Und mein Vater ging im Frack zur Premiere von Richard Strauss’ „Die ägyptische Helena“. Sehr viel später habe ich dann die erste moderne Einspielung dieser Oper mit Deborah Voigt gemacht. Diese Legenden einer verschwundenen Welt - ich wollte sie zum Leben erwecken.“
Ein Höhepunkt dieses lebenslangen Antriebs stellt ein Konzert zum 70. Jahrestag des Holocaust in Budapest im Mai diesen Jahres dar. Zum Aufführung kamen ungarische Komponisten, die der Schoa zum Opfer gefallen sind. Ihre Werke waren in Vergessenheit geraten. Oder wer kennt heute noch Lázló Weiner, Lázló Gyopar oder Mihály Nádor? Und selbst Ödön Pártós kennt außerhalb Israels kaum ein Mensch. „Die klassische Musik ist total hollywoodisiert”, polemisiert Botstein mit Blick auf den konservativen Klassikbetrieb. “Immer die selben Stars. Ekelhaft. Keine Kunst. Wir leben in einem Museum mit 100 Räumen, von denen 90 geschlossen sind.”
Dass Botstein selbst ein Teil dieses Klassikbetriebes ist, scheint umso erstaunlicher, als seine Schwester und sein Bruder David Botstein hochdekorierte Wissenschaftler und Humangenetiker sind. Schon Botsteins Mutter hat in der Schweiz Medizingeschichte geschrieben, als sie dort Assistentin des berühmten Kinderarztes Guido Fanconi war. Sie konnte als erste nachweisen, dass Muskoviszidose erblich ist, auch wenn ihr Chef als Entdecker dieser Lungenkrankheit gilt.
In ihre Fusstapfen ist Botstein insofern getreten, als er ebenfalls wissenschaftlich publiziert. Er gibt das „Music Quarterly“ heraus oder schreibt kluge Bücher wie „Judentum und Modernität: Essays zur Rolle der Juden in der deutschen und österreichischen Kultur, 1848 bis 1938. (Böhlau Verlag 1991) oder „Von Beethoven zu Berg. Das Gedächtnis der Moderne“. (Zsolnay 2013). Darin zeigt sich Botstein als „Trüffelschwein“ in Sachen selten gespielter Musik. Und das kann man getrost auch über den Musiker Leon Botstein sagen. 2009 hat er mit dem American Symphony Orchestra die „Musik des anderen Deutschland“ aufgeführt. Darunter nicht nur Paul Dessaus „Haggadah shel Pesach“, sondern auch Hanns Eislers „Auferstanden aus Ruinen“, die Nationalhymne der DDR. In den Konzertsälen des Alten Europa wäre sowas undenkbar!

 

