Jonathan Scheiner Texte & Musik

14Jul/15Off

Zwischen Hip Hop und Schabbat, Budapest und Berlin – die Sängerin Flóra Polnauer

 

©Yehuda Swed www.yudaswed.com

 

Das hat es in Deutschland noch nicht gegeben: Dass bei einem  Schabbat-Gottesdienst „Summertime“ gesungen wird, der berühmte Broadway-Klassiker von George Gershwin. Genau dieser Song war jüngst bei einem neu gegründeten egalitären Minjan in Berlin zu hören. Die Sängerin des Liedes hieß Flóra Polnauer. Die junge Frau aus Budapest ist Kantorin und zugleich eine Künstlerin, die jüdische Musik mit modernen Sounds wie Hip Hop mischt.
So wie bei „Yedid Néfesh“, das viele als Schabbat-Lied kennen. Doch das Piyut wird auch sonst gerne gesungen. Das tut auch Flóra Polnauer. Die kleine Frau mit dem Bubikopf hat eine kräftige und zugleich innige Stimme. Sie ist Kantorin und wurde am Abraham Geiger-Kolleg in Potsdam ausgebildet.
Bei Flóra Polnauer werden „Im Nin Alu“ oder auch der jiddische Klassiker „Rozinkhes mit Mandeln“ zu tanzbaren Popsongs. Die jüdischen Lieder kennt Flóra Polnauer noch von zuhause. Sie ist damit augewachsen. Ihr Vater war Rabbiner, zunächst in Israel, wo auch Flora Polnauer groß wurde, und später dann in Duisburg. Durch die vielen Umzüge der Familie spricht die junge Frau fünf Sprachen. Und sie fühlt sich auch in mehreren  Musikstilen heimisch. Als Teenager glaubte sie noch, sie müsse sich zwischen jüdischer Musik und Punkrock entscheiden.
"So bin ich mit einem Bad Religion T-Shirt in die Synagoge gegangen. Mit 12 ist das noch ok. Ich war ja da beim Gottesdienst und habe ein Solo gesungen. Ich war halt 12 Jahre und musste das Bad Religion-Tshirt anziehen, weil ich pubertierend war und zu der Zeit gerade Bad Religion und Nirvanha gehört habe. Und zwischen 12 und 25 ist viel passiert. Zwischen 12 und 25 habe ich mich entfernt vom Judentum. Das einzige wovon ich mich nicht entfernt habe war die jüdische Musik".
Mit 25 habe erneut die Spiritualität, die sie aus ihrer Kindheit kannte, an ihre Tür geklopft, sagt Flóra Polnauer. Dabei spielte die Musikerin seinerzeit in mehreren Bands gleichzeitig und trat sogar beim berühmten Sziget-Festival in Ungarn vor tausenden von Fans auf. Ihre Hingabe an die jüdische Musik kam zurück, als sie von einem Rabbiner gebeten wurde, ihn bei einem Gottesdienst zu unterstützen. Zwar hatte sie die Gebete schon als Kind gesungen, aber weil sie ein Mädchen war, hatte sie immer nur passiv am Gottesdienst teilgenommen.
"Diese Passivität hat mich immer auf Distanz gehalten. Doch plötzlich war die Passivität weg, weil ich diejenige war, die den Gottesdienst gemacht hat, gemeinsam mit dem Rabbiner. Es war wie ein Text mit vielen Löchern und du musst das Loch mit deiner Kreativität füllen. Und plötzlich habe ich gespürt, dass da alle drei Frauen in der ersten Reihe angefangen haben zu weinen. Ich hatte das Gefühl, dass ich den Leuten etwas Großes gebe, was ich bislang noch nie gespürt habe. Und plötzlich hat es mich gestört, dass ich diese Löcher mit Kreativität aufgefüllt habe. So bin ich dann 2011 nach Berlin gekommen".
Am Kantoren-Seminar in Potsdam hat Flora Polnauer fünf Semester lang studiert. Parallel dazu hat sie ihre Karriere als Sängerin fortgesetzt – egal ob sie mit einem spanischen Flamenco-Gitarristen, Roma-Musikern oder ungarischen Rappern aufgetreten ist.
"Ich bin nicht mit klassischer Musik aufgewachsen wie die meisten Kantoren, die Haydn gehört haben in ihrer Kindheit. Ich bin wirklich mit der folkloristischen jüdischen Welt aufgewachsen, mit den Festen, mit den Liedern, mit dem ganzen liturgischen synagogalen Repertoire. Für mich war die weltliche Musk gar nicht existent. Erst als ich 12 wurde, habe ich selber angefangen Musik zu hören. Von Take That zu Nirvana. Und dann war ich plötzlich bei Ella Fitzgerald. Und dann habe ich sehr viel Hiphop und Triphop gemacht. Der Ausgangspunkt, wo sich die Schlange in den Schwanz beißt, ist für mich aber die jüdische Musik".
Und diese Musik kann man sich heutzutage entweder in der Synagoge, bei einem egalitären Schabbatgottesdienst oder bei einem Club-Konzert in Berlin oder Budapest anhören. Flóra Polnauer und ihre jüdischen Lieder sind überall zuhause.
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9Jul/15Off

