Jonathan Scheiner Texte & Musik

5Jul/11Off

Interview mit Elliott Sharp

"Die Radical Jewish Culture ist reaktionär"

Elliott Sharp gilt als Mit-Begründer neuen jüdischen Selbstbewusstseins in der Musik. Doch inzwischen übt er harsche kritik an der Bewegung.

 

J.S.: Wie kamen Sie dazu, auf dem Sounds-No-Walls-Festival im Jüdischen Museum in Berlin aufzutreten. Sie gelten doch nicht gerade als jüdischer Vorzeige-Künstler?

 

E.S.: Die Idee kam vom Festival-Organisator Bert Noglik. Ich mochte seine Idee, mit einem Sprecher aufzutreten, zumal einem so berühmten wie Christian Brückner, den man in Deutschland als Stimme von Robert de Niro kennt.

 

J.S.: Was war das Jüdische daran?

 

E.S.: Es handelte sich um Vertonungen von Gedichten Erich Frieds und Paul Celans, von dem die Todesfuge stammt. Ich bin Jude, auch wenn ich mein Werk nicht als jüdisch charakterisieren würde. Und wenn ich mal als Jude in einer Band mitspiele, dann tue ich das gewissermaßen mit  einer kritischen Distanz zum „Jüdischsein“. Ich mag es nicht, wenn Dinge derart definiert werden. Nationalismus und Religion sind zwei der schlimmsten Dinge auf diesem Planeten. Die beiden sind mehr Tote verantwortlich als alles andere.

 

J.S.: Da ist es schwierig, wenn man als Teil der Radical Jewish Culture gilt?

 

E.S.: Für mich sind viele gegenwärtige Aspekte der Radical Jewish Culture sehr reaktionär, vor allem in den USA.

 

J.S.: Aber gerade werden Sie im Jüdischen Museum in Berlin als Gründungsvater  dieser Bewegung ausgestellt. Ist das ein Irrtum?

 

E.S.: Viele Leute in den USA machen angeblich radikale jüdische Kultur, aber was soll das denn eigentlich sein? Das ist doch höchstens in dem Maße radikal wie der Nationalsozialismus sozial war. Diese radikale jüdische Kultur ist doch vor allem radikal zionistisch und das ist für mich reaktionär, rassistisch und totalitär. Kein Wunder, dass ich in der Szene nicht mehr sonderlich beliebt bin.

 

J.S.: Woran zeigt sich das?

 

E.S.: Ich werde von der Szene gemobbt, wenn ich beispielsweise ein Stück über die Intifada mache. Das entspricht meiner Vorstelliung von ‚radikal’. In dem Sinne als selbst die Staatsgründer Israels wie Theodore Herzl radikal und utopisch gedacht haben. Nur hat sich die zionistische Agenda leider sehr schnell in eine rassistische verwandelt. Lesen Sie doch mal Weizman, Ben Gurion oder Golda Meir. Das ist für mich die Rechtfertigung für ethnische Säuberungen und klingt wie Josef Goebbels.

 

J.S.: Eine nicht besonders populäre Argumentation im jüdischen Millieu, oder?

 

E.S.: Das passiert öfters, wenn ich mich zum Zionismus in Israel äußere. Auf Webseiten wie Masada2000 werde ich sogar mit dem Tode bedroht. Die alternative Reaktion ist, dass ich als Israel-Kritiker als jüdischer Selbstahasser bezeichnet werde. Was für ein Unfug.

 

J.S.: Wie kann man mit so einer Haltung ein Freund John Zorns sein, dem Urvater der Radical Jewish Culture?


E.S.: Zorn ist wie mein Cousin. Wir sind uns sehr nahe in vielen Dingen, aber wenn es um Politik und speziell um Zionismus geht, sind wir völlig unterschiedlicher Meinung. Da kannst Du einfach nicht mit ihm reden. Zorn ist sehr geschickt beim Verpacken jüdischer Kultur, um seine Musik zu verkaufen. Damit macht er eine Menge Geld. Aber das ist sein Trip.

