Jonathan Scheiner Texte & Musik

18Mrz/16Off

Tamar Halperin, Profi-Tennis und das Satie-Projekt

Klavier, Cembalo, Glockenspiel, Wurlitzer – ein Welt aus schwarzen und weißen Tasten

Klavier, Cembalo, Glockenspiel, Wurlitzer – ein Welt aus schwarzen und weißen Tasten

"But anyway: I never planned to become a musician. I was so much into tennis I thought I would bow in front of the queen of England at Wimbledon upon winning – it didn’t happen. The furthest I went is that I got a dog and her name was Steffie Graf".

http://www.deutschlandradiokultur.de/projekt-der-pianistin-tamar-halperin-satie-als.2177.de.html?dram:article_id=354040
Tamar Halperin beim JazzFest Berlin mit dem Wunderkammer-Projekt

Tamar Halperin beim JazzFest Berlin mit dem Wunderkammer-Projekt

"I think there is one clue for me reading about Satie how he referred to himself not as a musician and not as a composer but he called himself a „phonometrician“ – somebody who measures sounds. I think in the way we managed it there is a lot of this esthetics. It is a lot about the sound itself and not so much about the perfection of it. And not so much about the developement of a composition or deep philosophical approach to the interpretation. It’s just trying out sounds....".

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18Mrz/16Off

Israeli im Selbstversuch – Nir Barams Reiseberichte aus den besetzten Gebieten

 

Nir Baram

Nir Baram wohnt am Jitzchak Rabin-Platz, jenem Platz im Zentrum von Tel Aviv, auf dem der Friedens-Nobelpreisträger im Jahr 1995 ermordet wurde. Die Lage seines Apartments scheint eine zufällige Koinzidenz, auch wenn Nir Baram auf selben Pfaden unterwegs ist wie Israels ehemaliger Staatspräsident: Er schert sich um die Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern, und zwar in der Tat. Denn Reden schwingen über den Frieden, das tun viele, nicht nur israelische Pazifisten.
Nir Baram hat etwas getan, was die wenigsten Israelis jemals tun. Der Autor ist in die besetzten Gebiete gereist, in die Westbank und nach Ost-Jerusalem. Er hat sich in den Siedlungsaußenposten umgesehen und hat mit den Menschen vorort geredet, hat Männer der Fatah wie der Hamas gesprochen, mit Rabbinern ebenso wie orthodoxen Hardlinern. Was Baram nach Tel Aviv zurückgebracht hat, ist starker Tobak. Selbst seine Freunde von der israelischen Friedensinitiative waren überrascht, manche auch brüskiert. Kein Wunder: „Sie schmieden Friedenspläne für Orte, die ihnen schlicht unbekannt sind“, mokiert sich Nir Baram.
Seine Berichte, die zunächst in der Tageszeitung Haaretz erschienen sind und nun als Buch im Hanser Verlag vorliegen, liefern ein düsteres Bild nicht nur von den besetzten Gebieten, sondern von der israelischen Gesellschaft als Ganzes. Das Buch heißt treffenderweise „Im Land der Verzweifelten“.
Kurioserweise wirkt Nir Baram selbst nicht wie einer jener Verzweifelten, über die er schreibt, sondern wie ein ganz normaler Israeli, der versucht, jenseits des Konflikts seinen Alltag zu meistern. Seine Küche, auf deren Fließen die „Kleine Raupe Nimmersatt“ liegt, dient gleichzeitig als Spielwiese für seinen kleinen Sohn Daniel. Und neben seinem Schreibtisch hat seine Frau Tamar die nasse Weißwäsche an die Leine gehängt. Offensichtlich läßt sich an einem solchen Ort präzise der Status Quo seines Heimatlandes diagnostizieren.
Seit „Purple Love Story“, „Der Wiederträumer“ und „Gute Leute“ zählt Nir Baram zu den wichtigsten Nachwuchsautoren seiner Heimat. Für Amoz Oz gilt der 1976 in Jerusalem geborene Nir Baram bereits jetzt als große Hoffnungen der israelischen Linken. Da steht er in bester Tradition. Sowohl Nir Barams Vater und Großvater waren Minister in verschiedenen israelischen Regierungen.
Ein ganzes Jahr lang war Baram unterwegs und hat Israelis getroffen, die auf der palästinensischen Seite der Mauer leben, hat den Chef des palästinensichen Flüchtlingslagers Balata getroffen oder war in Kalandia, jenem berühmt-berüchtigten Checkpoint zwischen dem Norden der Westbank und Jerusalem und hat sich dort sein eigenes Bild gemacht. „Die Menschen in Tel Aviv reden über die Straßen in der Westbank. Sie sagen, dass es Straßen für Juden gibt und Straßen für Palästinenser. Aber ich habe gemerkt: Das ist Unfug, das stimmt überhaupt nicht.“ Und so erging es Nir Baram häufig. Nicht einmal seine Freunde aus der sogenannten „Peace-Industry“ kennen Orte wie die Siedlungsaußenposten. „Keiner von ihnen hatte zum Beispiel eine Ahnung von der Menge an sekulären Bewohnern. Man glaubt ja immer, dort wohnen nur Fanatiker und Ultraorthodoxe, die ihre Zeit damit verbringen, in die Synagoge zu gehen. Aber das stimmt nicht. Mehr als ein Drittel der Bewohner ist sekulär“ – also ein ganz normaler Schnitt durch die israelische Gesellschaft.
Doch diese multikulturelle israelische Gesellschaft, so schreibt Baram, lebe in einem „jüdischen Ghetto“, das niemals verlassen wird, erst recht nicht, um die „Fremden“ im eigenen Land kennenzulernen. „Noch meine Großeltern und mein Vater haben arabisch gesprochen – nur ich kann kein Arabisch. Wie all meine Freunde habe ich es nie gelernt. Dabei wäre das so wichtig“. Doch Baram weiß auch, dass es inzwischen eine junge Generation von Palästinensern gibt, die ihrerseits kein Hebräisch mehr spricht. „Das nimmt sich nichts. Das ist vielmehr ein Ausdruck einer neuen Separation. Nicht nur eine Grenzmauer schafft Separation“.
Nir Baram deckt in seinen 12 Berichten schonungslos auf, warum Palästinenser und Israelis permanent aneinander vorbeireden. „Wenn du mit Palästinensern sprichst, dann geht es ihnen nicht um die Rücknahme der Besatzung seit 1968. Für Palästinenser ist das Jahr 1948 das eigentliche Trauma. Damals wurden sie deportiert, haben ihre Häuser verloren, ihr Geld, ihre Felder“. Nir Barams Schlussfolgerung: Solange die Israelis nicht offen über 1948 reden, solange wird es schwer sein, den Konflikt zu lösen.
Ohnehin hält der Autor nicht viel von einer Zwei-Staaten-Lösung. „Die Landkarte mit den Siedlungen, die Rabin seinerzeit hatte, entspricht nicht mehr der heutigen. Die Liberalen führen noch die selbe Diskussion wie damals, aber sie drehen sich im Kreis, weil sie die Realität negieren“. Heutzutage müsse man phantasievoller über Lösungen nachdenken. Immerhin gebe es schon ein paar Utopisten, die von einer Ein-Staaten-Lösung mit gleichen Rechten für alle träumen. Selbst „der intellektuellen Elite der Siedlerbewegung schwant so langsam, dass sie den Palästinensern die Staatsbürgerschaft und das Wahlrecht anbieten müssen, wenn sie ihr Land dauerhaft behalten wollten“. Es gebe gar nicht wenige Siedler, die die Initiative „Ein Staat – zwei Völker“ unterstützen.
Und was träumt der ansonsten düster in die Zukunft blickende Autor in seinen kühnsten Träumen? „Meine arabische Großmutter kam aus Aleppo – ganz einfach dorthin zu reisen“. Das hat einst schon Shimon Perez geträumt. Seine Vision war, sich in Tel Aviv in ein Auto zu setzen und einfach so nach Damaskus zu fahren. Eine Bombenidee. Und ein großartiges Buch!
Info:
Im Land der Verzweifelten. Ein Israeli reist in die besetzten Gebiete. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. 304 Seiten. Hanser Verlag  2016.

 

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/24936

 

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18Mrz/16Off

Och Mönsch, Du! Die taz-Marlene und ihr Bauchgefühl

Drei Tage habe ich damit zugebracht. Knapp zwei Dutzend wohlwollende und besserwisserische Randbemerkungen abgearbeitet. Alles nur für mein Interview mit Nir Baram in der taz - und dann kommt so 'ne bescheuerte Antwort per Email:

Hallo lieber Jonathan,

ich hab hin und her überlegt - und nun beschlossen, meinem Bauchgefühl
zu vertrauen. Und das sagt: Das Interview gibt trotz allem noch nicht
genug her, um eine Seite 13 zu tragen. Bitte nicht böse sein! Ich freu
mich trotzdem, dass Du es versucht hast.

Deine Marlene Halser (taz-Ressortleitung Innerei)

Och Mönsch, Marlene, Du! Das ist ja nun mal schade, Du, um die ganze Arbeit!

Aber Du: ich kann's ja mal wieder "versuchen"...