Oded Tzurs indisch-israelische Improvisationen

Das Reservoir an jungen Israelis, die nicht nur einen ureigenen Ton gefunden haben, sondern auch international in der ersten Liga des Jazz spielen, scheint unerschöpflich. Jüngstes Beispiel ist der Saxofonist Oded Tzur, von dem man bis dato kaum Notiz genommen hatte. Doch nun liegt mit Like a Great River sein Debütalbum vor – und man ist ein wenig ratlos, wie sich eine derartige Virtuosität so gut verstecken konnte, als käme sie aus dem Nichts.
Das Album umfasst gerade einmal fünf Songs. Zwei davon sind weniger als drei Minuten lang, wovon ein Stück eine Improvisation darstellt, die am Tag der Studioaufnahme in New York mitgeschnitten wurde. Die übrigen drei Songs sind mehr als zehn Minuten lang und weisen damit schon darauf hin, worum es im Kern geht: um ein ausgedehntes Zusammenspiel von vier hochbegabten Musikern.

Als Spielgefährten hat sich Oded Tzur den griechischen Bassisten Petros Klampanis ausgewählt und ihm zwei israelische Musiker zur Seite gestellt, die aufs Beste aufeinander abgestimmt sind: den Pianisten Shai Maestro und den Schlagzeuger Ziv Ravitz. Das Zusammenspiel der Musiker rollt wie von selbst dahin. Tzurs Kompositionen sind in einem auffallend ruhigen, unaufgeregten Ton gehalten, wie ein großer Fluss eben, wie es der Albumtitel nahelegt.
Like a Great River ist jedoch kein weiteres Jazzalbum »Made in Israel« in dem Sinne, dass die Musiker einer israelischen Klangfarbe folgten, weil sie von den Klängen ihrer Heimat beeinflusst wurden. Vielmehr sind Oded Tzurs Kompositionen in der Melodik Indiens verwurzelt. Und das ist keine Attitüde eines Avantgardisten, sondern betrifft die Mikrotonalität seines Spiels. Auf dem »westlichen« Saxofon jedenfalls ist diese schwer zu spielen. Kein Wunder, dass Tzur ausgerechnet den Flötisten Hariprasad Chaurasia als Vorbild nennt. Der Inder ist Jazz-Fans spätestens seit der wegweisenden Fusion-Band Shakti und seinen Ost-West-Grenzgängen mit Jan Garbarek bekannt.

Ganz zufällig ist diese Verehrung natürlich nicht, denn Oded Tzur hat ab 2007 am Rotterdamer Konservatorium studiert, wo Chaurasia künstlerischer Leiter der Abteilung für klassische nordindische Musik war. Nur folgerichtig hat der Meister das Kompliment postwendend zurückgegeben: »Wenn jemand einen Vorhang vor Oded zuziehen würde, könnte man nicht sagen, welches Instrument er gerade spielt«.
Seltsamerweise stieß Oded Tzur mit seiner Musik zunächst auf taube Ohren. Der Saxofonist musste sein Debütalbum selbst finanzieren. Das Fundraising via »Kickstarter« war am Ende aber erfolgreich, und er konnte sich einen Tag im New Yorker Avatar-Studio leisten.

Das Album erscheint nun auf dessen Münchner Label Yellow Bird/ Enja. Wer die Band live sehen will, muss noch ein wenig warten oder am 25. August zum Record-Release-Konzert nach New York reisen – in die Wahlheimat von Oded Tzur, Shai Maestro und vieler anderer Jazzmusiker aus Israel.

Oded Tzur: »Like a Great River«. Yellow Bird/Enja 2015

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/22753


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