Jonathan Scheiner Texte & Musik

5Jun/17Off

Joints und Jogging – der Trompter Avishai Cohen im Silent Green

Der Trompeter Avishai Cohen, jüngst von Tel Aviv nach Goa umgezogen, und der Schlagzeuger Nasheet Waits in Joggingklamotte, weil das Gepäck auf dem Flughafen blieb, vor dem Konzert im Silent Green am 14.5.2017.

In der Musik von Avishai Cohen spiegelt sich die Vielfalt des Jazz aus New York wider – und nicht so sehr die Melodien seines Geburtslandes Israel. Deshalb wäre es auch verkehrt, den 1978 geborenen Trompeter als typischen Vertreter jener Goldenen Generation junger Israelis zu beschreiben, die derzeit für viel Furore in der internationalen Jazzszene sorgen.

Avishai Cohen hat am Berklee College of Music in Boston studiert und ist dann seinen beiden älteren Geschwistern Yuval und Anat Cohen nach New York hinterhergezogen. In der Folge hat der Trompeter nicht nur ein Dutzend Alben unter eigenem Namen veröffentlicht, sondern ist auch mit einer Vielzahl von Musikern aufgetreten. Darunter nicht nur israelische Popstars wie Shalom Hanoch oder Keren Ann, sondern auch Jazzmusiker wie Omer Avital, Jason Lindner oder Eli Degibri.

"Manche Leute fragen mich - ohne genau hinzuhören - nach den Einflüssen israelischer Musik auf meine Songs. Ich sage dann immer: Du musst schon genauer aufpassen! Dann wirst du merken, dass sie durchaus da sind, weil ich ja schließlich aus Israel komme, aber das ist nicht wichtiger als alles andere. Israelische Musik steht nicht mehr im Vordergrund als Led Zepplin, Frank Zappa oder die Beatles. Für mich bestand noch nie die Notwendigkeit zu sagen: Ich bin aus Israel! Ich verheimliche das zwar nicht, aber trotzdem kann ich meine Musik nicht als israelische Musik verkaufen".

Durch eine Studio-Aufnahme mit dem Saxophonisten Mark Turner ist Avishai Cohen in den Focus des Labels ECM Records und des Produzenten Manfred Eicher geraten, der Cohen zu den wichtigsten Vertretern unter den zeitgenössischen Jazztrompetern zählt. Letztes Jahr ist dann das Album „Into the Silence“ erscheinen, das Avishai Cohens Auseinandersetzung mit dem Tod seines Vaters spiegelt.

"Das Album entstand in einer bestimmten Periode meines Lebens, als ich gerade meinen Vater verloren hatte. Jedesmal, wenn ich damals am Klavier saß, entstand ein sehr spezielle Stimmung, ein sehr spezieller Sound. Und obwohl ich eine Menge an Kompostionen hatte, die nie von meinem Trio gespielt worden waren, habe ich beschlossen, mich auf die aktuellen Stücke zu fokussieren. Ich wollte, dass sich das Album gänzlich auf diese Zeit der Trauer konzentriert. Also habe ich mich für Kompositionen entschieden, die zwischen Dezember 2014 und Juni 2015 entstanden waren, teilweise noch eine halbe Stunde, bevor wir ins Studio gegangen sind".

"Alles war neu, als ich mit dem Album „Into the Silence“ anfing. Ich hatte keine Band und hatte noch keinen Sound gefunden. Ich hatte gerade erst mit meinem Triveni-Trio aufgehört zu spielen und wusste nur, dass ich etwas anderes machen will. Dazu kam, dass ich das erste Mal mit Manfred Eicher und ECM Records zusammenarbeitete. Also alles, auch der Kompositionsstil, war neu. Wir kamen ins Studio und keiner von uns hatte die Musik bislang gehört, es war der absolut erste Eindruck von dieser Musik".

Auch auf seinem neuen Album „Cross My Palm With Silver“ hat Avishai Cohen wieder zu einem unverwechselbaren Ton gefunden. Eine nicht ganz unbedeutende Rolle für den Sound des Albums spielen Cohens Mitstreiter. Mit dem Bassisten Barak Mori, dem Schlagzeuger Nasheet Waits und vor allem mit dem Pianisten Yonatan Avishai arbeitet Cohen bereits seit mehr als einem Jahrzehnt zusammen, zuletzt beim Triveni-Trio.

"Beim aktuellen Album „Cross My Palm With Silver“ war das ganz anders, weil die Band bereits miteinander aufgetreten war. Wir wussten, wie die Band agiert, auch wenn die Musik noch relativ neu war. Lediglich der Prozess des Komponierens war bei beiden Alben vergleichbar: Ich hatte zunächst nichts außer einem Studiotermin. Es war tatsächlich dieser Entstehungsprozess, etwas aus der absoluten Leere heraus zu erschaffen".

Cohens unverwechselbarer Ton spiegelt sich nicht zuletzt in den Songtiteln, die bei genauerem Hinsehen politisch gemeint sind. „Theme for Jimmy Green“ ist eine Referenz an den Saxophonisten Jimmy Green, der seine Tochter bei einem Amoklauf an einer amerikanischen Schule verlor. „340 Down“ bezieht sich auf die Menge an Flüchtlingen, die in nur einer einzigen Juni-Woche im Mittelmeer ertrunken sind. Und „Will I Die, Miss, Will I Die?“ reflektiert die verzweifelte Frage eines syrischen Mädchens nach einem Giftgasangriff.

"Da wir Musik ohne Worte spielen, ist es schwer zu sagen, worum es sich dabei dreht. Insofern helfen die Song-Titel ein wenig. Wobei alleine die Titelgebung keines der Probleme löst. Mit Titeln erzielt man doch höchstens ein wenig Aufmerksamkeit, wenn man etwa bei einem Interview darüber spricht. Ich bin davon überzeugt: Das ist nicht genug".

Klare Kante zeigt Avishai Cohen auch im Bezug auf die Politik seines Heimatlandes. „50 Years And Counting“ und „Shoot Me in the Leg“ sind zwar nur Song-Titel, in denen es um „Israels Besatzungspolitik“ oder um palästinensische „Selbstmordattentäter“ geht. Aber in Kombination mit derart schöner Musik verfehlen Avishai Cohens Song-Titel keinesfalls ihre Wirkung!

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