Jonathan Scheiner Texte & Musik

10Sep/13Off

Szenen einer Ehe – Eliane Elias und Marc Johnson

Carla und Paul Bley oder auch Astrud und Joao Gilberto – gescheiterte Ehen scheinen im Jazz eher die Regel zu sein. Doch erstaunlicherweise gibt es auch ein paar Ausnahmen. Dazu zählen die Pianistin Eliane Elias und der Bassist Marc Johnson. Die beiden teilen sich seit Jahren nicht nur Tisch und Bett, sondern machen auch auf der Bühne gemeinsame Sache. Die Brasilianerin und der Amerikaner sind eine Art künstlerische Symbiose eingegangen. Am 30. September und am 1. Oktober spielen die beiden im Berliner A-Trane. Jonathan Scheiner stellt uns das jazzende Ehepaar vor.

Spätestens seit Ingmar Bergmanns Kinoklassiker „Szenen einer Ehe“ weiß man, in welchem Maße sich Ehepaare zerfleischen können. Umso erstaunlicher, dass es zumal in der Musik rühmliche Ausnahmen gibt, die nicht nur im Privaten harmonieren, sondern die auch in künstlerischer Hinsicht das jeweils Beste des Anderen ans Tageslicht fördern. Eliane Elias und Marc Johnson sind ein solches Traumpaar der Musik. Ihr intuitives Verständnis voneinander kann man seit Jahren auf gemeinsamen CD’s bewundern, egal ob sie sich amerikanischen Standards, Bill Evans oder zuletzt Chet Baker zugewendet haben. Das Zusammenspiel der beiden läuft wie geschmiert!

Diese künstlerische Verschmelzung liegt in der Vita der beiden Musiker verankert. Eliane Elias, von vielen zunächst als Latino-Blondine am Jazz-Piano missverstanden, trat an der Seite ihres ersten Mannes, dem Trompeter Randy Brecker, ins Rampenlicht. Das war 1982 in der Band Steps Ahead und dann 1985 mit dem Album „Amanda“, das den Namen der gemeinsamen Tochter trägt. Brecker ist es zu verdanken, dass Elias sich überhaupt zu singen traut. Das macht sie gut, aber sie ist doch vor allem eine formidable Pianistin mit einem ganz eigenständigen Zugriff auf das musikalische Material. Da schimmert ihre Heimat Brasilien durch: Bossa Nova, Antonio Carlos Jobim und Joao Gilberto.

Diese Saudade, diese brasilianische Melancholie, durchstreift Eliane Elias’ gesamtes Werk. Doch mindestens genauso wichtig ist ihr Bezug zum Jazz ihrer Wahlheimat USA, wo sie seit 1981 lebt. Faszinierend ist ihre Musik dort, wo beide Stilrichtungen zusammenfallen, wo von einem Genre ins nächste gewechselt wird wie auf der aktuellen „I Thought About You“, einem Tribut an den Trompeter Chet Baker.

Eliane Elias: “The Bossa Nova was influenced by the “Cool Jazz” movement and Chet Baker was one of the great stars. João Gilberto amongst others was quite inspired by Chet. And you can hear that on the way of João Gilberto singing that is understated in that he sings over the bar line the way Chet played and sang. And I felt importance of including some of the tunes to reflect that influence.

Der Bossa Nova wurde von der Cool Jazz-Bewegung inspiriert. Und Chet Baker war einer ihrer großen Stars. Joao Gilberto war einer derjenigen, die von Chet inspiriert wurden. Du kannst das hören an der Art, wie Joao Gilberto singt. Es ist augenfällig, wenn er über die Taktgrenzen hinaus singt wie es auch Chet Baker beim Singen und Spielen gemacht hat. Ich hielt es für wichtig, einige dieser Songs in das Album zu integrieren, um diesen Einfluss deutlich zu machen.

Am Schnittpunkt zwischen Bossa Nova und Jazz ist der amerikanische Bassist Marc Johnson ein überaus passender Begleiter: Er hat im Laufe seiner langen Karriere nicht nur mit Stan Getz und Chet Baker, sondern auch mit Bill Evans gespielt. Aus dieser Zeit stammt auch noch eine Audio-Kassette, die Johnson über all die Jahre aufbewahrt hat und dann eines Tages mit seiner Frau wiederentdeckt hat. Daraus entstand die Bill Evans-Hommage „Something for you“.

Eliane Elias: It came to my hands in December 2006. And this cassette was a cassette that Bill gave to Marc Johnson a week before he died. And he had some new compositions, some music he was working on and Marc had saved that for a long time. ... I was really touched by it when I heard that compositions and the music that was there. It was definitive that this tribute should happen.

Die Kassette fiel mir im Dezember 2006 in die Hände. Diese Kassette hatte Bill Evans eine Woche vor seinem Tod an Marc Johnson übergeben. Darauf befanden sich ein paar neue Kompositionen, Musik, an der er gerade arbeitete und Marc hat diese Kassette für lange Zeit aufbewahrt. Ich war zutiefst gerührt, als ich diese Musik hörte. Es war sofort klar, dass dieses Tribute-Album entstehen wird.

Marc Johnson: I had a box with a lot of Bill Evans memorabilia that I been keeping over the years. There where few cassettes that came from him to me directly. Some of them were just practise tapes, stuff that he been working on... and then on the flip side there were some full blown performances of compositions. They weren’t things that I recocgnized because they weren’t part of our repertoire. They were brand new compositions. The piece that the records was named after, „Something for you“, „Here is something for you“ was something that Bill and I were working on on soundchecks but I didn’t hear it on tape until we disovered it after all these years“.

Ich besaß eine Schachtel mit Bill Evans-Erinnerungstücken, die ich all die Jahre aufbewahrt hatte. Es gab darin ein paar Kassetten, die direkt aus seiner Hand stammten. Einige waren simple Übungskassetten mit Stücken, an denen er gerade arbeitete. Doch auf der Rückseite einer dieser Kassetten waren ein paar vollständig durchkomponierte Stücke. Ich hatte das seinerzeit gar nicht mitbekommen, weil diese Song nicht Teil unserer Repertoires waren. Es waren ganz neue Stücke wie der Bill Evans-Song „Here’s something for you“, der unserem Album den Namen gab. Zwar hatten Bill und ich seinerzeit daran bei Soundchecks gearbeitet, aber ich hatte ihn nicht mehr gehört, bis wir ihn nach all den Jahren auf Band wiederentdeckt haben.

Damals wie heute spielen die musizierenden Eheleute mit dem Schlagzeuger Joey Baron zusammen, der auf allen jüngeren Alben als musikalischer Trauzeuge und Taktgeber fungiert – so auch auf der soeben erschienenen „Swept Away“ beim Münchner ECM-Label. Vordergründig ist hier nichts von Bossa Nova oder Jazz-Ikonen wie Bill Evans oder Chet Baker zu hören. Das Program besteht vielmehr aus Eigenkompositionen. Was gut ist, denn so kann man das Zusammenspiel der beiden Ausnahmemusiker ungestört bewundern: ein Paradebeispiel musikalischer Intimitäten!

 

((Die O-Töne über die Bill Evans-Audiokassette hat freundlicherweise Martin Kuiper/faceculture.com zur Verfügung gestellt. Das ganze Interview kann man sich hier anschauen: www.youtube.com/watch?v=XzXdgbpTCrE)

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