Jonathan Scheiner Texte & Musik

2Jan/17Off

Wie klingt eigentlich Nächstenliebe? Paul Brody’s Ausstellung “Voices of Help“

Paul Brody, Trompeter. Paul Brody, Helfer. © Dirk Hasskarl - http://www.hasskarl.de

Paul Brody, Trompeter. Paul Brody, Helfer.                 © Dirk Hasskarl  (www.hasskarl.de)

Warum helfen Menschen einander – welche Motive stecken dahinter? Diesen Fragen ist der Musiker Paul Brody nachgegangen. Der Amerikaner hat Menschen an seinem Wohnort Berlin-Schöneberg befragt, wie sie zu Helfern wurden. Aus den Interviews sind nicht etwa, wie sonst beim amerikanischen Trompeter, Vertonungen für eine neue CD entstanden. Vielmehr hat Paul Brody eine Ausstellung konzipiert, bei der die unterschiedlichen Helfer zu Wort kommen. Zu sehen ist die kleine, aber feine Schau im Jugendmuseum in Berlin.   

Und das klingt so:
"Mein Name ist Anne Seebach. Und mit meiner Projektpartnerin Annette Krüger bringen wir unter dem Namen „Bikeygees“ seit einem Jahr geflüchteten Frauen das Fahrradfahren bei. Bis jetzt haben über 200 Frauen ..."
Die Frau, die hier aus ihrem Berufsalltag erzählt, ist Teil der Ausstellung „Voices of Help“ im Jugendmuseum Berlin-Schöneberg. In diesem Stadtteil im Zentrum Berlins lebt und arbeitet auch der Musiker Paul Brody, geboren 1961 in San Francisco. Irgendwann hat sich der amerikanische Trompeter über die vielen nicht-staatlichen Hilfsinitiativen in seinem Kiez gewundert und sich gefragt, warum ausgerechnet dort so viele Menschen leben, die ihren Mitmenschen helfen? Was treibt sie an? Wie denken sie selbst über ihre Arbeit?
Gregor, ein Lehrer für DAZ: "Ich hab halt überlegt, was ich machen könnte, als Sprachwissenschaftler, als Autor und Übersetzer…und dann bin ich losgegangen zu der Flüchtlingsunterkunft und hab mich da ein bisschen informiert und angefangen zu unterrichten, so ganz informell….". 
Paul Brody hat viele Interviews geführt und er hat viele unterschiedliche Antworten erhalten. Von Initiativen, die Jugendozialarbeit anbieten wie “Gangway” oder “Escape”, die auf Drogenprobleme spezialisiert sind. Von der Nähwerkstatt “Joliba”, in der Geflüchtete umsonst Deutsch lernen können. Und der Initiative “Leben Lernen”, die Mädchen und junge Frauen in Krisensituationen unterstützt. Die Motive der Helfenden waren so unterschiedlich wie die Interviewpartner. Es gibt sogar Senioren, die anderen Senioren helfen, ihre Einsamkeit zu besiegen:
"Hilfe ist notwendig in jeder Gesellschaft, für die Mitmenschlichkeit. Das sagt es ja schon aus, das Wort “Mitmenschlichkeit”. Ich arbeite ja jetzt mit alten Menschen, ich bin selber alt. Es gibt viele alte Menschen, die alleine zuhause sitzen. Diese Einsamkeit der alten Menschen ist irgendwie aussichtslos…."
Doch so verschiedenartig all die Hilfsinitiativen in Paul Brodys Nachbarschaft auch sind: Sie besitzen eine Reihe von Gemeinsamkeiten. Wobei Nächstenliebe oder altruistische Motive nicht die einzigen Beweggründe sind, die Menschen zu Helfern machen. Das weiß auch Paul Brody:
"Each interview started with a warm up question. How did you start helping? Every time I went home to edit my interview this warm up question which I was not going to use became more and more fascinating from one interview to the next. I made a few discoveries: One is the tools that the social workers are using in their professional life often started developing not with their education but with their childhood. Their views of help often started with the forming of their own identity and their own family life".
Paul Brody wäre kein Vollblutmusiker, hätte er die Interviews nicht als Steilvorlage für Vertonungen verwendet. Jeder Stimme eines Helfenden hat er zunächst ein Instrument zugeordnet, um daraus eine Klangkollage zu komponieren.
"I have worked a lot with voice melody and for me the melody of the voice carries it’s own individual narrative (parallel to what is been said). And I wanted to bring that quality in the voices from my neighborhood. So each voice got an instrument that I thought would be a nice match and also in dialogue to that. That instrument does not just accompany that voice but emphasyses the voice melody and is in dialogue with the voice melody".
Brodys Verknüfungen von Stimme und Instrument besitzen nichts Zufälliges. Vielmehr versteckt sich hinter den Kollagen große Erfahrung in der Vertonung von Poesie. Paul Brody gilt zwar als einer der weltweit führenden Klezmer-Trompeter, doch regelmäßig verlässt er das enge Schtettl ostjüdischer Instrumentalmusik für spannende Ausflüge in Richtung Jazz und Dichtung. Neben der Band Sadawi, die er seit Jahren betreibt, komponiert Brody Theatermusik. Oder er vertont Gedichte wie die der Lyrikerin Rose Ausländer.
Gefühl für die Sprache besitzt Paul Brody – wie die meisten Jazztrompeter übrigens – schon von Berufs wegen. Doch die deutsche Sprache ist Brody gewissermaßen in die Wiege gelegt worden: Seine jüdische Mutter stammt ursprünglich aus Wien. Wie sie 1938 vor den Nazis fliehen konnte, erzählt Brody am besten selbst – in einer unnachahmlichen Kombination aus Musiker und Storyteller:
"My own personal story is at the end of the exibit. My daughter was home late one day...she said I was volunteering at a soup kitchen. And I thought: Wow, I should help, too. So I registered to help at the Wilmersdorfer Rathaus where over 1000 refugees were living. It struck me that some of the young teenagers I thought that my mother was 13 years old when she was a refugee who left Vienna on the Kindertransport and went to England. If it weren’t people like the Quakers who were adopting children and families into their homes in England during WW II my mother would probably not be alive. So we should not stop helping! Hahaha, Yah! 
Die Ausstellung „Voices of Help“ im Jugendmuseum Berlin-Schöneberg ist noch bis zum 5. März zusehen. Alle Infos sind im Internet unter www.jugendmuseum.de zu finden.
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