Jonathan Scheiner Texte & Musik

26Dez/14Off

Piyutim aus dem wilden Kurdistan

 

Hierzulande scheint es jenseits aller Vorstellungskraft zu sein, dass es im „wilden“ Kurdistan auch jüdische Musik gegeben hat. Doch als Teil des Osmanischen Reichs hat es dort – wie in allen anderen Teilen des Riesenreichs – eine reiche jüdische Kultur gegeben. So erstaunt es nicht, dass das Jazz Piyyut Project auf ihrem Album „Azur“ eine Reihe von Überraschungen aufbietet. Ein klassisches Jazz-Trio um den Initiator und Pianisten Max Doehlemann und seine beiden alten Haudegen Christian Schantz und Martin Fonfara an Bass und Schlagzeug wird erweitert durch zwei Musiker, die im Alltag mit Jazz nichts am Hut haben: Die beiden Kantoren Hadass Pal Yarden (Gesang) und Yaniv Ovadia (Gesang, Baglama) aus Jerusalem. Die Sefardin Pal Yarden hat klassische türkische Musik studiert und bereits türkisch-sefardische Musik auf CD publiziert. Und Yaniv Ovadia entspringt jener gar nicht so kleinen Community von kurdischen Juden, die ihre Heimat in Richtung Israel verlassen haben. Die beiden Sänger sind innerhalb des Quintetts also für die Piyutim zuständig.
Angst vor dem gewaltsamen Aufeinandertreffen zweier sich fremder Musikwelten verfliegen mit den ersten Tönen. Zu geschmeidig, zu kunstvoll werden die insgesamt zwölf Songs gespielt. Dabei wird allein in vier Sprachen gesungen: Neben Hebräisch und Ladino auch Türkisch und (Alt-) Kurdisch. Außer Kinderliedern gibt es bekannte Piyutim wie „Adon Olam“ und „Yigdal Elohim Hay“. Und neben Naomi Shemers Evergreen „Yerushalim shel zahav“ gibt es ein türkisches Volkslied, das die Stadt Çanakkale besingt. Die Melodie des türkischen Liedes gibt es auch in der jüdischen Tradition als „Ki Eshmerah Shabat“. Daher kann die Sprache nahtlos von einem zum nächsten Vers wechseln. Ein gängiges Muster, das für viele türkisch-jüdische Lieder gilt.
Zusammengehalten wird diese babylonische Vielfalt durch Max Doehlemann. Einfach war das nicht: „An die Vitalität dieser Musik habe ich mich erst rangearbeitet. Das ist ja nicht meine originäre Musiksprache. Ich bin ja im Grunde ein Greenhorn“, verrät der Berliner. Ein einfacher Switch zwischen Jazzimprovisation und Makam gelingt selbst einem abenteuerlustigen Musiker wie ihm nicht im Handumdrehen. Aber er verrät einen simplen Trick: „Vierteltöne musste ich einfach weglassen oder großräumig umschiffen, sonst hätte sich das gebissen“. So simpel, so schön kann die Koexistenz zwischen Orient und Okzident sein.
Info: Jazz Piyyut Project: Azur. Blackbird Music 2014. www.blackbird-music.de

 

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