Jonathan Scheiner Texte & Musik

11Dez/14Off

Sol Gabettas „Prayers“

Das Repertoire von Sol Gabettas neuem Album “Prayer” ist ebenso anspruchsvoll wie überraschend. Anspruchsvoll, weil sie sich in die Fussstapfen eines der größten Virtuosen ihres Instruments begibt, in die des Cellisten Pablo Casals. Und überraschend, weil sie um eine Komposition des Katalanen klugerweise Stücke von Ernest Bloch und Dmitrij Schostakowitsch gruppiert hat. Nicht irgendwelche Kompositionen, sondern Stücke mit jüdischer Thematik. Neben den Werken des Schweizers Ernest Bloch (1880-1959), „Jewish Life“, „Baal Shem“, „Méditation Hébraïque“ und „Schelomo“ sind vier Stücke aus Dmitri Schostakowitschs (1906-1975) „Aus der jüdischen Volkspoesie, op. 79“ und Pablo Casals (1876-1973) „El Cant des Ocells-Song of the Birds“ zu hören.
Die Cellistin sagt, dass es das titelgebende Stück „Prayer“ von Ernest Bloch war, welches den Anstoß zu diesem Album gegeben hat: „Ich spielte ‚Prayer’ oft als Zugabe in Konzerten und konnte bei vielen Menschen eine Betroffenheit und Ergriffenheit spüren. Die Musik ist sinnlich und besinnlich zugleich“. Womit Sol Gabetta nicht nur das Wesen dieser Komposition beschreibt, sondern das vieler weiterer von Ernest Bloch und das der jüdischen Synagogalmusik im allgemeinen. Dennoch weist Sol Gabetta zurecht darauf hin, dass „die Gefühle, die die Musik von Bloch ausdrückt, universal sind und keine Gräben zwischen Kulturen und Landesgrenzen kennen.”
Schon die frühen Kompositionen des Schweizers Ernest Bloch um 1913-1914 waren Psalmvertonungen, doch er hat durch alle Schaffensphasen hindurch jüdische Themen in Noten gesetzt. „Was mich interessiert, ist die jüdische Seele, die geheimnisvolle, inbrünstige, aufgewühlte Seele, die ich durch die gesamte Bibel hindurch pulsieren sehe; die Frische und Unbeschwertheit der Erzväter, die Gewalttätigkeit der Propheten, die unbändige Liebe der Juden zur Gerechtigkeit, die Hoffnungslosigkeit der Prediger, das Leid und die enorme Größe des Buches Hiob, die Sinnlichkeit des Hoheliedes. All das ist in uns, all das ist in mir, und es ist der bessere Teil von mir. All dies ist es, was ich mich bemühe in mir zu hören und in Noten zu setzen “.
Das dreiteilige Stück „Jewish Life“ (1925) umfasst das titelgebende „Prayer“, „Supplication“ und „Jewish Song“. Nur das letzte Stück bewegt sich dem Titel nach außerhalb der liturgischen Welt der Synagoge, dabei benutzt der Komponist, wie Jascha Nemtsov schreibt, „in der Cello-Stimme sogar einige aus dem Orient stammende Vierteltonintervalle, die für traditionellen jüdischen Gesang oft kennzeichnend sind“. So ist auch hier der Bezug zur Synagogalmusik gegeben, und das ist durchaus kein Zufall: Bloch war in einer tradionsbewussten jüdischen Familie in Genf groß geworden. Sein Großvater war Präsident der Jüdischen Gemeinde in Lengnau und der Vater durchlief eine Rabbinerausbildung. Schon als Kind war Ernest Bloch also mit Synagogalmusik vertraut.
Auch Blochs „Nigun“ ist eine religiöse Melodie, die ohne Worte gesungen wird. Sie entstand 1923 als Teil des Werkes „Baal Schem“. Diese „Drei Bilder aus dem chassidischen Leben“, deren Ttiel auf den Begründer der chassidischen Bewegung Bezug nimmt, hat Ernest Bloch dem Andenken seiner Mutter gewidmet. Während der Originaltitel ursprünglich mit „Jüdische Melodien“ oder „Drei jüdische Stücke“ angegeben wurde, so haben sich später die Titel „Méditation (Vidui)”, “Rhapsody (Nigun)” und “Yontef - Fête - (Simhas Torah)” etabliert.
