Jonathan Scheiner Texte & Musik

8Okt/14Off

Nach meiner Barmizwa habe ich die Löschen-Taste gedrückt – Der Klarinettist David Krakauer


 

Ihre Heimat ist New York, aber in Berlin haben Sie Ihre Karriere gestartet. Wie kam es dazu?
In Berlin war ich schon sehr oft. Das erste Mal, als die Mauer fiel. Ende der Achziger, Anfang der Neunziger Jahre habe ich bei den Klezmatics gespielt. Unser Plattenlabel war damals in Berlin und unser erstes Klezmatics-Album „Rhythm & Jews“ wurde 1990 ebenfalls dort gemacht. Im Februar 1990 haben wir beim letzten Festival des Politischen Liedes in der Ex-DDR gespielt. Später auch in der Berliner Volksbühne und dem Jazz-Club Quasimodo, der zu unserem zweiten Wohnzimmer wurde.
Nun gibt es gleich drei neue Alben, auf denen Sie neue Wege gehen?
Das Album „Akoka“ habe ich mit klassischen Cellisten Matt Haimovitz und dem Soundtüftler DJ Socalled gemacht. Doch im Kern geht es um ein 15-minütiges Stück des großen französischen Komponisten Oliver Messiaen. Der gläubige Katholik war in einem deutschen Gefangenenlager interniert. Dort schrieb er ein Stück über die Apokalypse, über das Ende der Zeit.
Worum geht es bei Akoka?
Messiaen war gemeinsam mit einem Klarinettisten, einem Geiger, einem Cellisten und einem Pianisten inhaftiert, für die er das Quartett schrieb. Ich habe dieses Stück, das zum klassischen Repertoire zählt, schon an die einhundert mal gespielt. Obwohl es einen katholischen Hintergrund hat, ist das Stück univeral. Mich hat besonders der mitinhaftierte Klarinettist Henri Akoka interessiert. Als die Kriegsgefangenen schließlich entlassen wurden, durfte Akoka nicht nach Hause. Weil er jüdisch war, wurde er mit dem Zug nach Auschwitz deportiert. Aber er konnte abspringen. Er brach sich den Arm, während er die Klarinette unter dem anderen Arm festhielt. Doch Akoka schaffte es bis nach Hause und überlebte.
Das klingt filmreif und passt gut zu Ihrem zweiten neuen Album „The Big Picture“
Das Album „The Big Picture“ enthält Musik aus Kinofilmen, die wir alle gut kennen. Ikonographische Filme wie „Cabaret“, „Fiddler on the Roof“ oder „Das Leben ist schön“ (La Vita é Bella). Wenn man sich die Liste ansieht, merkt man, dass es sich ausschließlich um jüdische Filme handelt, darunter drei Filme von Woody Allen. All diese wunderbaren Filmmusiken verraten etwas über Identität. Nachdem wir das Album fertig hatten, lehnten wir uns zurück, um uns das Ding noch mal anzuhören. Wir staunten: Wow, das ist die Geschichte meiner Familie, aus der Sicht des heranwachsenden jüdischen Amerikaners, in Form von Filmen.
Wie war denn Ihre jüdische Kindheit?
Ich wurde wie meine Eltern in New York City geboren. Meine Großeltern und meine Urgroßeltern kamen aus Russland, Polen und Lemberg in der Ukraine. Die Mutter meines Vaters kam aus einer Kleinstadt bei Minsk. Sie alle immigrierten Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts in die USA. Meine Mutter war Geigerin, meine Vater ein Musikliebhaber und Amateursänger. So war immer Musik im Haus. Mit zehn Jahren bekam ich die Chance, ein Orchesterinstrument zu lernen. Meine Mutter sagte: Du bist zu alt für die Geige. Du solltest besser Klarinette oder Flöte lernen. Also nahm ich die Klarinette.
Und wie kamen Sie zum Jazz?
Ich hörte „Rhapsody in Blue“ von George Gershwin und „Creation of the World“ von Darius Milhaud und all die anderen Stücke mit großen Klarinettensoli. Und mit elf Jahren habe ich dann erstmals Sidney Bechet gehört und das hat mein Leben komplett verändert: Ich wollte Jazz-Musiker werden.
Was ist das Besondere an Bechet?
Sidney Bechet hat mich unmittelbar angesprochen. Als ich seine Platten hörte, dachte ich, das sei eine Person, die tatsächlich durch sein Instrument „spricht“. Und nicht einfach Blablabla, sondern wahre Geschichten, als würde er Gefühle durch Musik ausdrücken. Dadurch begriff ich die Macht der Musik.
Und wie kamen Sie zur jüdischen Musik?
Ich hatte meine Barmizwa, weil meine Eltern sagten: Wenn du das nicht machst, dann brichst du deinen Großeltern das Herz. Also machte ich das, obwohl ich in einer nichtreligiösen, assimilierten Familie groß wurde. Unglücklicherweise war der Unterricht sehr funktional und ich war schnell gelangweilt. Sofort nach der Barmizwa habe ich die Löschen-Taste gedrückt.
Wie haben Sie doch noch nach Hause gefunden?
Ich habe das immer bedauert, vor allem, wenn ich Kids gesehen habe, die eine wunderbare Barmizwa hatten und flüssig Hebräisch sprechen konnten. Und dann gab es da meine Oma mit ihrem herben jiddischen Akzent. Ich dachte immer, da existiert etwas in meiner Welt, das ich überhaupt nicht kenne, eine Art Heimweg, verschüttete Wurzeln. So fing ich in den späten Achzigerjahren an, Klezmer zu spielen. Ich war damals schon 30.
