Jonathan Scheiner Texte & Musik

31Okt/14Off

Avishai Cohen? Ja, der Trompeter Avishai Cohen!

Trotz des gleichen Namens sollte man den Trompeter Avishai Cohen nicht mit seinem Namensvetter am Bass verwechseln. Das hat sich auch in der internationalen Jazzszene herumgesprochen. Avishai Cohen, der Trompeter, wird seit geraumer Zeit als einer der heißesten Jazzexporte seiner Heimat Israel gefeiert. Der Trompeter besitzt einen ganz wunderbaren Ton, der nicht so sehr von israelischer Musik, sondern vielmehr von schwarzafrikanischem Jazz beeinflusst ist.

Der 1978 geborene Trompeter Avishai Cohen ist alles andere als ein klassischer Repräsentant jener Goldenen Generation junger Israelis, die die Klänge ihrer Heimat in das traditionelle Jazzrepertoire integrieren. Avishai Cohens Musik spiegelt vielmehr die Klänge seiner Wahlheimat New York wider.

In New York wurden auch Cohens rund ein Dutzend CD’s unter eigenem Namen publiziert, und zwar beim Label Anzic Records, das von Avishais Schwester Anat Cohen betrieben wird. Mit der Klarinettistin und seinem älteren Bruder Yuval Cohen, einem Saxophonisten, spielt Avishai Cohen in der Formation 3 Cohens. Vor kurzem ist eine weitere CD der drei Geschwister erschienen, mit dem Titel „Tightrope“. Die meisten Stücke wurden im Trio eingespielt.

Man kann sich vorstellen, wie bunt und laut es im Elternhaus der Cohens in Tel Aviv geklungen haben muss – und dass das Zusammenleben mit den Nachbarn nicht immer ganz spannungsfrei war. Das hat sich geändert, als Avishai Cohen zunächst am Berklee College of Music in Boston studierte und dann seinen älteren Geschwistern nach New York nachzog. Dort konnte er sich nicht nur auf die familiären Bande verlassen, sondern auch auf andere alte Seilschaften. Zum Beispiel mit dem Bassisten Omer Avital, der bei fast allen Alben Avishai Cohens mitspielt.

Well I knew Omer already as a kid. Omer and my brother used to have a band together. It was never recorded. As high school kids he and Avi Lebovich, the trombone player and Omer Avital. And Oz Noy, the guitar player, these two used tto have a band together. And I used to go and see them in a jam session but Omer is about seven years older than me so we weren’t really collaborating back in Israel. We did one time in a tv show together. I wsa twelve and he was eighten or something...he still has that tape.. When I moved to NY I sarted to play more often to play with Omer. It started in the Jason Lindner Bigband. We both lived in the East Village. I used to go over and go over tunes and on that point Omer started calling me for his band. I played with his quintet for a while or sextett sometimes...at Smalls. In 2001 or 2002 we started a band together: Third World Love. With Daniel Friedman and Yohnatan Avshai.

Ich kannte Omer schon als Kind. Omer und mein Bruder hatten eine gemeinsame Band. Als ich nach New York zog, fing ich an, öfter mit ihm zusammenzuspielen. Angefangen hatte alles in der Jason Lindner Bigband. Wir lebten beide im East Village. Ich war oft bei ihm zuhause oder er bei mir und wir haben Songs einstudiert. Irgendwann hat mich Omer dann gefragt, ob ich nicht in seiner Band spielen wolle, im Quintett beziehungsweise im Sextett, das vor allem im Jazzclub Smalls auftrat. 2001 oder 2002 haben wir dann eine gemeinsame Band gegründet: Third World Love.

Das jüngste der inzwischen vier Alben von Third World Love stammt aus dem Jahr 2012. Darauf spielt sich die Band durch ein Arsenal ganz unterschiedlicher Stile. Darunter sind Klänge, die man durchaus dem sogenannten „Falafel-Jazz“ zuordnen könnte, jenen wohlklingenden Jazz-Tunes aus Israel, die sich auch hierzulande zunehmender Beliebtheit erfreuen. Doch Avishai Cohen wehrt sich zurecht gegen dieses Ettikett.

