Jonathan Scheiner Texte & Musik

2Jan/17Off

Wie klingt eigentlich Nächstenliebe? Paul Brody’s Ausstellung “Voices of Help“

Paul Brody, Trompeter. Paul Brody, Helfer. © Dirk Hasskarl - http://www.hasskarl.de

Paul Brody, Trompeter. Paul Brody, Helfer.                 © Dirk Hasskarl  (www.hasskarl.de)

Warum helfen Menschen einander – welche Motive stecken dahinter? Diesen Fragen ist der Musiker Paul Brody nachgegangen. Der Amerikaner hat Menschen an seinem Wohnort Berlin-Schöneberg befragt, wie sie zu Helfern wurden. Aus den Interviews sind nicht etwa, wie sonst beim amerikanischen Trompeter, Vertonungen für eine neue CD entstanden. Vielmehr hat Paul Brody eine Ausstellung konzipiert, bei der die unterschiedlichen Helfer zu Wort kommen. Zu sehen ist die kleine, aber feine Schau im Jugendmuseum in Berlin.   

Und das klingt so:
"Mein Name ist Anne Seebach. Und mit meiner Projektpartnerin Annette Krüger bringen wir unter dem Namen „Bikeygees“ seit einem Jahr geflüchteten Frauen das Fahrradfahren bei. Bis jetzt haben über 200 Frauen ..."
Die Frau, die hier aus ihrem Berufsalltag erzählt, ist Teil der Ausstellung „Voices of Help“ im Jugendmuseum Berlin-Schöneberg. In diesem Stadtteil im Zentrum Berlins lebt und arbeitet auch der Musiker Paul Brody, geboren 1961 in San Francisco. Irgendwann hat sich der amerikanische Trompeter über die vielen nicht-staatlichen Hilfsinitiativen in seinem Kiez gewundert und sich gefragt, warum ausgerechnet dort so viele Menschen leben, die ihren Mitmenschen helfen? Was treibt sie an? Wie denken sie selbst über ihre Arbeit?
Gregor, ein Lehrer für DAZ: "Ich hab halt überlegt, was ich machen könnte, als Sprachwissenschaftler, als Autor und Übersetzer…und dann bin ich losgegangen zu der Flüchtlingsunterkunft und hab mich da ein bisschen informiert und angefangen zu unterrichten, so ganz informell….". 
Paul Brody hat viele Interviews geführt und er hat viele unterschiedliche Antworten erhalten. Von Initiativen, die Jugendozialarbeit anbieten wie “Gangway” oder “Escape”, die auf Drogenprobleme spezialisiert sind. Von der Nähwerkstatt “Joliba”, in der Geflüchtete umsonst Deutsch lernen können. Und der Initiative “Leben Lernen”, die Mädchen und junge Frauen in Krisensituationen unterstützt. Die Motive der Helfenden waren so unterschiedlich wie die Interviewpartner. Es gibt sogar Senioren, die anderen Senioren helfen, ihre Einsamkeit zu besiegen:
"Hilfe ist notwendig in jeder Gesellschaft, für die Mitmenschlichkeit. Das sagt es ja schon aus, das Wort “Mitmenschlichkeit”. Ich arbeite ja jetzt mit alten Menschen, ich bin selber alt. Es gibt viele alte Menschen, die alleine zuhause sitzen. Diese Einsamkeit der alten Menschen ist irgendwie aussichtslos…."
Doch so verschiedenartig all die Hilfsinitiativen in Paul Brodys Nachbarschaft auch sind: Sie besitzen eine Reihe von Gemeinsamkeiten. Wobei Nächstenliebe oder altruistische Motive nicht die einzigen Beweggründe sind, die Menschen zu Helfern machen. Das weiß auch Paul Brody:
"Each interview started with a warm up question. How did you start helping? Every time I went home to edit my interview this warm up question which I was not going to use became more and more fascinating from one interview to the next. I made a few discoveries: One is the tools that the social workers are using in their professional life often started developing not with their education but with their childhood. Their views of help often started with the forming of their own identity and their own family life".
Paul Brody wäre kein Vollblutmusiker, hätte er die Interviews nicht als Steilvorlage für Vertonungen verwendet. Jeder Stimme eines Helfenden hat er zunächst ein Instrument zugeordnet, um daraus eine Klangkollage zu komponieren.
"I have worked a lot with voice melody and for me the melody of the voice carries it’s own individual narrative (parallel to what is been said). And I wanted to bring that quality in the voices from my neighborhood. So each voice got an instrument that I thought would be a nice match and also in dialogue to that. That instrument does not just accompany that voice but emphasyses the voice melody and is in dialogue with the voice melody".
Brodys Verknüfungen von Stimme und Instrument besitzen nichts Zufälliges. Vielmehr versteckt sich hinter den Kollagen große Erfahrung in der Vertonung von Poesie. Paul Brody gilt zwar als einer der weltweit führenden Klezmer-Trompeter, doch regelmäßig verlässt er das enge Schtettl ostjüdischer Instrumentalmusik für spannende Ausflüge in Richtung Jazz und Dichtung. Neben der Band Sadawi, die er seit Jahren betreibt, komponiert Brody Theatermusik. Oder er vertont Gedichte wie die der Lyrikerin Rose Ausländer.
Gefühl für die Sprache besitzt Paul Brody – wie die meisten Jazztrompeter übrigens – schon von Berufs wegen. Doch die deutsche Sprache ist Brody gewissermaßen in die Wiege gelegt worden: Seine jüdische Mutter stammt ursprünglich aus Wien. Wie sie 1938 vor den Nazis fliehen konnte, erzählt Brody am besten selbst – in einer unnachahmlichen Kombination aus Musiker und Storyteller:
"My own personal story is at the end of the exibit. My daughter was home late one day...she said I was volunteering at a soup kitchen. And I thought: Wow, I should help, too. So I registered to help at the Wilmersdorfer Rathaus where over 1000 refugees were living. It struck me that some of the young teenagers I thought that my mother was 13 years old when she was a refugee who left Vienna on the Kindertransport and went to England. If it weren’t people like the Quakers who were adopting children and families into their homes in England during WW II my mother would probably not be alive. So we should not stop helping! Hahaha, Yah! 
Die Ausstellung „Voices of Help“ im Jugendmuseum Berlin-Schöneberg ist noch bis zum 5. März zusehen. Alle Infos sind im Internet unter www.jugendmuseum.de zu finden.
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30Nov/16Off

Unter Geiern – wie Schimon Peres seinen Namen fand

Mann mit Vogel: Shimon Peres im Hula-Tal, dem Überwinterungsplatz unserer Kraniche

Mann mit Vogel: Shimon Peres im Hula-Tal, dem Überwinterungsort "unserer" Kraniche

Zu seinem späteren Namen ist Schimon Peres eher durch Zufall gekommen. Geboren in Polen war sein Name ursprünglich Perski. So hieß übrigens auch seine Cousine. Sie sollte an der Seite von Humphrey Bogart Hollywood-Geschichte schreiben- als Lauren Bacall. Und aus Schimon Perski wurde später Schimon Peres, als Friedensnobel-Preisträger und Staatspräsident von Israel ebenfalls weltberühmt. Das kam so: Auf "Erkundungstour", getarnt als ornithologische Feldforschung in der Negev-Wüste im Britischen Protektoratsgebiet Palästina, zog plötzlich ein Lämmergeier knapp über den Köpfen des Erkundungstrupps. Einer schrie: "Peres, Peres", das hebräische Wort für Geier. Später dann – als die Geierpopulation noch nicht durch DDT und Blei vernichtet war, als die Engländer als Protektoratsmacht von Palästina vertrieben und der Staat Israel gegründet wurde – war klar, zu welchem hebräischen Namen der Hagana-Kämpfer Schimon Perski greifen würde....so jedenfalls berichtet es der wunderbare israelische Vogelkundler Yossi Leshem. Und der muss es ja wissen. Denn er hat schließlich nicht nur einen Vogel....

 

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7Nov/16Off

Opa-Jazz und die Musik von Frauen – Hinhören beim JazzFest Berlin

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Die Saxophonistin Mette Henriette

Während die einen noch immer über die Männerdominanz im Jazz schwadronieren, stehen Frauen längst auf der Bühne und spielen, was das Zeug hält. Dass den Zuhörern Augen und Ohren überlaufen. Beim diesjährigen JazzFest Berlin wurde das Glück der Gleichberechtigung der Geschlechter zumindest musikalisch eingelöst. Und noch viel mehr: Männlein wie Weiblein kamen aus dem Staunen nicht mehr raus, wie Mette Henriette die liegengelassenen Fäden ihrer skandinavischen Ahnen (Jan Garbarek, Terje Rypdal) wiederaufnahm und wundersam miteinander verknüpfte. Wie das verspielte Julia Hülsmann-Trio zwei Bläser integrierte, mühelos und wunderschön zugleich. Oder wie die beiden Deutschen Florian Weber und Angelika Niescier neben drei alten Haudegen aus New York bestachen. Wie beim Big Band-Konzert von Nik Bärtsch der grandiose Bassist Björn Meyer zum Dreh- und Angelpunkt wurde. Und wie weit angesichts von solcher Schönheit die Meinungen über die einzelnen Konzerte dann doch auseinandergingen. Viel Diskussionsstoff – wo immer man hinhörte. Auch beim Altmeister Jack DeJohnette, der sich mit Matt Garrison und Ravi Coltrane im 3. Jahrtausend duellierte. So jung und knackfrisch klingt: „Opa-Jazz“ von Frauen!

