Jonathan Scheiner Texte & Musik

26Dez/14Off

Piyutim aus dem wilden Kurdistan

 

Hierzulande scheint es jenseits aller Vorstellungskraft zu sein, dass es im „wilden“ Kurdistan auch jüdische Musik gegeben hat. Doch als Teil des Osmanischen Reichs hat es dort – wie in allen anderen Teilen des Riesenreichs – eine reiche jüdische Kultur gegeben. So erstaunt es nicht, dass das Jazz Piyyut Project auf ihrem Album „Azur“ eine Reihe von Überraschungen aufbietet. Ein klassisches Jazz-Trio um den Initiator und Pianisten Max Doehlemann und seine beiden alten Haudegen Christian Schantz und Martin Fonfara an Bass und Schlagzeug wird erweitert durch zwei Musiker, die im Alltag mit Jazz nichts am Hut haben: Die beiden Kantoren Hadass Pal Yarden (Gesang) und Yaniv Ovadia (Gesang, Baglama) aus Jerusalem. Die Sefardin Pal Yarden hat klassische türkische Musik studiert und bereits türkisch-sefardische Musik auf CD publiziert. Und Yaniv Ovadia entspringt jener gar nicht so kleinen Community von kurdischen Juden, die ihre Heimat in Richtung Israel verlassen haben. Die beiden Sänger sind innerhalb des Quintetts also für die Piyutim zuständig.
Angst vor dem gewaltsamen Aufeinandertreffen zweier sich fremder Musikwelten verfliegen mit den ersten Tönen. Zu geschmeidig, zu kunstvoll werden die insgesamt zwölf Songs gespielt. Dabei wird allein in vier Sprachen gesungen: Neben Hebräisch und Ladino auch Türkisch und (Alt-) Kurdisch. Außer Kinderliedern gibt es bekannte Piyutim wie „Adon Olam“ und „Yigdal Elohim Hay“. Und neben Naomi Shemers Evergreen „Yerushalim shel zahav“ gibt es ein türkisches Volkslied, das die Stadt Çanakkale besingt. Die Melodie des türkischen Liedes gibt es auch in der jüdischen Tradition als „Ki Eshmerah Shabat“. Daher kann die Sprache nahtlos von einem zum nächsten Vers wechseln. Ein gängiges Muster, das für viele türkisch-jüdische Lieder gilt.
Zusammengehalten wird diese babylonische Vielfalt durch Max Doehlemann. Einfach war das nicht: „An die Vitalität dieser Musik habe ich mich erst rangearbeitet. Das ist ja nicht meine originäre Musiksprache. Ich bin ja im Grunde ein Greenhorn“, verrät der Berliner. Ein einfacher Switch zwischen Jazzimprovisation und Makam gelingt selbst einem abenteuerlustigen Musiker wie ihm nicht im Handumdrehen. Aber er verrät einen simplen Trick: „Vierteltöne musste ich einfach weglassen oder großräumig umschiffen, sonst hätte sich das gebissen“. So simpel, so schön kann die Koexistenz zwischen Orient und Okzident sein.
Info: Jazz Piyyut Project: Azur. Blackbird Music 2014. www.blackbird-music.de

 

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22Dez/14Off

Essad Bey auf den Fersen

© Oleg Farynyuk, www.slow-photography-berlin.com/

Die Figur des Essad Bey wird von Legenden umhüllt wie vom Rauch einer orientalischen Opiumpfeife. Nur ein paar Eckdaten gelten als gesichert: Geboren wurde der Schriftsteller als Lew Abramowitsch Nussimbaum im Jahr 1905 in Baku. Doch schon die Frage nach seiner Nationalität ist schwierig zu beantworten. Essad Bey gilt als aserbeidschanischer Patriot – unter anderem. Denn zugleich war Essad Bey (oder auch Kurban Said oder  Mohammed Essad-Bey) ein vor der Nazis geflohener Jude, der kurioserweise ein Sympatisant Benito Mussolinis war. Heutzutage bekannt ist dieser sagenumwobene Mann höchstens noch jenen Menschen, die zufällig eines seiner zahllosen Bücher in die Finger bekommen haben.

Das gilt auch für den Musiker Yuriy Gurzhy, gemeinhin bekannt als Gründer der „Russendisko“. In einem Zürcher Antiquaritat ist ihm eine englische Ausgabe der Biografie „Der Orientalist“ in die Hände gefallen. Fortan hat die schillernde Figur Essad Beys die Phantasie des Musikers beflügelt. In kurzer Zeit waren ein paar Songs komponiert und das Maxim Gorki-Theater in Berlin als Aufführungsort für eine musikalische Nummernrevue ins Boots geholt. Als dann noch der Musiker Daniel Kahn als Kompanion gewonnen werden konnte, hatte sich ein Dreamteam formiert.

