Jonathan Scheiner Texte & Musik

22Okt/16Off

Die traurig-schönen Lieder des Wandering Jew – Das ID-Festival in Berlin beleuchtet das Thema Migration

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Tobias Steinberger (Perkussion), David Bergmüller (Laute) und Tehila Nini Goldstein (Gesang)

Einen Erfolg zu wiederholen, ist nicht einfach, außer man besitzt ein gut funktionierendes Konzept. Das gilt vor allem für das ID-Festival, das zum zweiten Mal im Berliner Radialsystem (21.10.-23.10.) stattfindet. Wie im letzten Jahr gehen die Programmmacher der Frage nach, inwiefern sich deutsch-jüdische Identität in der Kunst spiegelt. Eine gute Frage, die vor allem in Berlin auf den Nägeln brennt, da sich die deutsche Hauptstadt im letzten Jahrzehnt als Hotspot und Sehnsuchtsort für junge Israelis etabliert hat.

Statt schon bereits beantwortete Fragen zu wiederholen, haben die Veranstalter dieses Jahr einen neuen Akzent gesetzt: „Migration told through Israeli-German art“ (das Thema Migration in der israelisch-deutschen Kunst), wobei gleich sieben der 15 Programmpunkte Premieren sein werden. So wie die Ausstellung „Mother, I have reached the land of my dreams“ von Alona Harpaz und Sharon Horodi, die in Berlin zum ersten Mal gezeigt wird. Das Thema Flucht, Vertreibung und Migration spiegelt nicht nur auf einen zentralen Aspekt jüdischer Identität, sondern beleuchtet zugleich die aktuelle politische Situation in Deutschland als Zufluchtsort für eine Million Flüchtlinge, vor allem aus Syrien, einem Land, das offiziell noch immer im Krieg gegen Israel ist.

Durch das ID-Festival besteht, zumindest virtuell, die Möglichkeit, über die gemeinsame Erfahrung von Migration und Vertreibung nachzudenken. Eine Erfahrung, die Juden schon seit biblischen Zeiten kennen, wie Festivalleiter Ohad Ben-Ari betont, der sich selbst auch als „Wandering Jew“ beschreibt. Doch gleichzeitig wiegelt er ab: „Wir beschäftigen uns natürlich mit der politischen Dimension von Migration, etwa aus Syrien. Aber da wir ein Kunstfestival sind, beleuchten wir vor allem den Einfluss von Migration auf die verschiedenen Kunstformen“.

Das Thema wird nicht nur in Diskussionsforen erörtet, sondern auch anhand von Tanz, Performances und Filmen sichtbar gemacht. „No-MAD“ von Oren Lazovski, „Dancing to the End“ von Nir de Wolff oder „Makembo“ von Micki Weinberg werden begleitet von Gesprächen wie dem über Udi Alonis vieldiskutierten Film „Junction 48“ um junge israelisch-arabische Rapper, der bei der diesjährigen Berlinale preisgekrönt wurde. Dass es danach auch noch ein Konzert mit den Rappern und Schauspielern um Tamer Nafar und Maisa Daw geben wird, ist ein Glücksfall, der außerhalb Israels nur selten eintritt.

Doch auch die übrigen Programmpunkte deuten darauf hin, dass es im Kern des ID-Festivals nicht um Politik, sondern um Musik geht. Wie im letzten Jahr wird der Ausnahmegeiger Guy Braunstein auftreten. Seinem Quintett wird auch der Pianist Ohad Ben-Ari angehören. Zugleich wird der Festivalleiter auch mit seinem Mondrian-Trio spielen. Ben Ari wird allerdings nicht, wie angekündigt, ein neues Werk von Gilad Hochman zur Weltpremiere bringen, sondern ein in Deutschland ungespieltes Werk des armenisch-israelischen Komponisten Josef Bardanashvili. 

Nicht minder spektakulär ist der Auftritt des Omer Klein-Trios. Omer Klein gilt als einer der führenden Protagonisten der angesagten israelischen Jazzszene. Zugleich ist der Pianist ein Vorreiter in Sachen Migration, lebt er doch schon seit einem Jahrzehnt in: Düsseldorf. In Berlin dagegen hat Tehila Nini Goldstein ein neues Zuhause gefunden. Schon letztes Jahr sollte die israelische Sopranistin beim ID-Festival auftreten, aber dann kam die Geburt ihres ersten Kindes dazwischen. Diesmal präsentiert die junge Mutter die Formation „Sferraina“ um die beiden Östereicher David Bergmüller (Laute) und Tobias Steinberger (Perkussion). Unter dem Titel „Barock aus Jemen“ wird die Schnittmenge zwischen Alter Musik aus dem 17. Jahrhundert und jüdisch-jemenitischer Lieder eines Shalom Shabazi ausgelotet. Ein israelisch-deutsches Programm, zum Zungeschnalzen!

 

Info: www.idfestival.de

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/26763

 

 

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