Jonathan Scheiner Texte & Musik

18Dez/15Off

Spezialist in allen Sparten – der englische Ausnahmemusiker Jonathan Cohen

Taktstock-Cello-Cembalo: Jonathan Cohen

Taktstock-Cello-Cembalo: Jonathan Cohen

In Fachkreisen wird er schon länger als „einer von Englands hervorragendsten jungen Musikern“ gehandelt. Doch es hat seine Zeit gedauert, bis sich auch auf dem Festland herumgesprochen hat, warum der 1977 geborene Cellist, Cembalospieler und Dirigent Jonathan Cohen zu den gefragtesten Musikern seiner Generation zählt. Ihn zu bestaunen ist nun nicht nur mittels einer handvoll hochkarätiger Neuerscheinungen möglich, sondern auch bei zwei anstehenden Konzerten. Die beiden Konzerte in Köln (25.12.) und München (21.1.) sind geradezu symptomatisch für einen Musiker, der sich gerne auch außerhalb seiner Komfortzone bewegt.

Aber was bedeutet eigentlich Komfortzone bei einem Mann, der zuletzt mit der jungen Star-Geigerin Vilde Frang ein umjubeltes Mozart-Abum (Warner Classics) gemacht hat, um fast zeitgleich mit den Sopranistinnen Christiane Karg (Berlin Classics) und Anna Prohaska (Deutsche Grammophon) ein weites Feld zwischen Monteverdi, Haydn und Mendelssohn zu beackern – nicht zu vergessen seine grandiosen Bach-Aufnahmen mit dem Cellisten Nicolas Altstaedt (Genuin) oder der Geigerin Alina Ibragimova (Hyperion)?

Jonathan Cohen ist, was seine Zuordnung zu einer bestimmten Musik-Epoche angeht, schwer zu fassen. Zumal auch noch Alben mit Monteverdi, Händel und Haydn sowie den wenig bekannten Gaetano Guadagni und Nicola Porpora zu Buche schlagen. Kurz gesagt: Cohen nicht nur in der Alten Musik zuhause, sondern auch in der Klassik. Doch egal wo er seinen Taktstock schwingt – dieser Mann sorgt für viel frischen Wind.

Cohens Vielseitigkeit spiegelt auch das Programm beim Konzert in der Kölner Philharmonie am 1. Weihnachtstag mit der Solistin Veronika Eberle an der Geige, bei dem nicht nur Haydn und Mozart gespielt werden, sondern auch Grazyna Bacewicz, eine der bekanntesten polnischen Komponistin unserer Zeit. Auch das Programm vom zweiten Konzert in München am 21. Januar, bei dem Kristian Bezuidenhout am Hammerklavier als Solist auftritt, steht für Vielseitigkeit. Neben den Barockkomponisten Henry Purcell und William Boyce werden Mozarts seltene Zwischenaktmusiken aus „Thamos, König in Ägypten“ gespielt.

Selbst mit der Neuen Musik ist Jonathan Cohen schon in Berührung gekommen, vor allem während seiner Zeit im London Philharmonic Orchestra und im Chamber Orchestra of Europe, wo er schon mit 21 Jahren spielte, damals noch als Cellist. Als Dirigent dieser Musik hat Cohen hingegen weniger Erfahrung. Das dürfte sich spätestens jetzt ändern, weil er vom Münchner Kammerorchester (MKO) eigens für die beiden erwähnten Konzerte berufen wurde. „Ich bin nicht als Barockspezialist ausgebildet worden“, sagt Jonathan Cohen, „sondern in allen Sparten der Musik. Mein Spezialistentum in Barock und Klassik kam erst später“.

Schon während seiner Zeit als professioneller Cellist hatte sich Cohen zunehmend für Kammermusik interessiert und kam so über die Barockmusik zum Cembalo. Nachdem er dann in Frankreich bei William Christies Barock-Ensemble „Les Arts Florissants“ assistierte, begann er am Cembalo Sänger zu begleiten und später ganze Opernproduktionen zu leiten. „Und schließlich habe ich vor fünf Jahren das Arcangelo-Ensemble gegründet, dass sich nicht nur auf Barock und Klassik konzentriert, sondern zuletzt sogar Zeitgenossen wie Benjamin Britten auf historischen Instrumenten und Naturdarm-Saiten gespielt hat. Für mich ist Arcangelo ein Kammermusik-Ensemble, in das ich meine breite musikalische Ausbildung und Erfahrung gut einbringen kann, egal ob die Stücke symphonisch oder opernhaft sind“.