Die Pianistin Julia Hülsmann

Die Pianistin Julia Hülsmann

Beide Fotos: © Camille Blake

 

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22Okt/16Off

Die traurig-schönen Lieder des Wandering Jew – Das ID-Festival in Berlin beleuchtet das Thema Migration

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Tobias Steinberger (Perkussion), David Bergmüller (Laute) und Tehila Nini Goldstein (Gesang)

Einen Erfolg zu wiederholen, ist nicht einfach, außer man besitzt ein gut funktionierendes Konzept. Das gilt vor allem für das ID-Festival, das zum zweiten Mal im Berliner Radialsystem (21.10.-23.10.) stattfindet. Wie im letzten Jahr gehen die Programmmacher der Frage nach, inwiefern sich deutsch-jüdische Identität in der Kunst spiegelt. Eine gute Frage, die vor allem in Berlin auf den Nägeln brennt, da sich die deutsche Hauptstadt im letzten Jahrzehnt als Hotspot und Sehnsuchtsort für junge Israelis etabliert hat.

Statt schon bereits beantwortete Fragen zu wiederholen, haben die Veranstalter dieses Jahr einen neuen Akzent gesetzt: „Migration told through Israeli-German art“ (das Thema Migration in der israelisch-deutschen Kunst), wobei gleich sieben der 15 Programmpunkte Premieren sein werden. So wie die Ausstellung „Mother, I have reached the land of my dreams“ von Alona Harpaz und Sharon Horodi, die in Berlin zum ersten Mal gezeigt wird. Das Thema Flucht, Vertreibung und Migration spiegelt nicht nur auf einen zentralen Aspekt jüdischer Identität, sondern beleuchtet zugleich die aktuelle politische Situation in Deutschland als Zufluchtsort für eine Million Flüchtlinge, vor allem aus Syrien, einem Land, das offiziell noch immer im Krieg gegen Israel ist.

Durch das ID-Festival besteht, zumindest virtuell, die Möglichkeit, über die gemeinsame Erfahrung von Migration und Vertreibung nachzudenken. Eine Erfahrung, die Juden schon seit biblischen Zeiten kennen, wie Festivalleiter Ohad Ben-Ari betont, der sich selbst auch als „Wandering Jew“ beschreibt. Doch gleichzeitig wiegelt er ab: „Wir beschäftigen uns natürlich mit der politischen Dimension von Migration, etwa aus Syrien. Aber da wir ein Kunstfestival sind, beleuchten wir vor allem den Einfluss von Migration auf die verschiedenen Kunstformen“.

Das Thema wird nicht nur in Diskussionsforen erörtet, sondern auch anhand von Tanz, Performances und Filmen sichtbar gemacht. „No-MAD“ von Oren Lazovski, „Dancing to the End“ von Nir de Wolff oder „Makembo“ von Micki Weinberg werden begleitet von Gesprächen wie dem über Udi Alonis vieldiskutierten Film „Junction 48“ um junge israelisch-arabische Rapper, der bei der diesjährigen Berlinale preisgekrönt wurde. Dass es danach auch noch ein Konzert mit den Rappern und Schauspielern um Tamer Nafar und Maisa Daw geben wird, ist ein Glücksfall, der außerhalb Israels nur selten eintritt.

Doch auch die übrigen Programmpunkte deuten darauf hin, dass es im Kern des ID-Festivals nicht um Politik, sondern um Musik geht. Wie im letzten Jahr wird der Ausnahmegeiger Guy Braunstein auftreten. Seinem Quintett wird auch der Pianist Ohad Ben-Ari angehören. Zugleich wird der Festivalleiter auch mit seinem Mondrian-Trio spielen. Ben Ari wird allerdings nicht, wie angekündigt, ein neues Werk von Gilad Hochman zur Weltpremiere bringen, sondern ein in Deutschland ungespieltes Werk des armenisch-israelischen Komponisten Josef Bardanashvili. 

Nicht minder spektakulär ist der Auftritt des Omer Klein-Trios. Omer Klein gilt als einer der führenden Protagonisten der angesagten israelischen Jazzszene. Zugleich ist der Pianist ein Vorreiter in Sachen Migration, lebt er doch schon seit einem Jahrzehnt in: Düsseldorf. In Berlin dagegen hat Tehila Nini Goldstein ein neues Zuhause gefunden. Schon letztes Jahr sollte die israelische Sopranistin beim ID-Festival auftreten, aber dann kam die Geburt ihres ersten Kindes dazwischen. Diesmal präsentiert die junge Mutter die Formation „Sferraina“ um die beiden Östereicher David Bergmüller (Laute) und Tobias Steinberger (Perkussion). Unter dem Titel „Barock aus Jemen“ wird die Schnittmenge zwischen Alter Musik aus dem 17. Jahrhundert und jüdisch-jemenitischer Lieder eines Shalom Shabazi ausgelotet. Ein israelisch-deutsches Programm, zum Zungeschnalzen!

 

Info: www.idfestival.de

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/26763

 

 

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22Sep/16Off

Zugabe ohne Verve – Barbra Streisand bittet Hollywood-Stars zum Ständchen

barbra-3Ein neues Album von Barbra Streisand unbefangen zu hören, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Immerhin handelt es sich bei dieser Frau um die wohl größte Sängerin des Broadway, die es je gegeben hat. Spätestens seit die Streisand vor einem halben Jahrhundert die „Fanny Brice“ gegeben hat, steht sie ganz oben auf dem Broadway-Olymp. Dazu kommt noch ihre Hollywoodkarriere, die ihresgleichen sucht, gerade wegen Filmen wie „Yentl“, einem von der Streisand in allen wichtigen Belangen selbstgemachtem Film, mit dem sie sich nicht nur als Ikone der Frauenbewegung etabliert hat, sondern auch als jüdischer Superstar. Egal was diese Frau anzufassen scheint: Es verwandelt sich in Goldene Schallplatten oder Oscars, Grammys und Emmys, Golden Globes und Tony Awards. Diese Frau ist die Inkarnation eines Block Busters. Selbst wenn sie das „Avinu Malkeinu“ singt, dann tut sie das nicht introvertiert in der heimischen Synagoge, sondern vor Bill Clinton und einem sichtlich zu Tränen gerührten Shimon Peres.

barbra-1Natürlich ist es da schwierig, „Encore“ (zu Deutsch „Zugabe“), das neue Album dieser Super-Frau, mit offenen Ohren zu hören, zumal die Sängerin alles dafür tut, dass die Songs in gewohnt bombastischer Aufmachung präsentiert werden. Das geht bis hin zur Auswahl der renommiertesten Studiomusiker und einem der angesagtesten Arrangeure, Walter Afanasieff, der schon Celine Dion, Mariah Carey oder Michael Jackson auf Musik-Wolke Sieben „beamte“.

Die Idee, die hinter „Encore – Movie Partners Sing Broadway“ steht, ist brilliant: Barbra Streisand hat sich Hollywood-Schauspielerkollegen ins Studio geladen. Und wenn die Grand Dames des Broadway mit dem Finger schnippt, dann stehen selbst die attraktivsten Herren der Schöpfung Schlange auf der Fussmatte des Studios: Alec Baldwin, Antonio Banderas oder Hugh Jackman. Jamie Fox, Chris Pine und Patrick Wilson komplettieren das illustre Männerspalier. Selbst Barbra Streisands nunmehr dritter Ehemann, der Schauspieler James Brolin, darf bei einer Nummer mitmachen.

Schauspielerinnen sind hingegen nur wenige mit dabei: Anne Hathaway, die ein Duett mit der Star Wars-Novizin Daisy Ridley singt, sowie die Schauspielerin Melissa McCarthy. Mit ihr singt die Streisand den hinreißenden Song „Anything You Can Do“ aus dem Musical „Annie Get Your Gun“, mit dem Irving Berlin im Jahr 1946 zu Weltruhm kam.

barbra-4Auch die Auswahl der übrigen Songschreiber birgt keine Überraschungen. Die insgesamt 14 Good Old Songs stammen von Stephen Sondheim, Alan und Marilyn Bergman oder Marvin Hamlisch – also der Hautevolee der Broadway-Komponisten. Alles vom Feinsten, alles vom Schönsten. Nur eines fehlt, und das ist gerade bei Broadway-Songs das Salz in der Suppe: Es fehlt der Pepp!

barbra-5-dogDas fällt besonders auf, weil die Streisand bis auf die flotte Eingangsnummer „At The Ballett“ (mit Anne Hathaway und Daisy Ridley) und das schmissige Duo „Anything You Can Do“ mit Melissa McCarthy für ihre männlichen Kollegen ausschließlich langsame Balladen ausgewählt hat. Die Nummern, die auf der Broadway-Bühne noch als romantische Duette innerhalb der Dramaturgie gut funktionieren, unterliegen auf dem Tonträger nun mal anderen Gesetzen. Schuld sind also nicht müde Männer, sondern vielmehr die Streisand selbst. Besonders augenfällig ist das bei den Duetten mit ihren weiblichen Kollegen, denn dort tritt die Streisand in stimmliche Konkurrenz – und zwar zu ihren Ungunsten. Denn auch kein noch so brillianter Tontechniker könnte kaschieren, dass ihrem Vortrag die Verve fehlt. Was den Eindruck erhärtet, dass es sich bei „Encore“ um einen Strauß betagter Balladen handelt. Diese 14 Songs werden sich zwar wie immer großartig verkaufen, aber sie haben den Anschluss an diese Zeit verloren. Das schreit nicht gerade nach einer Zugabe. Das klingt wie ein Abgesang.

Barbra Streisand: Encore – Movie Partners Sing Broadway. Columbia Records 2016/Sony Music

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/26543

 

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16Aug/16Off

Aus dem Hut gezaubert – die Hypersuites von Marina Baranova

 

Die Pianistin Marina Baranova © Jonathan Scheiner

Die Pianistin Marina Baranova                                         © Jonathan Scheiner

Auf ihrem aktuellen Album spielt sie Händel und Bach, Rameau und Couperin. Aber wie sie das macht!! Ganz im Sinne der barocken Meister ist die Komposition nur die Steilvorlage für Variationen, Änderungen, Anleihen, Abschweifungen, Fortentwicklungen. Ein Meer aus großartigen Ideen. Schon damals galt: Nur nach Noten zu spielen, ist schlechter Geschmack!

http://www.deutschlandradiokultur.de/marina-baranova-hypersuites-kunstvolle-variationen-auf.2177.de.html?dram:article_id=364988

 

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14Jun/16Off

Die Schöne und das Biest – die Akkordeonspielerin Ksenija Sidorova

 

sieht toll aus, spielt großartig und ist auch noch sehr charmant: Ksenija Sidorova als "Carmen"

Sieht toll aus, spielt großartig und ist auch noch sehr charmant: Ksenija Sidorova als "Carmen"

Schifferklavier? Quetschkommode? Klavier des kleinen Mannes? Sie selbst nennt ihr Instrument "Beast". Wenn sie es auspackt, dann ist sie eine Löwenbändigerin. Großartig war schon ihre Zusammenarbeit mit dem Mandolinespieler Avi Avital und dem Percussionisten Itamar Doari. Und jetzt also ihr Debütalbum bei der Deutschen Grammophon. Es geht um Georges Bizets "Carmen", der sie neues Leben einhaucht. Ksenija Sidorova - das ist pure Frauenpower aus Lettland: Viva, Caramba und Olé!

