Jonathan Scheiner Texte & Musik

8Feb/16Off

Kuddelmuddel in Kalandia. Mit dem israelischen Schriftsteller Nir Baram in einem verzweifelten Land

 

Kalandia Checkpoint Ost-Jerusalem

Wie entstand die Idee, über Ihre Reise in die besetzten Gebiete ein Buch zu schreiben?
Das Ganze begann als Serie für die israelische Tageszeitung Haaretz. Ich hatte den Eindruck, dass Menschen, die wie ich in Tel Aviv, Jerusalem oder Haifa leben, in einer Scheinwelt leben. Sie haben keinen blassen Schimmer von der Realität in den besetzten Gebieten, in der Westbank oder in Ost-Jerusalem. Sie schwingen Reden und schmieden Friedenspläne für Orte, die ihnen schlicht unbekannt sind.
Zum Beispiel?
Die Menschen in Tel Aviv reden über die Straßen in der Westbank. Sie sagen, dass es Straßen für Juden gibt und Straßen für Palästinenser. Aber ich habe vor zwei Jahren mit den Menschen vor Ort gesprochen. Und ich habe gemerkt: Das ist Unfug, das stimmt überhaupt nicht. Das gleiche gilt für die Kontrollpunkte der Siedlungen, von denen man immer meint, dass man sie selbst dann noch brauchen wird, wenn es dereinst einen palästinensischen Staat geben sollte. Also bin ich dorthin gefahren und habe mir mein eigenes Bild gemacht. Es gibt inzwischen überall diese Siedlungen. Von jeder Straße aus, die du in der Westbank befährst, kannst du sie sehen. Sie befinden sich immer oben auf den Hügeln. Aber das ist dann auch schon alles, was man davon mitbekommt.
Wie meinen Sie das?
Nicht einmal meine Freunde aus der sogenannten „Peace-Industry“ kennen diese Orte. Keiner von ihnen hatte eine Ahnung von der Menge an sekulären Bewohnern. Man glaubt ja immer, dort wohnen nur Fanatiker und Ultraorthodoxe, die ihre Zeit damit verbringen, zum Rabbi in die Synagoge zu gehen. Aber das stimmt nicht. Mehr als ein Drittel der Bewohner ist sekulär. Normale Menschen, die lediglich ihren Lebensstandard verbessern wollen. Und die Regierung erlaubt ihnen das. Die größte Errungenschaft der Siedlungsbewegung ist, wenn man so will, dass sie es geschafft hat, alle gesellschaftlichen und enthnischen Gruppen der israelischen Gesellschaft zu integrieren – mal abgesehen von den arabischen Israelis. Dort wohnen Russen, Mizrahim, Äthiopier, die Armen und die Menschen aus der Mittelklasse. Das ist ein normaler Schnitt durch die israelische Gesellschaft.
Ist die Siedlungsbewegung deshalb so erfolgreich?
Das erklärt zumindest, warum die Siedler so viel Unterstützung erfahren. Man darf nicht übersehen, dass viele der Bewohner Freunde oder Familie außerhalb der Siedlungen haben. Das hat die israelische Linke gar nicht begriffen. Die denken immer noch, es gehe um einen Kampf zwischen uns und den Rabbinern oder Siedlungs-Hardlinern wie Naftali Bennett – der übrigens gar nicht dort wohnt. Ich habe mit hunderten von Menschen gesprochen, mit Israelis wie Palästinensern aus allen Gesellschaftsschichten, Arbeitern, Intellektuellen oder auch ehenmaligen Gefangenen. Man bekommt dadurch einen anderen Eindruck vom Alltag in den Siedlungen.
Das klingt, als sei ausgerechnet in den Siedlungen der einstige Plan von einer multikulturellen israelischen Gesellschaft eingelöst worden...
Die Gründungsväter, also Ben Gurion und die Arbeiterpartei, wollten in den Vierzigerjahren einen jüdischen und zugleich demokratischen Staat errichten. Aber über die Jahre ist das jüdische Element immer stärker und, je länger die Besetzung der palästinensischen Gebiete dauerte, das demokratische Element immer schwächer geworden. Das Versagen der israelischen Liberalen besteht darin, dass es ihnen nicht gelang, eine wirklich multikulturelle Gesellschaft zu errichten. Wir haben ja nicht einmal eine Idee davon, wie eine israelische Republik aussehen könnte. Wir leben in einem jüdischen Ghetto. Wir gehen nicht raus und lernen fremde Menschen kennen.
Nir Baram Porträt
Warum fangen Sie nicht mit den Fremden im eigenen Land an?
