Jonathan Scheiner Texte & Musik

25Mai/16Off

Hinter der schönen Fassade – Mor Karbasis >Ojos de Novia<

Karbasi 1

Mit “Ojos de Novia”, dem neuen und dritten Album von Mor Karbasi, ist der Sängerin aus Jerusalem ein Meilenstein gelungen! Das hat vor allem damit zu tun, dass sie sich von den Traditionen gelöst hat. Statt sich das musikalische Brauchtum der sefardischen Juden zu pflegen, hat sie sich nun zu neuen Ufern aufgemacht.

Der Sprung ans unbekannte Ufer hatte sich schon seit längerem abgezeichnet, spätestens seit ihrem letzten Album “La Tsadika”, das gespickt war mit Musikern, die im traditionellen Kontext sefardischer Musik nicht zu erwarten waren: Etwa der Kamanche-Spieler Mark Eliyahu, der Percussion-Spieler Itamar Doari oder der Trompeter Avishai Cohen, der sich seit seinem letzten Album in die Herzen der Jazzcommunity und an die Weltspitze der Jazzmusiker gespielt hat. Gemeinsam mit diesen Exoten, aber vor allem auch mit einer gut bestückten Band von weitgereisten Musikern hat Mor Karbasi das Erbe der Sefarden wiederbelebt, indem sie die musikalische Nähe zum Flamenco ausgelotet hat. Dennoch verharrte das Repertoire noch in den alten Mustern. Es waren jene sefardischen Lieder, die Mor Karbasi von ihrer Mutter gelernt hatte und nun einem breiten Publikum zugänglich machte.

Mit dem aktuellen Album “Ojos de Novia”, mit dem sie nun auf Tour kommt, geht Mor Karbasi einen entscheidenden Schritt weiter. Sie bereist die Welt Nordafrikas, doch nicht nur die jüdisch-sefardische Welt des Maghreb, sondern auch die der Berber. Das Album beginnt mit zwei nordafrikanischen Liedern “Bismillah” und “Hayken Juar” und geht dann weiter mit dem hebräischen Lied “Ahuvati Ester”. Überhaupt werden nur noch eine handvoll Lieder in Ladino präsentiert, doch schon die Musik sprengt die enge Welt der Sefarden: Sogar den Titelsong “Ojos de Novia” treibt ein peitschender Berberrhythmus vorwärts. Und auch hier sind es die Musiker, die für ein Augenaufschlag sorgen. Neben Mor Karbasi, die sich im Laufe der Jahre von überkandidelten Vokalisen verabschiedet hat, sind es ihr Lebenspartner Joe Taylor, die Tomatito-Family oder Kai Eckardt, die herausstechen. Der Bassist Kai Eckardt hat sich einst mit der Gitarren-Ikone John McLaughlin Duelle geliefert, bei denen beide schneller als ihre eigenen Schatten spielten. Schön, so jemand an seiner Seite zu wissen.Karbasi 3

Ganz wesentlich hat Mor Karbasi musikalische Weiterentwicklung damit zu tun, dass sie sich vom jeweiligen Kontext inspirieren ließ, in dem sie lebte. Die alten Lieder der Sefarden hatte sie zuerst über die Piyutim ihres Großvaters kennengelernt, dessen Familie einst in Marakesch lebte und dann nach Nazareth auswanderte. Die Kunst, ihren Gesang zu verzieren, hat sie dann von einem Oud-Spieler und die alten Liedtexte in Form der “Oral History” von ihrer Mutter gelernt. Entscheidend war schließlich Mor Karbasis Umzug nach London, der ihre musikalische Welt durcheinander gewirbelt hat. Zum Beispiel durch die Zusammenarbeit mit dem Multiinstrumentalisten Koby Israelite auf dessen Album “Blues From Elsewhere” (Asphalt Tango 2013) oder ihren Auftritt bei der Musikmesse WOMEX mit den Sängerinnen Savina Yannatou aus Griechenland und Mehtap Demir aus der Türkei.

Doch in Swinging London zu leben war nicht nur bewusstseinserweiternd, sondern hat auch Mor Karbasis Heimweh verstärkt. Das gleiche gilt nun, da sie mit Tochter und Mann in Sevilla lebt. Auch dort hat sie Heimweh – nach Israel. So ist es kein Wunder und zudem absolut nachvollziehbar, dass sie ihre Herkunft inzwischen in drei Sprachen besingt und zwar: in den höchsten Tönen.

Karbasi 2

 

 

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