Sie arbeiteten damals noch als klassischer Musiker?
Tatsächlich spielte ich Klezmer nur als Hobby. Ich war eigentlich Profimusiker, spielte Kammer- und Zeitgenössische Musik. Denn in meinen Zwanzigern hatte ich eine Krise gehabt. Ich bezweifelte damals, dass ich eine originäre Stimme habe, dass ich überhaupt gut genug für den Jazz sei. Also hatte ich mich für zehn Jahre auf Klassische Musik konzentriert. Doch als ich den Klezmer entdeckte, dachte ich mir, das könnte ein Weg sein, meine ureigene Stimme doch noch zu finden.
Waren Sie ein Naturtalent?
Ich musste eine Menge lernen. Ich studierte Naftule Brandwein und die Platten von Dave Tarras. Doch auch wenn ich sehr hart studieren musste, um jedes Tremolo, jeden Klang und jede Farbe zu begreifen, so fühlte es sich doch natürlich an. Ich dachte mir immer, oh, das klingt ja wie die Stimme meiner Großmutter.
Wann wurden Sie Teil des Klezmer-Revival?
Die Klezmatics haben mich gefragt, ob ich mit ihnen spielen will. Es gab damals dieses Vorurteil, Klezmer sei etwas für für die alten Leute in Florida und wenn die sterben, dann stirbt auch der Klezmer. Aber dann kamen wir nach Berlin. Wir spielten mit Verstärkern und klangen wie eine jüdische Punkband. Und siehe da, die Leute tanzten und machten Party. Und all diese Leute waren ganz und gar nicht jüdisch. Wie durch einen Unfall haben wir eine neue Bewegung losgetreten, die sich nach Europa auch in den USA festgesetzt hat.
Und wann kam es zum Aufeinandertreffen mit John Zorn?
John Zorn hat mich 1992 für sein legendäres Kristallnacht-Konzert in München engagiert, neben dem Klezmatics-Trompeter Frank London, Anthony Coleman, Mark Dresser, Mark Feldman und Marc Ribot. Das Konzert ist später als Beginn der Radical Jewish Culture in die Geschichtsbücher eingegangen. Den Begriff hat Zorn zwar erfunden, doch die Bewegung gab es schon länger. Vorher gab es schon die Klezmatics oder es gab Don Byrons Mickey Katz-Project. Ich denke, radikale jüdische Kultur geht zurück bis zu Künstlern wie dem Standup-Comedian Lennie Bruce Mitte der Sechzigerjahre.
Was lag denn Anfang der 90er in der Luft?
Das Wunderbare an John Zorn war, dass er begriffen hatte, was alles zur Radical Jewish Culture dazuzählte. Parallel dazu gab es den Fall der Berliner Mauer Ende der 90er Jahre, die Öffnung Ost-Europas. Plötzlich lasen wir in der USA Milan Kundera. Philip Roth brachte die Anthologie „Writers From the Other Europe“ heraus. Es gab Witold Gombrowicz und es gab Bruno Schulz, all diese großen polnisch-jüdischen Dichter, die vorher hinter dem Eisernen Vorhang lebten. John Zorn hat mit Tzadik-Records ein Plattenlabel gegründet und mit Radical Jewish Culture nicht nur einer Bewegung, sondern auch einer ganzen Platten-Serie seinen Namen gegeben. Unter diesem Namen sind nicht nur wegweisende Zorn-Alben wie das „Masada-Songbook“ oder „The Book of Angels“ erschienen, sondern auch die jüdische Musik seiner Kollegen, darunter auch meine „Pruflas“-CD.
Inwiefern ist Ihre Musik überhaupt radical jewish?
Ich habe das erste Album der Radical Jewish Culture Series gemacht. Es hieß Klezmer Madness, so wie auch meine damalige Band. Ich führte die Ästhetik der Klezmatics fort, und die war anti-nostalgisch. Ich mag keinen Museums-Klezmer. Ich liebe es, wenn die Leute aufstehen und tanzen und direkt auf die Musik reagieren – mit Körper und Geist.
Mischen Sie deshalb Klezmer mit Funk?
Ich bin mit Funk groß geworden, mit James Brown und The Parliament. Doch selbst gespielt habe ich den Funk erst, als ich mit Fred Wesley, dem Posaunisten der Funk-Ikone James Brown, in Kontakt kam. Das fühlte sich sofort sehr natürlich an. Dazu kam noch DJ Socalled und im Oktober 2006 war dann die Band Abraham Inc geboren.
Und warum haben Sie ihre aktuelle Band Ancestral Groove genannt?
Klezmer war für mich zu einengend. „Ancestral Groove“ passt besser zu dem, was ich derzeit spiele. Wir leben in einer sehr spannenden Zeit, in der wir uns vom Klezmer-Ettikett lösen und einfach nur Musik machen können. Die jiddische Kultur, die es vor dem Krieg gab und die von den Immigranten mitgebracht wurde – diese Kultur ist tot. Sie ist nicht mehr Teil des Alltags. Wir können deshalb heulen, aber es ist eine Tatsache.

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/21004

 

 

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