Some people automatically without listening carefully asking me about all this israeli music influencing my music. I am always like: Hey you have to listen carefully: You will realize, well it’s obviously there because I am from there but it’s not more than anything else. It is not more obvious than Led Zepplin and Frank Zappa or the Beatles. I never had that need to establish that strongly: I am from Israel. I never hiding that fact. I am ok with the fact beeing from there. That’s where I am from but it’s not on my agenda. I cannot sell my music as israeli music....I grew up on jazz and I was exposed to jazz at age 14 more to classical music for a few years all along doing jazz and only later on I was exposed to other kinds of music This is something going on til today: The radio is always on in the house. A lot of time it’s on the classical channel. So classical music was playing all of the time in our house....I knew some of the stuff that I was playing because I was playing in the Young Israeli Philharmonic Orchestra for a few years ...

Manche Leute fragen mich - ohne genau hinzuhören - nach den Einflüssen israelischer Musik auf meine Songs. Ich sage dann immer: Du musst schon genauer aufpassen! Dann wirst du merken, dass sie durchaus da sind, weil ich ja schließlich aus Israel komme, aber das ist nicht wichtiger als alles andere. Israelische Musik steht nicht mehr im Vordergrund als Led Zepplin, Frank Zappa oder die Beatles. Für mich bestand noch nie die Notwendigkeit zu sagen: Ich bin aus Israel! Ich verheimliche das zwar nicht, aber trotzdem kann ich meine Musik nicht als israelische Musik verkaufen.

Bevor Avishai Cohen nach New York ging, hat er mit einer Vielzahl von Musikern aus seiner Heimat gespielt, darunter auch mit der israelischen Pop-Ikone Shalom Hanoch oder mit der Pop-Sängerin Keren Ann. Doch tatsächlich ist die Musik von Avishai Cohen im Hardbob verwurzelt. Miles Davis und Don Cherry – das sind seine eigentlichen Helden.

Avishai Cohen lebt mittlerweile wieder in Tel Aviv, doch er ist quasi pausenlos auf Tour. Mitte Januar hat er in Leverkusen mit der WDR Bigband gespielt:  Das war Zusammenspiel vom Allerfeinsten! Und vom Falafel-Jazz war da glücklicherweise nichts zu hören!

 

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8Okt/14Off

Nach meiner Barmizwa habe ich die Löschen-Taste gedrückt – Der Klarinettist David Krakauer


 

