Jonathan Scheiner Texte & Musik

24Mrz/16Off

Mensch und Meisterklezmer – Giora Feidman zum 80. Geburtstag

Giora Feidmann und Jonathan Scheiner.

Zwischenstopp: Giora Feidmann auf dem Weg nach "Lucken...was"? Luckenwalde!                        ©Rolf Walter/X-Press

Ob es auch beim Papst gezwickt hat, ist nicht überliefert. Doch den meisten der 800.000 Besucher beim Weltjugendtag 2005 in Köln ging es vermutlich so, wie es vielen Menschen geht, wenn sie Klezmer hören: Sie verspüren dieses berühmte Zwicken in der Gegend des Herzens, das die traurig-schönen Klänge der Klezmermusik auslösen – eine ominöse Gleichzeitigkeit von Weinen und Lachen. Das gilt vor allem, wenn Giora Feidman spielt. Der Klarinettist ist der berühmteste Klezmermusiker unseres Planeten. Und beim Weltjugendtag war er sicherlich der berühmteste lebende Jude (Jesus von Nazareth ist bekanntlich schon eine Weile tot). Das Motto der Veranstaltung “Wir sind gekommen, um IHN anzubeten” hatte vor diesem Hintergrund einen seltsamen Beigeschmack.

Giora Feidmans Einfluss auf die Klezmermusik kann gar nicht überschätzt werden. Großartige Musiker wie Avi Avital, David Orlowski oder Marina Baranowa nennen den Klarinettenmeister explizit als Vorbild. Nirgendwo sonst gibt es ein Phänomen wie jenes, das sich bei jedem von Giora Feidmans Konzerten einstellt, selbst in altehrwürdigen Musikweihetempeln wie der Berliner Philharmonie: Ein Musiker betritt unter Applaus die Bühne, spielt ein paar Takte auf seinem Instrument und hebt dann aufmunternd die Hand als Startsignal: Jetzt mitsingen! Und der Saal singt mit – erst leise, dann hemmungslos. So viel Verzückung schaffen nicht einmal Barenboim oder die Bartoli.

Das ist keine Clownerie, sondern große Kunst, die auf jahrzehntelanger harter Arbeit und Fleiß fusst. Überblickt man seinen proppevollen Tourneekalender, dann fragt man sich, ob er überhaupt noch ein Zuhause braucht. Er spielt quasi täglich, tingelt von einer, zumeist evangelischen Kirche zur nächsten, findet noch Zeit, um jährlich mindestens eine Schallplatte aufzunehmen, seine Autobiografie zu schreiben oder bei Festveranstaltungen zu seinen Ehren aufzutreten, wie etwa bei der “Verleihung des Großen Verdienstkreuzes” im Deutschen Bundestag 2001. Ein mörderisches Programm, erst recht mit 80!

Der Jubilar sieht’s gelassen: „Ich fühle die Verantwortung, meine Erfahrung weiterzugeben. Ich kann den jungen Musikern helfen, sie mit der Energie ihrer Seele zu verbinden“ sagt der Klarinettist. Doch Feidman kennt auch die Kehrseite seines Erfolgs: „Ich habe zehn Enkelkinder, die ich nur selten zu Gesicht bekomme. Das tut weh, weil die Zeit verstreicht und ich ihr Heranwachsen verpasse. In meinem Alter sind Großeltern eine Institution, vor allem, wenn sie noch „loifn“ können“, scherzt Feidman in einem Mix aus Englisch, Jiddisch und Deutsch“.

Vermutlich hängt Feidmans sensationeller Erfolg in Deutschland auch mit seiner versöhnlichen Grundhaltung zusammen. Der Musiker verschweigt zwar nicht, dass er den Umgang der Deutschen mit den Juden in der Shoah als „suboptimal“ empfindet, aber er glaubt auch, dass die Zeit alle Wunden heilt. „Die heutige Beziehung zwischen den Juden und den Deutschen ist ohne Übertreibung der höchste Ausdruck an Humanität auf diesem Planeten“. Für Feidman gibt es sie, die „guten Deutschen“, Gerechte unter den Völkern, Menschen wie Oskar Schindler, dem der Regisseur Steven Spielberg mit „Schindlers Liste“ im Jahr 1993 ein Denkmal gesetzt hat – mit Musik von Giora Feidman.

Das war 1967, als Feidman das erste Mal als Teil des Israel Philharmonic Orchestra nach Deutschland gekommen war, noch anders. Da hatte Feidman noch deutsche Dämonen im Kopf. Kein Wunder. Noch sein Vater war vor den Pogromen aus dem damals bessarabischen Kischinew, heute in Moldawien, nach Buenos Aires geflohen, wo Giora Feidman am 25.3.1936 zur Welt kam. Noch schlechter ging es Feidman, als ihn der Regisseur Peter Zadek 1984 nach Berlin einlud. Der Musiker sollte in Jehoschua Sobols Stück „Ghetto“ in der Berliner Volksbühne auftreten. Er musste den gelben Stern tragen und einige der Schauspieler waren in SS-Uniform. Feidman konnte nachts nicht schlafen. Seine Frau versuchte ihn zu Heimkehr nach Israel zu überreden, doch Feidman blieb standhaft.

Sonst hört Feidman gerne auf seine Frau. Sie heißt Ora Bat Chaim und zählt zu Israels renommiertesten Komponistinnen. Viele von Feidmans Liedern stammen aus ihrer Hand, auch auf dem neuesten Album “Klezmer Bridges”, das der Klarinettist mit den vier Cellisten des Rastrelli-Quartetts aufgenommen hat. Bei einem der Songs spielt auch Feidmans Nichte Hila Ofek mit. Fragt man die in Frankfurt lebende Harfe-Spielerin nach ihrer Meinung zu ihrem Opa, spürt man eine an Ehrfurcht grenzende Wertschätzung, die viele Kollegen teilen: „Früher, als ich klein war und gerade angefangen hatte zu spielen, hat er oft gesagt, wie schön ich spiele. Doch als ich erwachsen wurde, hat er mir tatsächlich verraten, was er von meinem Spiel hält und so wurden daraus eher kurze Lektionen. Ich weiß zwar, wie sehr er von anderen Musikern bewundert wird, aber ich sehe ihn zuallererst als Großvater“.

Als Klezmermusiker in dritter Generation hat Feidman sein Handwerk von seinem Vater geerbt. Schon mit neun spielte er auf Hochzeiten. Doch statt Student am Konservatorium in Bukarest wurde er als 18-jähriger Ensemble-Mitglied am Teatro Colón in Buenos Aires, um dann zwei Jahre später für 20 Jahre als Bassklarinettist des Israel Philharmonic Orchestras anzuheuern. In den Siebzigern wurde aus dem klassischen Musiker ein Klezmermusiker, den es nach New York zog. Von dort hat das Klezmer-Revival die Welt erobert. Feidman zählt zu den Urvätern. Heute ist die ostjüdische Volksmusik die zweitbeliebteste hierzulande – nach der bayerischen. 

Selbst hartgesottene Musikredakteure geben sich angesichts von Feidmans Musik entrückt, manche auch grenzdebil: „Wie ein magischer Hauch wehte der Klang der Klarinette durch die winterlich kühle Salvatorkirche”. Dabei geht es gar nicht um Magie. Und es geht erst recht nicht um Virtuosität. Feidman trifft vielmehr den richtigen Ton. Er selbst sagt, das sei der “Ton des Herzens”. Das ist dort, wo es zwickt. Bei fast allen.

 

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