Jonathan Scheiner Texte & Musik

28Mai/15Off

Eifo Ata Hai – Irit Dekels und Eldad Zitrins „Last of Songs“, taz, 23.5.2015

Die Sängerin Irit Dekel und der Multiinstrumentalist Eldad Zitrin gelten als neues Dreamteam der jungen israelischen Jazzszene. In einer so hochkarätigen Musiklandschaft wie der israelischen wird man dazu nicht ohne Weiteres erklärt, dazu braucht es schon einen großen Wurf. Und der ist dem Duo aus Tel Aviv mit ihrem Debütalbum "Last of Songs" gelungen.
Erst beim zweiten Hinhören wird klar, dass es sich bei den 12 Songs ausnahmslos um Jazzklassiker handelt. Zum Beispiel "Bye Bye Love", "Get Happy" oder "Good Morning Heartache" - alles Stücke, die schon Ray Charles, Bette Midler oder Barbra Streisand gesungen haben. "Ich hatte die Idee, Jazzstandards, also die guten alten Hits des American Songbook, neu zu interpretieren, und suchte dafür einen Produzenten", sagt Irit Dekel, die von Berufs wegen Schauspielerin ist, doch schon ihr ganzes Leben lang gesungen hat.
So kam sie mit dem 1980 in Tel Aviv geborenen Eldad Zitrin in Kontakt, der seinerseits Jazzsaxofonist ist. Seine Sporen hat er sich als Begleiteter israelischer Stars wie Dudu Tassa oder Rita verdient und zuletzt als Arrangeur auf Idan Raichels neuem Album "Quarter to Six".
"Anfangs hatte ich gar nicht begriffen, was Irit von mir will. Es gibt ja schon Millionen von Remakes dieser alten Hits. Und so habe ich zu ihr gesagt: Wenn wir nicht besser sind als das Original und wenn wir es nicht schaffen, dass die Songs völlig neu klingen, dann sollten wir es nicht tun", erzählt Eldad Zitrin.
Der erste Schritt bestand in der Entscheidung, das jazztypische Saxofon wegzulassen und stattdessen eine Duduk zu integrieren, die türkische Klarinette. Dazu kam ein Kanun, eine orientalische Kastenzither. Außerdem wurde die Alaev-Familie ins Studio gelockt, eine in Israel lebende Großfamilie aus Buchara, von denen jedes Mitglied ein exotisches Instrument spielt.
Dem Eindruck, dass sie die "Good Old Songs" nur ein wenig "israelisiert" haben, widerspricht Irit Dekel: "Ein Instrument wie die Oud ist typisch für den Nahen Osten. Genauso die Kamanche, die iranische Stachelgeige, die ursprünglich kein israelisches Instrument war. Trotzdem denke ich, Israel ist ein Mix. Unsere Kultur ist eine Mischung. Und so ist auch unsere Musik eine Mischung aus vielem."
Auch auf sie selbst trifft das zu. "Meine Eltern sind Immigranten aus der Ukraine", sagt Irit Dekel, und Eldad Zitrin erzählt, dass seine Vorfahren "halb griechisch, halb polnisch" sind.
Diese biografische Vielfalt spiegelt sich auch in dem, was die beiden Musiker ansonsten so machen. Irit Dekel betreibt mit der Frauenband Boana A'banot eine Hommage an die israelische Songwriterin Chava Alberstein.
Und zuletzt haben Irit Dekel und Eldad Zitrin bei der israelischen TV-Serie "Eifo Ata Hai" zusammengearbeitet: Sie hatte darin eine Rolle als Schauspielerin ergattert, und gemeinsam haben sie den Titelsong komponiert und eingespielt.

 

Irit Dekel & Eldad Zitrin: "Last of Songs" (Pinorekk/Edel, im Juli).