 

J.S.: Und wohin geht diese Reise?

 

E.S.: Die Radical Jewish Culture wurde in die Hand genommen von Leuten, die etwas vom Marketing verstehen und viele CD’s verkaufen wollen. Aber ich bezweifele, dass diese Musik wirklich radikal ist.

 

J.S.: Und ihre Reise?

 

E.S.: Ich versuche, radikal und politisch zu sein, aber ich will nicht belehren.

 

J.S.: Wann haben Sie sich denn von der jüdischen Szene abgewendet?

 

E.S.: Das ist schon lange her. Als amerikanischer Jude habe ich eine Gehirnwäsche hinter mir. Ich bin jahrelang dreimal die Woche in die Schul (Hebräisch-Schule) gegangen, aber ich war schon vor meiner Barmizwa Atheist. Sie versuchen, Dir eine bestimmte historische Sichtweise beizubringen, doch dabei handelt es sich um eine Vermischung. Es gibt drei Formen des Judaismus, einen politischen, einen religösen und einen kulturellen. Aber man sollte als schlauer Mensch nicht versuchen, diese drei durcheinander zu bringen.

 

J.S.: Kann man das im Hinblick auf die Geschichte so einfach trennen?

 

E.S.: Natürlich bin ich mir der Geschichte bewusst. Meine Eltern haben die Schoa überlebt. Nachdem ich aus Dachau zurückkam, wo ich 2007 ein Live-Konzert gespielt habe, hat mich meine Frau im Scherz gefragt: Na, wie war’s denn in Dachau? Klar habe ich da gezuckt.

 

J.S.: Klingt doch normal und nicht nach klassischem Second-Generation-Syndrom?

 

E.S.: Ich habe mir auch Auschwitz-Birkenau angesehen und das bringt einen innerlich förmlich um, wenn man sich das Ganze vor Augen führt. Und trotzdem muss man sich doch überlegen, wie die Geschichte heute aussieht und wer die Verbrechen heutzutage begeht. Was meinen denn die Leute, wenn sie sagen „Never Again“? Bezieht sich das nur auf Juden oder meint das jedermann? Mit dieser Leidens-Exklusivität wird doch eindeutig ein Eigeninteresse verfolgt.

 

J.S.: Sie meinen damit die israelische Politik?

 

E.S.: Als ich noch nicht angefangen hatte, nachzufragen, war ich noch ein großer Fan von Israel. Doch dann kam der Jom Kippur-Krieg 1973. Und ich bin zum Pazifisten und Fan von Edward Said geworden. Als augebildeter Mathematiker bin ich geschult darin, objektiv zu bleiben. An der Schul gab es viele Diskussionen, doch am Ende ging es doch nur eines: um Glauben. Das ist nichts für mich.

 

J.S.: Dabei sind sie jüdisch erzogen worden. Woher kommt ihre Familie?

 

E.S.: Die Familie meines Vaters kam schon 1905 aus der Nähe von Odessa in die USA. Die Familie meiner Mutter kam ebenfalls aus der Ukraine und sie war auch in Berlin in den Zwanzigerjahren. Im Krieg hatten sie sich in der Nähe von Nancy versteckt. Mein Großvater wurde erst nach Drancy und dann nach Auschwitz deportiert. Die anderen überlebten, weil sie von Bauern in Elsaß-Lothringen versteckt wurden. Nette Leute waren das. Aber es gibt ja überall auf der Welt nette Leute, die erst durch Regierungen dazu gebracht werden, einander umzubringen. Das gilt für Palästinenser und selbst für Israelis.

 

 

Das Gespräch fand am 23. Juni 2011 in Berlin statt.

Der Artikel erschien am 30.6.2011 in der Jüdischen Allgemeinen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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