 

 

Ksiderova 1

 

 

 

 

 

 

http://www.deutschlandradiokultur.de/ksenika-sidorova-carmen-auf-dem-akkordeon.2177.de.html?dram:article_id=359766

 

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25Mai/16Off

Hinter der schönen Fassade – Mor Karbasis >Ojos de Novia<

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Mit “Ojos de Novia”, dem neuen und dritten Album von Mor Karbasi, ist der Sängerin aus Jerusalem ein Meilenstein gelungen! Das hat vor allem damit zu tun, dass sie sich von den Traditionen gelöst hat. Statt sich das musikalische Brauchtum der sefardischen Juden zu pflegen, hat sie sich nun zu neuen Ufern aufgemacht.

Der Sprung ans unbekannte Ufer hatte sich schon seit längerem abgezeichnet, spätestens seit ihrem letzten Album “La Tsadika”, das gespickt war mit Musikern, die im traditionellen Kontext sefardischer Musik nicht zu erwarten waren: Etwa der Kamanche-Spieler Mark Eliyahu, der Percussion-Spieler Itamar Doari oder der Trompeter Avishai Cohen, der sich seit seinem letzten Album in die Herzen der Jazzcommunity und an die Weltspitze der Jazzmusiker gespielt hat. Gemeinsam mit diesen Exoten, aber vor allem auch mit einer gut bestückten Band von weitgereisten Musikern hat Mor Karbasi das Erbe der Sefarden wiederbelebt, indem sie die musikalische Nähe zum Flamenco ausgelotet hat. Dennoch verharrte das Repertoire noch in den alten Mustern. Es waren jene sefardischen Lieder, die Mor Karbasi von ihrer Mutter gelernt hatte und nun einem breiten Publikum zugänglich machte.

Mit dem aktuellen Album “Ojos de Novia”, mit dem sie nun auf Tour kommt, geht Mor Karbasi einen entscheidenden Schritt weiter. Sie bereist die Welt Nordafrikas, doch nicht nur die jüdisch-sefardische Welt des Maghreb, sondern auch die der Berber. Das Album beginnt mit zwei nordafrikanischen Liedern “Bismillah” und “Hayken Juar” und geht dann weiter mit dem hebräischen Lied “Ahuvati Ester”. Überhaupt werden nur noch eine handvoll Lieder in Ladino präsentiert, doch schon die Musik sprengt die enge Welt der Sefarden: Sogar den Titelsong “Ojos de Novia” treibt ein peitschender Berberrhythmus vorwärts. Und auch hier sind es die Musiker, die für ein Augenaufschlag sorgen. Neben Mor Karbasi, die sich im Laufe der Jahre von überkandidelten Vokalisen verabschiedet hat, sind es ihr Lebenspartner Joe Taylor, die Tomatito-Family oder Kai Eckardt, die herausstechen. Der Bassist Kai Eckardt hat sich einst mit der Gitarren-Ikone John McLaughlin Duelle geliefert, bei denen beide schneller als ihre eigenen Schatten spielten. Schön, so jemand an seiner Seite zu wissen.Karbasi 3

Ganz wesentlich hat Mor Karbasi musikalische Weiterentwicklung damit zu tun, dass sie sich vom jeweiligen Kontext inspirieren ließ, in dem sie lebte. Die alten Lieder der Sefarden hatte sie zuerst über die Piyutim ihres Großvaters kennengelernt, dessen Familie einst in Marakesch lebte und dann nach Nazareth auswanderte. Die Kunst, ihren Gesang zu verzieren, hat sie dann von einem Oud-Spieler und die alten Liedtexte in Form der “Oral History” von ihrer Mutter gelernt. Entscheidend war schließlich Mor Karbasis Umzug nach London, der ihre musikalische Welt durcheinander gewirbelt hat. Zum Beispiel durch die Zusammenarbeit mit dem Multiinstrumentalisten Koby Israelite auf dessen Album “Blues From Elsewhere” (Asphalt Tango 2013) oder ihren Auftritt bei der Musikmesse WOMEX mit den Sängerinnen Savina Yannatou aus Griechenland und Mehtap Demir aus der Türkei.

Doch in Swinging London zu leben war nicht nur bewusstseinserweiternd, sondern hat auch Mor Karbasis Heimweh verstärkt. Das gleiche gilt nun, da sie mit Tochter und Mann in Sevilla lebt. Auch dort hat sie Heimweh – nach Israel. So ist es kein Wunder und zudem absolut nachvollziehbar, dass sie ihre Herkunft inzwischen in drei Sprachen besingt und zwar: in den höchsten Tönen.

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23Apr/16Off

Geh isch Teltow oder Rütli – der erste Tag als PKB’ler

Zehn kleine Teltileins verirrten sich im Wald - oder wie viele waren es doch gleich, vorhin?

Zehn kleine Teltileins verirrten sich im Wald - oder wie viele waren es doch gleich, vorhin?

Läßt sich gut an: Der erste Arbeitstag als Vertretungslehrer an der Teltow-Grundschule. Erstmal ein Ausflug an die Waldschule Zehlendorf. Die Sonne lacht, die Vögel zwitschern und die Wildschweine dösen im Gebüsch. Die angeblichen "Brennpunkt"-Kinder sind herzallerliebst: Der Lehrkörper zwischen Rütli-Romantik oder Didaktik-Debakel! 

 

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24Mrz/16Off

Mensch und Meisterklezmer – Giora Feidman zum 80. Geburtstag

Giora Feidmann und Jonathan Scheiner.

Zwischenstopp: Giora Feidmann auf dem Weg nach "Lucken...was"? Luckenwalde!                        ©Rolf Walter/X-Press

Ob es auch beim Papst gezwickt hat, ist nicht überliefert. Doch den meisten der 800.000 Besucher beim Weltjugendtag 2005 in Köln ging es vermutlich so, wie es vielen Menschen geht, wenn sie Klezmer hören: Sie verspüren dieses berühmte Zwicken in der Gegend des Herzens, das die traurig-schönen Klänge der Klezmermusik auslösen – eine ominöse Gleichzeitigkeit von Weinen und Lachen. Das gilt vor allem, wenn Giora Feidman spielt. Der Klarinettist ist der berühmteste Klezmermusiker unseres Planeten. Und beim Weltjugendtag war er sicherlich der berühmteste lebende Jude (Jesus von Nazareth ist bekanntlich schon eine Weile tot). Das Motto der Veranstaltung “Wir sind gekommen, um IHN anzubeten” hatte vor diesem Hintergrund einen seltsamen Beigeschmack.

Giora Feidmans Einfluss auf die Klezmermusik kann gar nicht überschätzt werden. Großartige Musiker wie Avi Avital, David Orlowski oder Marina Baranowa nennen den Klarinettenmeister explizit als Vorbild. Nirgendwo sonst gibt es ein Phänomen wie jenes, das sich bei jedem von Giora Feidmans Konzerten einstellt, selbst in altehrwürdigen Musikweihetempeln wie der Berliner Philharmonie: Ein Musiker betritt unter Applaus die Bühne, spielt ein paar Takte auf seinem Instrument und hebt dann aufmunternd die Hand als Startsignal: Jetzt mitsingen! Und der Saal singt mit – erst leise, dann hemmungslos. So viel Verzückung schaffen nicht einmal Barenboim oder die Bartoli.

Das ist keine Clownerie, sondern große Kunst, die auf jahrzehntelanger harter Arbeit und Fleiß fusst. Überblickt man seinen proppevollen Tourneekalender, dann fragt man sich, ob er überhaupt noch ein Zuhause braucht. Er spielt quasi täglich, tingelt von einer, zumeist evangelischen Kirche zur nächsten, findet noch Zeit, um jährlich mindestens eine Schallplatte aufzunehmen, seine Autobiografie zu schreiben oder bei Festveranstaltungen zu seinen Ehren aufzutreten, wie etwa bei der “Verleihung des Großen Verdienstkreuzes” im Deutschen Bundestag 2001. Ein mörderisches Programm, erst recht mit 80!

Der Jubilar sieht’s gelassen: „Ich fühle die Verantwortung, meine Erfahrung weiterzugeben. Ich kann den jungen Musikern helfen, sie mit der Energie ihrer Seele zu verbinden“ sagt der Klarinettist. Doch Feidman kennt auch die Kehrseite seines Erfolgs: „Ich habe zehn Enkelkinder, die ich nur selten zu Gesicht bekomme. Das tut weh, weil die Zeit verstreicht und ich ihr Heranwachsen verpasse. In meinem Alter sind Großeltern eine Institution, vor allem, wenn sie noch „loifn“ können“, scherzt Feidman in einem Mix aus Englisch, Jiddisch und Deutsch“.

Vermutlich hängt Feidmans sensationeller Erfolg in Deutschland auch mit seiner versöhnlichen Grundhaltung zusammen. Der Musiker verschweigt zwar nicht, dass er den Umgang der Deutschen mit den Juden in der Shoah als „suboptimal“ empfindet, aber er glaubt auch, dass die Zeit alle Wunden heilt. „Die heutige Beziehung zwischen den Juden und den Deutschen ist ohne Übertreibung der höchste Ausdruck an Humanität auf diesem Planeten“. Für Feidman gibt es sie, die „guten Deutschen“, Gerechte unter den Völkern, Menschen wie Oskar Schindler, dem der Regisseur Steven Spielberg mit „Schindlers Liste“ im Jahr 1993 ein Denkmal gesetzt hat – mit Musik von Giora Feidman.