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=sp&dig=2015%2F05%2F23%2Fa0203&cHash=c48033eecc540811cabaf9b2981aa3df

© www.stephanpramme.de

http://www.lastofsongs.com/news/interview-on-judische-allgemeine/

http://www.lastofsongs.com/news/last-of-songs-on-taz-thema/

 

 

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16Mai/15Off

Jazz aus Israel

Avishai Cohen, bass

 

Gemessen an Größe und Einwohnerzahl ist Israel ein Riesenreich des Jazz, aus dem eine Vielzahl hochinteressanter Musiker stammt. Dieses Phänomen war lange nicht augenfällig, weil die meisten Musiker im Ausland arbeiteten und man keinen Überblick hatte, um wie viele Ausnahmekönner es sich eigentlich handelte. Das hat sich geändert. Jazz aus Israel ist in aller Munde. Stars wie Avishai Cohen, Eli Degibri oder Anat Fort sind sogar in ihre Heimat zurückgekehrt. Doch egal ob sie von Israel aus agieren oder nach wie vor in der Diaspora  leben: Die meisten Jazzer sind von den Klängen Israels tief beeinflusst.
Jazz aus Israel wurde lange als „Falafel-Jazz“ belächelt – zumindest hinter vorgehaltener Hand. Dass die israelischen Musiker viel mehr zu bieten haben als ein paar exotische Klänge aus dem Mittleren Osten, wird spätestens seit dem enormen Erfolg von Avishai Cohen deutlich. Der Bassist steht beim renommierten Blue Note-Label unter Vertrag. Nach erfolgreichen Jahren in New York, in denen er auf der ganzen Welt große Konzerte gegeben hat, ist er in sein Heimatland Israel zurückgekehrt. Dort fördert er neben seiner eigenen Karriere auch junge israelische Talente. Vor kurzem hat er das Album „All Original“ präsentiert, auf dem er einen Überblick über die „Besten des Jungen Israelischen Jazz“ wagt.
Zu diesen Talenten zählen zum Beispiel auch der Schlagzeuger Ofri Nehemya oder der blutjunge Pianist Gadi Lehavi, die völlig zurecht hoch gehandelt werden. Der  bereits international anerkannte israelische Saxophonist Eli Degibri schwärmt von den beiden in den höchsten Tönen.
Eli Degibri: Ich glaube, dass Gadi Lehavi und Ofri Nehemya Teil dieser neuen großartigen Musikergeneration sind. Wenn ich Dir eine CD vorspielen würde und Du wüsstest nicht, wie alt der Pianist ist, dann könntest Du nicht erkennen, dass er erst 16 ist. Meine Entscheidung, sie in meine Band zu integrieren, war rein musikalischer Natur und hing nicht vom Alter ab. Ich habe eine Verbindung mit diesen Kids, seit ich ihr Lehrer bei einem Exzellenz-Projekt war. *Dabei habe ich Kids aus ganz Israel ausgesucht, um mit ihnen ein ganzes Jahr lang zu arbeiten. Ich habe das für drei Jahre mit ganz verschiedenen Kids gemacht und diese beiden waren in meinem letzten Projekt dabei. Schon beim ersten Hören war mir klar, dass ich mit ihnen professionell zusammenarbeiten will.
Eli Degibri spricht ein Phänomen an, das es in Israel in vielen Sparten gibt: Die Exzellenzförderung. Junge Talente werden schon ab der Schulzeit gefördert. Ohnehin ist auffäliig, dass sich die Lebensläufe von Musikern wie Omer Klein, Shai Maestro, Yaron Herman oder Anat Fort auffällig gleichen. Die meisten Musiker haben an einer der renommierten Hochschulen wie der Thelma Yellin Highschool in Givatayim bei Tel Aviv oder der Rubin Academy in Jerusalem studiert.
Anschließend haben die meisten in den USA, zumeist am Berklee College of Music in Boston, ihren Abschluss  gemacht, um dann von New York aus ihre Karriere zu starten. Doch heutzutage siedeln sich die jungen Musiker auch wieder in Tel Aviv an. Das weiß auch Eldad Zitrin, der vor kurzem mit der Sängerin Irit Dekel das Projekt „Last of Songs“ aus der Taufe gehoben hat.

