Jonathan Scheiner Texte & Musik

24Sep/14Off

Die Musik jenseits der Mauer – Idan Raichel über Vaterfreuden, gefühlte Sicherheit und Erziehung zum Frieden

© Stephan Pramme (www.stephanpramme.de)

 

Im Laufe ihrer Karriere haben Sie mit rund 100 Musikern aus aller Welt zusammengearbeitet. Warum haben sie jetzt ihr Erfolgsrezept geändert?
Zur Europa-Tourne, die später auch in den Fernen Osten, nach Japan und Korea führt, habe ich mich entschlossen, ein Klavierkonzert zu machen. Allerdings habe ich auch ein paar Gäste dabei. Es handelt sich dabei nicht um das verkleinerte Idan Raichel Project, das Musiker aus allen Teilen der Welt zusammenbringt. Denn obwohl ich normalerweise mit sehr vielen Sängern und Künstlern zusammenspiele, wollte ich nach zehn Jahren auf Tour zur Essenz meiner Musik zurückkehren und einfach nur die Melodien auf intime Weise spielen, am Klavier, so wie sie einst geschrieben wurden.
Werden dadurch die Songs nicht ihrer Vielschichtigkeit beraubt?
Am Ende des Tages, wenn ich etwa eine Aufnahme mit der Sängerin Marta Gómez aus Kolumbien mache, mit der Fado-Sängerin Ana Moura aus Portugal oder dem Countertenor Andreas Scholl aus Deutschland -  am Ende des Tages also klingt das nicht nach kolumbianischer Musik, Fado oder Klassik aus Deutschland. Es klingt vielmehr nach israelischer Musik. Und der Grund dafür besteht darin, dass wir all diese Sounds in einem großen Topf zusammenmischen. Deshalb wollte ich zurück zur DNA meiner Songs: Die Essenz der Melodien wiederfinden und von dort aus neu beginnen.