Wenn ich daran denke, dass noch meine Großeltern arabisch gesprochen haben, und auch mein Vater – nur ich kann kein Arabisch, nie gelernt. Auch meine Freunde nicht. Dabei wäre das so wichtig. Auf der anderen Seite gibt es inzwischen auch schon eine junge Generation von Palästinensern, die kein Hebräisch mehr spricht – im Gegensatz zu den Älteren. Das nimmt sich also nichts. Das ist vielmehr ein Ausdruck einer neuen Separation. Separation ist nicht nur eine Grenzmauer.
Aber sie ist ihr sichtbarstes Zeichen... was wird denn da eigentlich getrennt?
Die meisten Palästinenser, mit denen ich gesprochen habe wie etwa der Chef des Flüchtlingslagers in Balata, sprachen über 1948, also über die Vertreibungen. Diese Menschen wollen ihr Land zurück. Ob sie israelische Staatsbürger werden, ist ihnen dabei egal. Ich konnte keine Obsession für einen palästinensischen Staat erkennen. Von den hunderten an Gesprächspartnern waren die meisten vor allem an Bewegungs- und Reisefreiheit interessiert. Sie wollen in Tel Aviv, Jerusalem oder anderen israelischen Städten wohnen und israelische Staatsbürger sein. Dafür würden sie notfalls sogar im israelischen Militär dienen.
Es geht also gar nicht um die Besatzung?
Wenn du mit Palästinensern sprichst, dann geht es ihnen nicht um die Rücknahme der Besatzung im Zusammenhang mit dem Krieg von 1967. Für Palästinenser ist das Jahr 1948 das eigentliche Trauma. Damals wurden sie deportiert, haben ihre Häuser verloren, ihr Geld, ihre Felder. Die Schlussfolgerung nach meiner Reise lautet: Natürlich können nicht alle Flüchtlinge plötzlich zurückkehren, doch solange die Israelis nicht offen über 1948 reden, solange wird es schwer sein, die Besatzung zu beenden und den Konflikt zu lösen.
Wobei eine Zwei-Staaten-Lösung zunehmend außer Richtweite gerät....
Manche Pazifisten, die meine Haaretz-Artikel lasen, wurden wütend, weil sie glaubten, ich untergrabe die Idee von einer Zwei-Staaten-Lösung. Aber ich wollte unbedingt die Wahrheit schreiben, so wie ich sie dort erlebt habe. Das war ja auch für mich nicht einfach einzugestehen. Weil ich doch auch keine Lösung für 1948 anbieten kann. Die meisten Dörfer gibt es doch gar nicht mehr. Wie will man denn dorthin zurückkehren?
Gegenfrage? Beißt sich da die Katze nicht in den Schwanz?
Mein Vater war Minister im Kabinett von Rabin. Er war ein Linker von der Ha Maarach-Partei. Er glaubte noch an Zwei-Staaten und gleiche Rechte für Israelis und Palästinenser. Aber er war seit 20 Jahren nicht mehr in der Westbank. Die Landkarte mit den Siedlungen, die Rabin seinerzeit hatte, entspricht nicht mehr der heutigen. Die Liberalen führen noch die selbe Diskussion wie damals, aber sie drehen sich im Kreis, weil sie die Realität negieren. Heutzutage muss man phantasievoller über Lösungen nachdenken.
Und zwar?
Selbst wenn über Kalandia und die Blockade dieses Checkpoints zwischen dem Norden der Westbank und Jerusalem redet, dann redet man letztlich über einen Ort jenseits der Grenzmauer. Wir reden also über 100.000 Menschen, von denen 95 Prozent der Israelis keine Vorstellung haben. Sie wissen nicht: Das ist Jerusalem. Nicht mal der Soldat am Checkpoint weiß das. Die Besatzung ist sehr phantasievoll geworden bei der Erfindung neuer Zonen, von denen man nicht weiß, unter wessen Kontrolle sie eigentlich stehen.
Worin sehen Sie die Lösung für dieses Kuddelmuddel?
Die Idee der Friedensbewegung – zwei souveräne Staaten, ein Land – ist ein kreativer Ansatz, mehr nicht. Als Autor habe ich viel Vorstellungskraft, aber ich habe keinen Schimmer, was in 50 Jahren sein wird. Ich sehe es einfach nicht! Was ich derzeit erkennen kann ist ein logische Spirale aus Gewalt und Phasen von relativer Ruhe, aber keinen dauerhaften Frieden. Deshalb habe ich mein Buch ja auch „Land der Verzweifelten“ genannt. Es geht nicht nur um die Situation jetzt. Ich habe mit hunderten von Juden und Araber immer die selbe Frage gestellt: Wie sieht es hier in 20 Jahren aus? Und sie haben alle keine Ahnung. Wir leben in einem Land, in dem die meisten Menschen ihr Leben leben, ihre Kinder großziehen und dabei nicht einmal wissen, wie die Grenzen ihres Landes gezogen sind. Das ist doch total verrückt.