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3Mrz/16Off

Reise in ein unbekanntes Land – Kiedrich und Bad Hamburger

Kiedrich ApotheoseMit der Bummelbahn nach Eltsville am Rhein. Beschriftete Weinberge in Reih und Glied, millimetergenau. Auf der Wanderung nach Kiedrich reißt der Himmel auf. Dort hinten wohnt Tamar Halperin, spielt Eric Satie, wie man ihn noch nie hörte - aber sollte. 

Und abends spielen Irit Dekel und Eldad Zitrin "Last of Songs" im Speicher. Der liegt im Dach des Bahnhofs von Bad Homburg, oder auch "Bad Hamburger", wie ortsunkundige Vegetarier zu sagen pflegen. Danach wird die Hotelbar gestürmt. Dort sind sie alle schon gewesen: ob Nana Mouskouri oder James Brown. Internationales Flair mitten in der hessischen Provinz: Zum Totlachen!

Bad Ham-Bar

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8Feb/16Off

Kuddelmuddel in Kalandia. Mit dem israelischen Schriftsteller Nir Baram in einem verzweifelten Land

 

Kalandia Checkpoint Ost-Jerusalem

Wie entstand die Idee, über Ihre Reise in die besetzten Gebiete ein Buch zu schreiben?
Das Ganze begann als Serie für die israelische Tageszeitung Haaretz. Ich hatte den Eindruck, dass Menschen, die wie ich in Tel Aviv, Jerusalem oder Haifa leben, in einer Scheinwelt leben. Sie haben keinen blassen Schimmer von der Realität in den besetzten Gebieten, in der Westbank oder in Ost-Jerusalem. Sie schwingen Reden und schmieden Friedenspläne für Orte, die ihnen schlicht unbekannt sind.
Zum Beispiel?
Die Menschen in Tel Aviv reden über die Straßen in der Westbank. Sie sagen, dass es Straßen für Juden gibt und Straßen für Palästinenser. Aber ich habe vor zwei Jahren mit den Menschen vor Ort gesprochen. Und ich habe gemerkt: Das ist Unfug, das stimmt überhaupt nicht. Das gleiche gilt für die Kontrollpunkte der Siedlungen, von denen man immer meint, dass man sie selbst dann noch brauchen wird, wenn es dereinst einen palästinensischen Staat geben sollte. Also bin ich dorthin gefahren und habe mir mein eigenes Bild gemacht. Es gibt inzwischen überall diese Siedlungen. Von jeder Straße aus, die du in der Westbank befährst, kannst du sie sehen. Sie befinden sich immer oben auf den Hügeln. Aber das ist dann auch schon alles, was man davon mitbekommt.
Wie meinen Sie das?
Nicht einmal meine Freunde aus der sogenannten „Peace-Industry“ kennen diese Orte. Keiner von ihnen hatte eine Ahnung von der Menge an sekulären Bewohnern. Man glaubt ja immer, dort wohnen nur Fanatiker und Ultraorthodoxe, die ihre Zeit damit verbringen, zum Rabbi in die Synagoge zu gehen. Aber das stimmt nicht. Mehr als ein Drittel der Bewohner ist sekulär. Normale Menschen, die lediglich ihren Lebensstandard verbessern wollen. Und die Regierung erlaubt ihnen das. Die größte Errungenschaft der Siedlungsbewegung ist, wenn man so will, dass sie es geschafft hat, alle gesellschaftlichen und enthnischen Gruppen der israelischen Gesellschaft zu integrieren – mal abgesehen von den arabischen Israelis. Dort wohnen Russen, Mizrahim, Äthiopier, die Armen und die Menschen aus der Mittelklasse. Das ist ein normaler Schnitt durch die israelische Gesellschaft.
Ist die Siedlungsbewegung deshalb so erfolgreich?
Das erklärt zumindest, warum die Siedler so viel Unterstützung erfahren. Man darf nicht übersehen, dass viele der Bewohner Freunde oder Familie außerhalb der Siedlungen haben. Das hat die israelische Linke gar nicht begriffen. Die denken immer noch, es gehe um einen Kampf zwischen uns und den Rabbinern oder Siedlungs-Hardlinern wie Naftali Bennett – der übrigens gar nicht dort wohnt. Ich habe mit hunderten von Menschen gesprochen, mit Israelis wie Palästinensern aus allen Gesellschaftsschichten, Arbeitern, Intellektuellen oder auch ehenmaligen Gefangenen. Man bekommt dadurch einen anderen Eindruck vom Alltag in den Siedlungen.
Das klingt, als sei ausgerechnet in den Siedlungen der einstige Plan von einer multikulturellen israelischen Gesellschaft eingelöst worden...
Die Gründungsväter, also Ben Gurion und die Arbeiterpartei, wollten in den Vierzigerjahren einen jüdischen und zugleich demokratischen Staat errichten. Aber über die Jahre ist das jüdische Element immer stärker und, je länger die Besetzung der palästinensischen Gebiete dauerte, das demokratische Element immer schwächer geworden. Das Versagen der israelischen Liberalen besteht darin, dass es ihnen nicht gelang, eine wirklich multikulturelle Gesellschaft zu errichten. Wir haben ja nicht einmal eine Idee davon, wie eine israelische Republik aussehen könnte. Wir leben in einem jüdischen Ghetto. Wir gehen nicht raus und lernen fremde Menschen kennen.
Nir Baram Porträt
Warum fangen Sie nicht mit den Fremden im eigenen Land an?
Wenn ich daran denke, dass noch meine Großeltern arabisch gesprochen haben, und auch mein Vater – nur ich kann kein Arabisch, nie gelernt. Auch meine Freunde nicht. Dabei wäre das so wichtig. Auf der anderen Seite gibt es inzwischen auch schon eine junge Generation von Palästinensern, die kein Hebräisch mehr spricht – im Gegensatz zu den Älteren. Das nimmt sich also nichts. Das ist vielmehr ein Ausdruck einer neuen Separation. Separation ist nicht nur eine Grenzmauer.
Aber sie ist ihr sichtbarstes Zeichen... was wird denn da eigentlich getrennt?
Die meisten Palästinenser, mit denen ich gesprochen habe wie etwa der Chef des Flüchtlingslagers in Balata, sprachen über 1948, also über die Vertreibungen. Diese Menschen wollen ihr Land zurück. Ob sie israelische Staatsbürger werden, ist ihnen dabei egal. Ich konnte keine Obsession für einen palästinensischen Staat erkennen. Von den hunderten an Gesprächspartnern waren die meisten vor allem an Bewegungs- und Reisefreiheit interessiert. Sie wollen in Tel Aviv, Jerusalem oder anderen israelischen Städten wohnen und israelische Staatsbürger sein. Dafür würden sie notfalls sogar im israelischen Militär dienen.
Es geht also gar nicht um die Besatzung?
Wenn du mit Palästinensern sprichst, dann geht es ihnen nicht um die Rücknahme der Besatzung im Zusammenhang mit dem Krieg von 1967. Für Palästinenser ist das Jahr 1948 das eigentliche Trauma. Damals wurden sie deportiert, haben ihre Häuser verloren, ihr Geld, ihre Felder. Die Schlussfolgerung nach meiner Reise lautet: Natürlich können nicht alle Flüchtlinge plötzlich zurückkehren, doch solange die Israelis nicht offen über 1948 reden, solange wird es schwer sein, die Besatzung zu beenden und den Konflikt zu lösen.
Wobei eine Zwei-Staaten-Lösung zunehmend außer Richtweite gerät....
Manche Pazifisten, die meine Haaretz-Artikel lasen, wurden wütend, weil sie glaubten, ich untergrabe die Idee von einer Zwei-Staaten-Lösung. Aber ich wollte unbedingt die Wahrheit schreiben, so wie ich sie dort erlebt habe. Das war ja auch für mich nicht einfach einzugestehen. Weil ich doch auch keine Lösung für 1948 anbieten kann. Die meisten Dörfer gibt es doch gar nicht mehr. Wie will man denn dorthin zurückkehren?
Gegenfrage? Beißt sich da die Katze nicht in den Schwanz?
Mein Vater war Minister im Kabinett von Rabin. Er war ein Linker von der Ha Maarach-Partei. Er glaubte noch an Zwei-Staaten und gleiche Rechte für Israelis und Palästinenser. Aber er war seit 20 Jahren nicht mehr in der Westbank. Die Landkarte mit den Siedlungen, die Rabin seinerzeit hatte, entspricht nicht mehr der heutigen. Die Liberalen führen noch die selbe Diskussion wie damals, aber sie drehen sich im Kreis, weil sie die Realität negieren. Heutzutage muss man phantasievoller über Lösungen nachdenken.
Und zwar?
Selbst wenn über Kalandia und die Blockade dieses Checkpoints zwischen dem Norden der Westbank und Jerusalem redet, dann redet man letztlich über einen Ort jenseits der Grenzmauer. Wir reden also über 100.000 Menschen, von denen 95 Prozent der Israelis keine Vorstellung haben. Sie wissen nicht: Das ist Jerusalem. Nicht mal der Soldat am Checkpoint weiß das. Die Besatzung ist sehr phantasievoll geworden bei der Erfindung neuer Zonen, von denen man nicht weiß, unter wessen Kontrolle sie eigentlich stehen.
Worin sehen Sie die Lösung für dieses Kuddelmuddel?
Die Idee der Friedensbewegung – zwei souveräne Staaten, ein Land – ist ein kreativer Ansatz, mehr nicht. Als Autor habe ich viel Vorstellungskraft, aber ich habe keinen Schimmer, was in 50 Jahren sein wird. Ich sehe es einfach nicht! Was ich derzeit erkennen kann ist ein logische Spirale aus Gewalt und Phasen von relativer Ruhe, aber keinen dauerhaften Frieden. Deshalb habe ich mein Buch ja auch „Land der Verzweifelten“ genannt. Es geht nicht nur um die Situation jetzt. Ich habe mit hunderten von Juden und Araber immer die selbe Frage gestellt: Wie sieht es hier in 20 Jahren aus? Und sie haben alle keine Ahnung. Wir leben in einem Land, in dem die meisten Menschen ihr Leben leben, ihre Kinder großziehen und dabei nicht einmal wissen, wie die Grenzen ihres Landes gezogen sind. Das ist doch total verrückt.
Und welche Rolle spielt dabei die aktuelle Regierung?
Netanyahu hat relativ gute Bezeihungen zur internationalen Gemeinschaft. Na gut, vielleicht hassen ihn manche, aber sie unternehmen ja auch nichts, um ihn zu stoppen. Und wenn es um die Besatzung geht, dann ist die internationale Gemeinschaft lächerlich und machtlos. Doch insgeheim gibt es immer mehr Menschen auf der Welt, die Israel für seine Besatzungspolitik verachten. Ich rede nicht von Antisemitismus. Die Menschen können es einfach nicht leiden, was in Israel passiert. Und je gebildeter sie sind, je kritischer sind sie. Dieses Szenario aus Besatzung, Gewalt und mangelnder Unterstützung ist die beste Mixtur für ein herannahendes Desaster.
Was könnte Netanyahu stoppen?
Seit Netanyahu gibt es einen Status Quo. Für die Errichtung von jüdischen Siedlungen muss Israel keinen spürbaren Preis an die Internationale Gemeinschaft zahlen. Gleichzeitig gibt es im Land einen wirtschaftlichen Aufschwung. Doch seit vier Monaten beginnt das System Netanyahu zusammenzukrachen, weil es eine neue Welle der Gewalt gibt. Ich glaube, das ist der Beginn einer neuen Intifada. Vielleicht nicht so gewalttätig und lange wie die Zweite Intifada, aber wir werden immer wieder Ausbrüche von Gewalt erleben. Aber eigentlich hatten die Israelis Netanyahu dafür gewählt, dass er für Sicherheit sorgt. Und genau das klappt nun nicht mehr. Wir können derzeit den Niedergang des Netanyau-Systems beobachten.
Wovor fürchten Sie sich am meisten?
Eine der schockierendsten Erkenntnisse auf meiner Reise war die Tatsache, wie sehr die Palästinenser über 1948 reden. Sie werden das niemals vergessen. Das wird auch in den Buchkapiteln über Ramallah mit den Leuten von der Hamas deutlich. Dabei waren das gar keine Männer mit Kalaschnikow auf der Straße wie man sie aus den Medien kennt. Ihre Haltung ist ganz einfach: „Möglicherweise gab es einmal die Chance für eine Lösung des Konflikts, aber sie ist vertan. Wir sind die Israelis leid. Wir wollen sie nicht mehr sehen. Geht nach Europa zurück oder fahrt zur Hölle“.
Das klingt nicht nach großem Verhandlungsspielraum. Was sagen die Gemäßigteren?
Ich habe auch mit Fatah-Leuten gesprochen, ehemalige Gefangene von der Friedensinitiative. Sie saßen für zehn Jahre als Terroristen im Gefängnis. Und von diesen sogenannten Terroristen gibt es viele in der Westbank. Ich finde das schwer zu definieren – Terrorist. Alleine 700.000 Palästinenser saßen schon in israelischen Gefängnissen, 700.000 seit 1967! Kann man diese Menge fassen? Ich kann das nicht. Das würde doch meinen, dass es in jeder zweiten Familie einen Terrorristen gibt. Aber man muss diesen Menschen zuhören, denn für die Palästinenser sind das keine Terroristen. Auch diese Menschen haben die Israelis satt.
Und die Hardliner auf jüdischen Seite?
Es gibt einen moralischen Verfall, was die Selbstrechtfertigung in den jüdischen Siedlungen angeht. Vor allem junge Menschen finden es zunehmend schwierig, ihre Überlegenheit gegenüber den Palästinensern in der Westbank zu rechtfertigen. Sie sehen doch, was in der Welt los ist und sie suchen nach neuen Lösungen. Und es gibt ein paar Utopisten, die von einer Ein-Staaten-Lösung mit gleichen Rechten für alle träumen. Die intellektuelle Elite der Siedlerbewegung beginnt zu begreifen, dass sie den Palästinensern die Staatsbürgerschaft und Wahlrecht anbieten müssen, wenn sie ihr Land dauerhaft behalten wollten. Es gibt gar nicht wenige Siedler, die die Initiative „Ein Staat – zwei Völker“ unterstützen.
Und was träumen Sie in Ihren kühnsten Träumen?
Meine arabische Großmutter kam aus Aleppo – ganz einfach dorthin zu reisen. Wie Shimon Perez einst träumte. Seine Vision war, sich in Tel Aviv in ein Auto zu setzen und nach Damaskus zu fahren.