Das war 1967, als Feidman das erste Mal als Teil des Israel Philharmonic Orchestra nach Deutschland gekommen war, noch anders. Da hatte Feidman noch deutsche Dämonen im Kopf. Kein Wunder. Noch sein Vater war vor den Pogromen aus dem damals bessarabischen Kischinew, heute in Moldawien, nach Buenos Aires geflohen, wo Giora Feidman am 25.3.1936 zur Welt kam. Noch schlechter ging es Feidman, als ihn der Regisseur Peter Zadek 1984 nach Berlin einlud. Der Musiker sollte in Jehoschua Sobols Stück „Ghetto“ in der Berliner Volksbühne auftreten. Er musste den gelben Stern tragen und einige der Schauspieler waren in SS-Uniform. Feidman konnte nachts nicht schlafen. Seine Frau versuchte ihn zu Heimkehr nach Israel zu überreden, doch Feidman blieb standhaft.

Sonst hört Feidman gerne auf seine Frau. Sie heißt Ora Bat Chaim und zählt zu Israels renommiertesten Komponistinnen. Viele von Feidmans Liedern stammen aus ihrer Hand, auch auf dem neuesten Album “Klezmer Bridges”, das der Klarinettist mit den vier Cellisten des Rastrelli-Quartetts aufgenommen hat. Bei einem der Songs spielt auch Feidmans Nichte Hila Ofek mit. Fragt man die in Frankfurt lebende Harfe-Spielerin nach ihrer Meinung zu ihrem Opa, spürt man eine an Ehrfurcht grenzende Wertschätzung, die viele Kollegen teilen: „Früher, als ich klein war und gerade angefangen hatte zu spielen, hat er oft gesagt, wie schön ich spiele. Doch als ich erwachsen wurde, hat er mir tatsächlich verraten, was er von meinem Spiel hält und so wurden daraus eher kurze Lektionen. Ich weiß zwar, wie sehr er von anderen Musikern bewundert wird, aber ich sehe ihn zuallererst als Großvater“.

Als Klezmermusiker in dritter Generation hat Feidman sein Handwerk von seinem Vater geerbt. Schon mit neun spielte er auf Hochzeiten. Doch statt Student am Konservatorium in Bukarest wurde er als 18-jähriger Ensemble-Mitglied am Teatro Colón in Buenos Aires, um dann zwei Jahre später für 20 Jahre als Bassklarinettist des Israel Philharmonic Orchestras anzuheuern. In den Siebzigern wurde aus dem klassischen Musiker ein Klezmermusiker, den es nach New York zog. Von dort hat das Klezmer-Revival die Welt erobert. Feidman zählt zu den Urvätern. Heute ist die ostjüdische Volksmusik die zweitbeliebteste hierzulande – nach der bayerischen. 

Selbst hartgesottene Musikredakteure geben sich angesichts von Feidmans Musik entrückt, manche auch grenzdebil: „Wie ein magischer Hauch wehte der Klang der Klarinette durch die winterlich kühle Salvatorkirche”. Dabei geht es gar nicht um Magie. Und es geht erst recht nicht um Virtuosität. Feidman trifft vielmehr den richtigen Ton. Er selbst sagt, das sei der “Ton des Herzens”. Das ist dort, wo es zwickt. Bei fast allen.

 

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/25002

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18Mrz/16Off

Tamar Halperin, Profi-Tennis und das Satie-Projekt

Klavier, Cembalo, Glockenspiel, Wurlitzer – ein Welt aus schwarzen und weißen Tasten

Klavier, Cembalo, Glockenspiel, Wurlitzer – ein Welt aus schwarzen und weißen Tasten

"But anyway: I never planned to become a musician. I was so much into tennis I thought I would bow in front of the queen of England at Wimbledon upon winning – it didn’t happen. The furthest I went is that I got a dog and her name was Steffie Graf".

http://www.deutschlandradiokultur.de/projekt-der-pianistin-tamar-halperin-satie-als.2177.de.html?dram:article_id=354040
Tamar Halperin beim JazzFest Berlin mit dem Wunderkammer-Projekt

Tamar Halperin beim JazzFest Berlin mit dem Wunderkammer-Projekt

"I think there is one clue for me reading about Satie how he referred to himself not as a musician and not as a composer but he called himself a „phonometrician“ – somebody who measures sounds. I think in the way we managed it there is a lot of this esthetics. It is a lot about the sound itself and not so much about the perfection of it. And not so much about the developement of a composition or deep philosophical approach to the interpretation. It’s just trying out sounds....".

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18Mrz/16Off

Israeli im Selbstversuch – Nir Barams Reiseberichte aus den besetzten Gebieten

 

Nir Baram

Nir Baram wohnt am Jitzchak Rabin-Platz, jenem Platz im Zentrum von Tel Aviv, auf dem der Friedens-Nobelpreisträger im Jahr 1995 ermordet wurde. Die Lage seines Apartments scheint eine zufällige Koinzidenz, auch wenn Nir Baram auf selben Pfaden unterwegs ist wie Israels ehemaliger Staatspräsident: Er schert sich um die Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern, und zwar in der Tat. Denn Reden schwingen über den Frieden, das tun viele, nicht nur israelische Pazifisten.
Nir Baram hat etwas getan, was die wenigsten Israelis jemals tun. Der Autor ist in die besetzten Gebiete gereist, in die Westbank und nach Ost-Jerusalem. Er hat sich in den Siedlungsaußenposten umgesehen und hat mit den Menschen vorort geredet, hat Männer der Fatah wie der Hamas gesprochen, mit Rabbinern ebenso wie orthodoxen Hardlinern. Was Baram nach Tel Aviv zurückgebracht hat, ist starker Tobak. Selbst seine Freunde von der israelischen Friedensinitiative waren überrascht, manche auch brüskiert. Kein Wunder: „Sie schmieden Friedenspläne für Orte, die ihnen schlicht unbekannt sind“, mokiert sich Nir Baram.
Seine Berichte, die zunächst in der Tageszeitung Haaretz erschienen sind und nun als Buch im Hanser Verlag vorliegen, liefern ein düsteres Bild nicht nur von den besetzten Gebieten, sondern von der israelischen Gesellschaft als Ganzes. Das Buch heißt treffenderweise „Im Land der Verzweifelten“.
Kurioserweise wirkt Nir Baram selbst nicht wie einer jener Verzweifelten, über die er schreibt, sondern wie ein ganz normaler Israeli, der versucht, jenseits des Konflikts seinen Alltag zu meistern. Seine Küche, auf deren Fließen die „Kleine Raupe Nimmersatt“ liegt, dient gleichzeitig als Spielwiese für seinen kleinen Sohn Daniel. Und neben seinem Schreibtisch hat seine Frau Tamar die nasse Weißwäsche an die Leine gehängt. Offensichtlich läßt sich an einem solchen Ort präzise der Status Quo seines Heimatlandes diagnostizieren.
Seit „Purple Love Story“, „Der Wiederträumer“ und „Gute Leute“ zählt Nir Baram zu den wichtigsten Nachwuchsautoren seiner Heimat. Für Amoz Oz gilt der 1976 in Jerusalem geborene Nir Baram bereits jetzt als große Hoffnungen der israelischen Linken. Da steht er in bester Tradition. Sowohl Nir Barams Vater und Großvater waren Minister in verschiedenen israelischen Regierungen.
Ein ganzes Jahr lang war Baram unterwegs und hat Israelis getroffen, die auf der palästinensischen Seite der Mauer leben, hat den Chef des palästinensichen Flüchtlingslagers Balata getroffen oder war in Kalandia, jenem berühmt-berüchtigten Checkpoint zwischen dem Norden der Westbank und Jerusalem und hat sich dort sein eigenes Bild gemacht. „Die Menschen in Tel Aviv reden über die Straßen in der Westbank. Sie sagen, dass es Straßen für Juden gibt und Straßen für Palästinenser. Aber ich habe gemerkt: Das ist Unfug, das stimmt überhaupt nicht.“ Und so erging es Nir Baram häufig. Nicht einmal seine Freunde aus der sogenannten „Peace-Industry“ kennen Orte wie die Siedlungsaußenposten. „Keiner von ihnen hatte zum Beispiel eine Ahnung von der Menge an sekulären Bewohnern. Man glaubt ja immer, dort wohnen nur Fanatiker und Ultraorthodoxe, die ihre Zeit damit verbringen, in die Synagoge zu gehen. Aber das stimmt nicht. Mehr als ein Drittel der Bewohner ist sekulär“ – also ein ganz normaler Schnitt durch die israelische Gesellschaft.
Doch diese multikulturelle israelische Gesellschaft, so schreibt Baram, lebe in einem „jüdischen Ghetto“, das niemals verlassen wird, erst recht nicht, um die „Fremden“ im eigenen Land kennenzulernen. „Noch meine Großeltern und mein Vater haben arabisch gesprochen – nur ich kann kein Arabisch. Wie all meine Freunde habe ich es nie gelernt. Dabei wäre das so wichtig“. Doch Baram weiß auch, dass es inzwischen eine junge Generation von Palästinensern gibt, die ihrerseits kein Hebräisch mehr spricht. „Das nimmt sich nichts. Das ist vielmehr ein Ausdruck einer neuen Separation. Nicht nur eine Grenzmauer schafft Separation“.
Nir Baram deckt in seinen 12 Berichten schonungslos auf, warum Palästinenser und Israelis permanent aneinander vorbeireden. „Wenn du mit Palästinensern sprichst, dann geht es ihnen nicht um die Rücknahme der Besatzung seit 1968. Für Palästinenser ist das Jahr 1948 das eigentliche Trauma. Damals wurden sie deportiert, haben ihre Häuser verloren, ihr Geld, ihre Felder“. Nir Barams Schlussfolgerung: Solange die Israelis nicht offen über 1948 reden, solange wird es schwer sein, den Konflikt zu lösen.
Ohnehin hält der Autor nicht viel von einer Zwei-Staaten-Lösung. „Die Landkarte mit den Siedlungen, die Rabin seinerzeit hatte, entspricht nicht mehr der heutigen. Die Liberalen führen noch die selbe Diskussion wie damals, aber sie drehen sich im Kreis, weil sie die Realität negieren“. Heutzutage müsse man phantasievoller über Lösungen nachdenken. Immerhin gebe es schon ein paar Utopisten, die von einer Ein-Staaten-Lösung mit gleichen Rechten für alle träumen. Selbst „der intellektuellen Elite der Siedlerbewegung schwant so langsam, dass sie den Palästinensern die Staatsbürgerschaft und das Wahlrecht anbieten müssen, wenn sie ihr Land dauerhaft behalten wollten“. Es gebe gar nicht wenige Siedler, die die Initiative „Ein Staat – zwei Völker“ unterstützen.
Und was träumt der ansonsten düster in die Zukunft blickende Autor in seinen kühnsten Träumen? „Meine arabische Großmutter kam aus Aleppo – ganz einfach dorthin zu reisen“. Das hat einst schon Shimon Perez geträumt. Seine Vision war, sich in Tel Aviv in ein Auto zu setzen und einfach so nach Damaskus zu fahren. Eine Bombenidee. Und ein großartiges Buch!
Info:
Im Land der Verzweifelten. Ein Israeli reist in die besetzten Gebiete. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. 304 Seiten. Hanser Verlag  2016.

