Jonathan Scheiner Texte & Musik

22Dez/14Off

Westöstliche Empfindsamkeit – Anouar Brahems „Souvenance“

 

Sechs Jahre hat der Oud-Spieler Anouar Brahem keine neue Musik mehr veröffentlicht. Zu sehr haben die politische Umwälzungen in seinem Heimatland Tunesien sein künstlerisches Schaffen in den Hintergrund gedrängt. Nun hat Brahem mit „Souvenance“ ein Doppelalbum bei ECM herausgebracht, das unmittelbar mit dem Arabischen Frühling in Verbindung steht. Doch wer ein politisches Statement oder gar politische Musik erwartet hatte, der wird enttäuscht. Statt dessen bekommt man -  nicht mehr und nicht weniger - eines der schönsten Alben dieser Zeit geboten. Die elf Songs finden eine großartige Balance zwischen arabischer und europäischer Musik, zwischen Jazzimprovisationen und zeitgenössischer Kammermusik. Selbst in der reichen 50 jährigen Geschichte von ECM stellt dieses Album einen Höhepunkt dar.
Im Jahr 2008 ist das letzte Album vom Oud-Spieler Anouar Brahem erschienen. „The Astounding Eyes of Rita“ präsentierte den 1957 in Tunis geborenen Musiker an der Seite des Pianisten Francois Couturier, dem E-Bassisten Björn Meyer und dem Bass-Klarinettisten Klaus Gesing. Dieses ungewöhnliche Jazz-Quartett agiert nun auch auf dem Doppelalbum „Souvenance“, erweitert durch das Orchestra della Svizzera italiana unter der Leitung von Pietro Mianiti. Wer argwöhnte, die intime und geradezu zärtliche Musik Brahems werde durch ein lautstarkes Streicherensemble bedroht, der dürfte mehr als überrascht sein. Im positiven Sinne.
Die elf Stücke basieren auf einfachen Melodien, die sehr zurückgenommen  instrumentiert und interpretiert wurden. Das bezieht sich nicht nur das Orchester, sondern auch das Jazzquartett. Obwohl es so wirkt, als improvisierten die Musiker, so sind diese Songs doch weitgehend notiert.
"Ich bin bekannt – in Paranthese – als Musiker, der Melodien spielt. Oft ist das das Einzige, was ich tun kann. Aber dieses Mal hatte ich das Gefühl, dass ich mich in eher abstrakte Gefilde bewege. Das war eine absolute Herausforderung. Auf der einen Seite sind die Streicherpassagen durchkomponiert. Auf der anderen Seite ist mein Quartett aus improvisierenden Musikern zusammengesetzt, aber da fast 100% der aktuellen Musik notiert wurde, gibt es für sie viel weniger Platz zum Improvisieren. Doch auch wenn es keine wirklichen Improvisationen gibt – und es gibt tatsächlich kein einziges Solo auf dieser Platte – so ist doch wenigstens die Haltung der Musiker die von Improvisationskünstlern. Denn sie spielen diese Musik als wär’s das erste Mal – so als würden sie gar nicht nach Noten spielen. Ich hatte selbst beim Streicherensemble zuweilen den Eindruck, als würden sie etwas spielen, was hinter den Noten liegt, hinter der notierten Musik".
Schon auf den vorangegangenen Alben von Anouar Brahem hatte sich angedeutet, was sich nun als Eindruck verstärkt: Seine Musik pendelt zwischen improvisiertem Jazz und komponierter Musik, mit Tendenz zu letzterem. Die Annäherung von Brahems Musik an die zeitgenössische europäische Kammermusik ist umso erstaunlicher, als die elf Songs vor dem Hintergrund des Arabischen Frühlings entstanden sind. Aber als eine Hommage an den politischen Wandel in seiner Heimat ist seine Musik nicht gedacht.
"Für mich war das eine neue, einzigartige Erfahrung. Ich komme von der traditionellen arabischen Musik her und habe keine westliche Klassik-Ausbildung genossen. Als mir die Idee mit dem Streichorchester in den Sinn kam, dachte ich mir zunächst, das sei eine Schnapsidee. Das Risiko mit den Streichern bestand darin, ein orientalistisches Klischée zu bedienen. Also musste ich eine organische Verbindung zwischen den Streichern und der Musik finden, damit die Musik eine wirkliche Bedeutung besitzt und nicht nur im Hintergrund spielt oder wie ein arabisches Streichorchester die Melodie führt. Tatsächlich verwende ich das Streicherensemble eher wie ein fünftes Bandmitglied. Man kann nicht sagen, dass diese Musik ausschließlich klassisch europäisch ist. Aber auch, wenn ich mit Jazzmusikern spiele, habe ich nie das Gefühl, „arabischen“ Jazz zu spielen. Ich versuche lediglich, meine Musik zu machen".
Das Orchester trägt wie die übrigen vier Musiker zur Vielschichtigkeit der Textur bei, zur Vervielfältigung und Nuancierung einfacher musikalischer Phrasen. Obwohl diese Musik ganz simpel wirkt, setzt sie doch Interpreten mit hervorragender Intonation und Empfindsamkeit voraus. Nicht nur deshalb, sondern auch wegen der großartigen Aufnahmetechnik, ist Anouar Brahems „Souvenance“ eines der schönsten Alben dieser Zeit. Die geografisch-kulturelle Grenze zwischen Orient und Okkzident wird hier mühelos überwunden.
veröffentlicht unter: Uncategorized Kommentare
Kommentare (0) Trackbacks (0)

Die Kommentarfunktion ist hier derzeit deaktiviert.

Trackbacks are disabled.