 

 

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Info:

Im Land der Verzweifelten. Ein Israeli reist in die besetzten Gebiete. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. VÖ: 22.02.2016. 304 Seiten. Hanser Verlag

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29Jan/16Off

Selfie-Terror in Tel Aviv

...ob das Interview nun auf der Kleinkind-Spielwiese in der Küche von Nir Baram, auf Kunstrasen in Idan Raichels Reihenhaus-Idylle in Kfar Saba oder bei einem SUV-Höllenritt zum Kindergarten in der Satellitenstadt stattfanden: Gastfreundschaft wurde immer groß geschrieben!
Nir Baram und sein Buch Im Land der Verzweiflung

Zurück aus den besetzten Gebieten: Nir Baram in der Küche seiner Wohnung in der Zeitlinstraße

Idan Raichel im Garten seines Hauses in Kfar Saba

Im Keller entstehen seine Hits: Idan Raichel im Garten seines Reihenhauses in Kfar Saba

Der Trompeter Avishai Cohen in der Leah Goldberg-Straße im Norden Tel Avivs

Hier bin ich geboren - hier lebe ich: Der Trompeter Avishai Cohen in der Leah Goldberg-Straße im Norden Tel Avivs

 

 

 

 

 

 

 

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21Jan/16Off

Der aus der Reihe tanzt – David Helfgott

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Der Klassikmarkt lechzt nach Musikern, die mehr können als fehlerlos Töne hintereinander zu spielen. In diesem sehr biederen Metier gibt es eine geradezu barocke Gier nach Kuriositäten. Nicht zuletzt deshalb haben Teufelsgeiger Hochkonjunktur wie Nigel Kennedy (als „Klassikpunk“) oder David Garrett (als „turbo-fiddelnder Womanizer“). In die Kategorie Kuriosität fällt auch der australische Ausnahmepianist David Helfgott, den nicht nur sein atemberaubendes Spiel, sondern auch die Folgen einer schizoaffektiven Störung zu jemandem macht, der aus der Reihe tanzt.
Der 1947 in Australien geborene David Helfgott galt bereits in jungen Jahren als Wunderkind. Durch die Vermittlung Isaac Sterns hatte er mit 14 Jahren das Angebot, in den USA zu studieren, doch sein Vater lehnte ab. Er war überfürsorglich, aus gutem Grund: Er hatte seine gesamte Familie während der Shoah verloren. Mit 19 Jahren jedoch gewann David Helfgott dann ein Stipendium für das Royal College of Music in London. Vier Jahre später trat er in der Royal Albert Hall auf, in der er mit dem 3. Klavierkonzert von Rachmaninow einen triumphalen Erfolg feierte. Der jähe Absturz kam 1970, als er nach einem Konzert in der Royal Albert Hall einen Nervenzusammenbruch erlitt und danach fast elf Jahre in psychiatrischen Kliniken verbrachte. Anschließend arbeitete Helfgott, gesundheitlich weiterhin angeschlagen, als Pianist in einer Weinbar in Perth.
Den entscheidenden Impuls für die Rückkehr Helfgotts auf die großen Bühnen dieser Welt lieferte der Hollywood-Streifen „Shine – Der Weg ins Licht“ von 1996. Für seine Verkörperung des Pianisten erhielt der Schauspieler Geoffrey Rush seinerzeit sogar den Oscar als bester Hauptdarsteller.
Auf die Beine war Helfgott gekommen, weil er die Astrologin Gillian kennengelernt hatte, die 1984 seine Ehefrau wurde. Seither sind die beiden unzertrennlich, auch bei den Konzertreisen durch die Welt. Auf einer dieser Tourneen wurden die Helfgotts von der Filmemacherin Cosima Lange begleitet. Aus dem Material aus dem Örebro Konserthus in Schweden, dem Gewandhaus in Leipzig oder dem Wiener Musikverein ist die wirklich sehenswerte Dokumentation „Hello, I’m David“ entstanden.
Cosima Lange rückt dem Phänomen David Helfgott von zwei Seiten zuleibe: Sie macht transparent, worin die Schönheit von Helfgotts Klavierspiel besteht und sie erklärt, worin seine „Verrücktheiten“ bestehen. Wobei das eine ohne das andere nicht zu haben ist. Beinahe unbegreiflich ist, wie Helfgott inmitten eines Melodiebogens, bei dem sich die Tabulatur schon zu biegen scheint, sein Spiel und die Komposition auf vielfältigste Weise verbal kommentiert. Er liefert dadurch gewissermaßen den Subkontext seiner Interpretation mit. So etwas ist, gelinde gesagt, unkonventionell. Für Traditionalisten wird dadurch die Aufführung gestört. Doch alle anderen schauen gebannt und vergnügt einem „Spielkind“ dabei zu, wie es sich austobt und dabei dem Werk neue Facetten abringt.
Helfgotts Undiszipliniertheit ist kein künstlerischer Spleen wie bei anderen Musikern, sondern Folge seines psychischen Zusammenbruchs. Begleiterscheinung ist, dass der Pianist eine unfassbare Kreativität  entwickelt, wenn es darum geht, sich eine Flasche Coca Cola zu stibitzen. Oder Kugelschreiber, die vor Helfgotts Zugriff ebenso wenig sicher sind wie Teebeutel. Helfgott kommuniziert mit seinen Mitmenschen in einer Form der (nichtsexuellen) physischen Distanzlosigkeit, von der die meisten peinlich berührt sind. Am liebsten würde Helfgott die ganze Welt umarmen. Mit seiner Musik ist er dazu schon auf dem bestem Wege.