 

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/24936

 

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18Mrz/16Off

Och Mönsch, Du! Die taz-Marlene und ihr Bauchgefühl

Drei Tage habe ich damit zugebracht. Knapp zwei Dutzend wohlwollende und besserwisserische Randbemerkungen abgearbeitet. Alles nur für mein Interview mit Nir Baram in der taz - und dann kommt so 'ne bescheuerte Antwort per Email:

Hallo lieber Jonathan,

ich hab hin und her überlegt - und nun beschlossen, meinem Bauchgefühl
zu vertrauen. Und das sagt: Das Interview gibt trotz allem noch nicht
genug her, um eine Seite 13 zu tragen. Bitte nicht böse sein! Ich freu
mich trotzdem, dass Du es versucht hast.

Deine Marlene Halser (taz-Ressortleitung Innerei)

Och Mönsch, Marlene, Du! Das ist ja nun mal schade, Du, um die ganze Arbeit!

Aber Du: ich kann's ja mal wieder "versuchen"...

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3Mrz/16Off

Reise in ein unbekanntes Land – Kiedrich und Bad Hamburger

Kiedrich ApotheoseMit der Bummelbahn nach Eltsville am Rhein. Beschriftete Weinberge in Reih und Glied, millimetergenau. Auf der Wanderung nach Kiedrich reißt der Himmel auf. Dort hinten wohnt Tamar Halperin, spielt Eric Satie, wie man ihn noch nie hörte - aber sollte. 

Und abends spielen Irit Dekel und Eldad Zitrin "Last of Songs" im Speicher. Der liegt im Dach des Bahnhofs von Bad Homburg, oder auch "Bad Hamburger", wie ortsunkundige Vegetarier zu sagen pflegen. Danach wird die Hotelbar gestürmt. Dort sind sie alle schon gewesen: ob Nana Mouskouri oder James Brown. Internationales Flair mitten in der hessischen Provinz: Zum Totlachen!

Bad Ham-Bar

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8Feb/16Off

Kuddelmuddel in Kalandia. Mit dem israelischen Schriftsteller Nir Baram in einem verzweifelten Land

 