Eldad Zitrin: Was ich versuche zu sagen ist, dass die israelischen Jazzer ganz unterschiedliche Musikstile erkunden müssen. Sie kennen ganz verschiedene Sachen und können ganz unterschiedliche Sachen spielen. Und das macht ihre Musik so gut. Songwriter wie Yoni Rechter hatten einen großen Einfluss auf mich. Ich habe mit 16 oder 17 Rami Kleinstein genauso wie Sting gehört. Ein wenig von allem. Ich glaube, dass alles, was ein Musiker hört, ihn irgendwie beeinflusst. Als Kid war ich klassischer Pianist und habe dann die Welt des Jazz erforscht. Dann habe ich eher auf der Pop-Seite für Künstler arrangiert, produziert und Klavier gespielt. Alles zusammen ergibt jenen Mix, der mich heutzutage ausmacht.

Eldad Zitrin & Irit Dekel, accordion-voice

Die meisten israelischen Jazzer müssen musikalisch sehr breit aufgestellt sein, zumal dann, wenn sie hauptberuflich in Israel arbeiten wollen. Eldad Zitrin ist eigentlich Jazz-Saxophonist, aber sein Instrument war das erste, das er dem popmusik-orientierten Sound seines Debütalbums geopfert hat. Statt dessen gibt es eine Duduk, die türkische Klarinette, oder eine Kamanche, die iranische Stachelgeige, zu hören. Bei einem derartig folkloristischen Instrumentarium stellt sich die Frage, wo eigentlich die Grenze des israelischen Jazz endet und wo Pop und wo Folk beginnt? Diese Frage stellt sich nicht nur beim Album „Last of Songs“, sondern muss bei vielen Alben jeweils neu definiert werden. Auch bei einem anderen wichtigen Jazzmusiker aus Israel, bei Omer Avital. Der Israeli spielt nicht nur begnadet Bass, sondern auch das arabische Instrument par exellence: den Oud, die arabische Kurzhalslaute. Was hier klanglich geboten wird, hat nichts mit verklärendem Orientalismus zu tun. Omer Avitals Musik beispielsweise spürt seinen jementischen und marrokanischen Vorfahren nach. Und die waren nicht arabisch, sondern jüdisch.

 

 

 

 

 

 

Omer Avital, bass

Israel ist ein klassisches Einwanderungsland, in dem es keine Trennung zwischen Staat und Religion gibt. In diesem Melting-Pot gibt es jedoch ein vereinendes Merkmal in der Musik: die Lieder und Gebete der Synagoge, die fast jeder Jude von Kleinauf kennt. Diesen Elementen im Sound jedes einzelnen israelischen Jazzmusikers nachzuspüren, dürfte indes schwierig sein. Kein Wunder also, dass sich Jazzer wie der Trompeter Avishai Cohen – nicht zu verwecheln mit seinem Namensvetter am Bass – sehr deutlich gegen das Image des „Israel-Jazz“ wehren.

Avishai Cohen: Manche Leute fragen mich - ohne genau hinzuhören - nach den Einflüssen israelischer Musik auf meine Songs. Ich sage dann immer: Du musst schon genauer aufpassen! Dann wirst du merken, dass sie durchaus da sind, weil ich ja schließlich aus Israel komme, aber das ist nicht wichtiger als alles andere. Israelische Musik steht nicht mehr im Vordergrund als Led Zepplin, Frank Zappa oder die Beatles. Für mich bestand noch nie die Notwendigkeit zu sagen: Ich bin aus Israel! Ich verheimliche das zwar nicht, aber trotzdem kann ich meine Musik nicht als israelische Musik verkaufen.

 

 

Avishai Cohen, trumpet

 

Von israelischen Klängen war in den jüngsten Aufnahmen vom Trompeter Avishai Cohen jedenfalls nichts zu hören. Cohen hat zuletzt mit seinen Geschwistern, den 3 Cohens, mit der Pop-Sängerin Keren Ann genauso wie dem Saxophonisten Mark Turner zusammengespielt. Und auf seinem letzten Album spielt er vor allem eines: erdigen Hard-Bob. Wenn so Jazz aus Israel klingt, dann ist das jedenfalls – Musik vom Allerfeinsten!


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anat Cohen, clarinet

 

 

Quelle: DRadio Kultur, Tonart, 12.5.2015

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