 

 

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18Dez/15Off

Spezialist in allen Sparten – der englische Ausnahmemusiker Jonathan Cohen

Taktstock-Cello-Cembalo: Jonathan Cohen

Taktstock-Cello-Cembalo: Jonathan Cohen

In Fachkreisen wird er schon länger als „einer von Englands hervorragendsten jungen Musikern“ gehandelt. Doch es hat seine Zeit gedauert, bis sich auch auf dem Festland herumgesprochen hat, warum der 1977 geborene Cellist, Cembalospieler und Dirigent Jonathan Cohen zu den gefragtesten Musikern seiner Generation zählt. Ihn zu bestaunen ist nun nicht nur mittels einer handvoll hochkarätiger Neuerscheinungen möglich, sondern auch bei zwei anstehenden Konzerten. Die beiden Konzerte in Köln (25.12.) und München (21.1.) sind geradezu symptomatisch für einen Musiker, der sich gerne auch außerhalb seiner Komfortzone bewegt.

Aber was bedeutet eigentlich Komfortzone bei einem Mann, der zuletzt mit der jungen Star-Geigerin Vilde Frang ein umjubeltes Mozart-Abum (Warner Classics) gemacht hat, um fast zeitgleich mit den Sopranistinnen Christiane Karg (Berlin Classics) und Anna Prohaska (Deutsche Grammophon) ein weites Feld zwischen Monteverdi, Haydn und Mendelssohn zu beackern – nicht zu vergessen seine grandiosen Bach-Aufnahmen mit dem Cellisten Nicolas Altstaedt (Genuin) oder der Geigerin Alina Ibragimova (Hyperion)?

Jonathan Cohen ist, was seine Zuordnung zu einer bestimmten Musik-Epoche angeht, schwer zu fassen. Zumal auch noch Alben mit Monteverdi, Händel und Haydn sowie den wenig bekannten Gaetano Guadagni und Nicola Porpora zu Buche schlagen. Kurz gesagt: Cohen nicht nur in der Alten Musik zuhause, sondern auch in der Klassik. Doch egal wo er seinen Taktstock schwingt – dieser Mann sorgt für viel frischen Wind.

Cohens Vielseitigkeit spiegelt auch das Programm beim Konzert in der Kölner Philharmonie am 1. Weihnachtstag mit der Solistin Veronika Eberle an der Geige, bei dem nicht nur Haydn und Mozart gespielt werden, sondern auch Grazyna Bacewicz, eine der bekanntesten polnischen Komponistin unserer Zeit. Auch das Programm vom zweiten Konzert in München am 21. Januar, bei dem Kristian Bezuidenhout am Hammerklavier als Solist auftritt, steht für Vielseitigkeit. Neben den Barockkomponisten Henry Purcell und William Boyce werden Mozarts seltene Zwischenaktmusiken aus „Thamos, König in Ägypten“ gespielt.

Selbst mit der Neuen Musik ist Jonathan Cohen schon in Berührung gekommen, vor allem während seiner Zeit im London Philharmonic Orchestra und im Chamber Orchestra of Europe, wo er schon mit 21 Jahren spielte, damals noch als Cellist. Als Dirigent dieser Musik hat Cohen hingegen weniger Erfahrung. Das dürfte sich spätestens jetzt ändern, weil er vom Münchner Kammerorchester (MKO) eigens für die beiden erwähnten Konzerte berufen wurde. „Ich bin nicht als Barockspezialist ausgebildet worden“, sagt Jonathan Cohen, „sondern in allen Sparten der Musik. Mein Spezialistentum in Barock und Klassik kam erst später“.

Schon während seiner Zeit als professioneller Cellist hatte sich Cohen zunehmend für Kammermusik interessiert und kam so über die Barockmusik zum Cembalo. Nachdem er dann in Frankreich bei William Christies Barock-Ensemble „Les Arts Florissants“ assistierte, begann er am Cembalo Sänger zu begleiten und später ganze Opernproduktionen zu leiten. „Und schließlich habe ich vor fünf Jahren das Arcangelo-Ensemble gegründet, dass sich nicht nur auf Barock und Klassik konzentriert, sondern zuletzt sogar Zeitgenossen wie Benjamin Britten auf historischen Instrumenten und Naturdarm-Saiten gespielt hat. Für mich ist Arcangelo ein Kammermusik-Ensemble, in das ich meine breite musikalische Ausbildung und Erfahrung gut einbringen kann, egal ob die Stücke symphonisch oder opernhaft sind“.

Von Archangelo sind bislang 12 Alben erschienen. Jüdische Musik ist nicht darunter. „Ich bin überhaupt nicht religiös. Die Jüdischkeit kommt von der Familie meines Vaters und meiner Großmutter, die vor kurzem mit 102 Jahren gestorben ist. Sie lebte noch jüdisch und hat die Reformsynagoge in Manchester besucht, wo auch ich groß wurde.“ Die Jüdischkeit seiner Großmutter hat Cohen zwar nicht übernommen, dafür aber ihre Liebe zur Musik. „Sie war eine Amateur-Geigerin, die meine Entscheidung, Musiker zu werden, sehr stark beeinflusst hat“.

Wann die Cohens ursprünglich nach Großbritannien kamen, weiß der Musiker nicht. „Sie kamen eigentlich aus Irland, aus Cork. Mein Großvater war dort Schneider. Auch die Familie meiner Mutter war nicht besonders religiös. Sie lebte schon seit mehreren Generationen in Manchester, kam aber ursprünglich wohl aus Polen“.

Selbst wenn sich Jonathan Cohen im Alltag nicht um Jüdischkeit kümmert – um religiöse Dinge kümmert er sich immer dann, wenn er Sakral-Musik aufführt. „Und was könnte es Schöneres geben als die Musik eines Johann Sebastian Bach“?

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/24165/highlight/jonathan&cohen

 

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18Dez/15Off

In einem musikalischen Land – Die Pianistin Inga Fiolia

© Stephan Pramme

© Stephan Pramme/www.stephanpramme.de

Der Konkurrenzdruck unter jungen Pianistinnen aus der ehemaligen Sowjetunion, die nach Deutschland ausgewandert sind, ist enorm. Umso erfreulicher, dass sich viele von ihnen auf dem hart umkämpften Klassikmarkt durchzusetzen. Dazu zählt auch die junge Pianistin Inga Fiolia, die als „Kontingentflüchtling“ Anfang des Jahrtausends aus Georgien kam. Sie hat vor kurzem einen renommierten Plattenvertrag ergattert und spielt zudem im Rahmen des diesjährigen Kulturprogramm des Zentralrates der Juden. Höchste Zeit, die „Newcomerin“ vorzustellen, bevor die Interview-Termine rar werden.

Musik hat schon immer eine zentrale Rolle in Inga Fiolias Leben gespielt. Klavierspielen gelernt hat sie als Kind von ihrer Großmutter in Tiflis. Und wie ihre in Zürich lebende Schwester Lika hat sie später Klavier studiert. Schon ihr Vater spielte Klavier, doch er entschied sich nicht für eine Laufbahn als klassischer Musiker. Bekannt wurde er vielmehr als kreativer Kopf der Bands „Orera“ und „Dielo“, die man im Sowjetreich ähnlich wie die Beatles vereehrte. Selbst Ingas Mutter, die zeitlebens als Chemikerin gearbeitet hat, ist spät zum Klavier zurückgekehrt. Sie unterrichtet heutzutage in einer Musikschule in Remscheid-Lennep.

