Jonathan Scheiner Texte & Musik

10Mrz/14Off

HEIMLICHER DICHTER – Der Trompeter Paul Brody vertont Lyrik von Rose Ausländer

Photo von ELENA GRAUPE

 

Als Trompeter haben sie mit den wichtigsten Klezmer-Avantgardisten wie Frank London oder John Zorn gearbeitet. Wie kommen Sie auf nun auf die Gedichte von Rose Ausländer?

Vor Jahren habe ich für einen Liederabend am Deutschen Theater Berlin mehrere Gedichte von Rose Ausländer vertont. Ihre Verse haben mich tief berührt. Sie waren einfach, hatten viel Phantasie und einen schrägen Humor. Doch am wichtigsten: Sie haben die Frage nach Heimat und Identität gestellt. Ein Großteil jüdischen Denkens dreht sich genau um diese beiden Begriffe.

Warum haben Sie sich für die deutschsprachige Version der Gedichte  entschieden?

Nach 20 Jahren in Deutschland wollte ich ein Album mit deutschen Texten produzieren. Parallel dazu war ich auf Tour mit dem deutschen Popsänger und Rapper Clueso, habe mit Meret Beckers Zirkusband und am Wiener Burgtheater mit Jelena Kuljic gearbeitet. Ihre Stimmen waren ständig in meinem Ohr und es hat mich fasziniert, dass sie völlig unterschiedlich sind. Ich konnte mir kaum vorstellen, die drei Stimmen auf nur einer CD zu vereinen. Das gelang mir erst durch die Rolle der Trompete, die von einer Stimme zur nächsten hinüberleitet.

Wie war das als Amerikaner, mit deutschen Texten zu arbeiten?

Nicht in der eigenen Sprache zu singen führt letztlich zu einer höheren Qualität der Musik. Es gibt ja nicht nur die Musikalität des Gedichtes, sondern auch die Musik der Töne und die Musikalität der Stimme. Zudem, wenn jemand eine Sprache in einem Akzent singt, dann implantiert er die Melodie und die Kultur seiner Heimat in die Gedichte.

Wieviel Paul Brody steckt in den Gedichten von Rose Ausländer?

Auf der CD gibt es das Gedicht „Mensch aus Versehen“. Es geht darin um einen Hund, der aus Versehen auf der Erde ist. Gott hat einen Fehler gemacht und diesen Hund in einen Menschenkörper gesteckt: So fühle ich mich oft, wenn ich deutsch spreche.

Ein Fremdsein als amerikanischer Jude in Deutschland?

In New York musste Rose Ausländer Geld als Sekretärin verdienen, sie musste viel tippen, und zwar „ tagein tagaus/ geruchloses Zeug“. Ich glaube, sie hat das Gedicht über ihr Leben geschrieben. Sie erzählt, wie es ist, als Fremder in einem fremden Land zu leben und das spiegelt genau mein Gefühl.

Wie haben Sie Deutsch gelernt?

Ich lerne immer noch deutsch. Als ich vor 20 Jahren nach Berlin kam, habe ich oft in einer Kneipe mit Namen Blues Cafe gejammt. Ich habe immer versucht, deutsch mit den Leuten zu sprechen, aber es gab so viele Afrikaner und Amerikaner dort. Auch von meiner Mutter habe ich deutsch nicht lernen können. Sie entkam als Dreizehnjährige aus Wien mit einem Kindertransport.

Und Sie, ein Amerikaner mit österreichischen Sprachwurzeln?

Mein Opa war Anwalt und Dichter. Er hat Gedichte im „Wiener Blatt“, der „Bühne“ und im Verlag von Karl Krauss publiziert. Ich habe mich sogar schon um einen österreichischen Pass bemüht, aber im Pass meiner Mutter steht dieses „W“. Ich bin also nach halachischem Recht Jude, aber Österreicher kann ich nicht werden, weil nach österreichischem Recht nur meine Mutter von dort stammt. Ist das nicht Sexismus, gedeckt von EU-Recht?

Aber Deutsch ist doch zumindest ihre Muttersprache?

Meine Mutter hat sich geweigert, deutsch mit uns zu sprechen, wie viele alte Flüchtlinge. Sie hat oft gesagt: Ach, frag mich das nicht, das ist langweilig, diese Geschichte.

Eine langweilige Geschichte oder eine typische Abwehrreaktion?

Interessant ist dieser Kreis: Meine Miutter ging wie Rose Ausländer nach Amerika, wo ich aufwuchs. Doch ich habe immer diese Sehnsucht nach der Vergangenheit in mir getragen, nicht nur nach europäischer Musik und europäischem Jazz. Ich hatte immer das Gefühl, dass mir etwas gehört, das ich nicht besitze und ich muss erst nach Europa gehen, um es wieder zu bekommen. Doch als ich in Deutschland lebte, entdeckte ich nicht nur meine europäischen Wurzeln, sondern auch, was das Amerikanische in mir ist. Nicht nur musikalische Details, sondern auch Teile meiner Mentalität, das Blues-Gefühl, mein Verständnis von Spontanität und natürlich der Humor.