Bloch komponierte die „Méditation Hébraïque“ 1924 und widmete sie Pablo Casals, einem der berühmtesten Cellisten des 20. Jahrhunderts
Einen ganz anderen Ansatz verfolgte Dmitri Schostakowitsch, der sein Stück „From Jewish Folk Poetry“ im Jahre 1948 verfasste. Aus diesem Jahr datiert auch der berüchtigte ZK-Beschluss, der moderne Musiktendenzen verurteilte, was eine Vielzahl an jüdischen Künstlern betraf und nicht nur die der „Neuen Jüdischen Schule“ um Zeitlin, Saminsky und Achron, sondern auch Komponisten wie Mieczyslaw Weinberg. Es waren jüdische Künstler gemeint, wenn offiziell von „heimatlosen Kosmopoliten“ gesprochen wurde. Schostakowitschs Komposition wird deshalb nicht zu unrecht als stiller Protest gegen die antisemitischen Tendenzen dieses ZK-Beschlusses gewertet.
Von Schostakowitschs elfteiligem Liederzyklus sind nur vier Stücke in das „Prayer“-Album aufgenommen worden: „Lullaby“, „A Warning“, „The Song of Misery“ und „The Young Girl’s Song“. Diese Lieder erzählen vom traditionellen jüdischen Leben und den alltäglichen Freuden, Sorgen und Nöten im zaristischen Russland. Der Komponist wählte für seinen Zyklus eine russische Übersetzung jiddischer Volkslieder, deren Melodien allerdings nicht abgedruckt waren. Dennoch war Schostakowitsch die Musik der Jidden geläufig. Sie könne „so fröhlich erscheinen und in Wirklichkeit tief tragisch sein – ein Lachen durch Tränen“. Die Arrangements der vier Stücke für Cello und Streichorchester wurden extra für diese Aufnahme von Mikhail Bronner, einem befreundeten Komponisten Sol Gabettas, geschrieben und sind hier als Weltersteinspielung zu hören.
Ernest Blochs berühmtes Werk Schelomo: Rhapsodie Hébraïque für Violoncello und Orchester”, entstand zwischen 1915 und 1916 als letztes Werk seines Jüdischen Zyklus. Es war zudem das letzte Werk, welches Bloch vor seiner Übersiedlung in die USA vollendete und wurde am 13. Mai 1917 in der Carnegie Hall in New York uraufgeführt. Bloch hatte das Werk ursprünglich als Vokalwerk angelegt, wurde aber durch die Bekanntschaft mit dem Cellisten Alexandre Barjansky dazu inspiriert, dem Cello die Rolle des König Solomon (hebräisch: Schelomo) zu übertragen. Schelomo hat drei Teile, von denen jeder einen anderen Aufbau  hat und unterschiedliche musikalischen Themen nutzt.
Unter den Musikern, die den Schelomo noch zu Lebzeiten Blochs dirigiert und gespielt haben, war auch einer der größten Cellisten des 20. Jahrhunderts, Pablo Casals (1876-1973)."
"Von Casals stammt auch das abschließende Stück der CD „El Cant des Ocells- Der Gesang der Vögel/The Chant of the Birds“. Dabei handelt es sich um ein traditionelles katalanisches Weihnachtslied mit einer einfachen und sehr ergreifenden Melodie. Während der Franco-Diktatur machte es Casals zur Hymne der Exil-Katalanen und seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs spielte es der Cellist als Zugabe bei seinen Konzerten. Sein Haus in Prades nannte Casals „El Cant des Ocells“ und noch bei seiner Beisetzung wurde es am offenen Grab gespielt.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs spielte es der Cellist als Zugabe bei seinen Konzerten. Das tut nun auch Sol Gabetta: als Hommage an ihren großen Vorgänger und krönenden Abschluss dieses Albums."

Der Text erschien im Booklet der neuen Sol Gabetta-Album Prayers. Sony Classical 2014.
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