Die Premiere Ende September unter dem Titel „Wer war Essad Bey?“ war ein voller Erfolg. Nicht nur wegen des Aufeinandertreffens von zwei der kreativsten jüdischen Songschreibern dieser Zeit (Gurzhy/Kahn), sondern auch, weil der Rest dieses Abends überzeugte. Mit der Sängerin und Schauspielerin Marina Frenk wurde eine hinreißende „Rampensau“ ins Boot geholt, um mit ihr die Bühnentauglichkeit der Band „Essad Bey City Rollers“ zu testen. Und da sich Essad Bey auch nach dem Premierenabend in eine Rauchwolke aus Legenden hüllte, gibt es nun Teil 2, umrankt von georgischem Wein, neuen Songs und bis dato unbekannten Film- und Fotoaufnahmen. Ein orientalisch-jüdisches Fest für die Sinne!

Info: Who was Essad Bey? Konzert und Spurensuche mit Yuriy Gurzhy, Daniel Kahn, Marina Frenk. 18.12. 2014, 20.30 Uhr, Maxim Gorki-Theater, Studio R, Hinter dem Gießhaus 2

 

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22Dez/14Off

Westöstliche Empfindsamkeit – Anouar Brahems „Souvenance“

 

Sechs Jahre hat der Oud-Spieler Anouar Brahem keine neue Musik mehr veröffentlicht. Zu sehr haben die politische Umwälzungen in seinem Heimatland Tunesien sein künstlerisches Schaffen in den Hintergrund gedrängt. Nun hat Brahem mit „Souvenance“ ein Doppelalbum bei ECM herausgebracht, das unmittelbar mit dem Arabischen Frühling in Verbindung steht. Doch wer ein politisches Statement oder gar politische Musik erwartet hatte, der wird enttäuscht. Statt dessen bekommt man -  nicht mehr und nicht weniger - eines der schönsten Alben dieser Zeit geboten. Die elf Songs finden eine großartige Balance zwischen arabischer und europäischer Musik, zwischen Jazzimprovisationen und zeitgenössischer Kammermusik. Selbst in der reichen 50 jährigen Geschichte von ECM stellt dieses Album einen Höhepunkt dar.
Im Jahr 2008 ist das letzte Album vom Oud-Spieler Anouar Brahem erschienen. „The Astounding Eyes of Rita“ präsentierte den 1957 in Tunis geborenen Musiker an der Seite des Pianisten Francois Couturier, dem E-Bassisten Björn Meyer und dem Bass-Klarinettisten Klaus Gesing. Dieses ungewöhnliche Jazz-Quartett agiert nun auch auf dem Doppelalbum „Souvenance“, erweitert durch das Orchestra della Svizzera italiana unter der Leitung von Pietro Mianiti. Wer argwöhnte, die intime und geradezu zärtliche Musik Brahems werde durch ein lautstarkes Streicherensemble bedroht, der dürfte mehr als überrascht sein. Im positiven Sinne.
Die elf Stücke basieren auf einfachen Melodien, die sehr zurückgenommen  instrumentiert und interpretiert wurden. Das bezieht sich nicht nur das Orchester, sondern auch das Jazzquartett. Obwohl es so wirkt, als improvisierten die Musiker, so sind diese Songs doch weitgehend notiert.
"Ich bin bekannt – in Paranthese – als Musiker, der Melodien spielt. Oft ist das das Einzige, was ich tun kann. Aber dieses Mal hatte ich das Gefühl, dass ich mich in eher abstrakte Gefilde bewege. Das war eine absolute Herausforderung. Auf der einen Seite sind die Streicherpassagen durchkomponiert. Auf der anderen Seite ist mein Quartett aus improvisierenden Musikern zusammengesetzt, aber da fast 100% der aktuellen Musik notiert wurde, gibt es für sie viel weniger Platz zum Improvisieren. Doch auch wenn es keine wirklichen Improvisationen gibt – und es gibt tatsächlich kein einziges Solo auf dieser Platte – so ist doch wenigstens die Haltung der Musiker die von Improvisationskünstlern. Denn sie spielen diese Musik als wär’s das erste Mal – so als würden sie gar nicht nach Noten spielen. Ich hatte selbst beim Streicherensemble zuweilen den Eindruck, als würden sie etwas spielen, was hinter den Noten liegt, hinter der notierten Musik".
Schon auf den vorangegangenen Alben von Anouar Brahem hatte sich angedeutet, was sich nun als Eindruck verstärkt: Seine Musik pendelt zwischen improvisiertem Jazz und komponierter Musik, mit Tendenz zu letzterem. Die Annäherung von Brahems Musik an die zeitgenössische europäische Kammermusik ist umso erstaunlicher, als die elf Songs vor dem Hintergrund des Arabischen Frühlings entstanden sind. Aber als eine Hommage an den politischen Wandel in seiner Heimat ist seine Musik nicht gedacht.
"Für mich war das eine neue, einzigartige Erfahrung. Ich komme von der traditionellen arabischen Musik her und habe keine westliche Klassik-Ausbildung genossen. Als mir die Idee mit dem Streichorchester in den Sinn kam, dachte ich mir zunächst, das sei eine Schnapsidee. Das Risiko mit den Streichern bestand darin, ein orientalistisches Klischée zu bedienen. Also musste ich eine organische Verbindung zwischen den Streichern und der Musik finden, damit die Musik eine wirkliche Bedeutung besitzt und nicht nur im Hintergrund spielt oder wie ein arabisches Streichorchester die Melodie führt. Tatsächlich verwende ich das Streicherensemble eher wie ein fünftes Bandmitglied. Man kann nicht sagen, dass diese Musik ausschließlich klassisch europäisch ist. Aber auch, wenn ich mit Jazzmusikern spiele, habe ich nie das Gefühl, „arabischen“ Jazz zu spielen. Ich versuche lediglich, meine Musik zu machen".
Das Orchester trägt wie die übrigen vier Musiker zur Vielschichtigkeit der Textur bei, zur Vervielfältigung und Nuancierung einfacher musikalischer Phrasen. Obwohl diese Musik ganz simpel wirkt, setzt sie doch Interpreten mit hervorragender Intonation und Empfindsamkeit voraus. Nicht nur deshalb, sondern auch wegen der großartigen Aufnahmetechnik, ist Anouar Brahems „Souvenance“ eines der schönsten Alben dieser Zeit. Die geografisch-kulturelle Grenze zwischen Orient und Okkzident wird hier mühelos überwunden.
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11Dez/14Off