Foto: Idan Raichel und Mayra Andrade

Wie kam es eigentlich zu Ihrem Interesse an Welt-Musik?
Ich wuchs mit dem Akkordion auf, das eigentlich ein Weltmusik-Instrument par excellence ist. Aber ich spiele damit israelische Musik. Wobei es davon abhängt, wie man israelische Musik definiert. Es ist ein junges Land und alle 15 Jahre kommen Immigranten aus anderen Erdteilen dorthin, die nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Küche und die Klanglandschaft verändern.
Meine Songs sind in dem Sinne israelische Musik, als sich diese Vielfalt darin spiegelt, und ich glaube, man kann darin auch Spuren meiner deutschen und die meiner polnisch-russischen Vorfahren hören.
Wann hat sich denn Ihr typischer Stil geformt?
Als ich in der Zahal gedient habe. Ich war dort als Musiker beschäftigt und so habe ich täglich vor Soldaten gespielt. Soldaten sind die ehrlichsten Zuhörer – nach Kindern. Du stiehlst ihnen die verdiente Ruhepause, wenn du nicht gut bist. Also bekommst du sofort Feedback. Das war eine gute Erfahrung. Zwar hat das nicht meine Einstellung gegenüber Musik verändert, aber ich habe viel über Aufführungspraxis gelernt.
Gab es noch ein anderes Schlüsselerlebnis?
Meine musikalische Neugier war schon immer ausgeprägt, weil ich Akkordion gelernt habe und so schon früh mit Klängen aus aller Welt vertraut war. Doch das erste Mal, als ich mit äthiopischer Musik in Berührung kam, war tatsächlich bei der Armee. Weil es Allgemeine Wehrpflicht gibt, ist das Militär eine Art Schmelztiegel. Menschen aus ganz Israel dienen dort, egal ob sie religiös sind oder nicht. Alle tragen Uniform und sind gleich. Dort habe ich Einwanderer aus Äthiopien getroffen, aus den Flüchtlingslagern im Sudan, Menschen, die seit Jahr und Tag in Israel leben. Damals habe ich Musik gehört, die diese Leute von zuhause mitgebracht haben. Ich habe gemerkt, dass es eine riesige Gemeinde gibt, und dass ihre Stimme vom israelischen Main Stream-Radio nicht gehört wird.
In Israel sind Sie ein Superstar. Was ist Ihr Erfolgsrezept?
Der große Wandel, der vom Idan Raichel Projekt ausging, war, dass es die Stimme der Minderheiten, der Menschen auf der Straße und ihre Sprache, in die großen Sender gebracht hat.
Wobei arabische Musik noch immer selten zu hören ist?
Die israelische Gesellschaft ist nicht vertraut mit der Musik der Beduinen oder der Drusen, mit Musik, die aus Ramallah, Jericho oder Bethlehem kommt. Nicht einmal die Kids lernen etwas darüber. Wenn du jemand in Tel Aviv fragst, ob er einen Namen eines palästinensischen Sängers kennt, dann werden sie sagen „Nein“. Und wenn du nach einen Kinofilm aus dem Libanon oder einer modernen syrischen Tanzgruppe fragst, dann werden sie ebenfalls sagen „Nein“. Das gleiche gilt natürlich auch für Menschen aus Syrien oder dem Iran, wenn du sie fragst, ob sie einen Sänger oder einen Film aus Israel kennen. Sie werden sagen „Nein“.
Wie läßt sich das ändern?
Ramallah ist nur 20 Kilometer weit weg und es liegt nur auf der anderen Straßenseite von Jerusalem. Wenn du dir das vor Augen führst, dann wirst du aufhören, dich zu wundern, warum die Leute Frieden wollen. Wobei: Wollen sie überhaupt Frieden oder wollen sie eher eine Nicht-Krieg-Situation? Das ist ein großer Unterschied. Ich glaube, die meisten Menschen im Nahen Osten wollen eine Nicht-Krieg-Situation und keinen Frieden. Es ist nämlich nicht so, dass den Kindern die Liebe zu einer fremden Kultur beigebracht wird, sondern vielmehr so, dass es große Hoffnungen gibt, dass die anderen keine Rakten mehr schießen. Es sollte ein Muss für das israelische Erziehungssystem sein, den Kinder etwas über die Kultur jenseits der Mauer beizubringen.
Schwer in diesen Kriegszeiten. Wie haben Sie die letzten Wochen erlebt?
Es gab eine Rakete in meiner Straße, beziehungsweise die Überreste davon, weil Iron Dome funktioniert hat. Es gab einen Alarm und plötzlich eine Explosion und dieses Ding fiel vom Himmel. Mitten in Tel Aviv. Du weißt, es ist Krieg, aber du spürst ihn nicht bis zu diesem Knall. Du siehst ihn zwar im Fernseher, du weißt, er ist nur 50 Kilometer entfernt, du weißt, dass es verwundete Soldaten gibt – aber plötzlich siehst du die Splitter dieser Rakete.
Hat sie die Angst gepackt?
In ganz Israel und Gaza war Kriegs-Zone. Vorher dachtest du, das ist etwas, was weit weg hinter der Grenze ist, weil die Kämpfe nicht auf dem Land stattfinden, auf dem du lebst. Doch dann haben wir es plötzlich mit eigenen Augen gesehen.
Wollten Sie weg?
Es gab Alarm, doch meinen Tagesablauf hat es nicht verändert. Wenn du in Israel lebst, bist du an sowas gewöhnt. Es ist verrückt zu sagen, aber selbst als Busse von Selbstmordattentätern in die Luft gesprengt wurden, hat uns das nicht vom Busfahren abgehalten. Wir machen einfach weiter. Man gewöhnt sich daran. Selbst Terror hat einen Gewöhnungs-Affekt.
Sie sind kürzlich Vater geworden. Trotzdem kein Gesinnungswandel?
Meine Frau ist aus Österreich, eine Wienerin. Sie zog wegen mir nach Israel. Sie ist keine israelische Staatsbürgerin und wir haben jetzt ein Baby. Und als die Raketen einschlugen, war es schwer für sie zu verstehen, warum ich in Tel Aviv bleiben will – wo ich doch die Wahl habe. Doch es ist meine moralische Pflicht zu bleiben. Ich denke, wir Menschen im Mittleren Osten ticken da einfach anders.
Wie hat Ihr junges Glück Ihr Leben verändert?
Manchmal wird mir bewusst: Wow! Ich habe eine kleine Tochter. Es wird jetzt viel Deutsch im Haus gesprochen. Meine Großmutter wurde in Berlin geboren und da meine Urgroßeltern kein Wort Hebräisch verstanden, als sie nach Israel kamen, mussten alle, auch meine Mutter, Deutsch mit ihnen sprechen. So können sich jetzt meine Mutter und meine Frau auf Deutsch unterhalten. Nur ich verstehe nichts. Dabei läuft ständig eine deutsche Kinderkassette mit Songs von Nena und natürlich Pippi Langstrumpf. Und manchmal höre ich seltsame Sachen wie „Um Gottes Willen“. Dann weiß ich, oha, jetzt gibt’s Ärger.

