Jonathan Scheiner Texte & Musik

26Jan/15Off

Neues vom Husten-Institut – Ben Katchors Comic-Strips

Eigentlich sei er nur wegen des deutschen Essens gekommen. „Von Zeit zu Zeit muss ich meinen Heißhunger stillen“, sagt Ben Katchor, den Schalk im Nacken. Doch tatsächlich ist der Amerikaner nach Deutschland gekommen, um seine Comic-Strips in einer Ausstellung zu präsentieren und aus seinen Büchern vorzulesen. Allen voran aus seinem neuesten, „Hand-Drying in Amerika“. 14 Jahre lang hat Katchor daran gearbeitet.
Diese enorm lange Produktionszeit liegt daran, dass Katchor seit 1998 Monat für Monat die letzte Seite des Architekturmagazins „Metropolis“ mit einem Comic bestückt. Dabei hat er völlig freie Hand. „Die ersten fünf Jahre war es ganz einfach, Themen zu finden, aber dann ist es immer schwieriger geworden, sich etwas Neues auszudenken, wenn die monatliche Deadline näherrückte“. Bis heute hält Ben Katchor durch. 150 Comic-Strips sind in anderthalb Jahrzehnten für „Hand-Drying in America“ zusammengekommen.
Die „Geschichten“ haben – passend zum Erscheinungsort - mit Stadt und Architektur zu tun. Diese Stadt ähnelt Katchors Wohnort New York City in den Siebzigerjahren. Auch der Held des Comics ähnelt seinem Erschaffer. Es ist eine Art Jedermann, ein Held im besten Mannesalter ohne Eigenschaften und besondere Physiognomie, etwas hölzern mit schwarzem Stift gezeichnet, sparsam koloriert und aufs Wesentliche reduziert. Die Figuren, die die wenigen Panels einer Seite bevölkern, bewegen sich wie Marionetten durch ein städtisches Ambiente und befassen sich mit alltäglichen Absurditäten. Wie, so fragt man sich, kann man mit so einem Plot über 15 Jahre seine Leser fesseln?
Die Schönheit von Katchors Arbeit liegt nicht etwa in der überschaubaren Virtuosität der einzelnen Zeichnung begründet, sondern im Spannungsfeld zwischen den Zeichnungen und dem dazugehörigen Text. Dem Autor reichen wenige Worte, um die Schönheit jener untergegangenen Welt zu beschwören, in der er selbst groß wurde. Da gibt es Kuriositäten wie ein „Husten-Institut“, ein „Souvenir-Museum“ oder ein „Absperrketten-Parcours für Warteschlangen“. Ben Katchor gelingt es, dieses Kuriositätenkabinett, in dem sich der moderne Großstädter tagtäglich bewegt, mit sehr wenigen künstlerischen Mitteln auf’s Papier zu bannen.
Katchors Hypersensibilität gegenüber den Absurditäten des Alltags war schon in seinen Büchern „The Cardboard Valise“ und seinem bislang bekanntestem Werk, „Julius Knipl – Real Estate Photographer“, zu bewundern. Leider sind diese Bänder noch nicht auf deutsch erscheinen. Anders dagegen „Der Jude von New York“, ein Band in Schwarzweiß, der das New York Anfang des 19. Jahrhunderts zeigt und bei dem es um den – fiktionalen – Zusammenhang zwischen  den zehn Stämmen Israels und den amerikanischen Ureinwohnern geht. Zu den Einwohnern der Stadt New York zählten seinerzeit rund eintausend Juden, darunter der Bühnenbildner Samson Gergel, ein Rückkehrer aus der Wildnis mit Namen Nathan Kishon oder ein jüdischer Geschäftsmann, der mit der Schnapsidee scheiterte, Mineralwasser vom Erie-See nach New York zu pumpen. Auch wenn Ben Katchor, um historische Echheit bemüht, authentische Plakate, Zeitungsannoncen und Werbebanner integriert, so dominiert im „Juden von New York“ eine an den Haaren herbeigezogene Realitätsebene.
Aber es gibt auch eine nicht ganz unbedeutende biografische Ebene: Ben Katchor wurde 1951 in Brooklyn geboren. Zuhause wurde noch Jiddisch gesprochen. Sein Vater, ein Geiger, hatte die jiddischsprachige „Freiheit“ abonniert. „In den Zwanzigerjahren arbeitete mein Vater als  Schneider in Warschau. Er war Kommunist, den weder die Idee, Felder in Palästina zu bewachen noch in Brasilien die Pampa zu beackern, nachhaltig fesselte. So landete er schließlich in New York, wo er meine Mutter kennenlernte“.
Dass sein Sohn heutzutage in der jüdischen Tageszeitung  „Forward“ eine Comic-Serie mit dem Titel „Hotel & Farm“ herausgibt, mag vor diesem biografischen Hintergrund genausowenig ein Zufall sein wie die Publikation seiner Comic-Strips im Kult-Magazin „RAW“. Ben Katchor zählt selbst schon zu den Großen seines Genres – und viele davon waren und sind nun mal jüdisch. Er wird in einem Atemzug mit Art Spiegelman genannt, dem RAW-Herausgeber und Erfinder der „Maus“-Comics, oder mit George Herriman, dem legendären Zeichner von „Krazy Kat“.
Ben Katchor bezeichnet sich nicht etwa als Comic-Zeichner oder Geschichten-Erzähler, was er zweifellos beides ist. Er selbst beschreibt sich vielmehr als Erfinder von kleinen Theaterstücken. Das wird umso augenfälliger in der Zusammenarbeit mit dem Singer und Songwriter Mark Mulcahy, mit dem Katchor schon mehrere Stücke auf die Bühne herausgebracht hat. „Ich gebe ihm immer ein Stück Prosa-Text, und Mark wählt dann aus, woraus er seine Songs macht. Wenn diese Songs dann fertig sind, mache ich Bilder dazu, die während des Konzerts an die Wand projiziert werden“. Auf diese Weise sind schon ein halbes Dutzend Theaterstücke in New York uraufgeführt worden. Für einen Comic-Zeichner eine stattliche Anzahl.