Sol Gabettas „Prayers“

Das Repertoire von Sol Gabettas neuem Album “Prayer” ist ebenso anspruchsvoll wie überraschend. Anspruchsvoll, weil sie sich in die Fussstapfen eines der größten Virtuosen ihres Instruments begibt, in die des Cellisten Pablo Casals. Und überraschend, weil sie um eine Komposition des Katalanen klugerweise Stücke von Ernest Bloch und Dmitrij Schostakowitsch gruppiert hat. Nicht irgendwelche Kompositionen, sondern Stücke mit jüdischer Thematik. Neben den Werken des Schweizers Ernest Bloch (1880-1959), „Jewish Life“, „Baal Shem“, „Méditation Hébraïque“ und „Schelomo“ sind vier Stücke aus Dmitri Schostakowitschs (1906-1975) „Aus der jüdischen Volkspoesie, op. 79“ und Pablo Casals (1876-1973) „El Cant des Ocells-Song of the Birds“ zu hören.
Die Cellistin sagt, dass es das titelgebende Stück „Prayer“ von Ernest Bloch war, welches den Anstoß zu diesem Album gegeben hat: „Ich spielte ‚Prayer’ oft als Zugabe in Konzerten und konnte bei vielen Menschen eine Betroffenheit und Ergriffenheit spüren. Die Musik ist sinnlich und besinnlich zugleich“. Womit Sol Gabetta nicht nur das Wesen dieser Komposition beschreibt, sondern das vieler weiterer von Ernest Bloch und das der jüdischen Synagogalmusik im allgemeinen. Dennoch weist Sol Gabetta zurecht darauf hin, dass „die Gefühle, die die Musik von Bloch ausdrückt, universal sind und keine Gräben zwischen Kulturen und Landesgrenzen kennen.”
Schon die frühen Kompositionen des Schweizers Ernest Bloch um 1913-1914 waren Psalmvertonungen, doch er hat durch alle Schaffensphasen hindurch jüdische Themen in Noten gesetzt. „Was mich interessiert, ist die jüdische Seele, die geheimnisvolle, inbrünstige, aufgewühlte Seele, die ich durch die gesamte Bibel hindurch pulsieren sehe; die Frische und Unbeschwertheit der Erzväter, die Gewalttätigkeit der Propheten, die unbändige Liebe der Juden zur Gerechtigkeit, die Hoffnungslosigkeit der Prediger, das Leid und die enorme Größe des Buches Hiob, die Sinnlichkeit des Hoheliedes. All das ist in uns, all das ist in mir, und es ist der bessere Teil von mir. All dies ist es, was ich mich bemühe in mir zu hören und in Noten zu setzen “.
Das dreiteilige Stück „Jewish Life“ (1925) umfasst das titelgebende „Prayer“, „Supplication“ und „Jewish Song“. Nur das letzte Stück bewegt sich dem Titel nach außerhalb der liturgischen Welt der Synagoge, dabei benutzt der Komponist, wie Jascha Nemtsov schreibt, „in der Cello-Stimme sogar einige aus dem Orient stammende Vierteltonintervalle, die für traditionellen jüdischen Gesang oft kennzeichnend sind“. So ist auch hier der Bezug zur Synagogalmusik gegeben, und das ist durchaus kein Zufall: Bloch war in einer tradionsbewussten jüdischen Familie in Genf groß geworden. Sein Großvater war Präsident der Jüdischen Gemeinde in Lengnau und der Vater durchlief eine Rabbinerausbildung. Schon als Kind war Ernest Bloch also mit Synagogalmusik vertraut.
Auch Blochs „Nigun“ ist eine religiöse Melodie, die ohne Worte gesungen wird. Sie entstand 1923 als Teil des Werkes „Baal Schem“. Diese „Drei Bilder aus dem chassidischen Leben“, deren Ttiel auf den Begründer der chassidischen Bewegung Bezug nimmt, hat Ernest Bloch dem Andenken seiner Mutter gewidmet. Während der Originaltitel ursprünglich mit „Jüdische Melodien“ oder „Drei jüdische Stücke“ angegeben wurde, so haben sich später die Titel „Méditation (Vidui)”, “Rhapsody (Nigun)” und “Yontef - Fête - (Simhas Torah)” etabliert.