Kalandia Checkpoint Ost-Jerusalem

Wie entstand die Idee, über Ihre Reise in die besetzten Gebiete ein Buch zu schreiben?
Das Ganze begann als Serie für die israelische Tageszeitung Haaretz. Ich hatte den Eindruck, dass Menschen, die wie ich in Tel Aviv, Jerusalem oder Haifa leben, in einer Scheinwelt leben. Sie haben keinen blassen Schimmer von der Realität in den besetzten Gebieten, in der Westbank oder in Ost-Jerusalem. Sie schwingen Reden und schmieden Friedenspläne für Orte, die ihnen schlicht unbekannt sind.
Zum Beispiel?
Die Menschen in Tel Aviv reden über die Straßen in der Westbank. Sie sagen, dass es Straßen für Juden gibt und Straßen für Palästinenser. Aber ich habe vor zwei Jahren mit den Menschen vor Ort gesprochen. Und ich habe gemerkt: Das ist Unfug, das stimmt überhaupt nicht. Das gleiche gilt für die Kontrollpunkte der Siedlungen, von denen man immer meint, dass man sie selbst dann noch brauchen wird, wenn es dereinst einen palästinensischen Staat geben sollte. Also bin ich dorthin gefahren und habe mir mein eigenes Bild gemacht. Es gibt inzwischen überall diese Siedlungen. Von jeder Straße aus, die du in der Westbank befährst, kannst du sie sehen. Sie befinden sich immer oben auf den Hügeln. Aber das ist dann auch schon alles, was man davon mitbekommt.
Wie meinen Sie das?
Nicht einmal meine Freunde aus der sogenannten „Peace-Industry“ kennen diese Orte. Keiner von ihnen hatte eine Ahnung von der Menge an sekulären Bewohnern. Man glaubt ja immer, dort wohnen nur Fanatiker und Ultraorthodoxe, die ihre Zeit damit verbringen, zum Rabbi in die Synagoge zu gehen. Aber das stimmt nicht. Mehr als ein Drittel der Bewohner ist sekulär. Normale Menschen, die lediglich ihren Lebensstandard verbessern wollen. Und die Regierung erlaubt ihnen das. Die größte Errungenschaft der Siedlungsbewegung ist, wenn man so will, dass sie es geschafft hat, alle gesellschaftlichen und enthnischen Gruppen der israelischen Gesellschaft zu integrieren – mal abgesehen von den arabischen Israelis. Dort wohnen Russen, Mizrahim, Äthiopier, die Armen und die Menschen aus der Mittelklasse. Das ist ein normaler Schnitt durch die israelische Gesellschaft.
Ist die Siedlungsbewegung deshalb so erfolgreich?
Das erklärt zumindest, warum die Siedler so viel Unterstützung erfahren. Man darf nicht übersehen, dass viele der Bewohner Freunde oder Familie außerhalb der Siedlungen haben. Das hat die israelische Linke gar nicht begriffen. Die denken immer noch, es gehe um einen Kampf zwischen uns und den Rabbinern oder Siedlungs-Hardlinern wie Naftali Bennett – der übrigens gar nicht dort wohnt. Ich habe mit hunderten von Menschen gesprochen, mit Israelis wie Palästinensern aus allen Gesellschaftsschichten, Arbeitern, Intellektuellen oder auch ehenmaligen Gefangenen. Man bekommt dadurch einen anderen Eindruck vom Alltag in den Siedlungen.
Das klingt, als sei ausgerechnet in den Siedlungen der einstige Plan von einer multikulturellen israelischen Gesellschaft eingelöst worden...
Die Gründungsväter, also Ben Gurion und die Arbeiterpartei, wollten in den Vierzigerjahren einen jüdischen und zugleich demokratischen Staat errichten. Aber über die Jahre ist das jüdische Element immer stärker und, je länger die Besetzung der palästinensischen Gebiete dauerte, das demokratische Element immer schwächer geworden. Das Versagen der israelischen Liberalen besteht darin, dass es ihnen nicht gelang, eine wirklich multikulturelle Gesellschaft zu errichten. Wir haben ja nicht einmal eine Idee davon, wie eine israelische Republik aussehen könnte. Wir leben in einem jüdischen Ghetto. Wir gehen nicht raus und lernen fremde Menschen kennen.
Nir Baram Porträt
Warum fangen Sie nicht mit den Fremden im eigenen Land an?
Wenn ich daran denke, dass noch meine Großeltern arabisch gesprochen haben, und auch mein Vater – nur ich kann kein Arabisch, nie gelernt. Auch meine Freunde nicht. Dabei wäre das so wichtig. Auf der anderen Seite gibt es inzwischen auch schon eine junge Generation von Palästinensern, die kein Hebräisch mehr spricht – im Gegensatz zu den Älteren. Das nimmt sich also nichts. Das ist vielmehr ein Ausdruck einer neuen Separation. Separation ist nicht nur eine Grenzmauer.
Aber sie ist ihr sichtbarstes Zeichen... was wird denn da eigentlich getrennt?
Die meisten Palästinenser, mit denen ich gesprochen habe wie etwa der Chef des Flüchtlingslagers in Balata, sprachen über 1948, also über die Vertreibungen. Diese Menschen wollen ihr Land zurück. Ob sie israelische Staatsbürger werden, ist ihnen dabei egal. Ich konnte keine Obsession für einen palästinensischen Staat erkennen. Von den hunderten an Gesprächspartnern waren die meisten vor allem an Bewegungs- und Reisefreiheit interessiert. Sie wollen in Tel Aviv, Jerusalem oder anderen israelischen Städten wohnen und israelische Staatsbürger sein. Dafür würden sie notfalls sogar im israelischen Militär dienen.
Es geht also gar nicht um die Besatzung?
Wenn du mit Palästinensern sprichst, dann geht es ihnen nicht um die Rücknahme der Besatzung im Zusammenhang mit dem Krieg von 1967. Für Palästinenser ist das Jahr 1948 das eigentliche Trauma. Damals wurden sie deportiert, haben ihre Häuser verloren, ihr Geld, ihre Felder. Die Schlussfolgerung nach meiner Reise lautet: Natürlich können nicht alle Flüchtlinge plötzlich zurückkehren, doch solange die Israelis nicht offen über 1948 reden, solange wird es schwer sein, die Besatzung zu beenden und den Konflikt zu lösen.
Wobei eine Zwei-Staaten-Lösung zunehmend außer Richtweite gerät....
Manche Pazifisten, die meine Haaretz-Artikel lasen, wurden wütend, weil sie glaubten, ich untergrabe die Idee von einer Zwei-Staaten-Lösung. Aber ich wollte unbedingt die Wahrheit schreiben, so wie ich sie dort erlebt habe. Das war ja auch für mich nicht einfach einzugestehen. Weil ich doch auch keine Lösung für 1948 anbieten kann. Die meisten Dörfer gibt es doch gar nicht mehr. Wie will man denn dorthin zurückkehren?
Gegenfrage? Beißt sich da die Katze nicht in den Schwanz?
Mein Vater war Minister im Kabinett von Rabin. Er war ein Linker von der Ha Maarach-Partei. Er glaubte noch an Zwei-Staaten und gleiche Rechte für Israelis und Palästinenser. Aber er war seit 20 Jahren nicht mehr in der Westbank. Die Landkarte mit den Siedlungen, die Rabin seinerzeit hatte, entspricht nicht mehr der heutigen. Die Liberalen führen noch die selbe Diskussion wie damals, aber sie drehen sich im Kreis, weil sie die Realität negieren. Heutzutage muss man phantasievoller über Lösungen nachdenken.
Und zwar?
Selbst wenn über Kalandia und die Blockade dieses Checkpoints zwischen dem Norden der Westbank und Jerusalem redet, dann redet man letztlich über einen Ort jenseits der Grenzmauer. Wir reden also über 100.000 Menschen, von denen 95 Prozent der Israelis keine Vorstellung haben. Sie wissen nicht: Das ist Jerusalem. Nicht mal der Soldat am Checkpoint weiß das. Die Besatzung ist sehr phantasievoll geworden bei der Erfindung neuer Zonen, von denen man nicht weiß, unter wessen Kontrolle sie eigentlich stehen.
Worin sehen Sie die Lösung für dieses Kuddelmuddel?
Die Idee der Friedensbewegung – zwei souveräne Staaten, ein Land – ist ein kreativer Ansatz, mehr nicht. Als Autor habe ich viel Vorstellungskraft, aber ich habe keinen Schimmer, was in 50 Jahren sein wird. Ich sehe es einfach nicht! Was ich derzeit erkennen kann ist ein logische Spirale aus Gewalt und Phasen von relativer Ruhe, aber keinen dauerhaften Frieden. Deshalb habe ich mein Buch ja auch „Land der Verzweifelten“ genannt. Es geht nicht nur um die Situation jetzt. Ich habe mit hunderten von Juden und Araber immer die selbe Frage gestellt: Wie sieht es hier in 20 Jahren aus? Und sie haben alle keine Ahnung. Wir leben in einem Land, in dem die meisten Menschen ihr Leben leben, ihre Kinder großziehen und dabei nicht einmal wissen, wie die Grenzen ihres Landes gezogen sind. Das ist doch total verrückt.
Und welche Rolle spielt dabei die aktuelle Regierung?
Netanyahu hat relativ gute Bezeihungen zur internationalen Gemeinschaft. Na gut, vielleicht hassen ihn manche, aber sie unternehmen ja auch nichts, um ihn zu stoppen. Und wenn es um die Besatzung geht, dann ist die internationale Gemeinschaft lächerlich und machtlos. Doch insgeheim gibt es immer mehr Menschen auf der Welt, die Israel für seine Besatzungspolitik verachten. Ich rede nicht von Antisemitismus. Die Menschen können es einfach nicht leiden, was in Israel passiert. Und je gebildeter sie sind, je kritischer sind sie. Dieses Szenario aus Besatzung, Gewalt und mangelnder Unterstützung ist die beste Mixtur für ein herannahendes Desaster.
Was könnte Netanyahu stoppen?
Seit Netanyahu gibt es einen Status Quo. Für die Errichtung von jüdischen Siedlungen muss Israel keinen spürbaren Preis an die Internationale Gemeinschaft zahlen. Gleichzeitig gibt es im Land einen wirtschaftlichen Aufschwung. Doch seit vier Monaten beginnt das System Netanyahu zusammenzukrachen, weil es eine neue Welle der Gewalt gibt. Ich glaube, das ist der Beginn einer neuen Intifada. Vielleicht nicht so gewalttätig und lange wie die Zweite Intifada, aber wir werden immer wieder Ausbrüche von Gewalt erleben. Aber eigentlich hatten die Israelis Netanyahu dafür gewählt, dass er für Sicherheit sorgt. Und genau das klappt nun nicht mehr. Wir können derzeit den Niedergang des Netanyau-Systems beobachten.
Wovor fürchten Sie sich am meisten?
Eine der schockierendsten Erkenntnisse auf meiner Reise war die Tatsache, wie sehr die Palästinenser über 1948 reden. Sie werden das niemals vergessen. Das wird auch in den Buchkapiteln über Ramallah mit den Leuten von der Hamas deutlich. Dabei waren das gar keine Männer mit Kalaschnikow auf der Straße wie man sie aus den Medien kennt. Ihre Haltung ist ganz einfach: „Möglicherweise gab es einmal die Chance für eine Lösung des Konflikts, aber sie ist vertan. Wir sind die Israelis leid. Wir wollen sie nicht mehr sehen. Geht nach Europa zurück oder fahrt zur Hölle“.
Das klingt nicht nach großem Verhandlungsspielraum. Was sagen die Gemäßigteren?
Ich habe auch mit Fatah-Leuten gesprochen, ehemalige Gefangene von der Friedensinitiative. Sie saßen für zehn Jahre als Terroristen im Gefängnis. Und von diesen sogenannten Terroristen gibt es viele in der Westbank. Ich finde das schwer zu definieren – Terrorist. Alleine 700.000 Palästinenser saßen schon in israelischen Gefängnissen, 700.000 seit 1967! Kann man diese Menge fassen? Ich kann das nicht. Das würde doch meinen, dass es in jeder zweiten Familie einen Terrorristen gibt. Aber man muss diesen Menschen zuhören, denn für die Palästinenser sind das keine Terroristen. Auch diese Menschen haben die Israelis satt.
Und die Hardliner auf jüdischen Seite?
Es gibt einen moralischen Verfall, was die Selbstrechtfertigung in den jüdischen Siedlungen angeht. Vor allem junge Menschen finden es zunehmend schwierig, ihre Überlegenheit gegenüber den Palästinensern in der Westbank zu rechtfertigen. Sie sehen doch, was in der Welt los ist und sie suchen nach neuen Lösungen. Und es gibt ein paar Utopisten, die von einer Ein-Staaten-Lösung mit gleichen Rechten für alle träumen. Die intellektuelle Elite der Siedlerbewegung beginnt zu begreifen, dass sie den Palästinensern die Staatsbürgerschaft und Wahlrecht anbieten müssen, wenn sie ihr Land dauerhaft behalten wollten. Es gibt gar nicht wenige Siedler, die die Initiative „Ein Staat – zwei Völker“ unterstützen.
Und was träumen Sie in Ihren kühnsten Träumen?
Meine arabische Großmutter kam aus Aleppo – ganz einfach dorthin zu reisen. Wie Shimon Perez einst träumte. Seine Vision war, sich in Tel Aviv in ein Auto zu setzen und nach Damaskus zu fahren.

 

 

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Info:

Im Land der Verzweifelten. Ein Israeli reist in die besetzten Gebiete. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. VÖ: 22.02.2016. 304 Seiten. Hanser Verlag

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29Jan/16Off

Selfie-Terror in Tel Aviv

...ob das Interview nun auf der Kleinkind-Spielwiese in der Küche von Nir Baram, auf Kunstrasen in Idan Raichels Reihenhaus-Idylle in Kfar Saba oder bei einem SUV-Höllenritt zum Kindergarten in der Satellitenstadt stattfanden: Gastfreundschaft wurde immer groß geschrieben!
Nir Baram und sein Buch Im Land der Verzweiflung

Zurück aus den besetzten Gebieten: Nir Baram in der Küche seiner Wohnung in der Zeitlinstraße

Idan Raichel im Garten seines Hauses in Kfar Saba

Im Keller entstehen seine Hits: Idan Raichel im Garten seines Reihenhauses in Kfar Saba

Der Trompeter Avishai Cohen in der Leah Goldberg-Straße im Norden Tel Avivs

Hier bin ich geboren - hier lebe ich: Der Trompeter Avishai Cohen in der Leah Goldberg-Straße im Norden Tel Avivs

 

 

 

 

 

 

 