Von Archangelo sind bislang 12 Alben erschienen. Jüdische Musik ist nicht darunter. „Ich bin überhaupt nicht religiös. Die Jüdischkeit kommt von der Familie meines Vaters und meiner Großmutter, die vor kurzem mit 102 Jahren gestorben ist. Sie lebte noch jüdisch und hat die Reformsynagoge in Manchester besucht, wo auch ich groß wurde.“ Die Jüdischkeit seiner Großmutter hat Cohen zwar nicht übernommen, dafür aber ihre Liebe zur Musik. „Sie war eine Amateur-Geigerin, die meine Entscheidung, Musiker zu werden, sehr stark beeinflusst hat“.

Wann die Cohens ursprünglich nach Großbritannien kamen, weiß der Musiker nicht. „Sie kamen eigentlich aus Irland, aus Cork. Mein Großvater war dort Schneider. Auch die Familie meiner Mutter war nicht besonders religiös. Sie lebte schon seit mehreren Generationen in Manchester, kam aber ursprünglich wohl aus Polen“.

Selbst wenn sich Jonathan Cohen im Alltag nicht um Jüdischkeit kümmert – um religiöse Dinge kümmert er sich immer dann, wenn er Sakral-Musik aufführt. „Und was könnte es Schöneres geben als die Musik eines Johann Sebastian Bach“?

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/24165/highlight/jonathan&cohen

 

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18Dez/15Off

In einem musikalischen Land – Die Pianistin Inga Fiolia

© Stephan Pramme

© Stephan Pramme/www.stephanpramme.de

Der Konkurrenzdruck unter jungen Pianistinnen aus der ehemaligen Sowjetunion, die nach Deutschland ausgewandert sind, ist enorm. Umso erfreulicher, dass sich viele von ihnen auf dem hart umkämpften Klassikmarkt durchzusetzen. Dazu zählt auch die junge Pianistin Inga Fiolia, die als „Kontingentflüchtling“ Anfang des Jahrtausends aus Georgien kam. Sie hat vor kurzem einen renommierten Plattenvertrag ergattert und spielt zudem im Rahmen des diesjährigen Kulturprogramm des Zentralrates der Juden. Höchste Zeit, die „Newcomerin“ vorzustellen, bevor die Interview-Termine rar werden.

Musik hat schon immer eine zentrale Rolle in Inga Fiolias Leben gespielt. Klavierspielen gelernt hat sie als Kind von ihrer Großmutter in Tiflis. Und wie ihre in Zürich lebende Schwester Lika hat sie später Klavier studiert. Schon ihr Vater spielte Klavier, doch er entschied sich nicht für eine Laufbahn als klassischer Musiker. Bekannt wurde er vielmehr als kreativer Kopf der Bands „Orera“ und „Dielo“, die man im Sowjetreich ähnlich wie die Beatles vereehrte. Selbst Ingas Mutter, die zeitlebens als Chemikerin gearbeitet hat, ist spät zum Klavier zurückgekehrt. Sie unterrichtet heutzutage in einer Musikschule in Remscheid-Lennep.

Bereits mit sieben Jahren hat Inga Fiolia ihr Debütkonzert mit dem Staatlichen Georgischen Kammerorchester gegeben. Das war 1992 und die Welt der damals Zwölfjährigen schien noch in Ordnung. Doch dann begann der Unabhängigkeitskrieg, bei dem sich Georgien vom übermächtigen russischen Reich abnabelte und bei dem Nationalisten an die Macht kamen. Die Mutter verlor ihre Stelle an der Uni Tiflis, weil sie Jüdin war, und so entschied sich die Familie, nach Moskau zu gehen, wo Inga sieben Jahre an der „Zentralen Musikschule für Hochbegabte des Tschaikowsky Konservatoriums“ studierte. „Ich habe Glück gehabt, dass ich dort aufgenommen wurde“, schwärmt die Pianistin rückblickend, „Mein Lehrer hieß Yuri Levin, ein Schüler des berühmten Heinrich Neuhaus. Von ihm habe ich gelernt, dass an erster Stelle nicht die technische Perfektion, sondern der musikalische Ausdruck steht“.