Ihre Heimat ist New York, aber in Berlin haben Sie Ihre Karriere gestartet. Wie kam es dazu?
In Berlin war ich schon sehr oft. Das erste Mal, als die Mauer fiel. Ende der Achziger, Anfang der Neunziger Jahre habe ich bei den Klezmatics gespielt. Unser Plattenlabel war damals in Berlin und unser erstes Klezmatics-Album „Rhythm & Jews“ wurde 1990 ebenfalls dort gemacht. Im Februar 1990 haben wir beim letzten Festival des Politischen Liedes in der Ex-DDR gespielt. Später auch in der Berliner Volksbühne und dem Jazz-Club Quasimodo, der zu unserem zweiten Wohnzimmer wurde.
Nun gibt es gleich drei neue Alben, auf denen Sie neue Wege gehen?
Das Album „Akoka“ habe ich mit klassischen Cellisten Matt Haimovitz und dem Soundtüftler DJ Socalled gemacht. Doch im Kern geht es um ein 15-minütiges Stück des großen französischen Komponisten Oliver Messiaen. Der gläubige Katholik war in einem deutschen Gefangenenlager interniert. Dort schrieb er ein Stück über die Apokalypse, über das Ende der Zeit.
Worum geht es bei Akoka?
Messiaen war gemeinsam mit einem Klarinettisten, einem Geiger, einem Cellisten und einem Pianisten inhaftiert, für die er das Quartett schrieb. Ich habe dieses Stück, das zum klassischen Repertoire zählt, schon an die einhundert mal gespielt. Obwohl es einen katholischen Hintergrund hat, ist das Stück univeral. Mich hat besonders der mitinhaftierte Klarinettist Henri Akoka interessiert. Als die Kriegsgefangenen schließlich entlassen wurden, durfte Akoka nicht nach Hause. Weil er jüdisch war, wurde er mit dem Zug nach Auschwitz deportiert. Aber er konnte abspringen. Er brach sich den Arm, während er die Klarinette unter dem anderen Arm festhielt. Doch Akoka schaffte es bis nach Hause und überlebte.
Das klingt filmreif und passt gut zu Ihrem zweiten neuen Album „The Big Picture“
Das Album „The Big Picture“ enthält Musik aus Kinofilmen, die wir alle gut kennen. Ikonographische Filme wie „Cabaret“, „Fiddler on the Roof“ oder „Das Leben ist schön“ (La Vita é Bella). Wenn man sich die Liste ansieht, merkt man, dass es sich ausschließlich um jüdische Filme handelt, darunter drei Filme von Woody Allen. All diese wunderbaren Filmmusiken verraten etwas über Identität. Nachdem wir das Album fertig hatten, lehnten wir uns zurück, um uns das Ding noch mal anzuhören. Wir staunten: Wow, das ist die Geschichte meiner Familie, aus der Sicht des heranwachsenden jüdischen Amerikaners, in Form von Filmen.
Wie war denn Ihre jüdische Kindheit?
Ich wurde wie meine Eltern in New York City geboren. Meine Großeltern und meine Urgroßeltern kamen aus Russland, Polen und Lemberg in der Ukraine. Die Mutter meines Vaters kam aus einer Kleinstadt bei Minsk. Sie alle immigrierten Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts in die USA. Meine Mutter war Geigerin, meine Vater ein Musikliebhaber und Amateursänger. So war immer Musik im Haus. Mit zehn Jahren bekam ich die Chance, ein Orchesterinstrument zu lernen. Meine Mutter sagte: Du bist zu alt für die Geige. Du solltest besser Klarinette oder Flöte lernen. Also nahm ich die Klarinette.
Und wie kamen Sie zum Jazz?
Ich hörte „Rhapsody in Blue“ von George Gershwin und „Creation of the World“ von Darius Milhaud und all die anderen Stücke mit großen Klarinettensoli. Und mit elf Jahren habe ich dann erstmals Sidney Bechet gehört und das hat mein Leben komplett verändert: Ich wollte Jazz-Musiker werden.
Was ist das Besondere an Bechet?
Sidney Bechet hat mich unmittelbar angesprochen. Als ich seine Platten hörte, dachte ich, das sei eine Person, die tatsächlich durch sein Instrument „spricht“. Und nicht einfach Blablabla, sondern wahre Geschichten, als würde er Gefühle durch Musik ausdrücken. Dadurch begriff ich die Macht der Musik.
Und wie kamen Sie zur jüdischen Musik?
Ich hatte meine Barmizwa, weil meine Eltern sagten: Wenn du das nicht machst, dann brichst du deinen Großeltern das Herz. Also machte ich das, obwohl ich in einer nichtreligiösen, assimilierten Familie groß wurde. Unglücklicherweise war der Unterricht sehr funktional und ich war schnell gelangweilt. Sofort nach der Barmizwa habe ich die Löschen-Taste gedrückt.
Wie haben Sie doch noch nach Hause gefunden?
Ich habe das immer bedauert, vor allem, wenn ich Kids gesehen habe, die eine wunderbare Barmizwa hatten und flüssig Hebräisch sprechen konnten. Und dann gab es da meine Oma mit ihrem herben jiddischen Akzent. Ich dachte immer, da existiert etwas in meiner Welt, das ich überhaupt nicht kenne, eine Art Heimweg, verschüttete Wurzeln. So fing ich in den späten Achzigerjahren an, Klezmer zu spielen. Ich war damals schon 30.