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21Jan/16Off

Der aus der Reihe tanzt – David Helfgott

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Der Klassikmarkt lechzt nach Musikern, die mehr können als fehlerlos Töne hintereinander zu spielen. In diesem sehr biederen Metier gibt es eine geradezu barocke Gier nach Kuriositäten. Nicht zuletzt deshalb haben Teufelsgeiger Hochkonjunktur wie Nigel Kennedy (als „Klassikpunk“) oder David Garrett (als „turbo-fiddelnder Womanizer“). In die Kategorie Kuriosität fällt auch der australische Ausnahmepianist David Helfgott, den nicht nur sein atemberaubendes Spiel, sondern auch die Folgen einer schizoaffektiven Störung zu jemandem macht, der aus der Reihe tanzt.
Der 1947 in Australien geborene David Helfgott galt bereits in jungen Jahren als Wunderkind. Durch die Vermittlung Isaac Sterns hatte er mit 14 Jahren das Angebot, in den USA zu studieren, doch sein Vater lehnte ab. Er war überfürsorglich, aus gutem Grund: Er hatte seine gesamte Familie während der Shoah verloren. Mit 19 Jahren jedoch gewann David Helfgott dann ein Stipendium für das Royal College of Music in London. Vier Jahre später trat er in der Royal Albert Hall auf, in der er mit dem 3. Klavierkonzert von Rachmaninow einen triumphalen Erfolg feierte. Der jähe Absturz kam 1970, als er nach einem Konzert in der Royal Albert Hall einen Nervenzusammenbruch erlitt und danach fast elf Jahre in psychiatrischen Kliniken verbrachte. Anschließend arbeitete Helfgott, gesundheitlich weiterhin angeschlagen, als Pianist in einer Weinbar in Perth.
Den entscheidenden Impuls für die Rückkehr Helfgotts auf die großen Bühnen dieser Welt lieferte der Hollywood-Streifen „Shine – Der Weg ins Licht“ von 1996. Für seine Verkörperung des Pianisten erhielt der Schauspieler Geoffrey Rush seinerzeit sogar den Oscar als bester Hauptdarsteller.
Auf die Beine war Helfgott gekommen, weil er die Astrologin Gillian kennengelernt hatte, die 1984 seine Ehefrau wurde. Seither sind die beiden unzertrennlich, auch bei den Konzertreisen durch die Welt. Auf einer dieser Tourneen wurden die Helfgotts von der Filmemacherin Cosima Lange begleitet. Aus dem Material aus dem Örebro Konserthus in Schweden, dem Gewandhaus in Leipzig oder dem Wiener Musikverein ist die wirklich sehenswerte Dokumentation „Hello, I’m David“ entstanden.
Cosima Lange rückt dem Phänomen David Helfgott von zwei Seiten zuleibe: Sie macht transparent, worin die Schönheit von Helfgotts Klavierspiel besteht und sie erklärt, worin seine „Verrücktheiten“ bestehen. Wobei das eine ohne das andere nicht zu haben ist. Beinahe unbegreiflich ist, wie Helfgott inmitten eines Melodiebogens, bei dem sich die Tabulatur schon zu biegen scheint, sein Spiel und die Komposition auf vielfältigste Weise verbal kommentiert. Er liefert dadurch gewissermaßen den Subkontext seiner Interpretation mit. So etwas ist, gelinde gesagt, unkonventionell. Für Traditionalisten wird dadurch die Aufführung gestört. Doch alle anderen schauen gebannt und vergnügt einem „Spielkind“ dabei zu, wie es sich austobt und dabei dem Werk neue Facetten abringt.
Helfgotts Undiszipliniertheit ist kein künstlerischer Spleen wie bei anderen Musikern, sondern Folge seines psychischen Zusammenbruchs. Begleiterscheinung ist, dass der Pianist eine unfassbare Kreativität  entwickelt, wenn es darum geht, sich eine Flasche Coca Cola zu stibitzen. Oder Kugelschreiber, die vor Helfgotts Zugriff ebenso wenig sicher sind wie Teebeutel. Helfgott kommuniziert mit seinen Mitmenschen in einer Form der (nichtsexuellen) physischen Distanzlosigkeit, von der die meisten peinlich berührt sind. Am liebsten würde Helfgott die ganze Welt umarmen. Mit seiner Musik ist er dazu schon auf dem bestem Wege.

 

 

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18Dez/15Off

Spezialist in allen Sparten – der englische Ausnahmemusiker Jonathan Cohen

Taktstock-Cello-Cembalo: Jonathan Cohen

Taktstock-Cello-Cembalo: Jonathan Cohen

In Fachkreisen wird er schon länger als „einer von Englands hervorragendsten jungen Musikern“ gehandelt. Doch es hat seine Zeit gedauert, bis sich auch auf dem Festland herumgesprochen hat, warum der 1977 geborene Cellist, Cembalospieler und Dirigent Jonathan Cohen zu den gefragtesten Musikern seiner Generation zählt. Ihn zu bestaunen ist nun nicht nur mittels einer handvoll hochkarätiger Neuerscheinungen möglich, sondern auch bei zwei anstehenden Konzerten. Die beiden Konzerte in Köln (25.12.) und München (21.1.) sind geradezu symptomatisch für einen Musiker, der sich gerne auch außerhalb seiner Komfortzone bewegt.

Aber was bedeutet eigentlich Komfortzone bei einem Mann, der zuletzt mit der jungen Star-Geigerin Vilde Frang ein umjubeltes Mozart-Abum (Warner Classics) gemacht hat, um fast zeitgleich mit den Sopranistinnen Christiane Karg (Berlin Classics) und Anna Prohaska (Deutsche Grammophon) ein weites Feld zwischen Monteverdi, Haydn und Mendelssohn zu beackern – nicht zu vergessen seine grandiosen Bach-Aufnahmen mit dem Cellisten Nicolas Altstaedt (Genuin) oder der Geigerin Alina Ibragimova (Hyperion)?

Jonathan Cohen ist, was seine Zuordnung zu einer bestimmten Musik-Epoche angeht, schwer zu fassen. Zumal auch noch Alben mit Monteverdi, Händel und Haydn sowie den wenig bekannten Gaetano Guadagni und Nicola Porpora zu Buche schlagen. Kurz gesagt: Cohen nicht nur in der Alten Musik zuhause, sondern auch in der Klassik. Doch egal wo er seinen Taktstock schwingt – dieser Mann sorgt für viel frischen Wind.

Cohens Vielseitigkeit spiegelt auch das Programm beim Konzert in der Kölner Philharmonie am 1. Weihnachtstag mit der Solistin Veronika Eberle an der Geige, bei dem nicht nur Haydn und Mozart gespielt werden, sondern auch Grazyna Bacewicz, eine der bekanntesten polnischen Komponistin unserer Zeit. Auch das Programm vom zweiten Konzert in München am 21. Januar, bei dem Kristian Bezuidenhout am Hammerklavier als Solist auftritt, steht für Vielseitigkeit. Neben den Barockkomponisten Henry Purcell und William Boyce werden Mozarts seltene Zwischenaktmusiken aus „Thamos, König in Ägypten“ gespielt.

Selbst mit der Neuen Musik ist Jonathan Cohen schon in Berührung gekommen, vor allem während seiner Zeit im London Philharmonic Orchestra und im Chamber Orchestra of Europe, wo er schon mit 21 Jahren spielte, damals noch als Cellist. Als Dirigent dieser Musik hat Cohen hingegen weniger Erfahrung. Das dürfte sich spätestens jetzt ändern, weil er vom Münchner Kammerorchester (MKO) eigens für die beiden erwähnten Konzerte berufen wurde. „Ich bin nicht als Barockspezialist ausgebildet worden“, sagt Jonathan Cohen, „sondern in allen Sparten der Musik. Mein Spezialistentum in Barock und Klassik kam erst später“.

Schon während seiner Zeit als professioneller Cellist hatte sich Cohen zunehmend für Kammermusik interessiert und kam so über die Barockmusik zum Cembalo. Nachdem er dann in Frankreich bei William Christies Barock-Ensemble „Les Arts Florissants“ assistierte, begann er am Cembalo Sänger zu begleiten und später ganze Opernproduktionen zu leiten. „Und schließlich habe ich vor fünf Jahren das Arcangelo-Ensemble gegründet, dass sich nicht nur auf Barock und Klassik konzentriert, sondern zuletzt sogar Zeitgenossen wie Benjamin Britten auf historischen Instrumenten und Naturdarm-Saiten gespielt hat. Für mich ist Arcangelo ein Kammermusik-Ensemble, in das ich meine breite musikalische Ausbildung und Erfahrung gut einbringen kann, egal ob die Stücke symphonisch oder opernhaft sind“.

Von Archangelo sind bislang 12 Alben erschienen. Jüdische Musik ist nicht darunter. „Ich bin überhaupt nicht religiös. Die Jüdischkeit kommt von der Familie meines Vaters und meiner Großmutter, die vor kurzem mit 102 Jahren gestorben ist. Sie lebte noch jüdisch und hat die Reformsynagoge in Manchester besucht, wo auch ich groß wurde.“ Die Jüdischkeit seiner Großmutter hat Cohen zwar nicht übernommen, dafür aber ihre Liebe zur Musik. „Sie war eine Amateur-Geigerin, die meine Entscheidung, Musiker zu werden, sehr stark beeinflusst hat“.

Wann die Cohens ursprünglich nach Großbritannien kamen, weiß der Musiker nicht. „Sie kamen eigentlich aus Irland, aus Cork. Mein Großvater war dort Schneider. Auch die Familie meiner Mutter war nicht besonders religiös. Sie lebte schon seit mehreren Generationen in Manchester, kam aber ursprünglich wohl aus Polen“.

Selbst wenn sich Jonathan Cohen im Alltag nicht um Jüdischkeit kümmert – um religiöse Dinge kümmert er sich immer dann, wenn er Sakral-Musik aufführt. „Und was könnte es Schöneres geben als die Musik eines Johann Sebastian Bach“?

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/24165/highlight/jonathan&cohen

 

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18Dez/15Off

In einem musikalischen Land – Die Pianistin Inga Fiolia

© Stephan Pramme

© Stephan Pramme/www.stephanpramme.de

Der Konkurrenzdruck unter jungen Pianistinnen aus der ehemaligen Sowjetunion, die nach Deutschland ausgewandert sind, ist enorm. Umso erfreulicher, dass sich viele von ihnen auf dem hart umkämpften Klassikmarkt durchzusetzen. Dazu zählt auch die junge Pianistin Inga Fiolia, die als „Kontingentflüchtling“ Anfang des Jahrtausends aus Georgien kam. Sie hat vor kurzem einen renommierten Plattenvertrag ergattert und spielt zudem im Rahmen des diesjährigen Kulturprogramm des Zentralrates der Juden. Höchste Zeit, die „Newcomerin“ vorzustellen, bevor die Interview-Termine rar werden.

Musik hat schon immer eine zentrale Rolle in Inga Fiolias Leben gespielt. Klavierspielen gelernt hat sie als Kind von ihrer Großmutter in Tiflis. Und wie ihre in Zürich lebende Schwester Lika hat sie später Klavier studiert. Schon ihr Vater spielte Klavier, doch er entschied sich nicht für eine Laufbahn als klassischer Musiker. Bekannt wurde er vielmehr als kreativer Kopf der Bands „Orera“ und „Dielo“, die man im Sowjetreich ähnlich wie die Beatles vereehrte. Selbst Ingas Mutter, die zeitlebens als Chemikerin gearbeitet hat, ist spät zum Klavier zurückgekehrt. Sie unterrichtet heutzutage in einer Musikschule in Remscheid-Lennep.