Bereits mit sieben Jahren hat Inga Fiolia ihr Debütkonzert mit dem Staatlichen Georgischen Kammerorchester gegeben. Das war 1992 und die Welt der damals Zwölfjährigen schien noch in Ordnung. Doch dann begann der Unabhängigkeitskrieg, bei dem sich Georgien vom übermächtigen russischen Reich abnabelte und bei dem Nationalisten an die Macht kamen. Die Mutter verlor ihre Stelle an der Uni Tiflis, weil sie Jüdin war, und so entschied sich die Familie, nach Moskau zu gehen, wo Inga sieben Jahre an der „Zentralen Musikschule für Hochbegabte des Tschaikowsky Konservatoriums“ studierte. „Ich habe Glück gehabt, dass ich dort aufgenommen wurde“, schwärmt die Pianistin rückblickend, „Mein Lehrer hieß Yuri Levin, ein Schüler des berühmten Heinrich Neuhaus. Von ihm habe ich gelernt, dass an erster Stelle nicht die technische Perfektion, sondern der musikalische Ausdruck steht“.

Ihr musikalischer Ausdruck muss auf Anhieb überzeugt haben, als sich Inga Fiolia 2001 auf einem verstimmten Klavier für das Vorspiel an der Hochschule für Musik Köln bei Professor Vassily Lobanov vorbereitet hat, denn sie wurde prompt genommen. Glücklicherweise, denn in Moskau hatte sich seit dem Tschetschenienkrieg die Stimmung gegenüber dem sogenannten „Gesicht der kaukasischen Nationalität“ verändert. Da auch Georgier dazugezählt wurden, bestand Generalverdacht: „Wir konnten auf der Straße kein Georgisch mehr sprechen. Immer musste man Angst haben, von der Polizei angehalten zu werden“, erinnert sich Inga Fiolia an ihre letzte Zeit in Moskau. „Ich wurde sogar zwischenzeitlich aus dem Konservatorium geworfen und bin erst nach einem Monat wieder aufgenommen worden“. Heute kann Inga Fiolia über die fadenscheinige Begründung, sie habe angeblich zu schlecht gespielt, laut lachen. „Doch damals hat mich das sehr verunsichert. Ich wollte nicht mehr in Russland bleiben, obwohl ich die russische Kultur sehr liebe“.

Als Inga Fiolia 16 Jahre alt war, hat ihr Lehrer Yuri Levin in der USA eine Professur angenommen, und so stellte sich die Frage, ob ihm die Schülerin dorthin folgen solle. „Doch ich habe mich für Deutschland entschieden. Weil es ein so musikalisches Land ist“.

Die Eltern kannten Deutschland bereits von einer Tournee durch die DDR, doch die Pianistin wusste, dass sie nach Köln will, weil dort Vassily Lobanov arbeitete, der später ihr Lehrer werden sollte. Am Tag der deutschen Einheit 2001 ist die Familie dann per Bus nach Deutschland eingereist. „Ich hatte ja auch in Russland kein eigenes Instrument und so musste ich nichts außer einem Koffer mitnehmen“. Die erste Zeit in den Heimen war schwer, besonders kurz vor der Aufnahmeprüfung. Inga Fiolia erinnert sich: Karneval in Köln, alle Geschäfte geschlossen, weit und breit kein Klavier. „Keine Ahnung, wie ich die Prüfung geschafft habe“.

Seither verfolgt sie ihr Aufbaustudium Konzertexamen, gewinnt Klavierwettbewerbe in Italien oder Deutschland, tritt im Fernsehen bei „Stars von morgen“ des Opernstars Rolando Villazon auf und hat seit neuestem sogar einen Plattenvertrag bei einem der renommiertesten Klassikverlage in der Tasche. Für 2016 ist die Veröffentlichung von Inga Fiolias CD-Debüt geplant. Das Besondere daran ist die Auswahl der Stücke. Die Pianistin spielt nicht etwa wohlbekanntes Klassikrepertoire, sondern sie spielt Komponisten, die Inga Fiolias Herkunft verraten: Werke von Tsintsadze, Gabunia, Khancheli, Matchavariani und Lagidze. Daneben gibt es Glinka und Chopin zu hören.

Wer nicht bis zur Veröffentlichung der CD bis nächstes Jahr warten möchte, der kann die anstehenden Konzerte besuchen. Alle Termine sind auf der Homepage von Inga Fiolia unter www.ingafiolia.com zu finden. Die Pianistin freut sich schon auf die Auftritte: „Ich liebe Klassische Musik, Bach und Beethoven, aber Georgische Musik ist genial. Sie zu spielen ist unbeschreiblich, diese Tiefe!“.

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/24167

 

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9Dez/15Off

Loneliest Texas Jewboy – Altersweise Songs von Kinky Friedman

Zigarre muss sein: Kinky Friedman

Schlappe vierzig Jahre hat er kein Album mehr mit eigenen Songs gemacht. Doch nun, zu seinem 71. Geburtstag, ist “The Loneliest Man I Ever Met” erschienen, mit einem Dutzend neuer Songs, die zwischen Songwriting und Country pendeln. Die Songtexte sind sparsam instrumentiert und geprägt von Lakonie und einem präzisen Gespür für Intonation. Die Verse sind durchtränkt von einer altersreifen, von Tabak, Alkohol und Kokain gegerbten Stimme. Doch trotz der langen Kreativpause ist von einer musikalischen Fortentwicklung kaum etwas zu spüren. So kennt man Kinky Friedman seit Anfang der Siebzigerjahre, als er mit seinen Texas Jewboys Songs wie „They Ain’t Makin’ Jews Like Jesus Anymore” Furore gemacht hat. Ein „Jewish Cowboy“ im besten Sinne, kantig und unangepasst, wie er hierzulande undenkbar wäre. Kein Mensch würde im Country-Style über Auschwitz singen wie Friedman damals in “Ride ’Em Jewboy“.
Das Repertoire der neuen CD umspannt nur drei Songs aus eigener Hand, darunter der Titelsong sowie zwei ältere Nummern. Doch die Auswahl spricht Bände: „Lady Yesterday“ stammt vom legendären Album „Lasso from El Paso“ von 1976, das damals immerhin mit Eric Clapton, T-Bone Burnett und Ringo Starr als Jesus aufwarten konnte. Und „Wild Man from Borneo“ ist eine Reminiszenz auf Friedmans dreijährige Friedenscorps-Zeit in Borneo.
Eine Reminiszenz auf vergangene Tage sind auch die übrigen Songs, denn fast alle alten Weggefährten tauchen auf: Als Pianist aus alten Texas Jewboys-Zeiten taucht Little Jewford auf, mit dem Friedman auch Tequila der Marke „Man in Black“ vertreibt. Daneben auch die Country-Ikone Willie Nelson, von dem „Bloody Mary Morning“ stammt. Ein Duett, das so wunderbar schräg das Album eröffnet, dass man kaum glauben mag, Friedman rauche Haschisch höchstens „der Ettiquette wegen“, wenn sein Freund „Willie Nelson zu Besuch“ kommt.
Es sind noch weitere alte Haudegen mit an Bord: Von Tom Waits stammt „Christmas Card From A Hooker in Minneapolis“ und von Johnny Cash „Pickin’ Time“. Cash sang seinerzeit an der Seite von Bob Dylan den Klassiker „Girl from the North Country“. Kein Wunder also, dass Friedman auch diesen Dylan-Song interpretiert.
Die meisten Songschreiber des Albums haben ihre Zeit nicht überlebt: „Freedom to Stay“ stammt von der Country- und Outlaw-Ikone Waylon Jennings und „That Shit’s Fucked Up“ von Warren Zevon. Und selbstverständlich sind auch die Broadway-Komponisten von „Wandrin’ Star“ (Lerner/Loewe) und „A Nightingale Sang in Berkeley Square“ (Maschwitz/Sherwin) längst im Nirvanha der Musikgeschichte.
Viele dieser Songschreiber waren vom Leben und von Drogen schwer gezeichnet – wie Kinky Friedman. Dabei fing alles ganz gut an: Der 1944 geborene Richard F. Friedman gründetete seine erste Band, als er noch Psychologie studierte. Schon mit seiner zweiten Band „The Texas Jewboys“ schrieb er Geschichte. Und er provozierte mit sexistischen Songs wie "How Can I Tell You I Love You (When You're Sitting On My Face)" oder "Get Your Biscuits in the Oven and Your Buns in Bed". Das waren noch gute Zeiten, als Friedman Anfeindungen von Frauenrechtlerinnen grandios parieren konnte: „I’m the Sexiest“!
Doch schon Ende der Siebziger wurde es musikalisch stiller. Stattdessen begann Friedman Romane zu schreiben – und musikalisch abzuhalftern. Und 2006 wollte er dann Gouvaneur von Texas werden, wurde aber unter den fünf Anwärtern nur vierter. Vielleicht war die Zeit noch nicht reif für Parolen über die Legalisierung von Haschisch und Glücksspiel.
Hängengeblieben sind viele Geistesblitze, so auch dieser: "Die Deutschen sind mein zweitliebstes Volk. Mein liebstes sind alle anderen". Das ist brilliant, doch es macht Kinky Friedman nicht zu „einem der besten Songwriter unseres Zeitalters“, wie das Tablet-Magazine jüngst schrieb. Wer zeitgenössische jüdische Countrymusik liebt, der sollte sich besser Philippe Cohen-Solals “Moonlight-Session” anhören. Oder Friedmans alte Platten bei Bear Family Records (www.bear-family.de) und seine Bücher bei der Edition Tiamat in Berlin (www.edition-tiamat.de) kaufen. Doch bei aller Kritik: Kinky Friedmans “The Loneliest Man I Ever Met” ist ein Alterswerk, das man unbedingt mal gehört haben muss. 