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19Jun/14Off

Der „Depp“ auf dem Drahtesel – Fredy Gareis radelt von Tel Aviv nach Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit dem Rad mal eben von Tel Aviv nach Berlin? – Wovon andere nicht einmal zu träumen wagen, hat der Journalist und Nahost-Korrespondent Fredy Gareis in die Tat umgesetzt. Was der radelnde Abenteurer auf seiner langen Reise über Landes- und Vernunftsgrenzen hinweg so alles erlebt hat, ist nun in seinem Buch „Tel Aviv – Berlin. Geschichten von tausendundeiner Straße“ nachzulesen.
"Links schwappt das Meer sanft an den Strand, rechts in den Gassen zwischen den Häusern regieren die Katzen. Ganze Banden marodieren durch die Straßen. Mit vernarbten Gesichtern, abgebissenenn Ohren, lahmen Beinen. Abends warten sie an den Ecken auf die alten Frauen, die in der Dunkelheit, damit sie keiner dabei erwischt, kleine Türmchen aus Trockenfutter auf dem Bürgersteig errichten. Tel Aviv riecht salzig nach Meer und sauer nach Katzenpisse. Im Norden der Stadt biege ich auf den Radweg am Yarkon-Fluss ab. Fahre unter den Kronen der Platanen und Eukalyptusbäumen entlang. Atme die Luft dieser grünen Lungen, die um diese Jahresezeit noch frisch ist."
Das klingt nach einer launigen Radtour, die der Journalist Fredy Gareis durch Tel Aviv gemacht hat. Dort hat er als Nahostkorrespondent gearbeitet. Doch statt nach dem Ende seines Jobs mit dem Flieger nach Berlin heimzukehren, hat sich der junge Mann ein gebrauchtes Fahrrad gekauft und ist mal eben nach Hause geradelt. Bergauf, bergab, Tag für Tag, Woche für Woche. Insgesamt 5114 Kilometer hat Fredy Gareis gestrampelt. Seine Erlebnisse zwischen Schlagloch und Leitplanke, zwischen kläffenden Hunderudeln und hupenden Sattelschleppern hat er aufgeschrieben. Seine „Geschichten von tausendundeiner Straße“ sind nun im Malikverlag erschienen.
"Das hatte ich mir aber anders vorgestellt. Die Auspuffgase der Fahrzeuge wie der Atem eines Tyrannosaurus. Ich bin Freiwild auf dieser Straße. Noch dreißig Kilometer bis Ramallah."
Fredy Gareis hat etwas gemacht, wovon viele Israelis nicht mal zu träumen wagen. Er hat mit seinem Tretesel Grenzen überwunden, die unpassierbar scheinen. Aber was heißt schon unpassierbar? Noch bevor er auf direktem Wege von Israel in den Libanon fährt, was ihm Dank eines deutschen Passes rein theoretisch möglich gewesen wäre, wird er zunächst einmal ganz schnöde ausgeraubt. Und so gerät seine Radtour gleich zu Beginn nicht zur Schussfahrt ins Glück, sondern zu einer Odyssee. Eine Irrfahrt, die zur Reise zu sich selbst wird.
"...für mich auf jeden Fall war das wichtigste auf der Reise diese lange Zeit mit mir selbst zu haben. Dass man endlich mal wieder nach Innen telefoniert auf dieser Reise. Man hat 8-10 Stunden auf dem Fahrrad und irgendwann will der Geist mit etwas anderem beschäftigt werden als einfach nur in die Landschaft zu gucken, was ja sowieso nur wie eine sich langsam ändernde Theaterkulisse ist. Und das ist auch einer der Ausgangspunkte, die für mich wichtig waren, diese Radreise zu machen: Alles hinter mir zu lassen und die Verbindungen abzubrechen. Keine Kommunikationswege nach außen zu haben und einfach mal zu schauen: Wo stehe ich im Leben? Bin ich zufrieden damit? Wie mache ich weiter? Wo gehe ich hin?"
Fredy Gareis ist kein „Iron Man“. Er ist Journalist. Es ging es ihm nicht um die Überwindung der Wegstrecke, sondern um die Geschichten der Menschen, die er unterwegs getroffen hat. Zum Beispiel die junge Liron Mark, die ihre regelmäßigen Besuche in Yad Vashem „als Tribut an ihr jüdisches Volk“ versteht. Oder den jordanischen Teppichhändler mit dem geläufigen Namen Saddam Hussein, der den Reisenden am Ende der strapaziösen Tagesettape mit köstlichem Tee wieder aufgepäppelt. Oder den Marathon-Läufer Mahmoud, den Fredy Gareis durch das Flüchtlingslager Schatila begleitet. Wegen all dieser Menschen haben sich die Strapazen gelohnt – ob der Weg nun über einen der berüchtigten Drogenpässe im albanischen Hochland führte oder nach Auschwitz, wo der Autor bilanziert, dass der „Tod leider nicht nur ein Meister aus Deutschland“ ist.
Fredy Gareis hat dutzende von Grenzen überwunden. Sein Buch zeigt, dass sich die Mauern vor allem in den Köpfen der Menschen befinden. Und dennoch ist eine der wichtigsten Erkenntnisse auf dieser Reise die großartige Gastfreundschaft, die dem Fremdling entgegengebracht wurde, diesem „Deppen auf dem Fahrrad“.
"Hör zu, egal wo du hinkommst, es kann auch die gefährlichste Gegend sein: Die Leute sehen Dich und denken: Was ist denn das für ein harmloser Idiot. Du wirst als harmlos zum einen wahrgenommen und zum anderen weckst du in den Leuten Beschützerinstinkte – ok, den müssen wir füttern, der sieht ziemlich abgemagert aus auf diesem Rad, das muss anstrengend sein, wir müssen ihn bewirten. Und natürlich: Die Leute wollen deine Geschichte wissen. Das heißt, sie kommen unmittelbar auf dich zu und dieses ganze Problem eines Journalisten, Vertrauen aufzubauen... gibt’s einfach nicht mehr, weil das Fahrrad übernimmt diese Arbeit."
Fredy Gareis ist als Reiseschriftsteller kein weitgereister Exot wie Bruce Chatwin. Und er ist auch kein Helge Timmerberg, der noch die beiläufigste Begebenheit zu einer poetischen Märchenstunde macht. Doch Fredy Gareis hat einen Ton der Wahrhaftigkeit gefunden, der im Journalismus und auch in der Literatur von heute eine Seltenheit ist. Wenn das das Resultat seiner Reise zu sich selbst ist, dann sind wir als Leser die glücklichen Nutznießer seiner „Geschichten von tausendundeiner Straße“. Ein tolles Buch! Zum Lesen und zur Nachahmung empfohlen!

 

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