Info:

Idan Raichel wurde 1977 in Kfar Saba geboren. Heute wohnt er im benachbarten Tel Aviv mit seiner Tochter Philipa und seiner Frau Damaris. Vor rund elf Jahren hat der Sänger das Idan Raichel Project gegründet. Von seinen bislang fünf Alben hat er bereits 560.000 Kopien verkauft. In Israel ein Superstar hat Raichel ein Gedicht von Shimon Peres vertont oder vor US-Präsident Barack Obama gespielt. Als Sideman trat er mit Stars wie Alicia Keys oder India.Arie auf. Deren gemeinsames Album „Open Doors“ blieb allerdings bislang unveröffentlicht.

http://www.wdr3.de/zeitgeschehen/juedischesleben168.html

 

 

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8Sep/14Off

Stellas Morgenstern und das Ende der Liebelei


In den letzten anderthalb Jahrzehnten waren die Lieder der Jidden ganz groß in Mode. Klezmerbands schossen wie Pilze aus dem Boden, so schien es  – und die Konzertsäle waren voll von deutschen Klezmerfans. Doch inzwischen zeichnet sich ein Ende der Liebelei ab. Viele der Klezmer-Musiker beschreiten deshalb neue Wege. Statt traditionelle Schtettl-Lieder zu spielen öffnen sich die Musiker gegenüber anderen Genres. Das tut auch Stellas Morgenstern, eine Formation um die Hamburgerin Stella Jürgensen.
Stella Jürgensen wurde in Schweden geboren, aber sie lebt seit Jahr und Tag in Hamburg. Zum Klezmer kam sie, nachdem ihr ein israelischer Freund das Album „Rhythm & Jews“ von den Klezmatics gegeben hatte. Ihm zuliebe hat Stella in das Album mal reingehört, aber eigentlich war sie skeptisch: Klezmer konnte sie nicht ausstehen. Sie war vielmehr mit amerikanischem Folk groß geworden, mit Pete Seger und Woody Guthrie. Aber dieses  Klezmatics-Album – das hatte es ihr angetan. Sie wurde Fan und pilgerte bald zu den Konzerten.
Mehr als zehn Jahre ist das jetzt her. Heutzutage zählt Lorin Sklamberg, der Sänger der Klezmatics, zu Stellas Freunden. Sie ist sogar schon mit ihm aufgetreten. Und Stella hat selbst schon ein Album mit jiddischen Liedern herausgebracht. Es heißt „Nakhtike Musik“. Die Texte stammen von der jiddischen Dichterin Rajzel Zychlinski. Stella hatte die Gedichte in der kleinen Bibiothek der Salomon-Birnbaum-Gesellschaft in Hamburg entdeckt.
Auf dem aktuellen Album von Stellas Morgenstern mit dem Titel „Departure Gate“ sind ganz andere Töne zu hören. Statt jiddischer Lieder gibt es nun englische und hebräische Songs. Die Texte stammen von Merose, einem Israeli, der ebenfalls schon lange in Hamburg lebt.
"Das erste Stück, was wir gemeinsam arrangiert haben und mit dem der Morgenstern eigentlich losging, das war das Lied „Departure Gate“. Mit diesem Stück fing der Morgenstern an und deswegen war auch klar, das nach diesem Lied auch die CD heißen muss. Es gab bei uns eine Tradition immer Mittwochs am Küchentisch haben wir gejammt. Und wir haben einfach rumprobiert. Und zu Anfang haben wir alle möglichen Lieder gespielt, auf die wir Lust hatten und dann haben wir immer mehr die Lieder von Merose angefangen zu spielen, auszuprobieren. Und als der mit Departure Gate kam, war mir ganz schnell klar, dieses Lied hat so eine Kraft, da möchte ich ein ganzes Programm daraus machen."
Ein Dichter mit sinnlich-poetischen Versen und eine Sängerin mit einer ausdrucksstarken Altstimme: da scheinen zwei sich gefunden zu haben. Und das zur rechten Zeit, denn Stella wollte nicht mehr einfach nur die bekannten jiddischen Gassenhauer aufwärmen. Sondern sie wollte etwa Neues ausprobieren. Und damit liegt sie voll im Trend:
"Ich glaube, Musiker haben immer innerhalb dieses Genres eigene Kompositionen gemacht, aber das ist jetzt mehr denn je gefragt. Außerdem stirbt ja jetzt auch so langsam diese Generation weg dieser Vorbilder, von denen alle Musiker, die sich mit traditioneller Genre beschäftigen, unmittelbar lernen konnten. Beyle Schechter ist letztes Jahr gestorben, das wird immer dünner und immer weniger. Wer nur in traditioneller jiddischer oder Klezmermusik bleibt, der hat es glaube ich ein bißchen schwer. Da ist so ein bißchen für meine Einschätzung gerade ein bißchen die Luft raus und es ist auch schwer, Publikum zu finden. Wenn man nicht gerade in Krakau auf dem Festival spielt, wo das natürlich gesetzt ist und jedes Jahr so und so viele Tausend kommen. Ansonsten hat es diese Musikrichtung schwer."
Ganz auf ihre Liebe zur Jiddischkeit wollte Stella dann doch nicht verzichten. Ein Song ihres neuen Albums stammt denn auch nicht von Merose, sondern von der jiddischen Gesangslegende Arkady Gendler. Und in die Fussstapfen eines so großen alten Mannes zu treten – das ist nun wirklich keine Schande! Solange man – wie Stella - wieder herausfindet.
http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2014/09/05/drk_20140905_1907_1999e367.mp3

