Jonathan Scheiner Texte & Musik

4Apr/14Off

Israelische Stadtmusikanten

 

Bereits letztes Jahr haben israelische Musiker bei Deutschlands größter Jazzmesse, der Jazzahead in Bremen, für viel Furore gesorgt. Und obwohl dieses Jahr Dänemark Partnerland ist, treten erneut Israelis ins Rampenlicht. Drei der Musiker – Shai Maestro, Shauli Einav und Oran Etkin – haben sich längst in der ersten Liga der Jazzmusiker etabliert, weshalb es kein Paukenschlag ist, dass sie von der Jury der Jazzahead ausgewählt wurden. Erstaunlich dagegen ist der Auftritt der jungen Israelin Noam Vazana, einer Singer- and Songwriterin, die zugleich Piano und Posaune spielt. Alle Genannten haben eine dieser Tage erscheinende CD mit im Gepäck, auf denen einmal mehr deutlich wird, warum Jazz Made in Israel international als Gütesiegel gehandelt wird.

Der 1987 geborene Pianist Shai Maestro spielt Klavier, seit er fünf Jahre alt ist. Er gilt als typischer Vertreter jener viel diskutierten Goldenen Generation von israelischen Jazzern. Seit seiner Trennung vom Avishai Cohen-Trio, dem bekanntesten Jazzexport Israels, hat sich Shai Maestro auf erfolgreiche Solo-Pfade begeben. Sein eigenes Trio, bestehend aus dem Bassisten Jorge Roeder und dem Schlagzeuger Ziv Ravitz, hat mit „The Road to Ithaca“ bereits das zweite herausragende Album vorgelegt. Auch wenn sich bei den zehn neuen Songs zeigt, dass die Abnabelung vom Großmeister Avishai Cohen nicht restlos vollzogen ist, so wird doch auch deutlich, worin die Schönheit von Maestros Musik im Speziellen und der des israelischen Jazz im Allgemeinen besteht: Die Öffnung des Jazz für Songelemente des Pop wird mit größter Virtuosität betrieben, wobei die weite israelischen Musiklandschaft zwischen Piyut und Schlager fruchtbar gemacht wird.

Dieser Aromareichtum wird umso augenfälliger, wenn man einen eher klassisch agierenden Jazzmusiker wie Shauli Einav dagegenhält. Der 1982 in Israel geborene Saxophonist hat sich durch die us-amerikanische Jazzszene New Yorks hindurchgespielt und ist dabei mit einer Vielzahl von Jazz-Altmeistern aufgetreten, deren Handwerk er aufgesaugt hat. Seinen ureigenen Ton hatte Shauli Einav längst gefunden, als er vor zwei Jahren nach Paris übersiedelt ist. Sein neues Album heißt „The Truth About Me“. Shauli Einav hat darauf seine israelische Seite eher in den Hintergrund gerückt. Weder sind seine Bandmitglieder Landsmänner von ihm, noch haben seine Songs hebräische Namen.

Ein ganz ähnliches Bild ergibt sich beim neuen Album „Gathering Light“ vom Bassklarinettisten Oran Etkin, sieht man einmal ab vom israelischen Song „Shirim Ad Kan“ und dem jiddischen Gassenhauer „Der Gasn Nign“. Auch Oran Etkins Mitmusiker haben mit Israel nichts am Hut: Der Schlagzeuger Nasheet Waits und der Bassist Ben Allison, mit denen der Klarinettist sein aktuelles Tour-Trio bildet, werden durch die Gastmusiker Lionel Loueke an der Gitarre und Curtis Fowlkes an der Posaune ergänzt. Während Etkins  hinreißende letzte CD „Kalemia“ noch stark von der Musik Malis beeinflusst war, so basieren die meisten neuen Songs auf Motiven, die auf Tourneen durch Fernost entstanden. Oran Etkin wird vom Jazzpapst der New York Times, Ben Ratcliff, zurecht als „exzellenter Improvisierer“ bezeichnet. Auch unter Jazz-Kollegen wird der Bassklarinettist hoch gehandelt. So erstaunt es nicht, dass Etkin sogar schon mit dem Rapper Wyclef Jean aufgetreten ist. Zu seinen Musikfrüherziehungskursen mit dem Namen „Timbalooloo“ pilgern  die Kinder von Hollywoodstars wie Naomi Watts und Harvey Keitel.

Oran Etkin zählt zu den renommiertesten israelischen Jazzmusikern, weil sich zu seinem Können eine enorme Neugier auf exotische Klänge gesellt. Dabei kam der Bassklarinettist erst mit 13 zu seinem Instrument, nachdem er sich mit Fünf am Klavier, mit Acht an der Geige und mit Neun am Saxophon versucht hatte. Als Vierzehnjähriger ging er erst nach Boston, dann nach Manhattan und später an die Rubin Academy of Music in Jerusalem, wo er neben arabischer Musik auch Jazz bei Koryphäen wie Yusef Lateef, Dave Liebman und David Krakauer studierte. Umso erfreulicher, dass gerade Oran Etkin für einen Auftritt bei der Jazzahead gewonnen werden konnte.

Das gilt auch für die Israelin Noam Vazana. Die Sängerin, Pianistin und Posaunistin hat die kürzeste Anreise, weil sie seit ein paar Jahren in Holland lebt. Die Musikerin stellt neben Shai Maestro, Shauli Einav und Oran Etkin eine Ausnahme dar, weil ihre Musik nicht so sehr dem Jazz, sondern vielmehr dem Pop zuzuordnen ist. Das machen auch die elf Songs ihres neuen Albums „Love Migration“ deutlich. „Ich wollte schon immer Sängerin werden. Schon als Zweijährige habe ich unter der Dusche gesungen. Mit Fünf habe ich mit dem Klavier angefangen und mit Zwölf mit der Posaune. Und als ich 21 war, habe ich dann auch offiziell Gesangsstunden genommen“. Dieses Multi-Tasking hält bis heute an, wenngleich die Posaune bei Noam Vazana zunehmend in den Hintergund gerückt ist.

Noam Vazana macht nicht nur Popsongs, sondern betreibt verschiedene Projekte, sei es ihre Kollaboration mit der indischen Sängerin Suchita Parte, mit der sie neben Bollywood-Stücken auch das Schabbatlied „Malachei Hascharet“ vertont hat. Oder sei es ihr Projekt „East Meets Best“ mit israelischen und palästinensischen Musikern, das am ehesten Noam Vazanas nicht ganz spannungsfreie Abstammung von einer israelischen Mutter und einem palästinensischen Vater refelektiert. Die Songs der noch nicht einmal dreißgjährigen Musikerin kommen sehr persönlich und unmittelbar daher. „Ich bin keine religiöse Person, aber ich glaube an die Existenz eines höheren Wesens, das mir meine Songtexte eingibt. Ich glaube, dass ich eine starke Message in mir trage, die ich mit meinen Mitmenschen teilen muss“. Noam Vazanas Auftauchen bei der Jazzahead mag angesichts ihrer poppigen Songs erstaunen. Doch als Teil der aufregenden Musikszene Israels fällt sie unter Bremer Stadtmusikanten keinesfalls aus dem Rahmen.

 

 

 

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