Jonathan Scheiner Texte & Musik

22Jul/17Off

Ost-Juden in Wild West – Lucky Luke trifft Indianer mit Kippa

 

Raten Sie mal, an welchem Gesichtsorgan man Jidden erkennt? Richtig geraten. An der Nase! Jidden haben ein enormes Gerät, geradezu unanständig in Größe und Form, jedenfalls im 95. Band von Lucky Luke mit dem Titel „Das Gelobte Land“. Die Frage ist natürlich eine Fangfrage und zielt auf antisemitische Stereotypen: Juden haben lange Rübennasen, tragen püschelige Bärte und sie werden sentimental, wenn man ihnen Lieder wie die „Jiddische Mame“ vorspielt. Von diesen Stereotypen ist der neue Lucky Luke-Band gespickt voll. Und das ist gut so, denn der Band ist zum Totlachen.
Hier geht es gar nicht um Verunglimpfung. Die Personen, in Szene gesetzt vom belgischen Zeichner Achdé, bedienen zwar Klischees, aber sind am Ende doch nur charmante Comic-Figuren: Lucky Luke zieht schneller als sein Schatten, der Bankräuber trägt den Namen Madoff und der Familienvater heißt Moishe Stern, seines Zeichens „schnellster Schnejder estlich der Wejchsel“. Das ist zum Piepen, erst recht der kleine Jankel, ein Naseweis, der sich statt um die anstehende Bar Mizwa lieber um seine Zwille (Steinschleuder) kümmert. Mit ihr schießt er die Schurken kurzerhand aus ihren Boots.
Die Geschichte nimmt ihren Anfang mit dem Cowboy Jack Loser, der eigentlich Jakob Stern heißt. Seine jiddische Familie rückt an und will nach Montana ins Städtchen Chelm City. Lucky Luke soll sie dorthin bringen, inklusive einer höchst wertvollen Tora, die unversehrt bleiben muss. Das Problem: Nichts, was am Wegesrand kreucht und fleucht oder als Proviant dienen könnte, ist koscher. Und dann muss auch noch unbedingt der Schabbat gehalten werden, selbst wenn dem Treck blutrünstige Rothäute dicht auf den Fersen sind. Aber siehe da: Bei den Indianern handelt es sich um einen der verlorenen Stämme Israels.
„Das Gelobte Land“ läßt kein Klischee aus und ist doch ganz großartig gemacht, weil er den jüdischen Beitrag bei der Eroberung des Wilden Westens in den Focus rückt. Klar gibt es dort Fettnäpfchen, in die Achdé und sein Texter Jul treten, wie etwa der Sheriff, der einen „Stern“ trägt. Aber er trägt ihn, weil es tatsächlich jüdische Sheriffs gab, wie den, der zum Abschluss des Bandes abgebildet ist. Es handelt sich um Charles Moses Strauss, der als erster Jude zum Bürgermeister von Tuscon/Arizona ernannt wurde. Das war im Jahr 1883.
Sein Namensvetter hat die berühmten Jeans erfunden, jene damals noch robusten Hosen für Cowboys, gefertigt aus blauem Leinen aus dem französischen Nimes. Auch Lucky Luke soll so eine Hose als Abschiedsgeschenk bekommen, aber am Ende des Trecks passt er nicht mehr rein: Zu viel Gefilte Fisch!!

Lucky Luke Nr. 95: Das gelobte Land. Egmont Ehapa Media GmbH 2017, 48 S., 12.- €.

Mann in zu engen Schlag-Hosen: Lucky Luke als Herzensbrecher

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