Sind Sie heimisch geworden?

Tatsächlich bin ich ein Besucher an beiden Orten. Aber ich bin glücklich, so wie es ist. Und diese CD ist in hohem Maße ein Ausdruck davon.

Wie sieht das Musikalisch aus?

In vorangegangenen CDs habe ich Spannung erzeugt durch Rhythmus- und  Lautstärkewechsel, durch Dissonanzen und den Dialog zwischen traditionellen Klezmertönen und experimentellen jazzverwandten Elementen. Beim aktuellen Album „Hinter allen Worten“ wollte ich Spannung erzeugen durch Ruhe, durch offene Stellen, bei denen der Zuhörer erst abwarten muss, was geschieht.

Wie haben sie die Verse in Töne gesetzt?

Während ich noch an diesem Projekt feilte, fragte mich das Jüdische Museum Berlin, ob ich Ihnen eine Installation machen könne mit Menschen, die ich zum Thema Heimat und Identität interviewt hatte. Ich transkribierte also ihre Sprachmelodien und komponierte Musik entlang der Melodien und Sprachstruktur. Für mich war die Musik des Sprechens, ihr Stotter-Stakkato und chaotisches Glucksen ebenso lebendig wie das, was erzählt wurde. Die spontane Äußerung einer Stimme, selbst wenn es nur Wortfetzen sind, enthüllt die Tiefen eines Individuums.

Wie kamen ihre drei Sänger ins Spiel?

Nach dem Museums-Projekt bat ich Clueso, Meret und Jelena, dass sie die Rose Ausländer-Gedichte lediglich rezitieren und nicht singen sollten. Statt mir eigene  Melodien auszudenken habe ich also ihre Sprachmelodie zum Komponieren verwendet.

Hätte man dann nicht gleich Songs ohne Worte komponieren können?

Diese Herangehensweise hat meine Arbeit stark verändert. Wenn ich nun improvisiere, dann versuche ich meinen Sprachklang auf der Trompete zu imitieren. Das schließt auch die Zwischentöne mit ein. Das ist schon erstaunlich, wenn man ein Instrument wie eine Stimme behandelt. Weil die gesprochene Stimme direkt in unser Nervensystem eindringt. Als improvisierender Musiker kann man an dieser Stelle eine Menge lernen. Gut kann man das auch bei Trompetern wie Chet Baker, Louis Armstrong oder Dizzy Gillespie beobachten, die zugleich hervorragende Sänger waren.

Sie haben auch eigene Texte beigesteuert...

Es gibt einen Song mit Titel „The Road“, der in Form und Gefühl von einem Ausländer-Gedicht inspiriert wurde. Und auch „I Wander“ ist aus meiner Hand. Dort heißt es „Zwischen dem Lied und dem gesprochenen Wort finden wir unsere Heimat...“. Es geht um Heimat und die Suche nach deinem Claim, nach Inspiration. Es geht nicht um ein Land oder einen Platz im physischen Sinne, sondern die Heimat des „Wandering Jew“, die Suche und die Sehnsucht - das ist mein Zuhause. Das hat für mich viel mit Jüdischsein zu tun. Das Lied ist einfach wie ein Kinderlied. Der Zwischenteil ist ohne Text wie ein Niggun.

Wieviel Klezmer steckt noch in dieser CD drin?

Da ich die Stimmen von Jelena, Clueso und Meret Becker integrieren wollte, wollte einen eher cinematischen Zugang herstellen. Ich verwende immer den Begriff „Indie-Jazz“. Das hat nichts mit Klezmer zu tun. Außer dass jüdische Ideen dahinterstecken.

Nicht nur Ihre Musik, der Klezmer ganz allgemein hat sich in den letzten zehn Jahren verändert. Warum?

Einer der wenigen ernstzunehmenden Musiker, der heute immer noch Klezmer spielt und sich beim Jiddish Summer in Weimar um diese Kultur kümmert, ist Alan Bern. Dort gibt es viele Dialoge zwischen jiddischer und anderer Kultur. Doch ich muss sagen, dass meine Musik viel eher mit der Idee von jüdischer Kultur zu tun hat. Musikalisch habe ich mehr mit jungen Indie-Bands, Bela Bartok und Filmmusik zu tun. Ich habe zwar viel vom Klezmer gelernt, aber meine Welt ist eher die der zeitgenössischen Musik. Ich sehe mich eher wie ein heimlicher Schriftsteller. Geschichten sind mir sehr wichtig, auch wenn ich offiziell kein Dichter bin.

 

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