Bloch komponierte die „Méditation Hébraïque“ 1924 und widmete sie Pablo Casals, einem der berühmtesten Cellisten des 20. Jahrhunderts
Einen ganz anderen Ansatz verfolgte Dmitri Schostakowitsch, der sein Stück „From Jewish Folk Poetry“ im Jahre 1948 verfasste. Aus diesem Jahr datiert auch der berüchtigte ZK-Beschluss, der moderne Musiktendenzen verurteilte, was eine Vielzahl an jüdischen Künstlern betraf und nicht nur die der „Neuen Jüdischen Schule“ um Zeitlin, Saminsky und Achron, sondern auch Komponisten wie Mieczyslaw Weinberg. Es waren jüdische Künstler gemeint, wenn offiziell von „heimatlosen Kosmopoliten“ gesprochen wurde. Schostakowitschs Komposition wird deshalb nicht zu unrecht als stiller Protest gegen die antisemitischen Tendenzen dieses ZK-Beschlusses gewertet.
Von Schostakowitschs elfteiligem Liederzyklus sind nur vier Stücke in das „Prayer“-Album aufgenommen worden: „Lullaby“, „A Warning“, „The Song of Misery“ und „The Young Girl’s Song“. Diese Lieder erzählen vom traditionellen jüdischen Leben und den alltäglichen Freuden, Sorgen und Nöten im zaristischen Russland. Der Komponist wählte für seinen Zyklus eine russische Übersetzung jiddischer Volkslieder, deren Melodien allerdings nicht abgedruckt waren. Dennoch war Schostakowitsch die Musik der Jidden geläufig. Sie könne „so fröhlich erscheinen und in Wirklichkeit tief tragisch sein – ein Lachen durch Tränen“. Die Arrangements der vier Stücke für Cello und Streichorchester wurden extra für diese Aufnahme von Mikhail Bronner, einem befreundeten Komponisten Sol Gabettas, geschrieben und sind hier als Weltersteinspielung zu hören.
Ernest Blochs berühmtes Werk Schelomo: Rhapsodie Hébraïque für Violoncello und Orchester”, entstand zwischen 1915 und 1916 als letztes Werk seines Jüdischen Zyklus. Es war zudem das letzte Werk, welches Bloch vor seiner Übersiedlung in die USA vollendete und wurde am 13. Mai 1917 in der Carnegie Hall in New York uraufgeführt. Bloch hatte das Werk ursprünglich als Vokalwerk angelegt, wurde aber durch die Bekanntschaft mit dem Cellisten Alexandre Barjansky dazu inspiriert, dem Cello die Rolle des König Solomon (hebräisch: Schelomo) zu übertragen. Schelomo hat drei Teile, von denen jeder einen anderen Aufbau  hat und unterschiedliche musikalischen Themen nutzt.
Unter den Musikern, die den Schelomo noch zu Lebzeiten Blochs dirigiert und gespielt haben, war auch einer der größten Cellisten des 20. Jahrhunderts, Pablo Casals (1876-1973)."
"Von Casals stammt auch das abschließende Stück der CD „El Cant des Ocells- Der Gesang der Vögel/The Chant of the Birds“. Dabei handelt es sich um ein traditionelles katalanisches Weihnachtslied mit einer einfachen und sehr ergreifenden Melodie. Während der Franco-Diktatur machte es Casals zur Hymne der Exil-Katalanen und seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs spielte es der Cellist als Zugabe bei seinen Konzerten. Sein Haus in Prades nannte Casals „El Cant des Ocells“ und noch bei seiner Beisetzung wurde es am offenen Grab gespielt.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs spielte es der Cellist als Zugabe bei seinen Konzerten. Das tut nun auch Sol Gabetta: als Hommage an ihren großen Vorgänger und krönenden Abschluss dieses Albums."