Ihr musikalischer Ausdruck muss auf Anhieb überzeugt haben, als sich Inga Fiolia 2001 auf einem verstimmten Klavier für das Vorspiel an der Hochschule für Musik Köln bei Professor Vassily Lobanov vorbereitet hat, denn sie wurde prompt genommen. Glücklicherweise, denn in Moskau hatte sich seit dem Tschetschenienkrieg die Stimmung gegenüber dem sogenannten „Gesicht der kaukasischen Nationalität“ verändert. Da auch Georgier dazugezählt wurden, bestand Generalverdacht: „Wir konnten auf der Straße kein Georgisch mehr sprechen. Immer musste man Angst haben, von der Polizei angehalten zu werden“, erinnert sich Inga Fiolia an ihre letzte Zeit in Moskau. „Ich wurde sogar zwischenzeitlich aus dem Konservatorium geworfen und bin erst nach einem Monat wieder aufgenommen worden“. Heute kann Inga Fiolia über die fadenscheinige Begründung, sie habe angeblich zu schlecht gespielt, laut lachen. „Doch damals hat mich das sehr verunsichert. Ich wollte nicht mehr in Russland bleiben, obwohl ich die russische Kultur sehr liebe“.

Als Inga Fiolia 16 Jahre alt war, hat ihr Lehrer Yuri Levin in der USA eine Professur angenommen, und so stellte sich die Frage, ob ihm die Schülerin dorthin folgen solle. „Doch ich habe mich für Deutschland entschieden. Weil es ein so musikalisches Land ist“.

Die Eltern kannten Deutschland bereits von einer Tournee durch die DDR, doch die Pianistin wusste, dass sie nach Köln will, weil dort Vassily Lobanov arbeitete, der später ihr Lehrer werden sollte. Am Tag der deutschen Einheit 2001 ist die Familie dann per Bus nach Deutschland eingereist. „Ich hatte ja auch in Russland kein eigenes Instrument und so musste ich nichts außer einem Koffer mitnehmen“. Die erste Zeit in den Heimen war schwer, besonders kurz vor der Aufnahmeprüfung. Inga Fiolia erinnert sich: Karneval in Köln, alle Geschäfte geschlossen, weit und breit kein Klavier. „Keine Ahnung, wie ich die Prüfung geschafft habe“.

Seither verfolgt sie ihr Aufbaustudium Konzertexamen, gewinnt Klavierwettbewerbe in Italien oder Deutschland, tritt im Fernsehen bei „Stars von morgen“ des Opernstars Rolando Villazon auf und hat seit neuestem sogar einen Plattenvertrag bei einem der renommiertesten Klassikverlage in der Tasche. Für 2016 ist die Veröffentlichung von Inga Fiolias CD-Debüt geplant. Das Besondere daran ist die Auswahl der Stücke. Die Pianistin spielt nicht etwa wohlbekanntes Klassikrepertoire, sondern sie spielt Komponisten, die Inga Fiolias Herkunft verraten: Werke von Tsintsadze, Gabunia, Khancheli, Matchavariani und Lagidze. Daneben gibt es Glinka und Chopin zu hören.

Wer nicht bis zur Veröffentlichung der CD bis nächstes Jahr warten möchte, der kann die anstehenden Konzerte besuchen. Alle Termine sind auf der Homepage von Inga Fiolia unter www.ingafiolia.com zu finden. Die Pianistin freut sich schon auf die Auftritte: „Ich liebe Klassische Musik, Bach und Beethoven, aber Georgische Musik ist genial. Sie zu spielen ist unbeschreiblich, diese Tiefe!“.