Bereits mit sieben Jahren hat Inga Fiolia ihr Debütkonzert mit dem Staatlichen Georgischen Kammerorchester gegeben. Das war 1992 und die Welt der damals Zwölfjährigen schien noch in Ordnung. Doch dann begann der Unabhängigkeitskrieg, bei dem sich Georgien vom übermächtigen russischen Reich abnabelte und bei dem Nationalisten an die Macht kamen. Die Mutter verlor ihre Stelle an der Uni Tiflis, weil sie Jüdin war, und so entschied sich die Familie, nach Moskau zu gehen, wo Inga sieben Jahre an der „Zentralen Musikschule für Hochbegabte des Tschaikowsky Konservatoriums“ studierte. „Ich habe Glück gehabt, dass ich dort aufgenommen wurde“, schwärmt die Pianistin rückblickend, „Mein Lehrer hieß Yuri Levin, ein Schüler des berühmten Heinrich Neuhaus. Von ihm habe ich gelernt, dass an erster Stelle nicht die technische Perfektion, sondern der musikalische Ausdruck steht“.

Ihr musikalischer Ausdruck muss auf Anhieb überzeugt haben, als sich Inga Fiolia 2001 auf einem verstimmten Klavier für das Vorspiel an der Hochschule für Musik Köln bei Professor Vassily Lobanov vorbereitet hat, denn sie wurde prompt genommen. Glücklicherweise, denn in Moskau hatte sich seit dem Tschetschenienkrieg die Stimmung gegenüber dem sogenannten „Gesicht der kaukasischen Nationalität“ verändert. Da auch Georgier dazugezählt wurden, bestand Generalverdacht: „Wir konnten auf der Straße kein Georgisch mehr sprechen. Immer musste man Angst haben, von der Polizei angehalten zu werden“, erinnert sich Inga Fiolia an ihre letzte Zeit in Moskau. „Ich wurde sogar zwischenzeitlich aus dem Konservatorium geworfen und bin erst nach einem Monat wieder aufgenommen worden“. Heute kann Inga Fiolia über die fadenscheinige Begründung, sie habe angeblich zu schlecht gespielt, laut lachen. „Doch damals hat mich das sehr verunsichert. Ich wollte nicht mehr in Russland bleiben, obwohl ich die russische Kultur sehr liebe“.

Als Inga Fiolia 16 Jahre alt war, hat ihr Lehrer Yuri Levin in der USA eine Professur angenommen, und so stellte sich die Frage, ob ihm die Schülerin dorthin folgen solle. „Doch ich habe mich für Deutschland entschieden. Weil es ein so musikalisches Land ist“.

Die Eltern kannten Deutschland bereits von einer Tournee durch die DDR, doch die Pianistin wusste, dass sie nach Köln will, weil dort Vassily Lobanov arbeitete, der später ihr Lehrer werden sollte. Am Tag der deutschen Einheit 2001 ist die Familie dann per Bus nach Deutschland eingereist. „Ich hatte ja auch in Russland kein eigenes Instrument und so musste ich nichts außer einem Koffer mitnehmen“. Die erste Zeit in den Heimen war schwer, besonders kurz vor der Aufnahmeprüfung. Inga Fiolia erinnert sich: Karneval in Köln, alle Geschäfte geschlossen, weit und breit kein Klavier. „Keine Ahnung, wie ich die Prüfung geschafft habe“.

Seither verfolgt sie ihr Aufbaustudium Konzertexamen, gewinnt Klavierwettbewerbe in Italien oder Deutschland, tritt im Fernsehen bei „Stars von morgen“ des Opernstars Rolando Villazon auf und hat seit neuestem sogar einen Plattenvertrag bei einem der renommiertesten Klassikverlage in der Tasche. Für 2016 ist die Veröffentlichung von Inga Fiolias CD-Debüt geplant. Das Besondere daran ist die Auswahl der Stücke. Die Pianistin spielt nicht etwa wohlbekanntes Klassikrepertoire, sondern sie spielt Komponisten, die Inga Fiolias Herkunft verraten: Werke von Tsintsadze, Gabunia, Khancheli, Matchavariani und Lagidze. Daneben gibt es Glinka und Chopin zu hören.

Wer nicht bis zur Veröffentlichung der CD bis nächstes Jahr warten möchte, der kann die anstehenden Konzerte besuchen. Alle Termine sind auf der Homepage von Inga Fiolia unter www.ingafiolia.com zu finden. Die Pianistin freut sich schon auf die Auftritte: „Ich liebe Klassische Musik, Bach und Beethoven, aber Georgische Musik ist genial. Sie zu spielen ist unbeschreiblich, diese Tiefe!“.

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/24167

 

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9Dez/15Off

Loneliest Texas Jewboy – Altersweise Songs von Kinky Friedman

Zigarre muss sein: Kinky Friedman

Schlappe vierzig Jahre hat er kein Album mehr mit eigenen Songs gemacht. Doch nun, zu seinem 71. Geburtstag, ist “The Loneliest Man I Ever Met” erschienen, mit einem Dutzend neuer Songs, die zwischen Songwriting und Country pendeln. Die Songtexte sind sparsam instrumentiert und geprägt von Lakonie und einem präzisen Gespür für Intonation. Die Verse sind durchtränkt von einer altersreifen, von Tabak, Alkohol und Kokain gegerbten Stimme. Doch trotz der langen Kreativpause ist von einer musikalischen Fortentwicklung kaum etwas zu spüren. So kennt man Kinky Friedman seit Anfang der Siebzigerjahre, als er mit seinen Texas Jewboys Songs wie „They Ain’t Makin’ Jews Like Jesus Anymore” Furore gemacht hat. Ein „Jewish Cowboy“ im besten Sinne, kantig und unangepasst, wie er hierzulande undenkbar wäre. Kein Mensch würde im Country-Style über Auschwitz singen wie Friedman damals in “Ride ’Em Jewboy“.
Das Repertoire der neuen CD umspannt nur drei Songs aus eigener Hand, darunter der Titelsong sowie zwei ältere Nummern. Doch die Auswahl spricht Bände: „Lady Yesterday“ stammt vom legendären Album „Lasso from El Paso“ von 1976, das damals immerhin mit Eric Clapton, T-Bone Burnett und Ringo Starr als Jesus aufwarten konnte. Und „Wild Man from Borneo“ ist eine Reminiszenz auf Friedmans dreijährige Friedenscorps-Zeit in Borneo.
Eine Reminiszenz auf vergangene Tage sind auch die übrigen Songs, denn fast alle alten Weggefährten tauchen auf: Als Pianist aus alten Texas Jewboys-Zeiten taucht Little Jewford auf, mit dem Friedman auch Tequila der Marke „Man in Black“ vertreibt. Daneben auch die Country-Ikone Willie Nelson, von dem „Bloody Mary Morning“ stammt. Ein Duett, das so wunderbar schräg das Album eröffnet, dass man kaum glauben mag, Friedman rauche Haschisch höchstens „der Ettiquette wegen“, wenn sein Freund „Willie Nelson zu Besuch“ kommt.
Es sind noch weitere alte Haudegen mit an Bord: Von Tom Waits stammt „Christmas Card From A Hooker in Minneapolis“ und von Johnny Cash „Pickin’ Time“. Cash sang seinerzeit an der Seite von Bob Dylan den Klassiker „Girl from the North Country“. Kein Wunder also, dass Friedman auch diesen Dylan-Song interpretiert.
Die meisten Songschreiber des Albums haben ihre Zeit nicht überlebt: „Freedom to Stay“ stammt von der Country- und Outlaw-Ikone Waylon Jennings und „That Shit’s Fucked Up“ von Warren Zevon. Und selbstverständlich sind auch die Broadway-Komponisten von „Wandrin’ Star“ (Lerner/Loewe) und „A Nightingale Sang in Berkeley Square“ (Maschwitz/Sherwin) längst im Nirvanha der Musikgeschichte.
Viele dieser Songschreiber waren vom Leben und von Drogen schwer gezeichnet – wie Kinky Friedman. Dabei fing alles ganz gut an: Der 1944 geborene Richard F. Friedman gründetete seine erste Band, als er noch Psychologie studierte. Schon mit seiner zweiten Band „The Texas Jewboys“ schrieb er Geschichte. Und er provozierte mit sexistischen Songs wie "How Can I Tell You I Love You (When You're Sitting On My Face)" oder "Get Your Biscuits in the Oven and Your Buns in Bed". Das waren noch gute Zeiten, als Friedman Anfeindungen von Frauenrechtlerinnen grandios parieren konnte: „I’m the Sexiest“!
Doch schon Ende der Siebziger wurde es musikalisch stiller. Stattdessen begann Friedman Romane zu schreiben – und musikalisch abzuhalftern. Und 2006 wollte er dann Gouvaneur von Texas werden, wurde aber unter den fünf Anwärtern nur vierter. Vielleicht war die Zeit noch nicht reif für Parolen über die Legalisierung von Haschisch und Glücksspiel.
Hängengeblieben sind viele Geistesblitze, so auch dieser: "Die Deutschen sind mein zweitliebstes Volk. Mein liebstes sind alle anderen". Das ist brilliant, doch es macht Kinky Friedman nicht zu „einem der besten Songwriter unseres Zeitalters“, wie das Tablet-Magazine jüngst schrieb. Wer zeitgenössische jüdische Countrymusik liebt, der sollte sich besser Philippe Cohen-Solals “Moonlight-Session” anhören. Oder Friedmans alte Platten bei Bear Family Records (www.bear-family.de) und seine Bücher bei der Edition Tiamat in Berlin (www.edition-tiamat.de) kaufen. Doch bei aller Kritik: Kinky Friedmans “The Loneliest Man I Ever Met” ist ein Alterswerk, das man unbedingt mal gehört haben muss. 

 

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