Und welche Rolle spielt dabei die aktuelle Regierung?
Netanyahu hat relativ gute Bezeihungen zur internationalen Gemeinschaft. Na gut, vielleicht hassen ihn manche, aber sie unternehmen ja auch nichts, um ihn zu stoppen. Und wenn es um die Besatzung geht, dann ist die internationale Gemeinschaft lächerlich und machtlos. Doch insgeheim gibt es immer mehr Menschen auf der Welt, die Israel für seine Besatzungspolitik verachten. Ich rede nicht von Antisemitismus. Die Menschen können es einfach nicht leiden, was in Israel passiert. Und je gebildeter sie sind, je kritischer sind sie. Dieses Szenario aus Besatzung, Gewalt und mangelnder Unterstützung ist die beste Mixtur für ein herannahendes Desaster.
Was könnte Netanyahu stoppen?
Seit Netanyahu gibt es einen Status Quo. Für die Errichtung von jüdischen Siedlungen muss Israel keinen spürbaren Preis an die Internationale Gemeinschaft zahlen. Gleichzeitig gibt es im Land einen wirtschaftlichen Aufschwung. Doch seit vier Monaten beginnt das System Netanyahu zusammenzukrachen, weil es eine neue Welle der Gewalt gibt. Ich glaube, das ist der Beginn einer neuen Intifada. Vielleicht nicht so gewalttätig und lange wie die Zweite Intifada, aber wir werden immer wieder Ausbrüche von Gewalt erleben. Aber eigentlich hatten die Israelis Netanyahu dafür gewählt, dass er für Sicherheit sorgt. Und genau das klappt nun nicht mehr. Wir können derzeit den Niedergang des Netanyau-Systems beobachten.
Wovor fürchten Sie sich am meisten?
Eine der schockierendsten Erkenntnisse auf meiner Reise war die Tatsache, wie sehr die Palästinenser über 1948 reden. Sie werden das niemals vergessen. Das wird auch in den Buchkapiteln über Ramallah mit den Leuten von der Hamas deutlich. Dabei waren das gar keine Männer mit Kalaschnikow auf der Straße wie man sie aus den Medien kennt. Ihre Haltung ist ganz einfach: „Möglicherweise gab es einmal die Chance für eine Lösung des Konflikts, aber sie ist vertan. Wir sind die Israelis leid. Wir wollen sie nicht mehr sehen. Geht nach Europa zurück oder fahrt zur Hölle“.
Das klingt nicht nach großem Verhandlungsspielraum. Was sagen die Gemäßigteren?
Ich habe auch mit Fatah-Leuten gesprochen, ehemalige Gefangene von der Friedensinitiative. Sie saßen für zehn Jahre als Terroristen im Gefängnis. Und von diesen sogenannten Terroristen gibt es viele in der Westbank. Ich finde das schwer zu definieren – Terrorist. Alleine 700.000 Palästinenser saßen schon in israelischen Gefängnissen, 700.000 seit 1967! Kann man diese Menge fassen? Ich kann das nicht. Das würde doch meinen, dass es in jeder zweiten Familie einen Terrorristen gibt. Aber man muss diesen Menschen zuhören, denn für die Palästinenser sind das keine Terroristen. Auch diese Menschen haben die Israelis satt.
Und die Hardliner auf jüdischen Seite?
Es gibt einen moralischen Verfall, was die Selbstrechtfertigung in den jüdischen Siedlungen angeht. Vor allem junge Menschen finden es zunehmend schwierig, ihre Überlegenheit gegenüber den Palästinensern in der Westbank zu rechtfertigen. Sie sehen doch, was in der Welt los ist und sie suchen nach neuen Lösungen. Und es gibt ein paar Utopisten, die von einer Ein-Staaten-Lösung mit gleichen Rechten für alle träumen. Die intellektuelle Elite der Siedlerbewegung beginnt zu begreifen, dass sie den Palästinensern die Staatsbürgerschaft und Wahlrecht anbieten müssen, wenn sie ihr Land dauerhaft behalten wollten. Es gibt gar nicht wenige Siedler, die die Initiative „Ein Staat – zwei Völker“ unterstützen.
Und was träumen Sie in Ihren kühnsten Träumen?
Meine arabische Großmutter kam aus Aleppo – ganz einfach dorthin zu reisen. Wie Shimon Perez einst träumte. Seine Vision war, sich in Tel Aviv in ein Auto zu setzen und nach Damaskus zu fahren.

 

 

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Info:

Im Land der Verzweifelten. Ein Israeli reist in die besetzten Gebiete. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. VÖ: 22.02.2016. 304 Seiten. Hanser Verlag

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