Jonathan Scheiner Texte & Musik

29Jan/16Off

Selfie-Terror in Tel Aviv

...ob das Interview nun auf der Kleinkind-Spielwiese in der Küche von Nir Baram, auf Kunstrasen in Idan Raichels Reihenhaus-Idylle in Kfar Saba oder bei einem SUV-Höllenritt zum Kindergarten in der Satellitenstadt stattfanden: Gastfreundschaft wurde immer groß geschrieben!
Nir Baram und sein Buch Im Land der Verzweiflung

Zurück aus den besetzten Gebieten: Nir Baram in der Küche seiner Wohnung in der Zeitlinstraße

Idan Raichel im Garten seines Hauses in Kfar Saba

Im Keller entstehen seine Hits: Idan Raichel im Garten seines Reihenhauses in Kfar Saba

Der Trompeter Avishai Cohen in der Leah Goldberg-Straße im Norden Tel Avivs

Hier bin ich geboren - hier lebe ich: Der Trompeter Avishai Cohen in der Leah Goldberg-Straße im Norden Tel Avivs

 

 

 

 

 

 

 

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21Jan/16Off

Der aus der Reihe tanzt – David Helfgott

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Der Klassikmarkt lechzt nach Musikern, die mehr können als fehlerlos Töne hintereinander zu spielen. In diesem sehr biederen Metier gibt es eine geradezu barocke Gier nach Kuriositäten. Nicht zuletzt deshalb haben Teufelsgeiger Hochkonjunktur wie Nigel Kennedy (als „Klassikpunk“) oder David Garrett (als „turbo-fiddelnder Womanizer“). In die Kategorie Kuriosität fällt auch der australische Ausnahmepianist David Helfgott, den nicht nur sein atemberaubendes Spiel, sondern auch die Folgen einer schizoaffektiven Störung zu jemandem macht, der aus der Reihe tanzt.
Der 1947 in Australien geborene David Helfgott galt bereits in jungen Jahren als Wunderkind. Durch die Vermittlung Isaac Sterns hatte er mit 14 Jahren das Angebot, in den USA zu studieren, doch sein Vater lehnte ab. Er war überfürsorglich, aus gutem Grund: Er hatte seine gesamte Familie während der Shoah verloren. Mit 19 Jahren jedoch gewann David Helfgott dann ein Stipendium für das Royal College of Music in London. Vier Jahre später trat er in der Royal Albert Hall auf, in der er mit dem 3. Klavierkonzert von Rachmaninow einen triumphalen Erfolg feierte. Der jähe Absturz kam 1970, als er nach einem Konzert in der Royal Albert Hall einen Nervenzusammenbruch erlitt und danach fast elf Jahre in psychiatrischen Kliniken verbrachte. Anschließend arbeitete Helfgott, gesundheitlich weiterhin angeschlagen, als Pianist in einer Weinbar in Perth.
Den entscheidenden Impuls für die Rückkehr Helfgotts auf die großen Bühnen dieser Welt lieferte der Hollywood-Streifen „Shine – Der Weg ins Licht“ von 1996. Für seine Verkörperung des Pianisten erhielt der Schauspieler Geoffrey Rush seinerzeit sogar den Oscar als bester Hauptdarsteller.
Auf die Beine war Helfgott gekommen, weil er die Astrologin Gillian kennengelernt hatte, die 1984 seine Ehefrau wurde. Seither sind die beiden unzertrennlich, auch bei den Konzertreisen durch die Welt. Auf einer dieser Tourneen wurden die Helfgotts von der Filmemacherin Cosima Lange begleitet. Aus dem Material aus dem Örebro Konserthus in Schweden, dem Gewandhaus in Leipzig oder dem Wiener Musikverein ist die wirklich sehenswerte Dokumentation „Hello, I’m David“ entstanden.
Cosima Lange rückt dem Phänomen David Helfgott von zwei Seiten zuleibe: Sie macht transparent, worin die Schönheit von Helfgotts Klavierspiel besteht und sie erklärt, worin seine „Verrücktheiten“ bestehen. Wobei das eine ohne das andere nicht zu haben ist. Beinahe unbegreiflich ist, wie Helfgott inmitten eines Melodiebogens, bei dem sich die Tabulatur schon zu biegen scheint, sein Spiel und die Komposition auf vielfältigste Weise verbal kommentiert. Er liefert dadurch gewissermaßen den Subkontext seiner Interpretation mit. So etwas ist, gelinde gesagt, unkonventionell. Für Traditionalisten wird dadurch die Aufführung gestört. Doch alle anderen schauen gebannt und vergnügt einem „Spielkind“ dabei zu, wie es sich austobt und dabei dem Werk neue Facetten abringt.
Helfgotts Undiszipliniertheit ist kein künstlerischer Spleen wie bei anderen Musikern, sondern Folge seines psychischen Zusammenbruchs. Begleiterscheinung ist, dass der Pianist eine unfassbare Kreativität  entwickelt, wenn es darum geht, sich eine Flasche Coca Cola zu stibitzen. Oder Kugelschreiber, die vor Helfgotts Zugriff ebenso wenig sicher sind wie Teebeutel. Helfgott kommuniziert mit seinen Mitmenschen in einer Form der (nichtsexuellen) physischen Distanzlosigkeit, von der die meisten peinlich berührt sind. Am liebsten würde Helfgott die ganze Welt umarmen. Mit seiner Musik ist er dazu schon auf dem bestem Wege.

 

 

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