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/24167

 

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9Dez/15Off

Loneliest Texas Jewboy – Altersweise Songs von Kinky Friedman

Zigarre muss sein: Kinky Friedman

Schlappe vierzig Jahre hat er kein Album mehr mit eigenen Songs gemacht. Doch nun, zu seinem 71. Geburtstag, ist “The Loneliest Man I Ever Met” erschienen, mit einem Dutzend neuer Songs, die zwischen Songwriting und Country pendeln. Die Songtexte sind sparsam instrumentiert und geprägt von Lakonie und einem präzisen Gespür für Intonation. Die Verse sind durchtränkt von einer altersreifen, von Tabak, Alkohol und Kokain gegerbten Stimme. Doch trotz der langen Kreativpause ist von einer musikalischen Fortentwicklung kaum etwas zu spüren. So kennt man Kinky Friedman seit Anfang der Siebzigerjahre, als er mit seinen Texas Jewboys Songs wie „They Ain’t Makin’ Jews Like Jesus Anymore” Furore gemacht hat. Ein „Jewish Cowboy“ im besten Sinne, kantig und unangepasst, wie er hierzulande undenkbar wäre. Kein Mensch würde im Country-Style über Auschwitz singen wie Friedman damals in “Ride ’Em Jewboy“.
Das Repertoire der neuen CD umspannt nur drei Songs aus eigener Hand, darunter der Titelsong sowie zwei ältere Nummern. Doch die Auswahl spricht Bände: „Lady Yesterday“ stammt vom legendären Album „Lasso from El Paso“ von 1976, das damals immerhin mit Eric Clapton, T-Bone Burnett und Ringo Starr als Jesus aufwarten konnte. Und „Wild Man from Borneo“ ist eine Reminiszenz auf Friedmans dreijährige Friedenscorps-Zeit in Borneo.
Eine Reminiszenz auf vergangene Tage sind auch die übrigen Songs, denn fast alle alten Weggefährten tauchen auf: Als Pianist aus alten Texas Jewboys-Zeiten taucht Little Jewford auf, mit dem Friedman auch Tequila der Marke „Man in Black“ vertreibt. Daneben auch die Country-Ikone Willie Nelson, von dem „Bloody Mary Morning“ stammt. Ein Duett, das so wunderbar schräg das Album eröffnet, dass man kaum glauben mag, Friedman rauche Haschisch höchstens „der Ettiquette wegen“, wenn sein Freund „Willie Nelson zu Besuch“ kommt.
Es sind noch weitere alte Haudegen mit an Bord: Von Tom Waits stammt „Christmas Card From A Hooker in Minneapolis“ und von Johnny Cash „Pickin’ Time“. Cash sang seinerzeit an der Seite von Bob Dylan den Klassiker „Girl from the North Country“. Kein Wunder also, dass Friedman auch diesen Dylan-Song interpretiert.
Die meisten Songschreiber des Albums haben ihre Zeit nicht überlebt: „Freedom to Stay“ stammt von der Country- und Outlaw-Ikone Waylon Jennings und „That Shit’s Fucked Up“ von Warren Zevon. Und selbstverständlich sind auch die Broadway-Komponisten von „Wandrin’ Star“ (Lerner/Loewe) und „A Nightingale Sang in Berkeley Square“ (Maschwitz/Sherwin) längst im Nirvanha der Musikgeschichte.
Viele dieser Songschreiber waren vom Leben und von Drogen schwer gezeichnet – wie Kinky Friedman. Dabei fing alles ganz gut an: Der 1944 geborene Richard F. Friedman gründetete seine erste Band, als er noch Psychologie studierte. Schon mit seiner zweiten Band „The Texas Jewboys“ schrieb er Geschichte. Und er provozierte mit sexistischen Songs wie "How Can I Tell You I Love You (When You're Sitting On My Face)" oder "Get Your Biscuits in the Oven and Your Buns in Bed". Das waren noch gute Zeiten, als Friedman Anfeindungen von Frauenrechtlerinnen grandios parieren konnte: „I’m the Sexiest“!
Doch schon Ende der Siebziger wurde es musikalisch stiller. Stattdessen begann Friedman Romane zu schreiben – und musikalisch abzuhalftern. Und 2006 wollte er dann Gouvaneur von Texas werden, wurde aber unter den fünf Anwärtern nur vierter. Vielleicht war die Zeit noch nicht reif für Parolen über die Legalisierung von Haschisch und Glücksspiel.
Hängengeblieben sind viele Geistesblitze, so auch dieser: "Die Deutschen sind mein zweitliebstes Volk. Mein liebstes sind alle anderen". Das ist brilliant, doch es macht Kinky Friedman nicht zu „einem der besten Songwriter unseres Zeitalters“, wie das Tablet-Magazine jüngst schrieb. Wer zeitgenössische jüdische Countrymusik liebt, der sollte sich besser Philippe Cohen-Solals “Moonlight-Session” anhören. Oder Friedmans alte Platten bei Bear Family Records (www.bear-family.de) und seine Bücher bei der Edition Tiamat in Berlin (www.edition-tiamat.de) kaufen. Doch bei aller Kritik: Kinky Friedmans “The Loneliest Man I Ever Met” ist ein Alterswerk, das man unbedingt mal gehört haben muss. 