Sie arbeiteten damals noch als klassischer Musiker?
Tatsächlich spielte ich Klezmer nur als Hobby. Ich war eigentlich Profimusiker, spielte Kammer- und Zeitgenössische Musik. Denn in meinen Zwanzigern hatte ich eine Krise gehabt. Ich bezweifelte damals, dass ich eine originäre Stimme habe, dass ich überhaupt gut genug für den Jazz sei. Also hatte ich mich für zehn Jahre auf Klassische Musik konzentriert. Doch als ich den Klezmer entdeckte, dachte ich mir, das könnte ein Weg sein, meine ureigene Stimme doch noch zu finden.
Waren Sie ein Naturtalent?
Ich musste eine Menge lernen. Ich studierte Naftule Brandwein und die Platten von Dave Tarras. Doch auch wenn ich sehr hart studieren musste, um jedes Tremolo, jeden Klang und jede Farbe zu begreifen, so fühlte es sich doch natürlich an. Ich dachte mir immer, oh, das klingt ja wie die Stimme meiner Großmutter.
Wann wurden Sie Teil des Klezmer-Revival?
Die Klezmatics haben mich gefragt, ob ich mit ihnen spielen will. Es gab damals dieses Vorurteil, Klezmer sei etwas für für die alten Leute in Florida und wenn die sterben, dann stirbt auch der Klezmer. Aber dann kamen wir nach Berlin. Wir spielten mit Verstärkern und klangen wie eine jüdische Punkband. Und siehe da, die Leute tanzten und machten Party. Und all diese Leute waren ganz und gar nicht jüdisch. Wie durch einen Unfall haben wir eine neue Bewegung losgetreten, die sich nach Europa auch in den USA festgesetzt hat.
Und wann kam es zum Aufeinandertreffen mit John Zorn?
John Zorn hat mich 1992 für sein legendäres Kristallnacht-Konzert in München engagiert, neben dem Klezmatics-Trompeter Frank London, Anthony Coleman, Mark Dresser, Mark Feldman und Marc Ribot. Das Konzert ist später als Beginn der Radical Jewish Culture in die Geschichtsbücher eingegangen. Den Begriff hat Zorn zwar erfunden, doch die Bewegung gab es schon länger. Vorher gab es schon die Klezmatics oder es gab Don Byrons Mickey Katz-Project. Ich denke, radikale jüdische Kultur geht zurück bis zu Künstlern wie dem Standup-Comedian Lennie Bruce Mitte der Sechzigerjahre.
Was lag denn Anfang der 90er in der Luft?
Das Wunderbare an John Zorn war, dass er begriffen hatte, was alles zur Radical Jewish Culture dazuzählte. Parallel dazu gab es den Fall der Berliner Mauer Ende der 90er Jahre, die Öffnung Ost-Europas. Plötzlich lasen wir in der USA Milan Kundera. Philip Roth brachte die Anthologie „Writers From the Other Europe“ heraus. Es gab Witold Gombrowicz und es gab Bruno Schulz, all diese großen polnisch-jüdischen Dichter, die vorher hinter dem Eisernen Vorhang lebten. John Zorn hat mit Tzadik-Records ein Plattenlabel gegründet und mit Radical Jewish Culture nicht nur einer Bewegung, sondern auch einer ganzen Platten-Serie seinen Namen gegeben. Unter diesem Namen sind nicht nur wegweisende Zorn-Alben wie das „Masada-Songbook“ oder „The Book of Angels“ erschienen, sondern auch die jüdische Musik seiner Kollegen, darunter auch meine „Pruflas“-CD.
Inwiefern ist Ihre Musik überhaupt radical jewish?
Ich habe das erste Album der Radical Jewish Culture Series gemacht. Es hieß Klezmer Madness, so wie auch meine damalige Band. Ich führte die Ästhetik der Klezmatics fort, und die war anti-nostalgisch. Ich mag keinen Museums-Klezmer. Ich liebe es, wenn die Leute aufstehen und tanzen und direkt auf die Musik reagieren – mit Körper und Geist.
Mischen Sie deshalb Klezmer mit Funk?
Ich bin mit Funk groß geworden, mit James Brown und The Parliament. Doch selbst gespielt habe ich den Funk erst, als ich mit Fred Wesley, dem Posaunisten der Funk-Ikone James Brown, in Kontakt kam. Das fühlte sich sofort sehr natürlich an. Dazu kam noch DJ Socalled und im Oktober 2006 war dann die Band Abraham Inc geboren.
Und warum haben Sie ihre aktuelle Band Ancestral Groove genannt?
Klezmer war für mich zu einengend. „Ancestral Groove“ passt besser zu dem, was ich derzeit spiele. Wir leben in einer sehr spannenden Zeit, in der wir uns vom Klezmer-Ettikett lösen und einfach nur Musik machen können. Die jiddische Kultur, die es vor dem Krieg gab und die von den Immigranten mitgebracht wurde – diese Kultur ist tot. Sie ist nicht mehr Teil des Alltags. Wir können deshalb heulen, aber es ist eine Tatsache.

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/21004

 

 

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