Jonathan Scheiner Texte & Musik

15Okt/15Off

Der Scherz der Welt – Ohad Ben-Ari und sein ID-Festival in Berlin

Ohad Ben-Ari

Die Schätzungen, wie viele Israelis in Berlin leben, gehen auseinander. Es sind wohl zehntausende. Dazu kommen die vielen israelischen Touristen, die sich die Augen reiben, wie sehr Deutschland dem Image widerspricht, mit dem sie sozialisiert wurden. Höchste Zeit also, eine Veranstaltung wie das ID-Festival ins Leben zu rufen, um Bilanz zu ziehen, warum ausgerechnet unter Israelis ein so großer Berlin-Hype entstanden ist. Das Festival, das vom 16.10.–18.10. im Berliner Radialsystem stattfindet, präsentiert nicht nur ein hochkaratiges Musikprogramm, sondern auch Tanzstücke, Kabarett, Ausstellungen, Filme und Diskussionen. Gemeinsam wird dem Status Quo der deutsch-israelischen Identität auf den Zahn gefühlt.
Entstanden ist die Idee, als der Pianist und Festivalleiter Ohad Ben-Ari mit seinem Freund Guy Braunstein, dem Star-Geiger und ehemaligen Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, durch die dortige Kantine ging. Ben-Ari war fassungslos, wieviele Musiker aus Israel er wiedererkannte. „Ich wollte mit all diesen Israelis ein gutes Orchester gründen. Das war meine urspüngliche Phantasie. Und ich hatte Glück: Alle machen nun mit, nicht nur die Crème aus Berlin, sondern aus ganz Deutschland“. Am Ende ist aus der Idee ein Festival entstanden, das mit über einhundert Künstlern aufwarten kann.
Ben-Ari hat den deutsch-israelischen Identitäts-Wandel selbst miterlebt. In den Neunzigerjahren hat er vier Jahre in Frankfurt studiert, aber das sei noch eine völlig andere Zeit gewesen. „Wer in Deutschland studierte, musste sich rechtfertigen. Kein Wunder. Sogar ein Fernseher aus Deutschland wurde in den Sechzigerjahren noch mit Skepsis beäugt“.
Nicht nur die Menge an Israelis in Deutschland hat sich verändert, sondern auch deren Einstellung gegenüber ihrer neuen Heimat. Der Grund für den Zuzug junger Israelis in den letzten Jahren liegt nicht nur in finanziellen Vorteilen oder den vergleichsweise geringen Lebenshaltungskosten hierzulande. „Künstler verdienen in Israel sehr wenig Geld. In Deutschland dagegen kann man von Kunst leben – einer der wenigen Orte auf der Welt. Berlin war bis in die Dreißigerjahre eine Kulturhauptstadt. Das ist sie wieder. Heute ist die Stadt genauso wichtig wie London, Paris und New York. Insbesondere für klassische Musiker gibt es die Verbindung mit der deutschen Kultur und den deutschen Komponisten“. Das spiegelt sich auch im Programm des Festivals, bei dem es nicht etwa israelische, sondern vor allem deutsche Komponisten zu hören gibt. „Wenn es politische korrekt wäre, dann würden wir sogar Wagner spielen“, scherzt Ben-Ari.
Dieser Sinneswandel ist vor allem in den letzten zehn Jahren zu verzeichnen. Wagner gilt zwar noch immer als politisch inkorrekt, aber er ist längst kein Tabu mehr, erst recht nicht unter jungen Musikern aus Israel wie Ben-Ari: „Wir sind alle mit der Shoah groß geworden. Doch wenn ich als Kind an Deutschland gedacht habe, dann dachte ich nicht an „Nazis“, sondern an die Texte von Wagner-Opern, an die „Salome“ von Richard Strauss oder die „Winterreise“ von Schubert. Denn ich bin als Musiker aufgewachsen. Als Kind wusste ich nicht, dass meine aus der Ukraine und Galizien stammende Familie – zumindest größtenteils – den Holocaust überlebt hat. Darüber sprach man nicht. Meine ältere Schwester Miri hat einen Familienstammbaum gemacht und deshalb wusste sie das. Ich nicht“.
Um Geschichtsvergessenheit oder finanziellen Opportunismus handelt es sich nicht, wenn Deutschland so positiv gesehen wird. Vielmehr hat sich Deutschland gewandelt, weil es sich vom Land der Täter zum weltoffenen Staat gemausert hat, das sich seiner finsteren Vergangenheit stellt. Dagegen wird Israel von der jungen Generation, bei aller Heimatliebe, nicht mehr nur durch die rosarote Brille gesehen. „Israel ist problematisch heutzutage und zwar in ideologisch-moralischer Hinsicht. Ich bin in den Siebzigerjahren geboren, da waren die Gebiete schon besetzt. Man wuchs so auf, das war ganz normal. Doch inzwischen, von außen betrachtet, sieht man die aktuelle Situation anders. Es gibt kein Weiß und kein Schwarz mehr. Nach 50 Jahren Besatzung kann ich erkennen, welch’ schlechten Einfluss die Besatzung auf das israelische Volk hat. Dagegen wirken ausgerechnet die Deutschen liberal und weltoffen. Viele Israelis tun sich noch immer schwer, das einzugestehen. Das ist der Scherz der Welt“.
Dazu passt der Untertitel des ID-Festivals „Auf der Suche nach neuen Traditionen deutsch-israelischer Identität“. Mal sehen, wie die Erfolgsgeschichte weitergeht, die der Zuzug von jungen israelischen Künstlern ausgelöst hat. Der Status Quo sieht schon ganz rosig aus. 
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/23550/highlight/Jonathan&Scheiner

 

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