 

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3Dez/15Off

Splitternackt beim Lichterfest – warum an Chanukka der Punk abgeht

Chanukka 2015Alle Jahre wieder Kartoffelpuffer! Puffer mit Saurer Sahne, Puffer mit Marmelade. Gastronomisch dreht sich Chanukka monoton in der Endlosschleife, immer im Kreis wie der Dreidl: „Nun“, „Gimel“, „He“, „Schin“. Umso erstaunlicher, dass es zu Chanukka ein Füllhorn von großartigen Songs gibt. Rechtzeitig zur Geschenkesaison ist die neue Scheibe der Maccabeats erschienen, einer jüdischen Boygroup von der Yeshiva University in New York, die ausschließlich a-capella singt. Neben den unvermeintlichen „Maoz Tzur“ und „Oh Hanukkah” gäbe es auf der Scheibe sogar ein paar Entdeckungen zu machen. Doch die werden mit derart viel Schmalz verkleistert, dass man die CD höchstens an seine Schwiegereltern verschenken möchte.
Dass man religiöse Inhalte auch pfiffiger singen kann, beweisen die Fountainheads aus Ein Prat. In dieser Mechina sollen junge Israelis zu besseren Staatsbürgern erzogen werden. Musikalisch klappt das reibungslos. Zu allen Festen und Feiertagen produzieren die jungen Studenten großartige Remakes. Während sie ihre neuesten „Moves“ in den Staub der judäischen Wüste stampfen, singen sie zum Beispiel den Rosch-Haschana-Song „Dip your Apple“, wobei die Melodie Shakira’s WM-Hit „Waka Waka“ zitiert. Das hat offensichtlich genauso viel Spass gemacht wie der Dreh zum Chanukka-Klassiker „Light Up the Night“. Jüdisch sein, zumal an Chanukka, kann ja so viel Spass machen. Und nicht nur in Ein Prat.
Doch das sieht die jüdische Hauptfigur der amerikanischen Kids-Serie South Park ganz anders. Wenn Kyle Broflovski an Chanukka an das üppige Weihnachtsfest seiner christlichen Mitschüler denkt, bekommt er den Sozialneid-Blues. Kyle glaubt, er sei die ärmste Sau auf Erden: „I'm a Jew, a lonely Jew, I'd be merry, but I'm Hebrew – on Christmas”. Auch wenn man dem nicht zustimmt – der Vers ist, wie der restliche Song, echt klasse.
In Hollywood erklingt das Hohelied auf Chanukka am häufigsten. Adam Sandlers „Hanukkah Song” ist vielleicht das berühmteste Beispiel. Der Witz seines Songs ergibt sich allein daraus, dass sich rein gar nichts auf „Chanukka“ reimen will, außer vielleicht „Jarmulka“, und das auch nur mit Biegen und Brechen. Doch Sandlers Song funktionert auch deshalb, weil er ein ironisches „Leidens-Wir“ erzeugt. Er listet jüdische Promis auf, mit denen wir gemeinsam unter dem halluzinierten Ausschluss vom Weihnachtsfest leiden.
Hollywood ist auch sonst in Sachen Chanukka überaus phantasievoll. Chanukka versteckt sich überall, selbst hinter der Titelmelodie der Sitcom „Big Bang Theory“, die es ja auch im deutschen Fernsehen zu sehen gibt. Die Melodie stammt von den Barenaked Ladies aus dem verruchten Toronto. Hinter dem wirklich verheißungsvollen Bandnamen verbergen sich allerdings drei echt haarige Kerle mit Gitarre, Bass und Akkordion. Von den drei Kanadiern gibt es auch den Klassiker „Hanukkah, o Hanukkah“ vom 2004er Album „Barenaked for the Holydays“. Dem Titel mag man sich gerne anschließen, trotz der üblicherweise tiefen Temperaturen an Chanukka!
