Jonathan Scheiner Texte & Musik

5Apr/17Off

Jerusalem in den höchsten Tönen

Himmlisches Jerusalem

 

Jerusalem, Al Quds, Yerushalayim – die Goldene Stadt hat viele Namen. Nicht nur mit Worten wird heftig um sie gestritten. Sie wird auch auf vielfältigste Weise besungen, und zwar in den höchsten Tönen: in Psalmen und Gedichten, in Rocksongs oder klassischen Liedern.

Shuly Nathans herzergreifendes “Yerushalayim shel zahav”, auf Deutsch „Jerusalem aus Gold“, ist zum Klassiker geworden, den in Israel jedes Kind kennt. Das Lied ist zu einer Art inoffiziellen Hymne von Jerusalem geworden – allerdings nur unter Juden.

Der Song ist kurz vor dem Sechtagekrieg entstanden. Die Soldaten intonierten ihn, als sie ihr höchstes Heiligtum, die Klagemauer, aus jordanischer Hand zurückeroberten. Und so spiegelt sich in diesem scheinbar so hübschen Song das ganze Drama, das sich alltäglich um die “Goldene Stadt” abspielt: Ursprünglich erdacht, um die jüdische Hoffnung auf Rückkehr nach 2000-jährigem Exil in Töne zu setzen, formuliert die dritte, nachträglich hinzugefügte Strophe einen unmissverständlichen Besitzanspruch: Jerusalem – das sei die Hauptstadt des jüdischen Volkes. Dieser musikalische Zionismus blieb auch in der Musikwelt nicht ohne Widerspruch, selbst in den eigenen Reihen.

Gilad Atzmon, von dem der Song “Al Quds” stammt, ist einer der wenigen Israelis weltweit, der in seiner Heimat Israel Einreiseverbot hat, weil er Anführer der Hamas - wie er selbst sagt - zum “informellen Pausentee” getroffen hat. Das ist nicht verwunderlich: Atzmon ist bekennender Antizionist. Wie die Hamas attackiert er die Politik Israels und lebt lieber – wie er sagt – im Exil in London. Seine Musik ist eine grandiose, wenngleich streitbare Mischung aus Jazz und politischem Statement. Statt Jerusalem verwendet er den arabischen Begriff Al Quds und seine Band heißt Orient House Ensemble – benannt nach dem Hauptquartier der PLO.

Leisere Töne schlägt Else Lasker-Schüler 1943 in ihrem Gedicht Jerusalem an – ein Text ohne politische Forderung, sondern vielmehr eine Liebeserklärung an die Stadt ihrer Träume:

 

Gott baute aus Seinem Rückgrat: Palästina

aus einem einzigen Knochen: Jerusalem.

Ich wandele wie durch Mausoleen –

Versteint ist unsere Heilige Stadt.

Es ruhen Steine in den Betten ihrer toten Seen

Statt Wasserseiden, die da spielten: kommen und vergehen.

Es starren Gründe hart den Wanderer an –

Und er versinkt in ihre starren Nächte.

Ich habe Angst, die ich nicht überwältigen kann.

Wenn du doch kämest .....

 

Die Stadt “Jerusalem”, die Else Lasker-Schüler schon in ihren frühesten Gedichten in den höchsten Tönen besungen hat, hat der wohl bedeutendsten deutschen Lyrikerin am Ende ihres Lebens kein Glück gebracht. Aus Deutschland zunächst in die Schweiz und schließlich nach Jerusalem geflohen, ist die Dichterin in der Stadt ihrer Sehnsucht gestorben – im Januar 1945, verarmt und ohne Hoffnung auf Rückkehr in ihre irdisch-reale Heimat Deutschland.

Nicht nur in der Lyrik, sondern auch in der klassischen Musik spielt das irdische und das himmlische Jerusalem ein bedeutende Rolle – angefangen von Heinrich Schütz um 1600 bis hin zu Arvo Pärt am Ende des 20. Jahrhunderts. Beide Komponisten haben Psalm 137 vertont, in dem die Hoffung der Juden auf Rückkehr aus dem Exil nach Jerusalem formuliert ist. Arvo Pärts Stück heißt “An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten”, gesungen vom Hilliard Ensemble:

Dass auch der quasi zeitgleich entstandene Welthit “Rivers of Baylon” von Boney M auf Psalm 137 zurückgeht, dass dürfte wohl die wenigsten Disco-Besucher im Jahr 1978 interessiert haben. Von einem solchen Erfolg kann der Rapper Matisyahu nur träumen, auch wenn sein “Jerusalem” ebenfalls ein Ohrwurm geworden ist. Matisyahu ist ein „Chassid“, was so viel bedeutet wie ein „Frommer“. Seine Frömmigkeit trägt Matisyahu mittels Musik in die Welt. Der Sänger aus New York ist der lebende Beweis, dass sich die Sehnsucht nach Jerusalem bestens mit eingängigen Sounds verbinden läßt. Jerusalem, dazu gibt es mindestens so viele Hohelieder wie Klagelieder! Und das ist doch mal eine gute Nachricht über Jerusalem.

Irdisches Jerusalem: Else Lasker-Schüler im Exil

veröffentlicht unter: Uncategorized Kommentare