Jonathan Scheiner Texte & Musik

8Sep/14Off

David Orlowskys Kratzfuss vor den Klezmer-Kings

Selbst gestandene Klezmermusiker räumen inzwischen ein, dass mit traditionellen Jidden-Nummern kein Hund mehr hinterm Pripetschik gelockt, geschweige denn Reibach mit CD- und Konzertkartenverkauf gemacht werden kann. Doch obwohl selbst die Spatzen den Abgesang des Klezmer von den Dächern pfeifen, bringt der Klarinettist David Orlowsky ein reines Klezmeralbum mit 15 Titeln auf den Markt. Darauf macht er vor zwei der größten Klarinetten-Ikonen den Kratzfuß: Dave Tarras und Naftule Brandwein. Doch was wie ein Himmelfahrtskommando wirkt, ist beim genauen Hören das glatte Gegenteil. Orlowskys Album mit dem Titel „Klezmer Kings“ bietet herzergreifend schöne Musik, die großartig gespielt wird!

Kurioserweise hat der 1981 in Tübingen geborene David Orlowsky fast ausnahmslos olle Schtettl-Kamellen ausgewählt. „Oifn Pripezik“, „Papirosn“ oder „Nifty’s Freilach“ sind Nummern, die den üblen Beigeschmack von Ohrwürmern besitzen, die man schon bis zum Überdruss gehört hat. Und nicht einmal die Besetzung des Trios ist neu, denn Jens-Uwe Popp (Gitarre) und Florian Dohrmann (Kontrabass) bilden seit Jahr und Tag das Orlowsky-Trio. Aber selbst das ist kein Makel, im Gegenteil! Dieses Eingespieltsein führt zu einem hörbaren „blinden“ Verständnis, zumal Orlowskys „Begleitmusiker“ seit mehr als zehn Jahren ihrer „Neben“-Rolle entwachsen.

Diese Art der kompakten Interaktion zwischen drei Musikern kennt man vor allem von zeitgenössischen Jazz-Trios. Dass Dave Tarras und Naftule Brandwein als Teil der riesigen aschkenasischen Einwanderungswelle in die USA am Beginn des 20. Jahrhunderts die Geburtsstunde des Jazz gewissermaßen hautnah miterlebten – das wird angesichts dieses Albums sonnenklar. Mag sein, man muss sich heutzutage vielleicht Sorgen um die Einkommensverhältnisse von Klezmermusikern machen. Für ihre Musik gilt das nicht.

 

Foto: © Stephan Pramme

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