Jonathan Scheiner Texte & Musik

14Mrz/11Off

Clare Burson – Back to Leipzig

Singer/Songwriterinnen: Das sind seit Joan Baez junge sendungsbewusste Frauen, bewaffnet mit nichts als der Gitarre. Das Strickmuster ihrer Lieder ist so schnell durchschaut wie die sich wiederholenden Gefühlsbefindlichkeiten. Auch das Debüt- Album Silver and Ash der Amerikanerin Clare Burson scheint zunächst dem Girl-mit-Gitarre-Schema zu entsprechen, zuweilen erweitert zu einer IndieRock-Band mit Gastmusikern wie dem Gitarristen Mark Spencer, Andy Cotton am Bass oder Tony Leone am Schlagzeug. Gut gemacht, aber musikalisch nicht mehr als die übliche Mustermädchenmusik.

Wären da nicht die Texte. In dem Titel Everything’s Gone etwa skizziert Burson mit wenigen Worten eine heile Welt: Vater mit Baby im Wohnzimmer, die Mutter macht den Abwasch, und das Radio läuft. »Alles ist vorüber, aber wir sind immer noch hier.« Das klingt zunächst banal, ein wenig mysteriös vielleicht. Doch diese Szene spielt Ende der 30er-Jahre in Deutschland, und die Familie in dem Song ist jüdisch. Es ist die Familie von Clare Bursons Großmutter. Um sie und ihr Schicksal geht es in jedem der Verse.

Clare Bursons Großmutter lebte mit ihren Eltern in der Thomasiusstraße in Leipzig und kam gerade noch davon. Am Morgen des 9. November 1938 – nur wenige Stunden vor dem Beginn des Pogroms – verließ die damals 19-Jährige zusammen mit ihrem ein Jahr jüngeren Bruder Axel die Messestadt Richtung Hamburg, von wo sie nach London fuhren. Das Cover der CD zeigt das rettende Schiff, das die Geschwister aus England in die USA brachte.

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/9875 Seite 1 von 4Jüdische Allgemeine / KULTUR / Musik - Back to Leipzig

 

Jüdische Allgemeine, 11.3.2011

 

 

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  1. Sehr gelungener Artikel über die CD von Clare Burson! Ich habe mich gefreut, ihn in der JA zu lesen. Hoffentlich klappt es mit Clares geplanten Auftritten in Deutschland…
    Das nachfolgend aufgeführte Heft hat sie als Praktikantin am Fritz Bauer Institut erarbeitet:
    Clare Burson: Wie kommt der Hund über den Teich? Generationen nach dem Holocaust
    Pädagogisches Arbeitsheft zum Film „Meschugge“ von Dani Levy und Maria Schrader
    Redaktion: Irmgard Hölscher, Gottfried Kößler und Werner Lott
    Hrsg.: Jugendfilm-Verleih GmbH, Berlin und Fritz Bauer Institut, Frankfurt am Main
    Berlin/Frankfurt am Main 1999, 36 S. (vergriffen)
    Der Inhalt des Hefts (kein Originallayout) als pdf-Datei: http://www.fritz-bauer-institut.de/fileadmin/user_upload/uploadsFBI/pdfDateien/Meschugge_Materialienheft-FBI.pdf


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