 

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3Dez/15Off

Splitternackt beim Lichterfest – warum an Chanukka der Punk abgeht

Chanukka 2015Alle Jahre wieder Kartoffelpuffer! Puffer mit Saurer Sahne, Puffer mit Marmelade. Gastronomisch dreht sich Chanukka monoton in der Endlosschleife, immer im Kreis wie der Dreidl: „Nun“, „Gimel“, „He“, „Schin“. Umso erstaunlicher, dass es zu Chanukka ein Füllhorn von großartigen Songs gibt. Rechtzeitig zur Geschenkesaison ist die neue Scheibe der Maccabeats erschienen, einer jüdischen Boygroup von der Yeshiva University in New York, die ausschließlich a-capella singt. Neben den unvermeintlichen „Maoz Tzur“ und „Oh Hanukkah” gäbe es auf der Scheibe sogar ein paar Entdeckungen zu machen. Doch die werden mit derart viel Schmalz verkleistert, dass man die CD höchstens an seine Schwiegereltern verschenken möchte.
Dass man religiöse Inhalte auch pfiffiger singen kann, beweisen die Fountainheads aus Ein Prat. In dieser Mechina sollen junge Israelis zu besseren Staatsbürgern erzogen werden. Musikalisch klappt das reibungslos. Zu allen Festen und Feiertagen produzieren die jungen Studenten großartige Remakes. Während sie ihre neuesten „Moves“ in den Staub der judäischen Wüste stampfen, singen sie zum Beispiel den Rosch-Haschana-Song „Dip your Apple“, wobei die Melodie Shakira’s WM-Hit „Waka Waka“ zitiert. Das hat offensichtlich genauso viel Spass gemacht wie der Dreh zum Chanukka-Klassiker „Light Up the Night“. Jüdisch sein, zumal an Chanukka, kann ja so viel Spass machen. Und nicht nur in Ein Prat.
Doch das sieht die jüdische Hauptfigur der amerikanischen Kids-Serie South Park ganz anders. Wenn Kyle Broflovski an Chanukka an das üppige Weihnachtsfest seiner christlichen Mitschüler denkt, bekommt er den Sozialneid-Blues. Kyle glaubt, er sei die ärmste Sau auf Erden: „I'm a Jew, a lonely Jew, I'd be merry, but I'm Hebrew – on Christmas”. Auch wenn man dem nicht zustimmt – der Vers ist, wie der restliche Song, echt klasse.
In Hollywood erklingt das Hohelied auf Chanukka am häufigsten. Adam Sandlers „Hanukkah Song” ist vielleicht das berühmteste Beispiel. Der Witz seines Songs ergibt sich allein daraus, dass sich rein gar nichts auf „Chanukka“ reimen will, außer vielleicht „Jarmulka“, und das auch nur mit Biegen und Brechen. Doch Sandlers Song funktionert auch deshalb, weil er ein ironisches „Leidens-Wir“ erzeugt. Er listet jüdische Promis auf, mit denen wir gemeinsam unter dem halluzinierten Ausschluss vom Weihnachtsfest leiden.
Hollywood ist auch sonst in Sachen Chanukka überaus phantasievoll. Chanukka versteckt sich überall, selbst hinter der Titelmelodie der Sitcom „Big Bang Theory“, die es ja auch im deutschen Fernsehen zu sehen gibt. Die Melodie stammt von den Barenaked Ladies aus dem verruchten Toronto. Hinter dem wirklich verheißungsvollen Bandnamen verbergen sich allerdings drei echt haarige Kerle mit Gitarre, Bass und Akkordion. Von den drei Kanadiern gibt es auch den Klassiker „Hanukkah, o Hanukkah“ vom 2004er Album „Barenaked for the Holydays“. Dem Titel mag man sich gerne anschließen, trotz der üblicherweise tiefen Temperaturen an Chanukka!
Um die kalte Jahreszeit geht es auch in dem Song „All I want for christmas ... is Jews“, ein großartiger Song, auch wenn man Mariah Careys Ohrwurm mit dem gleichklingenden Songtitel nicht mehr hören kann. Im Wesentlichen geht es bei der Parodie um die Aufzählung berühmter Promi-„Jews“, deren Vorzüge gelobt werden. Wobei kein Klischee ausgelassen wird, nicht mal der berühmte „Big Shtick“, den die Söhne Israels angeblich – und nicht nur splitternackt unter der Chanukkia – besitzen. Der Song jedenfalls stammt vom amerikanischen Komikerinnen-Trio „Hot Box“ (übersetzt: „Heiße Büchse“) um Julia Lillis, Claudia Maittlen-Harris und Melissa McQueen, die sich im Video als weihnachtliche Rentiere verkleidet haben. Sexy ist das allemal!
Das kann man vom ollen „Dreidel-Song“ nicht gerade behaupten, denn er klingt eher nach jiddischem Schtettl-Mief. Doch wer genau hinhört, findet auch unter der Dreidel-Rubrik ein paar echte Perlen. Zum Beispiel von der „First Lady des Children Song“, der Sängerin Ella Jenkins. Dabei hatte die farbige Sängerin aus St. Louis mit Judentum rein gar nichts am Hut.
Das dachte man auch von Woody Guthrie, dem Altmeister des Protest-Song. Woody Guthrie war nicht jüdisch. Er verstand sich vielmehr als Klassenkämpfer mit der Gitarre. Auf seinem Instrument prangte der Schriftzug „This Machine Kills Fascists“. Aber Guthrie hatte in zweiter Ehe eine jüdische Ehefrau. Und jüdische Kinder. Deshalb feierte der „Tramp“, wenn er mal zuhause in New York war, das Lichterfest innerhalb der Familie. Das wurde erst vor kurzem publik, als die wohl berühmteste Klezmerband, die Klezmatics, Songs von Guthrie aufgenommen und damit einen Grammy gewonnen hat – als erste Klezmerband überhaupt.
Einen Grammy für ihr Lebenswerk hat auch die jüdische Punkband The Ramones erhalten. Leider fällt ihr Beitrag zu Chanukka in die falsche Kategorie, denn er heißt „Merry Christmas, I don’t wanna fight tonight“. Und auch die drei jüdischen Rapper der Beastie Boys, die ebenfalls Grammies gewonnen haben, schweigen sich beharrlich über Chanukka aus. Immerhin gibt es eine wunderbare Parodie auf einen ihrer größten Hits. Er stammt von den B-Boyz. Die drei jüdischen Kids Ben, Jake und Max Borenstein lassen es bei „Fight for your Right to Dreidel“ mal so richtig krachen. Wehe, wehe, wenn Mutti Borenstein das gewusst hätte!
Doch es geht auch ganz friedlich: kein Puffer, kein Punk. Einfach nur ein Hohelied auf die feierliche, wundersame Stimmung beim Lichterzünden. Einer der schönsten Songs stammt vom chassidischen Rapper Matisyahu und heißt „Miracle“. Ein Song, der exemplarisch ist für die vielen großartigen Hits über Chanukka. In dieser Richtung gibt´s alle Jahre wieder was Neues zu entdecken!

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/24046

 

B-Boyz: Fight for your right to Dreidl

B-Boyz: Fight for your right to Dreidl

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14Nov/15Off

Burkini verrutscht am Freitag, dem 13.

Burkini 1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Allahu Akba? Boko Haram? Burkini Faso! 

Ein Schwarzer Freitag für "liberté, égalité, fraternité". 

 

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13Nov/15Off

HAARSPALTEREI – Sophia Loren oder Monica Bellucci

 

Marquee-armpit

Die Frage, ob Frauen sich die Achseln rasieren sollten, wird viel zu heiß diskutiert. Auch, ob das Licht am Lido besser als im Studio ist und welche italienische Schauspielerin die Schönste sei – alles Haarspalterei. Am Ende hängt alles von der richtigen Haltung ab!

