Jonathan Scheiner Texte & Musik

22Sep/16Off

Zugabe ohne Verve – Barbra Streisand bittet Hollywood-Stars zum Ständchen

barbra-3Ein neues Album von Barbra Streisand unbefangen zu hören, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Immerhin handelt es sich bei dieser Frau um die wohl größte Sängerin des Broadway, die es je gegeben hat. Spätestens seit die Streisand vor einem halben Jahrhundert die „Fanny Brice“ gegeben hat, steht sie ganz oben auf dem Broadway-Olymp. Dazu kommt noch ihre Hollywoodkarriere, die ihresgleichen sucht, gerade wegen Filmen wie „Yentl“, einem von der Streisand in allen wichtigen Belangen selbstgemachtem Film, mit dem sie sich nicht nur als Ikone der Frauenbewegung etabliert hat, sondern auch als jüdischer Superstar. Egal was diese Frau anzufassen scheint: Es verwandelt sich in Goldene Schallplatten oder Oscars, Grammys und Emmys, Golden Globes und Tony Awards. Diese Frau ist die Inkarnation eines Block Busters. Selbst wenn sie das „Avinu Malkeinu“ singt, dann tut sie das nicht introvertiert in der heimischen Synagoge, sondern vor Bill Clinton und einem sichtlich zu Tränen gerührten Shimon Peres.

barbra-1Natürlich ist es da schwierig, „Encore“ (zu Deutsch „Zugabe“), das neue Album dieser Super-Frau, mit offenen Ohren zu hören, zumal die Sängerin alles dafür tut, dass die Songs in gewohnt bombastischer Aufmachung präsentiert werden. Das geht bis hin zur Auswahl der renommiertesten Studiomusiker und einem der angesagtesten Arrangeure, Walter Afanasieff, der schon Celine Dion, Mariah Carey oder Michael Jackson auf Musik-Wolke Sieben „beamte“.

Die Idee, die hinter „Encore – Movie Partners Sing Broadway“ steht, ist brilliant: Barbra Streisand hat sich Hollywood-Schauspielerkollegen ins Studio geladen. Und wenn die Grand Dames des Broadway mit dem Finger schnippt, dann stehen selbst die attraktivsten Herren der Schöpfung Schlange auf der Fussmatte des Studios: Alec Baldwin, Antonio Banderas oder Hugh Jackman. Jamie Fox, Chris Pine und Patrick Wilson komplettieren das illustre Männerspalier. Selbst Barbra Streisands nunmehr dritter Ehemann, der Schauspieler James Brolin, darf bei einer Nummer mitmachen.

Schauspielerinnen sind hingegen nur wenige mit dabei: Anne Hathaway, die ein Duett mit der Star Wars-Novizin Daisy Ridley singt, sowie die Schauspielerin Melissa McCarthy. Mit ihr singt die Streisand den hinreißenden Song „Anything You Can Do“ aus dem Musical „Annie Get Your Gun“, mit dem Irving Berlin im Jahr 1946 zu Weltruhm kam.

barbra-4Auch die Auswahl der übrigen Songschreiber birgt keine Überraschungen. Die insgesamt 14 Good Old Songs stammen von Stephen Sondheim, Alan und Marilyn Bergman oder Marvin Hamlisch – also der Hautevolee der Broadway-Komponisten. Alles vom Feinsten, alles vom Schönsten. Nur eines fehlt, und das ist gerade bei Broadway-Songs das Salz in der Suppe: Es fehlt der Pepp!

barbra-5-dogDas fällt besonders auf, weil die Streisand bis auf die flotte Eingangsnummer „At The Ballett“ (mit Anne Hathaway und Daisy Ridley) und das schmissige Duo „Anything You Can Do“ mit Melissa McCarthy für ihre männlichen Kollegen ausschließlich langsame Balladen ausgewählt hat. Die Nummern, die auf der Broadway-Bühne noch als romantische Duette innerhalb der Dramaturgie gut funktionieren, unterliegen auf dem Tonträger nun mal anderen Gesetzen. Schuld sind also nicht müde Männer, sondern vielmehr die Streisand selbst. Besonders augenfällig ist das bei den Duetten mit ihren weiblichen Kollegen, denn dort tritt die Streisand in stimmliche Konkurrenz – und zwar zu ihren Ungunsten. Denn auch kein noch so brillianter Tontechniker könnte kaschieren, dass ihrem Vortrag die Verve fehlt. Was den Eindruck erhärtet, dass es sich bei „Encore“ um einen Strauß betagter Balladen handelt. Diese 14 Songs werden sich zwar wie immer großartig verkaufen, aber sie haben den Anschluss an diese Zeit verloren. Das schreit nicht gerade nach einer Zugabe. Das klingt wie ein Abgesang.

Barbra Streisand: Encore – Movie Partners Sing Broadway. Columbia Records 2016/Sony Music

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