Der Text erschien im Booklet der neuen Sol Gabetta-Album Prayers. Sony Classical 2014.
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5Dez/14Off

Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten – Warum sich das Rotem Ensemble in Berlin so heimisch fühlt

Avner Geiger - Shaul Bustan - Tom Dayan

© Jan-Christoph Hartung/www.hahn-hartung.com

Sie kennen sich noch aus Jerusalem. Dort haben Shaul Bustan, Avner Geiger und Tom Dayan an der renommierten Jerusalem Academy of Music and Dance studiert. Doch zu Freunden wurden die drei Musiker erst in Berlin, wohin sie vor etwas mehr als drei Jahren gezogen sind. Inzwischen sind die drei Israelis an der Spree heimisch geworden. Sie haben das Rotem Ensemble gegründet und obwohl ihre Debüt-CD noch nicht fertig ist, sind sie 2015 in das Kulturprogramm des Zentralrates der Juden aufgenommen worden. Ein Indiz für die hohe Qualität ihrer Musik.
Das Programm des Rotem Ensembles besteht neben eigenen Melodien aus Songs, die in Israel jedermann kennt, Songs, mit denen die drei Musiker groß geworden sind. Während man diese Kompositionen hierzulande der Unterhaltungsmusik zuordnen würde, gelten sie in Israel als Ernste Musik. Und die spielen Shaul Bustan mit dem Kontrabass, Avner Geiger mit der Querflöte und Tom Dayan mit den Percussions. „Das spannende an unserer Musik ist, dass die europäischen Songkomponisten, die mit der Zweiten Aliya Anfang des 20. Jahrhunderts nach Israel kamen, nicht ihre traditionelle europäische Musik komponieren wollten, sondern Volkslieder, die zum neuen Ort passen sollten. Man hört also, dass diese Lieder ein wenig orientalisch klingen und zugleich europäisch sind. Eine einzigartige Mischung, die Komponisten wie Mordechai Zeira, David Zehavi und Sascha Argov geschrieben haben“, sagt Avner Geiger.
Die Liebe zu israelischen Liedern ist nicht die einzige Gemeinsamkeit der drei Neu-Berliner. Alle drei sind mit deutschen Frauen liiert. Shaul Bustan hat vor kurzem sogar geheiratet. Und zwar dreimal. Auf dem Standesamt, in der Kirche und nach jüdischem Recht - ohne Rabbiner zwar, aber mit Chuppa. Das dreifache „Ja“ war notwendig, weil weder Braut noch Bräutigam konvertieren wollten. „Für die katholische Kirche war die Hochzeit kein Problem. In Israel wäre das undenkbar gewesen. Der Pfarrer war sehr lieb und hat sogar auf Hebräisch geredet“. Und gefeiert hat er, wie Shaul freudestrahlend berichtet, „mit Kippa bis in die frühen Morgenstunden“.
Nicht zuletzt wegen ihrer Frauen haben die drei Israelis fließend Deutsch gelernt. Sie kritisieren Landsleute, die nach Jahren in Deutschland noch immer kein Wort Deutsch sprechen. „Wir wollen uns in die deutsche Gemeinschaft integrieren. Ich war schon im ersten Monat in zwei verschiedenen Deutschkursen“, sagt Shaul. Und Avner fügt an, dass es ihm schon bei seinem Musikstudium in Hannover wichtig gewesen war, die Sprache von Bach und Beethoven fließend zu sprechen.
Auch Tom Davner spricht die Sprache fließend. Ursprünglich wollte er nur ein Jahr nach Deutschland kommen und dann nach Israel zurückkehren. „Doch dann habe ich einen Job gefunden und Jahr für Jahr mein Visum verlängert. Das ist problemlos. Keiner von uns hat deutsche Vorfahren und kann deshalb so einfach einen deutschen Pass beantragen.“