Monica Bellucci

 

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11Nov/15Off

Ilja Richter singt Liebeslieder von Georg Kreisler

Licht aus - Spot an!! Ilya Richter in "Disco"

Licht aus - Spot an!! Ilja Richter in "Disco"

„Sei nicht so laut – wir sind Juden“. Diese Mahnung, ausgesprochen von Georg Kreislers Mutter, hat der Knabe in seinem späteren Berufsleben glücklicherweise nicht befolgt. Im Gegenteil: Der 1922 in Wien geborene Komponist, Sänger und Dichter ist ein Paradebeispiel eines Juden, der sich nicht alles gefallen läßt und erst recht keinen (gesellschaftspolitischen) Schwachsinn wie Antisemitismus. Dieses Stellung-Beziehen durchzieht das gesamte Ouevre Georg Kreislers, sei es in seinen von schwarzem Humor getränkten Liedern „Wie schön wäre Wien ohne Wiener” und „Taubenvergiften“ oder in Büchern wie „Mein Heldentod“ oder „Worte ohne Lieder“.
Umso erstaunlicher, dass es nun einen Abend im Berliner Schlosspark-Theater gibt, bei dem ausschließlich „Liebeslieder“ gespielt werden. Der Titel „Liebeslieder am Ultimo“ sei kein Zufall, erzählt Ilja Richter, der den Abend an der Seite von Barbara Kreisler-Peters, Sängerin und Ehefrau des 2011 gestorbenen Austria-Amerikaners, und der Pianistin Sherri Jones, bestreitet. „Kreisler hatte die Idee zu einem gemeinsamen Liederabend mit seiner Frau zwei Jahre vor seinem Tod, zu einer Zeit, da er selbst nicht mehr auftrat. So haben die beiden mich gefragt. Ich kenne die Barbara schon seit den 70ern“.
Damals moderierte Ilja Richter noch die Sendung „Disco“. Die Älteren werden sich noch an diese schrille Mischung aus Disco-Hits, halbflotten Kalauern und Halbststarken-Klamauk erinnern. „Damals war alles möglich. Ich habe in der Sendung sogar ein Lied durchgesetzt, das mir Kreisler höchstpersönlich zugeschickt hatte, und zwar seinen „Onkel Joschi“. Ich habe mich schon immer als Kreislerianer gefühlt. Er gehört zu meinem Leben“.
Die Auswahl des Liederabends stammt noch von Kreisler selbst. Dazu zählt auch „Der Mann ohne Liebe“, „Zwei Damen tanzen Tango“ oder „Bidla Buh“, das berühmte Lied um einen Frauenmörder. Ob sich im Programm auch die Jüdischkeit von Kreisler spiegele? Ilja Richter wiegelt erst ab, doch dann: „Es gibt zwei Ausnahmen. „Herrliches Weib“ stammt aus den „Nichtartischen Arien“. Und dass es sich bei „Mein Weib will mich verlassen“ um ein „angejiddeltes“ Lied handelt, ist unüberhörbar“. Das Lied endet übrigens klassisch jüdisch, in Moll: „Oi weh, oi weh, oi weh“!
Georg Kreisler, 1938, als er noch österreichischer Staatsbürger war - zwischen J und Hakenkreuz

Georg Kreisler, 1938, als er noch österreichischer Staatsbürger war - zwischen J und Hakenkreuz

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30Okt/15Off

Lena Mucha – “Paparazza“

Ins Auge des Betrachters:  Lena Mucha knipst J.S.

Ins Auge des Betrachters: Lena Mucha knipst J.S.

Barcelona - Berlin - Bogota: Die Fotografin Lena Mucha ist viel unterwegs. Sie macht Bilder von kolumbianischen Straßenhändlern oder fotografiert die kunstvollen Frisuren von jungen spanischen Roma-Frauen. Bei einem Zwischenstopp ist noch Zeit für ein Bewerbungsfoto von einem knitterigen Journalisten auf Arbeitssuche. Bringt Geld und bringt viel Spaß! Aber ihr Herz hängt hier: 
www.lenamucha.com
Mucho gusto!
Mucha Paparazza!! (so sagt man doch auf Malle?)
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15Okt/15Off

Der Scherz der Welt – Ohad Ben-Ari und sein ID-Festival in Berlin

Ohad Ben-Ari

Die Schätzungen, wie viele Israelis in Berlin leben, gehen auseinander. Es sind wohl zehntausende. Dazu kommen die vielen israelischen Touristen, die sich die Augen reiben, wie sehr Deutschland dem Image widerspricht, mit dem sie sozialisiert wurden. Höchste Zeit also, eine Veranstaltung wie das ID-Festival ins Leben zu rufen, um Bilanz zu ziehen, warum ausgerechnet unter Israelis ein so großer Berlin-Hype entstanden ist. Das Festival, das vom 16.10.–18.10. im Berliner Radialsystem stattfindet, präsentiert nicht nur ein hochkaratiges Musikprogramm, sondern auch Tanzstücke, Kabarett, Ausstellungen, Filme und Diskussionen. Gemeinsam wird dem Status Quo der deutsch-israelischen Identität auf den Zahn gefühlt.
Entstanden ist die Idee, als der Pianist und Festivalleiter Ohad Ben-Ari mit seinem Freund Guy Braunstein, dem Star-Geiger und ehemaligen Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, durch die dortige Kantine ging. Ben-Ari war fassungslos, wieviele Musiker aus Israel er wiedererkannte. „Ich wollte mit all diesen Israelis ein gutes Orchester gründen. Das war meine urspüngliche Phantasie. Und ich hatte Glück: Alle machen nun mit, nicht nur die Crème aus Berlin, sondern aus ganz Deutschland“. Am Ende ist aus der Idee ein Festival entstanden, das mit über einhundert Künstlern aufwarten kann.
Ben-Ari hat den deutsch-israelischen Identitäts-Wandel selbst miterlebt. In den Neunzigerjahren hat er vier Jahre in Frankfurt studiert, aber das sei noch eine völlig andere Zeit gewesen. „Wer in Deutschland studierte, musste sich rechtfertigen. Kein Wunder. Sogar ein Fernseher aus Deutschland wurde in den Sechzigerjahren noch mit Skepsis beäugt“.
Nicht nur die Menge an Israelis in Deutschland hat sich verändert, sondern auch deren Einstellung gegenüber ihrer neuen Heimat. Der Grund für den Zuzug junger Israelis in den letzten Jahren liegt nicht nur in finanziellen Vorteilen oder den vergleichsweise geringen Lebenshaltungskosten hierzulande. „Künstler verdienen in Israel sehr wenig Geld. In Deutschland dagegen kann man von Kunst leben – einer der wenigen Orte auf der Welt. Berlin war bis in die Dreißigerjahre eine Kulturhauptstadt. Das ist sie wieder. Heute ist die Stadt genauso wichtig wie London, Paris und New York. Insbesondere für klassische Musiker gibt es die Verbindung mit der deutschen Kultur und den deutschen Komponisten“. Das spiegelt sich auch im Programm des Festivals, bei dem es nicht etwa israelische, sondern vor allem deutsche Komponisten zu hören gibt. „Wenn es politische korrekt wäre, dann würden wir sogar Wagner spielen“, scherzt Ben-Ari.
Dieser Sinneswandel ist vor allem in den letzten zehn Jahren zu verzeichnen. Wagner gilt zwar noch immer als politisch inkorrekt, aber er ist längst kein Tabu mehr, erst recht nicht unter jungen Musikern aus Israel wie Ben-Ari: „Wir sind alle mit der Shoah groß geworden. Doch wenn ich als Kind an Deutschland gedacht habe, dann dachte ich nicht an „Nazis“, sondern an die Texte von Wagner-Opern, an die „Salome“ von Richard Strauss oder die „Winterreise“ von Schubert. Denn ich bin als Musiker aufgewachsen. Als Kind wusste ich nicht, dass meine aus der Ukraine und Galizien stammende Familie – zumindest größtenteils – den Holocaust überlebt hat. Darüber sprach man nicht. Meine ältere Schwester Miri hat einen Familienstammbaum gemacht und deshalb wusste sie das. Ich nicht“.
Um Geschichtsvergessenheit oder finanziellen Opportunismus handelt es sich nicht, wenn Deutschland so positiv gesehen wird. Vielmehr hat sich Deutschland gewandelt, weil es sich vom Land der Täter zum weltoffenen Staat gemausert hat, das sich seiner finsteren Vergangenheit stellt. Dagegen wird Israel von der jungen Generation, bei aller Heimatliebe, nicht mehr nur durch die rosarote Brille gesehen. „Israel ist problematisch heutzutage und zwar in ideologisch-moralischer Hinsicht. Ich bin in den Siebzigerjahren geboren, da waren die Gebiete schon besetzt. Man wuchs so auf, das war ganz normal. Doch inzwischen, von außen betrachtet, sieht man die aktuelle Situation anders. Es gibt kein Weiß und kein Schwarz mehr. Nach 50 Jahren Besatzung kann ich erkennen, welch’ schlechten Einfluss die Besatzung auf das israelische Volk hat. Dagegen wirken ausgerechnet die Deutschen liberal und weltoffen. Viele Israelis tun sich noch immer schwer, das einzugestehen. Das ist der Scherz der Welt“.
Dazu passt der Untertitel des ID-Festivals „Auf der Suche nach neuen Traditionen deutsch-israelischer Identität“. Mal sehen, wie die Erfolgsgeschichte weitergeht, die der Zuzug von jungen israelischen Künstlern ausgelöst hat. Der Status Quo sieht schon ganz rosig aus. 
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/23550/highlight/Jonathan&Scheiner

 

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15Okt/15Off

Iris Berbens Sentimental Journey durch Jerusalem

 

Iris Berben und Abi Ofarim

Jugendsünden: Iris Berben und Abi Ofarim

Noch heute gibt es Deutsche, die am liebsten einen Schlusstrich ziehen würden. Andere Nachgeborene stellen sich ihrer historischen Verantwortung und empfinden günstigstenfalls Scham. So auch Iris Berben. Die Schauspielerin gehört zur jener Generation, die die Suppe auslöffeln, die ihre Eltern angerichtet haben – wobei hier nicht von Kürbiscremesuppe die Rede ist. Es geht um die Ermordung von sechs Millionen Juden.