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/21471

© Stephan Pramme (www.stephanpramme.de)

 

 

 

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26Jan/15Off

Und ewig lockt … die Kippe

"One of the best things that ever happened to me is that I'm a woman. That is the way all females should feel". Marilyn Monroe

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22Jan/15Off

Schöne Lieder von Herzen – Die Sopranistin Alma Sadé

Sie sind als klassische Sopranistin bekannt, die Klassiker wie Mozart im Repertoire hat. Wieso treten Sie nun bei einem jiddischen Operetten-Liederabend auf?
Am 27. Januar  ist Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. An diesem Tag vor 70 Jahren wurde Auschwitz befreit. Zu diesem Anlass machen wir an der Komischen Oper Berlin ein Konzert mit Liedern auf Jiddisch aus verschiedenen Zeiten, vor allem aus New York, alte Operetten-Hits von Molly Picon und anderen.
Wie kam es dazu?
Ich bin seit dieser Spielzeit fest an der Komischen Oper engagiert. Der Intendant Barry Kosky hatte die Idee, dass wir jiddische Operettenlieder machen sollten. Barry spielt an diesem Abend Klavier und die Sängerin Helene Schneiderman kommt extra aus Stuttgart, um mit uns den Abend zu gestalten.
Was genau werden Sie singen?
Ich bin mir nicht sicher, ob ich das verraten sollte. Natürlich große Hits wie “Rozhinkes mit Mandlen”. Schöne Lieder, von Herzen gesungen.
Welchen Bezug haben Sie zu diesen Liedern?
Niemand in meiner Familie hat Jiddisch gesprochen. Doch als Studentin in New York habe ich bei einem Konzert jiddische Lieder gesungen und das war ein großer Erfolg. Irgendwie hat das sehr gut zu mir gepasst. Molly Picons Großmutter hat immer gesagt: Jiddisch braucht man nicht zu lernen. Man öffnet einfach den Mund  und die Sprache kommt raus. Genau dieses Gefühl habe ich bei Jiddisch. Ich spreche Hebräisch und ich spreche - nach fünf Jahren in Deutschland - ein bisschen Deutsch, und das zusammen ergibt bei mir Jiddisch. Bei der zweiten Sängerin Helene Schneidermann ist das anders. Sie spricht Jiddisch wegen ihrer Eltern. Zusammen haben wir ein wenig an meiner Aussprache gefeilt.
Woher kennen Sie denn die Diven der jiddischen Operette?
Molly Picon habe ich (auf youtube) in einer israelischen TV-Show aus den 70er Jahren gesehen, wo sie einen langen Monolog gesprochen hat, ein Gedicht über das Älterwerden, auswendig. Das hat mich sehr berührt, auch wenn ich nicht alles verstehen konnte, weil sie auf Jiddisch gesprochen hat. Irgendwann habe ich dann auch noch “Mamele” gesehen, einen jiddischen Film von Joseph Green von 1938. Ich fand Molly Picon da einfach bezaubernd. Und so cool in diesem ganzen orthodoxen Kontext.
Wie bereitet man sich denn auf so einen jiddischen Liederabend vor?
Ich habe versucht, möglichst viele Informationen zu bekommen, damit ich ein paar Bezugspunkte beim Singen habe, aber das war gar nicht so einfach. Man muss schon lange danach graben, wenn man etwas mehr als Abraham Goldfaden finden will, den Erfinder des jiddischen Musicals.
Deshalb sind Sie aber nicht nach Berlin gekommen, oder?
Hach, Berlin! Im Juli habe ich den Umzug gemacht. Ich bin sehr glücklich und fühle mich sowas von zuhause hier. Vorher war ich fünf Jahre in Düsseldorf, und davor in New York. Die drei Städte sind sehr unterschiedlich. Ich habe die Arbeit an der Rheinoper zwar sehr gerne gemocht, aber mein Gefühl hat mir immer gesagt, dass ich dort nicht mein ganzes Leben verbringen kann. Die Arbeit war klasse, aber ich dachte, ich will jetzt etwas anderes probieren.