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8Sep/14Off

David Orlowskys Kratzfuss vor den Klezmer-Kings

Selbst gestandene Klezmermusiker räumen inzwischen ein, dass mit traditionellen Jidden-Nummern kein Hund mehr hinterm Pripetschik gelockt, geschweige denn Reibach mit CD- und Konzertkartenverkauf gemacht werden kann. Doch obwohl selbst die Spatzen den Abgesang des Klezmer von den Dächern pfeifen, bringt der Klarinettist David Orlowsky ein reines Klezmeralbum mit 15 Titeln auf den Markt. Darauf macht er vor zwei der größten Klarinetten-Ikonen den Kratzfuß: Dave Tarras und Naftule Brandwein. Doch was wie ein Himmelfahrtskommando wirkt, ist beim genauen Hören das glatte Gegenteil. Orlowskys Album mit dem Titel „Klezmer Kings“ bietet herzergreifend schöne Musik, die großartig gespielt wird!

Kurioserweise hat der 1981 in Tübingen geborene David Orlowsky fast ausnahmslos olle Schtettl-Kamellen ausgewählt. „Oifn Pripezik“, „Papirosn“ oder „Nifty’s Freilach“ sind Nummern, die den üblen Beigeschmack von Ohrwürmern besitzen, die man schon bis zum Überdruss gehört hat. Und nicht einmal die Besetzung des Trios ist neu, denn Jens-Uwe Popp (Gitarre) und Florian Dohrmann (Kontrabass) bilden seit Jahr und Tag das Orlowsky-Trio. Aber selbst das ist kein Makel, im Gegenteil! Dieses Eingespieltsein führt zu einem hörbaren „blinden“ Verständnis, zumal Orlowskys „Begleitmusiker“ seit mehr als zehn Jahren ihrer „Neben“-Rolle entwachsen.

Diese Art der kompakten Interaktion zwischen drei Musikern kennt man vor allem von zeitgenössischen Jazz-Trios. Dass Dave Tarras und Naftule Brandwein als Teil der riesigen aschkenasischen Einwanderungswelle in die USA am Beginn des 20. Jahrhunderts die Geburtsstunde des Jazz gewissermaßen hautnah miterlebten – das wird angesichts dieses Albums sonnenklar. Mag sein, man muss sich heutzutage vielleicht Sorgen um die Einkommensverhältnisse von Klezmermusikern machen. Für ihre Musik gilt das nicht.

 

Foto: © Stephan Pramme

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