Um die kalte Jahreszeit geht es auch in dem Song „All I want for christmas ... is Jews“, ein großartiger Song, auch wenn man Mariah Careys Ohrwurm mit dem gleichklingenden Songtitel nicht mehr hören kann. Im Wesentlichen geht es bei der Parodie um die Aufzählung berühmter Promi-„Jews“, deren Vorzüge gelobt werden. Wobei kein Klischee ausgelassen wird, nicht mal der berühmte „Big Shtick“, den die Söhne Israels angeblich – und nicht nur splitternackt unter der Chanukkia – besitzen. Der Song jedenfalls stammt vom amerikanischen Komikerinnen-Trio „Hot Box“ (übersetzt: „Heiße Büchse“) um Julia Lillis, Claudia Maittlen-Harris und Melissa McQueen, die sich im Video als weihnachtliche Rentiere verkleidet haben. Sexy ist das allemal!
Das kann man vom ollen „Dreidel-Song“ nicht gerade behaupten, denn er klingt eher nach jiddischem Schtettl-Mief. Doch wer genau hinhört, findet auch unter der Dreidel-Rubrik ein paar echte Perlen. Zum Beispiel von der „First Lady des Children Song“, der Sängerin Ella Jenkins. Dabei hatte die farbige Sängerin aus St. Louis mit Judentum rein gar nichts am Hut.
Das dachte man auch von Woody Guthrie, dem Altmeister des Protest-Song. Woody Guthrie war nicht jüdisch. Er verstand sich vielmehr als Klassenkämpfer mit der Gitarre. Auf seinem Instrument prangte der Schriftzug „This Machine Kills Fascists“. Aber Guthrie hatte in zweiter Ehe eine jüdische Ehefrau. Und jüdische Kinder. Deshalb feierte der „Tramp“, wenn er mal zuhause in New York war, das Lichterfest innerhalb der Familie. Das wurde erst vor kurzem publik, als die wohl berühmteste Klezmerband, die Klezmatics, Songs von Guthrie aufgenommen und damit einen Grammy gewonnen hat – als erste Klezmerband überhaupt.
Einen Grammy für ihr Lebenswerk hat auch die jüdische Punkband The Ramones erhalten. Leider fällt ihr Beitrag zu Chanukka in die falsche Kategorie, denn er heißt „Merry Christmas, I don’t wanna fight tonight“. Und auch die drei jüdischen Rapper der Beastie Boys, die ebenfalls Grammies gewonnen haben, schweigen sich beharrlich über Chanukka aus. Immerhin gibt es eine wunderbare Parodie auf einen ihrer größten Hits. Er stammt von den B-Boyz. Die drei jüdischen Kids Ben, Jake und Max Borenstein lassen es bei „Fight for your Right to Dreidel“ mal so richtig krachen. Wehe, wehe, wenn Mutti Borenstein das gewusst hätte!
Doch es geht auch ganz friedlich: kein Puffer, kein Punk. Einfach nur ein Hohelied auf die feierliche, wundersame Stimmung beim Lichterzünden. Einer der schönsten Songs stammt vom chassidischen Rapper Matisyahu und heißt „Miracle“. Ein Song, der exemplarisch ist für die vielen großartigen Hits über Chanukka. In dieser Richtung gibt´s alle Jahre wieder was Neues zu entdecken!

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/24046

 

B-Boyz: Fight for your right to Dreidl

B-Boyz: Fight for your right to Dreidl

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