Iris Berben hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Jerusalem“. Sie beginnt mit der Beschreibung, wie sie als Siebzehnjährige einen Mühlstein auf ihren Schultern trug, als sie 1968 das erste Mal Israel besuchte: „Ich war fassungslos über die Taten der deutschen Dämonen, trug ein schweres Paket voller Geschichte, das mich tief beschämte. Ich erlebte zum ersten Mal, was Scham in ihrem dunklen Sinne ist: Unsere Elterngeneration hatte in einem unvorstellbaren Maß unehrenhaft, unanständig, verbrecherisch gehandelt. Ich verstand, dass viele der Überlebenden nicht mit jemandem sprechen wollten, der aus dem Land der Täter kam: Meine Mutter hätte eine KZ-Aufseherin gewesen sein können, mein Vater ein SS-Büttel”.

Sowas könnte ja jeder schreiben, der sich mit einem Buch der Haupstadt Israels annähern will – quasi als Entre-Billet, um Glaubwürdigkeit vorzugaukeln. Doch Iris Berben dringt noch tiefer ein in das Geflecht aus Schuld und Scham. Hier geht es nicht um das berühmte “Fremdschämen”. Hier wird die Schuld der Eltern wie die eigene empfunden: “Irgendwann kam ich in ein langes, intimes Gespräch mit einer Jüdin, um die siebzig mag sie damals gewesen sein ... Sie ließ sich Zeit für das Mädchen, sie erzählte und erzählte von dem, was ihr widerfahren war. Geduldig beantwortete sie jede meiner ungläubigen Fragen – und sie, die gequälte und gebrandmarkte Jüdin, die durch uns Deutsche so viel durchlitten hatte, nahm mich in die Arme und trocknete meine Tränen der Scham“.

Das ist kein billiger Schauspielertrick. So viel “Cojones”, so viel “Traute”, haben wenige Deutsche, die versuchen, Auschwitz in die Augen schauen. Iris Berben empfindet es noch heute als „Glück“, dass sie damals gelernt hat, mit ihrer Schuld und ihrer Scham zu leben.

Erst vor diesem Hintergrund – einem sehr intimen Durchschreiten der Stadttore Jerusalems – gelingt es Iris Berben, die Leser für ihre Sentimental Journey zu begeistern: ihr Staunen über die Schnipsel in den Fugen der Kotel oder über die geschichtsträchtigen Schründe und Risse im gelblich-weiß schimmernden Melekeh-Stein, aus dem die Stadt erbaut wurde. Iris Berben ist eine ebenso glaubwürdige wie empfindsame Reiseleiterin, der man gerne folgt.

Iris BerbenGefühlsduselig sind ihre Beschreibungen nicht. Sie leidet nicht, wie viele Besucher, die die goldene Stadt zum ersten Mal sehen, unter dem Jerusalem-Syndrom, jener den Geist in Mitleidenschaft ziehenden Erkrankung, die die Urteilsfähigkeit herabsetzt. Jersualem ist und war nicht nur das religiöse Zentrum für Juden, Muslime und Christen, sondern auch der Hotspot für Konflikte zwischen den Religionen. Auch wenn Iris Berben ideologische Klippen umschifft und versucht, sich auf keine Seite zu schlagen, so entführt sie uns doch in die jüdische Welt. Über die Jahre sei eine „tiefe Verbundenheit“ entstanden, mit „dem Land und der Stadt, den Menschen, ihrer Kultur“. Diese Verbundenheit ist echt. Und preisverdächtig: Keine Auszeichnung und kein Verdienstkreuz, das sie in den letzten Jahren nicht verliehen bekam. Iris Berben wird dafür geehrt, dass sie die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen vorantreibt. Scham hat ihr dabei die richtige Richtung gewiesen.

Iris Berben/Tom Krausz: Jerusalem. Menschen und Geschichten einer wundersamen Stadt. Corso Verlag, Wiesbaden 2015

. 128 S., 28.- Euro 

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/23531/highlight/Jonathan&Scheiner

 

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7Okt/15Off

Sinan Ayyıldız beim Festival der Mandoline in Berlin

Sinan Ayyıldız

...eigentlich wollte ich nur mal wieder den Mandoline-Spieler Avi Avital hören, wie er mit dem "Feuerfinger" Itamar Doari und der wunderbaren Ksenija Sidorova spielt. Doch vorher gab's ein paar "Giantsteps" vom türkischen Baglama-Spieler Sinan Ayyıldız. Nie gehört? Höchste Zeit! Dieser Mann – eine Kombination von atemberaubender Virtuosität und höchster Empfindsamkeit, eine großartige Verschmelzung von türkischer, kurdischer und arabischen Volksmusik mit westlichem Jazz. Hören und staunen unter: http://sinanayyildiz.com/en/

Between Worlds

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17Sep/15Off

Vom Jet-Setter zum Junkie – der Komponist Lionel Bart

Ein „Filmriss“ hat Lionel Bart ganze 15 Jahre seines Lebens gekostet. Alkohol und jede Menge anderer Drogen waren nichts Besonderes zu seiner Zeit. Im London der Swinging Sixties war das ganz groß in Mode. Jeder, der auf sich hielt, war high.

Vor seinem Absturz war Lionel Bart der triumphale Einzug in Englands Musik-Olymp gelungen. Er schrieb Hits wie „From Russia with Love“ für den gleichnamigen Bond-Film oder „Living Doll“ für Cliff Richards. Daneben entstanden Musicals wie „Oliver!“, die zum Besten zählten, was die Londoner Westend-Bühnen zu bieten hatten. Fotografien aus der Zeit zeigen Lionel Bart an der Seite von Mick Jagger oder John Lennon – mit Koteletten so püschelig wie ein Fuchsschwanz. Sein sündhaft teurer Sportwagen war mit dem neuesten Sprechfunk ausgestattet und neben der XXL-Badewanne stand das Telefon nicht still. Schon morgens wurde Champagner serviert. Es wird gemunkelt, für seine Partygäste stand immer eine Schale mit Geldscheinen und eine mit Schnee bereit. Eine Steilvorlage für jeden Biografen.

Das gilt auch für Caroline und David Stafford, die sich Lionel Bart in Form von Zeitzeugen genähert haben. Aus ihrer Biografie „Fings Ain't Wot They Used T'Be“ hat der Regisseur Mick Conefrey im Jahr 2013 den 60-Minüter „Reviewing the Situation“ gemacht. Der Film setzt bei der Kindheit Lionel Barts ein, der am 1. August 1930 als Lionel Begleiter als siebtes Kind von Galizischen Juden im Londoner Eastend geboren wurde. Der Einstieg in Musikgeschäft gelang Bart mit Hits für Tommy Steel & The Steelman. Doch während die meisten dieser Cockney-Rocksongs heute im Plattenschrank verstauben, sind ein paar von Barts Musicals noch immer in aller Munde. Allen voran „Oliver!“, das ab 1960 satte 2618 Mal aufgeführt wurde, bevor es dann jahrelang am Broadway gespielt wurde: „Oliver!“ ist das erfolgreichste englische Musical aller Zeiten.

Seinen Schöpfer haben viele über die Jahre vergessen. Und das nicht ganz zufällig: Schon Barts nächstes Musical „Twang“ war ein totaler Flop, in den Bart dummerweise auch noch all sein Geld gesteckt hatte. Auch Musicals wie „Blitz“, „Maggie May“ oder „La Strada“ hatten nur mäßig Erfolg. Es folgte eben jener Absturz, den Bart selbst als „Filmriss“ bezeichnet hat. Als Bart Jahrzehnte später wieder auf die Beine kam, hatte er Diabetes und eine fortgeschrittene Leberzirrhose. Die Stücke, die er dann noch bis zu seinem Tod 1999 fabrizierte, konnten nicht an die Erfolge von einst anknüpfen.

Dem Jet-Setter Lionel Bart steht eine Privatperson gegenüber, die einmal als “homosexual Jewish junkie commie” bezeichnet wurde. Tatsächlich ist über diese Person wenig bekannt. Weder darüber, dass seine damals noch strafbare Homosexualität durch angebliche Äffären mit Judy Garland oder Alma Cogan kaschiert wurde. Noch darüber, dass er antisemitisch angefeindet wurde. Auch zu seiner kommunistischen Vergangenheit gibt es kaum was zu sagen. Was in Erinnerung bleibt ist ein musikalisches Genie, das stilecht als Junkie endete.

http://www.jffb.de/filme/lionel-bart-reviewing-the-situation/

 

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2Sep/15Off

No voice, no interview – Matisyahu

...beim letzten Mal hat er mir wenigstens noch ins Mikrofon geflüstert. Aber dieses Mal hieß es erst, er gibt gar kein Interview, dann hieß es plötzlich, vielleicht doch noch ein kurzes -  aber wenn, dann nur gemeinsam mit fünf anderen Journalisten. Am Ende war dann doch alles heiße Luft und falscher Alarm, wegen Verspannung des Künstlers. Als Sahnehäubchen gab's ein kraftloses Konzert.

Kein Interview - keine Stimme: Matisyahu wird doch keine Diva werden?


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