Einfach scheint es jedoch zu sein, in Berlin ein Leben als Musiker zu finanzieren. Auch für Tom. „Ich lebe sehr billig in einer WG und wir haben alle keine eigene Familie. Ich könnte mir das, was ich hier mache, nirgendwo sonst leisten: nur Musik machen und nicht viel arbeiten. Irgendeinen Job zu finden, ist in Berlin noch immer sehr easy – im Gegensatz zu Israel. Für mich ist das hier das Land der unbegrenzten Möglichkeiten!“.
Die niedrigen Preise in Berlin haben sich längst bis nach Israel herumgesprochen. Doch nicht wegen billiger Milky Way-Schokoriegel leben die drei Israelis in der deutschen Hauptstadt. Sie kamen wegen der zentralen Lage in Europa und der unvergleichlichen Musikszene. „Ich wollte schon mein ganzes Leben nach Deutschland kommen“, sagt Shaul. „Meine erste Reise außerhalb Israels ging nach München. Und später bin ich zweimal mit dem Mandoline-Orchester aus Beer Sheva nach Deutschland gekommen. Im neuen Jahrtausend sind dann viele Musiker aus der Akademie in Jerusalem nach Berlin gegangen: wegen der klassischen Musikwelt, wegen der Preise, wegen der Lehrer, wegen der Orchester.“
Von seinem Wunsch zur Übersiedelung hat sich Shaul Bustan nicht mal dann abschrecken lassen, als er sich erfolglos für einen Master-Studienplatz für Komposition an der Universität der Künste beworben hatte. Vor drei Jahren hat er all seine Sachen verkauft und ist nur mit einem Koffer nach Berlin gekommen. Die erste Zeit musste er zwar noch vom Ersparten leben, aber dann hat er Fuss gefasst und Arbeit gefunden. Inzwischen verbringt er seinen Tag mit Komponieren oder als musikalischer Leiter des Theaterprojekts Exodus.
Ganz ähnlich auch die beiden Mitstreiter des Rotem Ensemble. Avner Geiger hat schon ein Album mit isrelischen Popsongs herausgebracht (http://ishakuf.bandcamp.com/). Und Tom Dayan spielt mit seiner Band Mifrás, von der es ebenfalls schon eine CD gibt (www.tomdayan.com/mifras/). Trotz des hebräischen Bandnamens sind alle Mifrás-Musiker Berliner.
Das gilt auch für die Musiker des Rotem Ensembles. Bei ihnen scheint der  Integrationswunsch sehr ausgeprägt zu sein - nicht nur in die jüdische Gemeinde, in deren Kulturprogramm die Musiker aufgenommen wurden, sondern in die deutsche Gesellschaft im allgemeinen: „Wir sind keine typischen Israelis“, sagt Shaul. „Wir bleiben hier. Ich fühle mich mehr als Deutscher denn als Israeli. Ich bin ein Jude in Deutschland, auch wenn ich und auch meine Eltern in Israel geboren wurden“.
Das sieht Avner ganz anders. „Ich bin Israeli, auch wenn es, wie vor kurzem während des Krieges, unangenehm ist, sich als Israeli zu zeigen. Ich kann zwar verstehen, wenn man an der israelischen Politik Kritik übt. Aber es ist ok für mich, den Preis für mein Heimatland zu zahlen.“
Und was tun die Drei, wenn das Heimweh zu sehr zwickt? „Ich hoffe“, sagt Shaul, „dass auch die israelische Musik zu einem Teil des jüdischen Lebens in Deutschland wird“. Und in ganz schweren Fällen hilft das Flugzeug: „Ein Flug nach Israel kostet 50 Euro – weniger als eine Bahnfahrt nach München“.

 

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