Jonathan Scheiner Texte & Musik

2Mai/12Off

Geistesblitz

Nachruf auf Ivan Nagel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kennengelernt habe ich Ivan Nagel Anfang der Neunziger in einem stickigen heißen Raum, der zur Berliner Hochschule der Künste, der heutigen UDK, gehörte. In diesem fensterlosen Dachzimmer ging es Stund um Stund um nichts weiter als um ein einziges Bild: Den „Schwur der Horatier“ von Jacques-Louis David. An diesem einen Bild hat uns jungen Ahnungslosen Ivan Nagel mal eben die Kunstgeschichte der Aufklärung aufgeblättert, mal eben an ein paar Pinselstrichen die europäische Zeiten- und Geisteswende um 1784 hinter die Ohren geschrieben. Für mich als Greenhorn aus der schwäbischen Provinz, der an die Bildwelt des barocken Überschwangs gewöhnt war, hatten die drei abgebildeten Horatier in etwa den selben Verve wie Pinocchio beim Einschlafen. Da war nichts zu sehen, nichts zu erkennen, nichts zu deuten.

Zunächst, denn uns Blindlingen hat Ivan Nagel von einer Kippe zur nächsten die Augen geöffnet. In dieser Meisterschaft zählt Nagel zu einer Goldenen Generation von „Lehrern“ im gerade zuende gehenden West-Berlin, Männer von schier atemberaubendem Wissen und Verstand, Männer, die wie Peter Wapnewski an nur einer mittelhochdeutschen Verszeile mal eben das dunkle Mittelalter beleuchtet, wie Norbert Miller am ersten Satz eines Romans den Übergang von Romantik zu Empfindsamkeit diagnostiziert und wie Wolfgang Wolters an einer venezianischen Holzdecke die Wiedergeburt der Antike begreiflich gemacht hat. (Gibt’s sowas heute eigentlich noch?)

Ivan Nagels Erhellungen des Horatierschwurs haben mit Theater auf den ersten Blick nichts zu tun, also jenem Fach, in dem der 1931 geborene Kettenraucher die meiste Zeit seines Lebens beschäftigt war. Das Theater war Nagel jedoch nur das Haupt-Medium, in dem sich Kulturgeschichte spiegelte. Die Weite und Vielfalt seines Intellekts spiegelt sich auch in seinen Schriften. Man stelle sich vor: Dieser Mann erklärt uns anhand von Mozarts Zauberflöte die Welt, in der wir leben. Das mit vortrefflich zu bezeichnen, wäre eine glatte Untertreibung!

Und dabei ging es Nagel nie um spöde Zurschaustellung von Wissen oder eitle Klugscheißerei. Es ging um politische Haltung, es ging um Einmischung! Politik ist bei Ivan Nagel nicht getrennt von Wissenschaftlichkeit, von seinem Wissensdurst. Wer Lust hat auf einen streitbaren Menschen, der sich klug zu Wort meldet, der sich empört über verlogene (Kultur-) Politik, der solle Nagels „Falschwörterbuch“ oder seine „Streitschriften“ lesen. Da lehnt sich einer weit aus dem Fenster, aber einer, der sich das durch seinen Sachverstand auch wirklich leisten kann.

Persönlich habe ich Ivan Nagel wieder aus den Augen verloren, auch wenn sich die Wege zuweilen gekreuzt haben, im Theater, im Flieger, in Ausstellungen. Erst später habe ich „bemerkt“, dass Ivan Nagel Jude war. Das kam mir schlicht und ergreifend nie in den Sinn, weil es nicht im Vordergrund stand bei diesem Menschen. Dabei muss Judentum eine wichtige Rolle gespielt haben. Ivan Nagel konnte nur deshalb die Schoa überleben, weil er und seine Familie seinerzeit in Budapest untergetaucht waren. Ebenso wenig stand im Vordergrund, dass Ivan Nagel schwul war. Bei der Vorstellung, dass man hierzulande vor nicht allzu langer Zeit Menschen wie Ivan Nagel wegen dem Paragraphen 175 angeklagt hat, könnte ich „kotzen“ – auch wenn man diese „Schande“ höflicher als im Berliner Trottoirjargon ausdrücken könnte. Es heißt, Adorno habe seinerzeit verhindert, dass sein schwul-jüdischer Student als „unerwünschter Asylant“ aus Deutschland abgeschoben wird. Das klingt alles nach finstergrauer BRD, aber es hat geklappt. Ivan Nagel blieb im Land der Täter: um den Geist dieses Landes zu erhellen. Dieser Geistesblitz ist am Montag, den 9. April, im Alter von 80 Jahren gestorben.

 

Jüdische Allgemeine vom 19.4.2012

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/12773

 

 

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