Und warum vom Rhein an die Spree?
Ich hatte schon zweimal an der Komischen Oper gastiert und mich dabei total in Berlin verliebt. Jede Minute, die ich frei hatte, habe ich einen Zug nach Berlin genommen. Ich finde die Stadt unglaublich. Berlin ist in dieser Zeit schon etwas ganz Besonderes. Die Stadt hat so viel zu bieten, gerade in der Klassik. Es gibt gleich drei Operhäuser mit unterschiedlichem Profil. Und die Arbeit an der Komischen Oper und gerade die von Barry Kosky mochte ich schon immer.
Kosky hat die West Side Story von Leonard Bernstein inszeniert, in der sie die Maria singen. Wie wichtig ist diese Rolle für Sie?
Na hallo, die Chance, die Maria zu singen, und das auch noch in einer solchen Produktion, die kommt nicht so oft im Leben. Ich habe schon immer davon geträumt.
…davon geträumt, auch Jazz zu singen?
Ich habe auch früher schon Jazz und Folk gesungen, nicht nur im Rahmen der West Side Story. Ich habe meiner Stimme immer die Freiheit gelassen, sich allen Formen des Singens zu öffnen und nicht nur der Klassik. Das ist zwar nicht immer gut, weil man das klassische Singen ständig trainieren muss. Aber offen zu bleiben für andere Musik ist sehr wichtig in meinem Leben. Wenn ich könnte, dann würde ich gerne am Broadway Musicals singen. Aber irgendwie bin ich damals in New York falsch abgebogen.
Und wurden deshalb auch nicht Schauspielerin?
Schauspieler sind schon meine Eltern Moni Moshonov und Sandra Sadé. Als Kind bin ich sogar einmal im Film “Kvalim” an der Seite meines Vaters aufgetreten. Doch überall, wo ich hinging, war ich nur die Tochter von meinen Eltern. Das war das erste, was die Leute in mir gesehen haben. Das hat mich sehr gebremst. Ich konnte mich nicht frei fühlen. Mein Bruder Michael ist da ganz anders. Er ist ein toller Schauspieler und Regisseur. Er konnte schon als 13jähriger ganz frei sein. Ihn hat das nicht gestört.
Haben Sie deshalb Ihren Namen geändert?
Den Namen habe ich geändert, weil Moshonov in den USA nicht so gut zu fassen ist. Mein Agent hat gesagt, Sadé sei ein sehr schöner Name. Meine Mama hat ihren Geburtsnamen Sadé auch immer behalten. Und so habe ich einfach den genommen.
Ihr Onkel Gabriel Sadé trägt ebenfalls diesen Nachnamen – und ist als Tenor berühmt geworden?
Ich liebe Gabi. Als Mädchen oder noch als Baby war er immer mit dabei und hat Gitarre gespielt und viel für mich gesungen. Er ist ein toller Mensch. Er wusste immer, die richtigen Dinge zu sagen. Er kannte auch den richtigen Augenblick, die USA zu verlassen und nach Europa zu gehen. Er sagte, dein Talent passt dort viel besser hin.
Wie häufig haben Sie Kontakt?
Unsere Familien sind sich sehr nahe. Seine Kinder Mika und Uri Sadé sind ebenfalls Musiker. Bei meinen Eltern in Israel bin ich nur zweimal im Jahr, aber wir telefonieren fast jeden Tag. Sie kommen jetzt öfter zu Besuch, weil sie Berlin spannender finden als Düsseldorf.
Und was machen Sie als nächstes?
Leider kann ich jetzt nicht mehr die West Side Story und die Zerlina im Don Giovanni singen – ich bin schwanger.
Masseltov!
Vos Gevein Iz Gevein. Das singen wir auch am 27. Januar.
Info:
Farges Mikh Nit – Jiddische Operettenlieder. Komische Oper Berlin. 27. Januar. 23 Uhr (!)

© Stephan Pramme (www.stephanpramme.de)

 

 

 

 

 

 

 

 

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/21257

 

 

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